Manastirli Hamdi
05.05.06, 00:54
http://www.jungewelt.de/2006/05-05/015.php
Fragiler Frieden
Zypern: Pufferzone zwischen Brüssel und Ankara. Eine Reportage
Von Hannes Hofbauer
Gespaltenes Land: UN-Soldat in der Pufferzone
Foto: AP
Ganz plötzlich endet die belebte Fußgängerzone in der Altstadt von Nikosia (Lefkosía/Lefkosa) und wird von martialischen militärischen Einrichtungen abgelöst. Dort, wo die Ledra-Straße, vom Süden her kommend, an eine mit Sandsäcken verbarrikadierte Wand stößt, patrouillieren griechisch-zypriotische Soldaten in Kampfuniform. Halbautomatische Maschinenpistolen um die Schulter gehängt, sollen sie den Einheimischen Sicherheit vor dem türkischen Feind und den Touristen den prekären Zustand der geteilten Mittelmeerinsel vermitteln.
Eine schmale Eisentreppe führt zu vergitterten Schießscharten, durch die hindurch nabelfrei gekleidete Schüler-innen und Sandalen tragende deutsche Urlauber gleichermaßen den Kitzel des– vorerst ausgesetzten – Bürgerkrieges erleben können. Die »andere Seite« trennt an dieser Stelle nur eine kaum hundert Meter breite UN-Pufferzone von der Aussichtsplattform. In einem der ausgebrannten Häuser hier zeigt das historische Institut der Stadt Schreckensbilder vom türkischen Vormarsch des Jahres 1974 und gedenkt der Vermißten. Bis heute bestimmt die damalige Demarkationslinie den Grenzverlauf zur Türkischen Republik Nordzypern, die freilich vom griechischen Süden (und der übrigen Welt außer der Türkei) nicht anerkannt wird.
Ein gänzlich anderes Bild der Situation vermittelt ein Besuch im türkischen Teil der Hauptstadt, wohin man zu Fuß über einen einzigen, relativ weit abgelegenen Übergang gelangen kann. Hier hat die türkisch-zypriotische Stadtverwaltung im Januar damit begonnen, eine in grellem Blau gestrichene Betonbrücke über das Niemandsland hinweg direkt Richtung Fußgängerzone im Süden bauen zu lassen. Nur wenige Meter ragt der Stiegenaufbau in die Höhe, um dann jäh abzubrechen, weil der griechisch-zypriotische Präsident die Baumaßnahme zum Anlaß nahm, um von einem »illegalen Vorrücken der türkischen Armee« zu sprechen. Da dieser die zivile Bautätigkeit ebenfalls nicht recht war, steht nun eines der seltsamsten Denkmäler mißratener Brückenbaukunst in der geteilten Stadt Lefkosia/Lefkosa.
Nördlich der Demarkationslinie sind die meisten in den Kämpfen zerstörten Häuser – im Gegensatz zum Süden – wieder aufgebaut worden, sie beherbergen oft türkische Soldaten oder Geschäftslokale kleiner Händler, die 2004 im Vorfeld von Annan-Plan und EU-Beitritt auf Grenzöffnung und Touristenströme gesetzt hatten. Vergeblich, wie sich mit dem »Nein« der Griechisch-Zyprioten zum UN-Vorschlag einer Landeseinigung herausgestellt hat.
Zum einzigen Fußgängerübergang zwischen Süd- und Nordzypern wurde nach 2004 noch eine weit außerhalb der Innenstadt gelegene Fahrstraße eröffnet, über die man mit dem PKW die »grüne Linie« passieren kann. Kein Hinweisschild verweist auf diesen Übergang. Die griechische Seite führt bei der Ausreise demonstrativ keine Paßkontrolle durch und verdeutlicht damit, daß sie den »Kontrollpunkt« nicht als Grenze anerkennt. In den Süden Reisende werden hingegen penibel kontrolliert, gelten doch jene mittlerweile 120000 aus der Türkei nach Nordzypern eingewanderten Menschen als »illegale Siedler« in einem besetzten Gebiet, denen deshalb die Einreise verweigert wird. Ob die Unterscheidung in »türkisch-zypriotisch« und »aus der Türkei stammend« in jedem Einzelfall technisch gelingt, ist indes fraglich. Denn nach über 30 Jahren Teilung dürfte die Datenbank über die autochthone Bevölkerung nicht mehr lückenlos sein.
Auf türkisch-zypriotischer Seite bedarf es dann der Ausstellung einer Haftpflichtversicherung für das Fahrzeug sowie eines Visums für die Person. Mangels internationaler Anerkennung hat man sich bei den nordzypriotischen Beamten jedoch darauf verständigt, die Reisedaten nicht in die Pässe zu stempeln, sondern dafür einen schlichten Papierbogen zu verwenden und beizulegen.
Dreigeteilte Insel
Die Lebenswelten zwischen Griechisch- und Türkisch-Zyprioten könnten trotz der Kleinheit der Insel und der gemeinsamen Geschichte unterschiedlicher nicht sein. Griechisch-orthodoxe Christen im Süden und sunnitische Moslems im Norden geben nach dem Bevölkerungsaustausch von 1974 ein Bild von nahezu vollständig ethnisch gesäuberten Landstrichen auf beiden Seiten der Demarkationslinie. Im Norden hat sich mit dem Zuzug von großteils aus Anatolien stammenden Türken die demographische Struktur zudem stark geändert. Autochthone Türkisch-Zyprioten sind angeblich bereits in die Minderheit geraten. Mit den Siedlungswellen aus der Türkei kam auch eine stärker religiös gebundene Bevölkerung ins Land, dessen Muslime bis dahin die Glaubensregeln nicht besonders ernst genommen hatten.
Symbolisch dominiert den türkischen Norden allerdings die Figur des Kemal Atatürk. Seine Büsten zieren die Plätze in den größeren Städten, sein Konterfei jeden Geldschein der türkischen Lira, die praktischerweise in Nordzypern als Währung gilt. Als personifizierte griechisch-zypriotische Identität begegnet einem im Süden auf Schritt und Tritt Erzbischof Makarios. In Metall gegossen oder in Stein gemeißelt steht er nicht nur vor Kirchen und Klöstern, sondern auch auf Straßen und Plätzen im dichten Verkehrsgewühl. Makarios gilt als Vater der zypriotischen Unabhängigkeit, die 1960 nach einem langen antikolonialen Kampf gegen die Briten ausgerufen wurde. Seine antitürkische Politik im darauf folgenden Bürgerkrieg wird dem griechisch-orthodoxen Bischof auch 30 Jahre später von einer Mehrheit im Süden zugute gehalten.
Die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien hat sich mitnichten von der Insel zurückgezogen. Zwei britische Zonen, zusammen 250 Quadratkilometer groß, werden bis heute von der Queen und ihrem Premierminister verwaltet. Die Armee Ihrer Majestät nutzt sie zur Zeit als Aufmarschgebiet von Truppen, Flotte und Air Force für den Einsatz im Irak. So lassen sich von dem Eiland aus nicht nur große Teile des Mittelmeers selbst, sondern der ganze Mittlere Osten unter Kontrolle halten.
Der lange Weg zur Unabhängigkeit
Die drei großen territorialen Krisenherde mitten in Europa haben eine gemeinsame Geschichte: Zypern, Bosnien-Herzegowina und Moldawien/Transnistrien. Alle drei sind Zerfallsprodukte des Osmanischen Reiches, alle drei wurden anläßlich des Berliner Kongresses im Jahr 1878 unter den damaligen Großmächten aufgeteilt. In Bosnien-Herzegowina marschierten die österreichischen Truppen der k.u.k.-Armee ein, der östliche Teil Moldawiens wurde als Bessarabien dem Zarenreich zugeschlagen, und Zypern kam mittels Pachtvertrag unter britisches Mandat.
Für die Menschen auf Zypern hat sich 1878 nur die Fremdherrschaft geändert. Anstelle der Hohen Pforte in Konstantinopel war nun ein englisch sprechender Kommissar aus Großbritannien für die Eintreibung des Tributs zuständig, um die Pacht für das Osmanische Reich zu bezahlen. Er tat dies übrigens interessanterweise bis 1930, als Kemal Atatürk längst die Türkei proklamiert hatte. Neun Jahre lang kassierten die Briten Tribut von Zypern für ein Osmanisches Reich, das es seit 1921 gar nicht mehr gab.
Das Ende der britischen Herrschaft ließ bis 1960 auf sich warten. Erst zu diesem Zeitpunkt entschloß sich London, die mittlerweile zur Kronkolonie ausgerufene Insel in die staatliche Unabhängigkeit zu entlassen. Dieser ging ein Jahrzehnte währender Guerillakrieg voraus, den die legendäre griechisch-zyprische Widerstandsorganisation EOKA schließlich für sich entschied.
Nur drei Jahre währte allerdings das friedliche, vereinte Zypern, bis im Dezember 1963 offene Kämpfe zwischen Inselgriechen und Inseltürken ausbrachen. Präsident Bischof Makarios forderte zuvor, die großzügigen Minderheitenrechte der türkischsprachigen Bevölkerung, wie sie in der Verfassung der jungen Republik festgeschrieben waren, einzuschränken. Seit damals kursierten nationale Anschlußgedanken an das griechische (»Enosis«) und das türkische (»Taksim«) »Mutterland«.
Zur De-facto-Teilung der Insel kam es im August 1974, als die türkische Armee 37 Prozent des zypriotischen Landes besetzte und einen Großteil der Griechisch-Zyprioten aus dem Norden vertrieb. Zuvor hatte das festlandgriechische Obristenregime gegen den gewählten Präsidenten Makarios geputscht und diesen zur Flucht getrieben. Die Türkei als Garantiemacht Zyperns drängte die griechischen Faschisten zurück, was auch in Athen das Ende der Obristen beförderte. Die fortgesetzte Besetzung des Nordteils der Republik durch türkische Truppen war allerdings spätestens in dem Moment völkerrechtswidrig, als Makarios wieder auf die Insel zurückkehrte.
Hinter dem Obristenputsch gegen Makarios standen die USA, die dem zypriotischen Bischof nicht über den Weg trauten, hatte er sich doch mit den auf der Insel starken Kommunisten verbündet und sich außenpolitisch offen an die Sowjetunion angelehnt, was die US-Administration von einer Gefahr eines »Kuba im Mittelmeer« sprechen ließ. Um die Kraft eines blockfreien, der Sowjetunion zugetanen Staates zu brechen, schlugen die USA 1964 den sogenannten Acheson-Plan vor, der die Teilung der Insel just an jener Demarkationslinie vorsah, bis zu der die türkische Armee dann auch 1974 vorstieß. Die formale Ausrufung der »Türkischen Republik Nordzypern« ließ noch bis zum 15. November 1985 auf sich warten. Seither kennt Europa den Zustand eines latenten Bürgerkrieges auf der Mittelmeerinsel.
Allgegenwärtig: Statue des griechisch-zypriotischen Erzbischofs Makarios, erster Präsident nach der Unabhängigkeit 1960
Foto: AP
Vom gescheiterten Annan-Plan ...
Fieberhafte Integrationsversuche im Vorfeld der zypriotischen EU-Mitgliedschaft, die freilich nur von der griechisch-zypriotischen Republik im Süden beantragt worden war, scheiterten im April 2004 an der Wirklichkeit der geteilten Insel. Während das türkisch-zypriotische Elektorat– gegen die Empfehlung des politisch führenden Denktasch-Clans – mehrheitlich für eine Annahme des sogenannten Annan-Plans gestimmt hatte, verwarfen 76 Prozent der griechisch-zypriotischen Bevölkerung die Idee einer Vereinigung mit Nord-Zypern. Geschockt standen EU-Europas Politiker vor den Trümmern ihrer Zypern-Politik.
Warum die überwiegende Mehrheit der Inselgriechen die Vereinigung ablehnte, liegt im Detail des Plans begründet. Die seit Jahrzehnten politikgewohnten Zyprioten verfolgten mit Argusaugen jede Änderung im von der UNO betriebenen Integrationsverfahren. Denn seit November 2002, als Kofi Annan seinen Plan erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, erlebte das Papier insgesamt vier Überarbeitungen. Und mit jeder Revision wurde – auf Druck der USA – den türkischen Ansprüchen mehr Platz eingeräumt. Der Internationale Sekretär der stärksten zypriotischen Partei, der kommunistischen AKEL (Fortschrittspartei des werktätigen Volkes), Tonmasos Tsielepis, erklärt, warum auch seine Partei – wie die Griechisch-nationalen und die Bürgerlichen – zuletzt für ein »Nein« zum Annan-Plan aufrief: »Wir sind nicht gegen das Recht der türkischen Menschen auf der Insel, aber gegen die fortgesetzte Okkupation.« Der UN-Plan hätte Tausende türkische Soldaten bis 2024 auf der Insel toleriert und eine 650 Mann starke Einheit auf ewig festgeschrieben. »Wir wollen keine Legalisierung der türkischen Truppen auf der Insel«, meint Tsielepis, der für die griechisch-zypriotische Seite im Verhandlungsteam über den Annan-Plan gesessen hatte.
Der – gescheiterte – Vereinigungsplan beruhte auf dem Konzept der »Bizonalität«, das im Kern der ethnischen Trennung von Nord und Süd zustimmte und den Bevölkerungsaustausch von 1974 nicht revidieren wollte. Im Gegenteil: Im letztgültigen Referendumstext war davon die Rede, daß die von den Griechisch-Zyprioten und wohl auch vom Völkerrecht als illegal eingestuften türkischen Siedler im Norden in ihrer großen Mehrheit auf der Insel verbleiben dürfen. AKEL-Mann Tsielepis hätte eine stärkere Beschränkung der türkischen Zuwanderung befürwortet: »Von den 120000 Siedlern wären laut Annan-Plan 90000 legalisiert worden, während wir davon ausgehen, daß nur jene legale Zyprioten werden können, die hier geboren sind bzw. schon eine gewisse Zeit lang hier gelebt haben. Unser Vorschlag würde 45000 Festlandtürken naturalisieren.«
Fragiler Frieden
Zypern: Pufferzone zwischen Brüssel und Ankara. Eine Reportage
Von Hannes Hofbauer
Gespaltenes Land: UN-Soldat in der Pufferzone
Foto: AP
Ganz plötzlich endet die belebte Fußgängerzone in der Altstadt von Nikosia (Lefkosía/Lefkosa) und wird von martialischen militärischen Einrichtungen abgelöst. Dort, wo die Ledra-Straße, vom Süden her kommend, an eine mit Sandsäcken verbarrikadierte Wand stößt, patrouillieren griechisch-zypriotische Soldaten in Kampfuniform. Halbautomatische Maschinenpistolen um die Schulter gehängt, sollen sie den Einheimischen Sicherheit vor dem türkischen Feind und den Touristen den prekären Zustand der geteilten Mittelmeerinsel vermitteln.
Eine schmale Eisentreppe führt zu vergitterten Schießscharten, durch die hindurch nabelfrei gekleidete Schüler-innen und Sandalen tragende deutsche Urlauber gleichermaßen den Kitzel des– vorerst ausgesetzten – Bürgerkrieges erleben können. Die »andere Seite« trennt an dieser Stelle nur eine kaum hundert Meter breite UN-Pufferzone von der Aussichtsplattform. In einem der ausgebrannten Häuser hier zeigt das historische Institut der Stadt Schreckensbilder vom türkischen Vormarsch des Jahres 1974 und gedenkt der Vermißten. Bis heute bestimmt die damalige Demarkationslinie den Grenzverlauf zur Türkischen Republik Nordzypern, die freilich vom griechischen Süden (und der übrigen Welt außer der Türkei) nicht anerkannt wird.
Ein gänzlich anderes Bild der Situation vermittelt ein Besuch im türkischen Teil der Hauptstadt, wohin man zu Fuß über einen einzigen, relativ weit abgelegenen Übergang gelangen kann. Hier hat die türkisch-zypriotische Stadtverwaltung im Januar damit begonnen, eine in grellem Blau gestrichene Betonbrücke über das Niemandsland hinweg direkt Richtung Fußgängerzone im Süden bauen zu lassen. Nur wenige Meter ragt der Stiegenaufbau in die Höhe, um dann jäh abzubrechen, weil der griechisch-zypriotische Präsident die Baumaßnahme zum Anlaß nahm, um von einem »illegalen Vorrücken der türkischen Armee« zu sprechen. Da dieser die zivile Bautätigkeit ebenfalls nicht recht war, steht nun eines der seltsamsten Denkmäler mißratener Brückenbaukunst in der geteilten Stadt Lefkosia/Lefkosa.
Nördlich der Demarkationslinie sind die meisten in den Kämpfen zerstörten Häuser – im Gegensatz zum Süden – wieder aufgebaut worden, sie beherbergen oft türkische Soldaten oder Geschäftslokale kleiner Händler, die 2004 im Vorfeld von Annan-Plan und EU-Beitritt auf Grenzöffnung und Touristenströme gesetzt hatten. Vergeblich, wie sich mit dem »Nein« der Griechisch-Zyprioten zum UN-Vorschlag einer Landeseinigung herausgestellt hat.
Zum einzigen Fußgängerübergang zwischen Süd- und Nordzypern wurde nach 2004 noch eine weit außerhalb der Innenstadt gelegene Fahrstraße eröffnet, über die man mit dem PKW die »grüne Linie« passieren kann. Kein Hinweisschild verweist auf diesen Übergang. Die griechische Seite führt bei der Ausreise demonstrativ keine Paßkontrolle durch und verdeutlicht damit, daß sie den »Kontrollpunkt« nicht als Grenze anerkennt. In den Süden Reisende werden hingegen penibel kontrolliert, gelten doch jene mittlerweile 120000 aus der Türkei nach Nordzypern eingewanderten Menschen als »illegale Siedler« in einem besetzten Gebiet, denen deshalb die Einreise verweigert wird. Ob die Unterscheidung in »türkisch-zypriotisch« und »aus der Türkei stammend« in jedem Einzelfall technisch gelingt, ist indes fraglich. Denn nach über 30 Jahren Teilung dürfte die Datenbank über die autochthone Bevölkerung nicht mehr lückenlos sein.
Auf türkisch-zypriotischer Seite bedarf es dann der Ausstellung einer Haftpflichtversicherung für das Fahrzeug sowie eines Visums für die Person. Mangels internationaler Anerkennung hat man sich bei den nordzypriotischen Beamten jedoch darauf verständigt, die Reisedaten nicht in die Pässe zu stempeln, sondern dafür einen schlichten Papierbogen zu verwenden und beizulegen.
Dreigeteilte Insel
Die Lebenswelten zwischen Griechisch- und Türkisch-Zyprioten könnten trotz der Kleinheit der Insel und der gemeinsamen Geschichte unterschiedlicher nicht sein. Griechisch-orthodoxe Christen im Süden und sunnitische Moslems im Norden geben nach dem Bevölkerungsaustausch von 1974 ein Bild von nahezu vollständig ethnisch gesäuberten Landstrichen auf beiden Seiten der Demarkationslinie. Im Norden hat sich mit dem Zuzug von großteils aus Anatolien stammenden Türken die demographische Struktur zudem stark geändert. Autochthone Türkisch-Zyprioten sind angeblich bereits in die Minderheit geraten. Mit den Siedlungswellen aus der Türkei kam auch eine stärker religiös gebundene Bevölkerung ins Land, dessen Muslime bis dahin die Glaubensregeln nicht besonders ernst genommen hatten.
Symbolisch dominiert den türkischen Norden allerdings die Figur des Kemal Atatürk. Seine Büsten zieren die Plätze in den größeren Städten, sein Konterfei jeden Geldschein der türkischen Lira, die praktischerweise in Nordzypern als Währung gilt. Als personifizierte griechisch-zypriotische Identität begegnet einem im Süden auf Schritt und Tritt Erzbischof Makarios. In Metall gegossen oder in Stein gemeißelt steht er nicht nur vor Kirchen und Klöstern, sondern auch auf Straßen und Plätzen im dichten Verkehrsgewühl. Makarios gilt als Vater der zypriotischen Unabhängigkeit, die 1960 nach einem langen antikolonialen Kampf gegen die Briten ausgerufen wurde. Seine antitürkische Politik im darauf folgenden Bürgerkrieg wird dem griechisch-orthodoxen Bischof auch 30 Jahre später von einer Mehrheit im Süden zugute gehalten.
Die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien hat sich mitnichten von der Insel zurückgezogen. Zwei britische Zonen, zusammen 250 Quadratkilometer groß, werden bis heute von der Queen und ihrem Premierminister verwaltet. Die Armee Ihrer Majestät nutzt sie zur Zeit als Aufmarschgebiet von Truppen, Flotte und Air Force für den Einsatz im Irak. So lassen sich von dem Eiland aus nicht nur große Teile des Mittelmeers selbst, sondern der ganze Mittlere Osten unter Kontrolle halten.
Der lange Weg zur Unabhängigkeit
Die drei großen territorialen Krisenherde mitten in Europa haben eine gemeinsame Geschichte: Zypern, Bosnien-Herzegowina und Moldawien/Transnistrien. Alle drei sind Zerfallsprodukte des Osmanischen Reiches, alle drei wurden anläßlich des Berliner Kongresses im Jahr 1878 unter den damaligen Großmächten aufgeteilt. In Bosnien-Herzegowina marschierten die österreichischen Truppen der k.u.k.-Armee ein, der östliche Teil Moldawiens wurde als Bessarabien dem Zarenreich zugeschlagen, und Zypern kam mittels Pachtvertrag unter britisches Mandat.
Für die Menschen auf Zypern hat sich 1878 nur die Fremdherrschaft geändert. Anstelle der Hohen Pforte in Konstantinopel war nun ein englisch sprechender Kommissar aus Großbritannien für die Eintreibung des Tributs zuständig, um die Pacht für das Osmanische Reich zu bezahlen. Er tat dies übrigens interessanterweise bis 1930, als Kemal Atatürk längst die Türkei proklamiert hatte. Neun Jahre lang kassierten die Briten Tribut von Zypern für ein Osmanisches Reich, das es seit 1921 gar nicht mehr gab.
Das Ende der britischen Herrschaft ließ bis 1960 auf sich warten. Erst zu diesem Zeitpunkt entschloß sich London, die mittlerweile zur Kronkolonie ausgerufene Insel in die staatliche Unabhängigkeit zu entlassen. Dieser ging ein Jahrzehnte währender Guerillakrieg voraus, den die legendäre griechisch-zyprische Widerstandsorganisation EOKA schließlich für sich entschied.
Nur drei Jahre währte allerdings das friedliche, vereinte Zypern, bis im Dezember 1963 offene Kämpfe zwischen Inselgriechen und Inseltürken ausbrachen. Präsident Bischof Makarios forderte zuvor, die großzügigen Minderheitenrechte der türkischsprachigen Bevölkerung, wie sie in der Verfassung der jungen Republik festgeschrieben waren, einzuschränken. Seit damals kursierten nationale Anschlußgedanken an das griechische (»Enosis«) und das türkische (»Taksim«) »Mutterland«.
Zur De-facto-Teilung der Insel kam es im August 1974, als die türkische Armee 37 Prozent des zypriotischen Landes besetzte und einen Großteil der Griechisch-Zyprioten aus dem Norden vertrieb. Zuvor hatte das festlandgriechische Obristenregime gegen den gewählten Präsidenten Makarios geputscht und diesen zur Flucht getrieben. Die Türkei als Garantiemacht Zyperns drängte die griechischen Faschisten zurück, was auch in Athen das Ende der Obristen beförderte. Die fortgesetzte Besetzung des Nordteils der Republik durch türkische Truppen war allerdings spätestens in dem Moment völkerrechtswidrig, als Makarios wieder auf die Insel zurückkehrte.
Hinter dem Obristenputsch gegen Makarios standen die USA, die dem zypriotischen Bischof nicht über den Weg trauten, hatte er sich doch mit den auf der Insel starken Kommunisten verbündet und sich außenpolitisch offen an die Sowjetunion angelehnt, was die US-Administration von einer Gefahr eines »Kuba im Mittelmeer« sprechen ließ. Um die Kraft eines blockfreien, der Sowjetunion zugetanen Staates zu brechen, schlugen die USA 1964 den sogenannten Acheson-Plan vor, der die Teilung der Insel just an jener Demarkationslinie vorsah, bis zu der die türkische Armee dann auch 1974 vorstieß. Die formale Ausrufung der »Türkischen Republik Nordzypern« ließ noch bis zum 15. November 1985 auf sich warten. Seither kennt Europa den Zustand eines latenten Bürgerkrieges auf der Mittelmeerinsel.
Allgegenwärtig: Statue des griechisch-zypriotischen Erzbischofs Makarios, erster Präsident nach der Unabhängigkeit 1960
Foto: AP
Vom gescheiterten Annan-Plan ...
Fieberhafte Integrationsversuche im Vorfeld der zypriotischen EU-Mitgliedschaft, die freilich nur von der griechisch-zypriotischen Republik im Süden beantragt worden war, scheiterten im April 2004 an der Wirklichkeit der geteilten Insel. Während das türkisch-zypriotische Elektorat– gegen die Empfehlung des politisch führenden Denktasch-Clans – mehrheitlich für eine Annahme des sogenannten Annan-Plans gestimmt hatte, verwarfen 76 Prozent der griechisch-zypriotischen Bevölkerung die Idee einer Vereinigung mit Nord-Zypern. Geschockt standen EU-Europas Politiker vor den Trümmern ihrer Zypern-Politik.
Warum die überwiegende Mehrheit der Inselgriechen die Vereinigung ablehnte, liegt im Detail des Plans begründet. Die seit Jahrzehnten politikgewohnten Zyprioten verfolgten mit Argusaugen jede Änderung im von der UNO betriebenen Integrationsverfahren. Denn seit November 2002, als Kofi Annan seinen Plan erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, erlebte das Papier insgesamt vier Überarbeitungen. Und mit jeder Revision wurde – auf Druck der USA – den türkischen Ansprüchen mehr Platz eingeräumt. Der Internationale Sekretär der stärksten zypriotischen Partei, der kommunistischen AKEL (Fortschrittspartei des werktätigen Volkes), Tonmasos Tsielepis, erklärt, warum auch seine Partei – wie die Griechisch-nationalen und die Bürgerlichen – zuletzt für ein »Nein« zum Annan-Plan aufrief: »Wir sind nicht gegen das Recht der türkischen Menschen auf der Insel, aber gegen die fortgesetzte Okkupation.« Der UN-Plan hätte Tausende türkische Soldaten bis 2024 auf der Insel toleriert und eine 650 Mann starke Einheit auf ewig festgeschrieben. »Wir wollen keine Legalisierung der türkischen Truppen auf der Insel«, meint Tsielepis, der für die griechisch-zypriotische Seite im Verhandlungsteam über den Annan-Plan gesessen hatte.
Der – gescheiterte – Vereinigungsplan beruhte auf dem Konzept der »Bizonalität«, das im Kern der ethnischen Trennung von Nord und Süd zustimmte und den Bevölkerungsaustausch von 1974 nicht revidieren wollte. Im Gegenteil: Im letztgültigen Referendumstext war davon die Rede, daß die von den Griechisch-Zyprioten und wohl auch vom Völkerrecht als illegal eingestuften türkischen Siedler im Norden in ihrer großen Mehrheit auf der Insel verbleiben dürfen. AKEL-Mann Tsielepis hätte eine stärkere Beschränkung der türkischen Zuwanderung befürwortet: »Von den 120000 Siedlern wären laut Annan-Plan 90000 legalisiert worden, während wir davon ausgehen, daß nur jene legale Zyprioten werden können, die hier geboren sind bzw. schon eine gewisse Zeit lang hier gelebt haben. Unser Vorschlag würde 45000 Festlandtürken naturalisieren.«