PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Junge Welt: "Fragiler Frieden" I



Manastirli Hamdi
05.05.06, 00:54
http://www.jungewelt.de/2006/05-05/015.php

Fragiler Frieden
Zypern: Pufferzone zwischen Brüssel und Ankara. Eine Reportage
Von Hannes Hofbauer


Gespaltenes Land: UN-Soldat in der Pufferzone
Foto: AP
Ganz plötzlich endet die belebte Fußgängerzone in der Altstadt von Nikosia (Lefkosía/Lefkosa) und wird von martialischen militärischen Einrichtungen abgelöst. Dort, wo die Ledra-Straße, vom Süden her kommend, an eine mit Sandsäcken verbarrikadierte Wand stößt, patrouillieren griechisch-zypriotische Soldaten in Kampfuniform. Halbautomatische Maschinenpistolen um die Schulter gehängt, sollen sie den Einheimischen Sicherheit vor dem türkischen Feind und den Touristen den prekären Zustand der geteilten Mittelmeerinsel vermitteln.

Eine schmale Eisentreppe führt zu vergitterten Schießscharten, durch die hindurch nabelfrei gekleidete Schüler-innen und Sandalen tragende deutsche Urlauber gleichermaßen den Kitzel des– vorerst ausgesetzten – Bürgerkrieges erleben können. Die »andere Seite« trennt an dieser Stelle nur eine kaum hundert Meter breite UN-Pufferzone von der Aussichtsplattform. In einem der ausgebrannten Häuser hier zeigt das historische Institut der Stadt Schreckensbilder vom türkischen Vormarsch des Jahres 1974 und gedenkt der Vermißten. Bis heute bestimmt die damalige Demarkationslinie den Grenzverlauf zur Türkischen Republik Nordzypern, die freilich vom griechischen Süden (und der übrigen Welt außer der Türkei) nicht anerkannt wird.

Ein gänzlich anderes Bild der Situation vermittelt ein Besuch im türkischen Teil der Hauptstadt, wohin man zu Fuß über einen einzigen, relativ weit abgelegenen Übergang gelangen kann. Hier hat die türkisch-zypriotische Stadtverwaltung im Januar damit begonnen, eine in grellem Blau gestrichene Betonbrücke über das Niemandsland hinweg direkt Richtung Fußgängerzone im Süden bauen zu lassen. Nur wenige Meter ragt der Stiegenaufbau in die Höhe, um dann jäh abzubrechen, weil der griechisch-zypriotische Präsident die Baumaßnahme zum Anlaß nahm, um von einem »illegalen Vorrücken der türkischen Armee« zu sprechen. Da dieser die zivile Bautätigkeit ebenfalls nicht recht war, steht nun eines der seltsamsten Denkmäler mißratener Brückenbaukunst in der geteilten Stadt Lefkosia/Lefkosa.

Nördlich der Demarkationslinie sind die meisten in den Kämpfen zerstörten Häuser – im Gegensatz zum Süden – wieder aufgebaut worden, sie beherbergen oft türkische Soldaten oder Geschäftslokale kleiner Händler, die 2004 im Vorfeld von Annan-Plan und EU-Beitritt auf Grenzöffnung und Touristenströme gesetzt hatten. Vergeblich, wie sich mit dem »Nein« der Griechisch-Zyprioten zum UN-Vorschlag einer Landeseinigung herausgestellt hat.

Zum einzigen Fußgängerübergang zwischen Süd- und Nordzypern wurde nach 2004 noch eine weit außerhalb der Innenstadt gelegene Fahrstraße eröffnet, über die man mit dem PKW die »grüne Linie« passieren kann. Kein Hinweisschild verweist auf diesen Übergang. Die griechische Seite führt bei der Ausreise demonstrativ keine Paßkontrolle durch und verdeutlicht damit, daß sie den »Kontrollpunkt« nicht als Grenze anerkennt. In den Süden Reisende werden hingegen penibel kontrolliert, gelten doch jene mittlerweile 120000 aus der Türkei nach Nordzypern eingewanderten Menschen als »illegale Siedler« in einem besetzten Gebiet, denen deshalb die Einreise verweigert wird. Ob die Unterscheidung in »türkisch-zypriotisch« und »aus der Türkei stammend« in jedem Einzelfall technisch gelingt, ist indes fraglich. Denn nach über 30 Jahren Teilung dürfte die Datenbank über die autochthone Bevölkerung nicht mehr lückenlos sein.

Auf türkisch-zypriotischer Seite bedarf es dann der Ausstellung einer Haftpflichtversicherung für das Fahrzeug sowie eines Visums für die Person. Mangels internationaler Anerkennung hat man sich bei den nordzypriotischen Beamten jedoch darauf verständigt, die Reisedaten nicht in die Pässe zu stempeln, sondern dafür einen schlichten Papierbogen zu verwenden und beizulegen.

Dreigeteilte Insel
Die Lebenswelten zwischen Griechisch- und Türkisch-Zyprioten könnten trotz der Kleinheit der Insel und der gemeinsamen Geschichte unterschiedlicher nicht sein. Griechisch-orthodoxe Christen im Süden und sunnitische Moslems im Norden geben nach dem Bevölkerungsaustausch von 1974 ein Bild von nahezu vollständig ethnisch gesäuberten Landstrichen auf beiden Seiten der Demarkationslinie. Im Norden hat sich mit dem Zuzug von großteils aus Anatolien stammenden Türken die demographische Struktur zudem stark geändert. Autochthone Türkisch-Zyprioten sind angeblich bereits in die Minderheit geraten. Mit den Siedlungswellen aus der Türkei kam auch eine stärker religiös gebundene Bevölkerung ins Land, dessen Muslime bis dahin die Glaubensregeln nicht besonders ernst genommen hatten.

Symbolisch dominiert den türkischen Norden allerdings die Figur des Kemal Atatürk. Seine Büsten zieren die Plätze in den größeren Städten, sein Konterfei jeden Geldschein der türkischen Lira, die praktischerweise in Nordzypern als Währung gilt. Als personifizierte griechisch-zypriotische Identität begegnet einem im Süden auf Schritt und Tritt Erzbischof Makarios. In Metall gegossen oder in Stein gemeißelt steht er nicht nur vor Kirchen und Klöstern, sondern auch auf Straßen und Plätzen im dichten Verkehrsgewühl. Makarios gilt als Vater der zypriotischen Unabhängigkeit, die 1960 nach einem langen antikolonialen Kampf gegen die Briten ausgerufen wurde. Seine antitürkische Politik im darauf folgenden Bürgerkrieg wird dem griechisch-orthodoxen Bischof auch 30 Jahre später von einer Mehrheit im Süden zugute gehalten.

Die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien hat sich mitnichten von der Insel zurückgezogen. Zwei britische Zonen, zusammen 250 Quadratkilometer groß, werden bis heute von der Queen und ihrem Premierminister verwaltet. Die Armee Ihrer Majestät nutzt sie zur Zeit als Aufmarschgebiet von Truppen, Flotte und Air Force für den Einsatz im Irak. So lassen sich von dem Eiland aus nicht nur große Teile des Mittelmeers selbst, sondern der ganze Mittlere Osten unter Kontrolle halten.

Der lange Weg zur Unabhängigkeit
Die drei großen territorialen Krisenherde mitten in Europa haben eine gemeinsame Geschichte: Zypern, Bosnien-Herzegowina und Moldawien/Transnistrien. Alle drei sind Zerfallsprodukte des Osmanischen Reiches, alle drei wurden anläßlich des Berliner Kongresses im Jahr 1878 unter den damaligen Großmächten aufgeteilt. In Bosnien-Herzegowina marschierten die österreichischen Truppen der k.u.k.-Armee ein, der östliche Teil Moldawiens wurde als Bessarabien dem Zarenreich zugeschlagen, und Zypern kam mittels Pachtvertrag unter britisches Mandat.

Für die Menschen auf Zypern hat sich 1878 nur die Fremdherrschaft geändert. Anstelle der Hohen Pforte in Konstantinopel war nun ein englisch sprechender Kommissar aus Großbritannien für die Eintreibung des Tributs zuständig, um die Pacht für das Osmanische Reich zu bezahlen. Er tat dies übrigens interessanterweise bis 1930, als Kemal Atatürk längst die Türkei proklamiert hatte. Neun Jahre lang kassierten die Briten Tribut von Zypern für ein Osmanisches Reich, das es seit 1921 gar nicht mehr gab.

Das Ende der britischen Herrschaft ließ bis 1960 auf sich warten. Erst zu diesem Zeitpunkt entschloß sich London, die mittlerweile zur Kronkolonie ausgerufene Insel in die staatliche Unabhängigkeit zu entlassen. Dieser ging ein Jahrzehnte währender Guerillakrieg voraus, den die legendäre griechisch-zyprische Widerstandsorganisation EOKA schließlich für sich entschied.

Nur drei Jahre währte allerdings das friedliche, vereinte Zypern, bis im Dezember 1963 offene Kämpfe zwischen Inselgriechen und Inseltürken ausbrachen. Präsident Bischof Makarios forderte zuvor, die großzügigen Minderheitenrechte der türkischsprachigen Bevölkerung, wie sie in der Verfassung der jungen Republik festgeschrieben waren, einzuschränken. Seit damals kursierten nationale Anschlußgedanken an das griechische (»Enosis«) und das türkische (»Taksim«) »Mutterland«.

Zur De-facto-Teilung der Insel kam es im August 1974, als die türkische Armee 37 Prozent des zypriotischen Landes besetzte und einen Großteil der Griechisch-Zyprioten aus dem Norden vertrieb. Zuvor hatte das festlandgriechische Obristenregime gegen den gewählten Präsidenten Makarios geputscht und diesen zur Flucht getrieben. Die Türkei als Garantiemacht Zyperns drängte die griechischen Faschisten zurück, was auch in Athen das Ende der Obristen beförderte. Die fortgesetzte Besetzung des Nordteils der Republik durch türkische Truppen war allerdings spätestens in dem Moment völkerrechtswidrig, als Makarios wieder auf die Insel zurückkehrte.

Hinter dem Obristenputsch gegen Makarios standen die USA, die dem zypriotischen Bischof nicht über den Weg trauten, hatte er sich doch mit den auf der Insel starken Kommunisten verbündet und sich außenpolitisch offen an die Sowjetunion angelehnt, was die US-Administration von einer Gefahr eines »Kuba im Mittelmeer« sprechen ließ. Um die Kraft eines blockfreien, der Sowjetunion zugetanen Staates zu brechen, schlugen die USA 1964 den sogenannten Acheson-Plan vor, der die Teilung der Insel just an jener Demarkationslinie vorsah, bis zu der die türkische Armee dann auch 1974 vorstieß. Die formale Ausrufung der »Türkischen Republik Nordzypern« ließ noch bis zum 15. November 1985 auf sich warten. Seither kennt Europa den Zustand eines latenten Bürgerkrieges auf der Mittelmeerinsel.


Allgegenwärtig: Statue des griechisch-zypriotischen Erzbischofs Makarios, erster Präsident nach der Unabhängigkeit 1960
Foto: AP
Vom gescheiterten Annan-Plan ...
Fieberhafte Integrationsversuche im Vorfeld der zypriotischen EU-Mitgliedschaft, die freilich nur von der griechisch-zypriotischen Republik im Süden beantragt worden war, scheiterten im April 2004 an der Wirklichkeit der geteilten Insel. Während das türkisch-zypriotische Elektorat– gegen die Empfehlung des politisch führenden Denktasch-Clans – mehrheitlich für eine Annahme des sogenannten Annan-Plans gestimmt hatte, verwarfen 76 Prozent der griechisch-zypriotischen Bevölkerung die Idee einer Vereinigung mit Nord-Zypern. Geschockt standen EU-Europas Politiker vor den Trümmern ihrer Zypern-Politik.

Warum die überwiegende Mehrheit der Inselgriechen die Vereinigung ablehnte, liegt im Detail des Plans begründet. Die seit Jahrzehnten politikgewohnten Zyprioten verfolgten mit Argusaugen jede Änderung im von der UNO betriebenen Integrationsverfahren. Denn seit November 2002, als Kofi Annan seinen Plan erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, erlebte das Papier insgesamt vier Überarbeitungen. Und mit jeder Revision wurde – auf Druck der USA – den türkischen Ansprüchen mehr Platz eingeräumt. Der Internationale Sekretär der stärksten zypriotischen Partei, der kommunistischen AKEL (Fortschrittspartei des werktätigen Volkes), Tonmasos Tsielepis, erklärt, warum auch seine Partei – wie die Griechisch-nationalen und die Bürgerlichen – zuletzt für ein »Nein« zum Annan-Plan aufrief: »Wir sind nicht gegen das Recht der türkischen Menschen auf der Insel, aber gegen die fortgesetzte Okkupation.« Der UN-Plan hätte Tausende türkische Soldaten bis 2024 auf der Insel toleriert und eine 650 Mann starke Einheit auf ewig festgeschrieben. »Wir wollen keine Legalisierung der türkischen Truppen auf der Insel«, meint Tsielepis, der für die griechisch-zypriotische Seite im Verhandlungsteam über den Annan-Plan gesessen hatte.

Der – gescheiterte – Vereinigungsplan beruhte auf dem Konzept der »Bizonalität«, das im Kern der ethnischen Trennung von Nord und Süd zustimmte und den Bevölkerungsaustausch von 1974 nicht revidieren wollte. Im Gegenteil: Im letztgültigen Referendumstext war davon die Rede, daß die von den Griechisch-Zyprioten und wohl auch vom Völkerrecht als illegal eingestuften türkischen Siedler im Norden in ihrer großen Mehrheit auf der Insel verbleiben dürfen. AKEL-Mann Tsielepis hätte eine stärkere Beschränkung der türkischen Zuwanderung befürwortet: »Von den 120000 Siedlern wären laut Annan-Plan 90000 legalisiert worden, während wir davon ausgehen, daß nur jene legale Zyprioten werden können, die hier geboren sind bzw. schon eine gewisse Zeit lang hier gelebt haben. Unser Vorschlag würde 45000 Festlandtürken naturalisieren.«

Manastirli Hamdi
05.05.06, 00:55
Teil II


Die dritte Hürde neben der Präsenz türkischer Truppen und der zu hohen Zahl festlandtürkischer Siedler war die Frage des Eigentums; auch daran scheiterte die Zustimmung der Griechisch-Zyprioten. Im Annan-Plan war vorgesehen, daß jeder im Zuge der Vertreibung enteignete Inselgrieche (im Norden) oder Inseltürke (im Süden) ein Drittel restituiert und zwei Drittel kompensiert erhalten würde. Das schien– auch angesichts leerer Staatskassen – unfinanzierbar. Weil dem Bevölkerungsschlüssel entsprechend etwa dreimal soviele Griechen wie Türken vertrieben worden waren, beantwortete der Süden auch aus diesem Grund das Referendum mit »Nein«.

National orientierte Inselgriechen wie Staatspräsident Tassos Papadopoulos reiten bis heute auf der Welle des Mehrheit-Neins aus dem Jahr 2004: »Ein gescheiterter Pan, der eine Föderation zweier gleichberechtigter Staaten vorsah und ein wenig Land für die Griechisch-Zyprioten hergegeben hätte, war schlicht und einfach unfair«, faßte er Anfang April 2006 einmal mehr die offizielle Staatsposition zusammen.

... zur halben EU-Mitgliedschaft
Politik und Bevölkerung der griechisch-zypriotischen Seite haben sich mit der Fortschreibung der territorialen Anormalität abgefunden und sich in ihr eingerichtet. Während im türkischsprachigen Norden das Referendum dazu geführt hat, daß Rauf Denktasch, der scheinbar ewige Führer der nordzypriotischen »Republik«, abgewählt worden ist, halten sich im griechischen Süden die Verhältnisse stabil.

Tatsächlich zählen ausschließlich die Inselgriechen, und hier wiederum vor allem die Immobi-lienverkäufer, zu den Gewinnern der EU-Mitgliedschaft. Formal ist zwar ganz Zypern seit Mai 2004 EU-Mitglied, für den Norden ist das Brüsseler Regelwerk des »acquis communautaire« jedoch offiziell ausgesetzt. Bislang haben die Inseltürken auch keinen müden Euro an Unterstützung aus den Brüsseler Fonds erhalten. Die Debatte, ob und unter welchen Bedingungen der EU-Erweiterungsbeauftragte Michael Leigh im Nordteil von Nikosia ein Büro eröffnen soll, beginnen gerade erst. Im Cyprus Weekly vom 7. April 2006 wird sein Treffen mit dem neuen Führer der Inseltürken, Mehmet Ali Talat, erstmals thematisiert. Gespräche über die Auszahlungsmodalitäten für die 139 Millionen Euro, die für den Norden reserviert sind, gestalten sich mühsam. Auch deshalb, weil zur Zeit ein großes Thema die wirtschaftspolitische Debatte in Zypern dominiert: der Flaggenstreit.

Türkische Häfen sind nämlich für Schiffe, die unter zypriotischer Flagge fahren, tabu. Diese Blockade, die seit Jahren Ausdruck der gegenseitigen Mißachtung und Nichtanerkennung ist, erlangt seit dem Beginn der EU-Aufnahmegespräche mit der Türkei neue Brisanz. Denn plötzlich boykottiert ein Land, das EU-Mitglied werden will, ein EU-Mitgliedsland, nämlich Zypern.

Wer weiß, daß die zypriotische Flagge auf den Weltmeeren die neunthäufigste überhaupt ist – sie weht auf 1 800 Containerriesen und Frachtschiffen–, kann die Wichtigkeit dieser Wirtschaftsbranche für den Inselstaat erahnen. Im Gegenzug zur Öffnung ihrer Häfen würde die Türkei das Ende der vollständigen Blockade sämtlicher nordzypriotischen Handelsbeziehungen mit EU-Europa fordern. Solange die EU den direkten Handel mit dem türkischen Nordteil der Insel nicht zuläßt, werde die Türkei keine zypriotischen Schiffe in ihre Häfen lassen, meinte der türkische Außenminister Abdullah Gül erst im März 2006. Die Fronten sind verhärtet.

In welchem Maße Zypern als Ganzes tatsächlich EU-Mitglied ist, kann einem hier auf der Insel seriös niemand sagen. Das tägliche Wirtschaftsleben zeigt jedenfalls, daß von einem gemeinsamen Markt nicht die Rede sein kann. Nicht nur die unterschiedlichen Währungen, kaum vorhandene Grenzübergänge und der »Flaggenkrieg« sind Ausdruck der tiefen ökonomischen Spaltung. Selbst kleinere Handelsbeziehungen kommen nur durch große Mühsal zustande. Oder sie scheitern im Ansatz, wie der – erste – Versuch eines türkisch-zypriotischen Händlers, Orangen über den größten Hafen im Süden zu exportieren. Die Bestellung der Verpackungskartons mußte der Mann wieder rückgängig machen, nachdem ihm von nordzypriotischer Seite nahegelegt worden war, seine Orangen nicht in den Süden zu transportieren. Der wenige Kontakt, der offiziell möglich wäre, scheitert zuweilen am politischen oder gesellschaftlichen Druck.

AKEL – die stärkste der Parteien
Am 21. Mai 2006 stehen Parlamentswahlen im griechischen Süden der Insel an. Wie schon vor fünf Jahren darf sich die kommunistische AKEL einen Sieg ausrechnen. Damals votierten 35 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die AKEL, die sich seither in einer Koalition mit Bürgerlichen Demokraten (DIKO) und den Sozialisten (EDEK) befindet. 24 von 80 Parlamentssitzen bleiben bereits traditionsgemäß leer, wartet man im Süden Zyperns doch seit 1974 vergeblich auf die türkisch-zypriotische Abgeordnetendelegation. Die entscheidende politische Figur auf Zypern ist, der Präsidialverfassung entsprechend, Staatspräsident Tassos Papadopoulos, ein griechisch-nationaler Hardliner.

In den wichtigsten geo- und außenpolitischen Fragen herrscht zwischen rechts und links auf griechisch-zypriotischer Seite weitgehender Konsens. Die großen Parteien – inklusive AKEL – waren allesamt für die Ablehnung des Annan-Plans und die Aufnahme in die Europäische Union. AKEL hat für beide Entscheidungen etwas länger gebraucht. Erst der Parteitag des Jahres 1995 führte zu einer Trendwende in Sachen Westintegration. Sprach sich die Partei bis dahin – ähnlich wie die KKE auf dem griechischen Festland – radikal gegen jede geopolitische Hinwendung Richtung Westen aus, änderte sich unter dem Eindruck des Zerfalls der Sowjetunion ihre Position. Seit 1995 werben zypriotische Kommunisten für den Beitritt zur Europäischen Union.

Das »Nein« zum Annan-Plan sprach AKEL erst in allerletzter Minute aus. Die im UNO-Vereinigungsplan vorgesehene türkische Präsenz im Nordteil der Insel, die faktisch auch die Anwesenheit der NATO im ansonsten neutralen Zypern festschreibt, gab den Ausschlag.

Mit ihrer starken gewerkschaftlichen Verankerung fungiert AKEL als eine Art Bollwerk gegen soziale Angriffe, weswegen ihr auch für den 21. Mai 2006 zwischen 32 Prozent und 34 Prozent der Stimmen vorhergesagt werden. Die bürgerlich-nationale Opposition DISY dürfte als zweitstärkste Kraft mit prognostizierten 30 Prozent über die Ziellinie kommen, gefolgt von den DIKO-Demokraten (18 bis 20 Prozent), den Sozialisten (sechs bis sieben Prozent) und ein paar kleineren Gruppierungen. In der Frage der Vereinigung mit dem türkischsprachigen Nordteil haben Regierung und Präsident die Mehrheit der Griechisch-Zyprioten nach wie vor hinter sich. Eine Umfrage Anfang April 2006 ergab, daß 48 Prozent der Inselgriechen nicht mit ihrem türkisch-zypriotischen Gegenüber zusammenleben wollen, nur 45 Prozent können sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen. Unter AKEL-Wählern lag der Anteil derjenigen, die prinzipiell für eine Koexistenz mit dem Norden eintreten, bei 54 Prozent.

Während der Nordteil der Insel mit der Abwahl von Rauf Denktasch und der Inthronisierung von Mehmet Ali Talat zumindest politisch einen Schritt in Richtung Integration geht, verharrt die Mehrheit der Inselgriechen in einer nationalen Position. Die Aufnahme in die Europäische Union, die de facto ohne den Norden geschehen ist, hat ihnen Recht gegeben.

Chutluck
05.05.06, 00:58
. 24 von 80 Parlamentssitzen bleiben bereits traditionsgemäß leer, wartet man im Süden Zyperns doch seit 1974 vergeblich auf die türkisch-zypriotische Abgeordnetendelegation.

Wie rührend...:buuh:

Der Schakal
05.05.06, 11:38
Wie rührend...:buuh:

:brüll:

Was man auch gerne vergisst ist die geschichte ab 1963 - 1974 und den AKRITAS PLAN !!!

Evliya
05.05.06, 12:31
Nur drei Jahre währte allerdings das friedliche, vereinte Zypern, bis im Dezember 1963 offene Kämpfe zwischen Inselgriechen und Inseltürken ausbrachen. Präsident Bischof Makarios forderte zuvor, die großzügigen Minderheitenrechte der türkischsprachigen Bevölkerung, wie sie in der Verfassung der jungen Republik festgeschrieben waren, einzuschränken. Seit damals kursierten nationale Anschlußgedanken an das griechische (»Enosis«) und das türkische (»Taksim«) »Mutterland«.

Kein Wort davon, wer die gezielten Angriffe an Weihnachten 1963 gegen die Zyperntürken begonnen hat und das wird dann mit dem Wort „offene Kämpfe“ auch noch relativiert. Wer mußte denn von 1963-1974 in Enklaven leben? Diese Enklaven wurden von den zyperngriechischen Terroristen 11 Jahre lang belagert. Die UNO, die auf die Insel geschickt wurde, war dabei lediglich ein Zaungast (wie später in Bosnien auch). Dieser Artikel zeigt das europäische Verständnis über diesen Konflikt auf.

Es ging auch nicht um „großzügige Minderheitenrechte“, sondern um die vollständige Entrechtung des zyperntürkischen Volkes. Nach der Verfassung von 1960 sind die Zyperntürken gleichberechtigte Staatsbürger und keine Minderheit. Schreiben Sie sich das bitte hinter die Ohren. Die hätten sich mal beim deutschen Völkerrechtler Dr. Christian Heinze (damals Assistent am zyprischen Verfassungsgericht) erkundigen sollen, bevor überhaupt ein Artikel verfasst wird. Der kann eine Menge zum zyperngriechischen Selbstverständnis sagen bzw. erzählen.

Wer weiß, daß die zypriotische Flagge auf den Weltmeeren die neunthäufigste überhaupt ist – sie weht auf 1 800 Containerriesen und Frachtschiffen–, kann die Wichtigkeit dieser Wirtschaftsbranche für den Inselstaat erahnen.

Diese angebliche „zypriotische Flagge“ ist nicht die Flagge der Zyperntürken und deshalb ist es völliger Schwachsinn, wenn von einer „zypriotischen Flagge“ die Rede ist. Das ist die Flagge der Türkischen Republik Nordzypern (TRNZ):

:kibris:

Evliya
05.05.06, 12:45
Hier als kleine Literaturempfehlung über Zypern und die Zyperntürken. Das Buch von Dr. Uwe Berner. Als wissenschaftliche Arbeit vielleicht einer der sachlichsten Publikationen überhaupt.

Titel: Das vergessene Volk (http://lbsopac.rz.uni-frankfurt.de/CHARSET=ISO-8859-1/DB=30/FKT=6015/FRM=ppn%2B021798427/IMPLAND=Y/LNG=DU/LRSET=1/SET=1/SID=b87260f0-0/SRT=YOP/TTL=1/CLK?IKT=8502&TRM=Das+vergessene+Volk) : der Weg der Zyperntürken von der Kolonialzeit zur Unabhängigkeit (http://lbsopac.rz.uni-frankfurt.de/CHARSET=ISO-8859-1/DB=30/FKT=6015/FRM=ppn%2B021798427/IMPLAND=Y/LNG=DU/LRSET=1/SET=1/SID=b87260f0-0/SRT=YOP/TTL=1/CLK?IKT=8502&TRM=+%3A+der+Weg+der+Zypernt%D 3rken+von+der+Kolonialzeit+zur +Unabh%D1ngigkeit) / Uwe Berner
Autor: Berner, Uwe (http://lbsopac.rz.uni-frankfurt.de/CHARSET=ISO-8859-1/DB=30/FKT=6015/FRM=ppn%2B021798427/IMPLAND=Y/LNG=DU/LRSET=1/SET=1/SID=b87260f0-0/SRT=YOP/TTL=1/CLK?IKT=1003&TRM=Berner%2C+Uwe+)Erschienen: Pfaffenweiler : Centaurus-Verl.-Ges., 1992
Umfang: 534, [36] S. : graph. Darst., Kt Serie: Politische Studien ; 2 (http://lbsopac.rz.uni-frankfurt.de/CHARSET=ISO-8859-1/DB=30/FKT=6015/FRM=ppn%2B021798427/IMPLAND=Y/LNG=DU/LRSET=1/SET=1/SID=b87260f0-0/SRT=YOP/TTL=1/CLK?IKT=12&TRM=020798075)Hochschulschrift : Zugl.: Freiburg (Breisgau), Univ., Diss., 1992
ISBN: 3-89085-763-9Schlagwörter: Zypernfrage (http://lbsopac.rz.uni-frankfurt.de/CHARSET=ISO-8859-1/DB=30/FKT=6015/FRM=ppn%2B021798427/IMPLAND=Y/LNG=DU/LRSET=1/SET=1/SID=b87260f0-0/SRT=YOP/TTL=1/REL?PPN=085192228)
Geschichte