karasevda75
14.05.06, 12:58
„Interkulturelle Kompetenz“ in der fachwissenschaftlichen Diskussion
Prof. Dr. Veronika Fischer
Im Unterschied zu den USA, wo die Diskussion über interkulturelle Kompetenz bereits in den 60er Jahren geführt wurde, hat die Fachöffentlichkeit in der Bundesrepublik das Thema erst mit großer Zeitverzögerung, nämlich verstärkt in den 90er Jahren aufgegriffen (Auernheimer 2002, 193 ff). Dieser Debatte ist eine wechselhafte Theoriegeschichte mit unterschiedlichen Orientierungs- und Deutungsmustern vorangegangen, die sich beispielsweise in der erziehungswissenschaftlichen Literatur als Paradigmenwechsel von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Pädagogik niedergeschlagen hat. Mit der aktuellen Auseinandersetzung um „interkulturelle Kompetenz“ und „interkulturelle Öffnung“ ist nochmals ein Wechsel in der Perspektive vollzogen worden, die sich nun nach innen richtet. So kann man mit Fug und Recht behaupten: Die Diskussion ist nun endlich auch bei uns selbst angekommen und zielt im Kern auf unser Selbstverständnis als Profession und auf die institutionellen Strukturen. Entsprechend heikel sind auch die Schlussfolgerungen, die aus diesem Klärungsprozess um unser Selbstverständnis resultieren, denn hier geht es zentral um
die Infragestellung bisher selbstverständlich eingenommener Rollen wie z.B. in einer von deutschen Mitarbeitern dominierten fest gefügten Hierarchie,
den Abbau von Konkurrenzvorteilen bei der Bewerbung um Stellen (z.B. durch Quotierungen für Mitarbeiter/innen mit Migrationhintergrund),
um Offenlegung und Hinterfragung bestehender Vorurteile, Stereotypen, ggf. Rassismen,
das Eingeständnis von Qualifizierungsdefiziten,
mühsame Prozesse der Kommunikation und Kooperation in multikulturell zusammengesetzten Teams und vieles mehr. Das ist aber zugleich das Erfreuliche an dieser Auseinandersetzung. Der Blick hat sich geweitet. Er richtet sich nicht nur auf die Klientel oder auf die Gesellschaft, sondern auf die unmittelbaren Arbeitszusammenhänge, das Qualifikationsprofil, das professionelle Handeln der Mitarbeiter/innen und die institutionellen Strukturen. Insofern hat die Diskussion einen qualitativen Sprung gemacht und eröffnet die Chance für tatsächliche Änderungen im Arbeitsfeld.
Begriffsklärung
Seit der Veröffentlichung von Hinz-Rommel, die 1994 unter dem Titel „Interkulturelle Kompetenz. Ein neues Anforderungsprofil für die soziale Arbeit“ erschien, ist eine Fülle von Texten herausgegeben worden, die den Begriff der interkulturellen Kompetenz in unterschiedlicher Weise auslegen bzw. ganz ablehnen. So votiert Kalpaka für die Formulierung „kompetentes Handeln in der Einwanderungsgesellschaft“ oder Mecheril spricht in ironischer Zuspitzung der Diskussion von einer “Kompetenzlosigkeitskompetenz“ (Kalpaka 1998, S. 78 oder Mecheril 2002, 15ff)). (Einen informativen Überblick über die Diskussion gibt übrigens Hildegard Simon-Hohm in der Zeitschrift IZA, Zeitschrift für Migration und Soziale Arbeit 2/2002).
Zeitweise kursierten mehrere Begriffe gleichzeitig wie z.B. interkulturelle Kommunikationskompetenz, interkulturelle Handlungskompetenz, interkulturelle Effektivität, intercultural awareness oder auch interkulturelles Management ( Jung, Schäfer, *SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!* 1994). Inzwischen hat sich bei den Befürwortern der Begriff „interkulturelle Kompetenz“ weitgehend durchgesetzt, zumindest wird er auch in offiziellen Verlautbarungen der Ministerien benutzt.
Allerdings steht ein inhaltlicher Konsens noch aus. Es gibt höchstens einzelne Elemente, die einigen Definitionen gemeinsam sind. So sprechen mehrere Autoren von interkultureller Kompetenz als Handlungskompetenz in kulturellen Überschneidungssituationen (Kurz 1999 / Leenen u.a. 2002, Simon-Hohm 2002).
Einig ist man sich auch darüber, dass es sich bei interkultureller Kompetenz um ein „Set von Fähigkeiten“ (Grosch/Leenen) bzw. Bündel von Teilkompetenzen (Nieke) handelt. „Einigkeit scheint auch darüber zu bestehen, dass es sich dabei um Fähigkeiten handelt, die sowohl Reflexionsfähigkeit bezüglich der eigenen kulturellen Identität als auch Handlungskompetenz umfassen(vgl auch Lange/Pagels 2000, S. 11). „Uneinigkeit besteht allerdings darüber, ob es sich bei diesen Kompetenzen ausschließlich um persönliche/soziale Kompetenzen handelt, oder ob solche persönlichen /sozialen Kompetenzen ergänzt werden durch spezielles Fachwissen und Methodenkompetenz, also auch den kognitiven Bereich einschließen.“ (Simon-Hohm, 2002, 40). Bei vielen Autoren und Autorinnen werden die Bedeutung der Wertereflexion und eine antirassistische Haltung hervorgehoben. Für Auernheimer stellt die kommunikative Kompetenz eine zentrale Komponente für den interkulturellen Dialog dar (2002, 183ff).
Immer wieder wird darauf aufmerksam gemacht, interkulturelle Kompetenz nicht mit einer Technik gleichzusetzen (Veneto Scheib 1998, 43). Es handle sich eben nicht nur um ein Bündel von Instrumenten, die in einem kurzen Training vermittelbar sind und je nach Situation effizient eingesetzt werden können, sondern vor allem um Haltungen und Einstellungen, die aus einem speziellen Wertehintergrund erwachsen sind. In diesem Sinne ist der Erwerb interkultureller Kompetenz eine lebenslange Aufgabe, die nicht mit einem Fortbildungskurs abgeschlossen ist, sondern sich immer wieder an den Anforderungen, die aus der gesellschaftlichen Realität und den sich wandelnden Berufssituationen resultieren, zu orientieren habe.
Ein weitgehender Konsens besteht auch im Hinblick auf das zugrunde liegende antiessentialistische Kulturverständnis. Kultur wird nicht als statisch, homogen oder durch territoriale bzw. nationale oder ethnische Grenzen definierte Einheit begriffen. Stattdessen geht man von Kulturen aus, die durch verschiedene Differenzlinien (Geschlecht, Generation, Schicht, Milieu etc.) gekennzeichnet sind. Im Hinblick auf die Interaktionspartner wird eine Festlegung auf eine ethnisch – kulturelle Zugehörigkeit abgelehnt. Statt dessen wird das Modell des Aushandelns von Identitätsentwürfen betont. Hier bevorzuge ich die Theorie der Patchwork-Identität, wie sie Keupp in seinem Buch „Identitätskonstruktionen“, darstellt. Im Hinblick auf den Kulturbegriff wird immer wieder vor der Gefahr der Kulturalisierung gewarnt, was meines Erachtens nicht zu einem völligen Leugnen kultureller Differenzen führen darf. Wichtig ist sicherlich, die Vielzahl von Differenzlinien zu sehen und nicht den Fehler zu machen, alle Unterschiede pauschal als kulturbedingt zu charakterisieren.
Aus diesem Resümee wird bereits die Komplexität und Unübersichtlichkeit der Diskussion ersichtlich. Fast kann man zu dem Ergebnis kommen, nichts Neues mehr hinzufügen zu können. Dennoch sehe ich die Möglichkeit, wichtige Aspekte in einem Schema zu bündeln, unter bestimmten Gesichtspunkten zu systematisieren, an einigen Stellen zu akzentuieren und zu ergänzen. Das will ich im Folgenden tun:
Dabei beziehe ich mich auf interkulturelle Kompetenz als Qualifikationsprofil im Migrationkontext der bundesdeutschen Gesellschaft und auch auf interkulturelle Kompetenz in internationalen Austauschbeziehungen. Außerdem beschränke ich mich bei den nachfolgenden Ausführungen auf Tätigkeitsfelder im Bereich der Weiterbildung. Unter Bezug auf die bisher geführte Diskussion definiere ich interkulturelle Kompetenz folgendermaßen:
Interkulturelle Kompetenz ist eine soziale Kompetenz oder Beziehungskompetenz, die sich in der Interaktion und Kommunikation zwischen dem hauptberuflichen Personal einer Einrichtung und Personen mit Migrationshintergrund sowie in multikulturellen Gruppen und Teams und in der Zusammenarbeit mit Freiwilligen realisiert. Sie umfasst eine Reihe von Teilkompetenzen, die sich auf einer Ich-, Wir-, Sach- und Organisationsebene weiter aufschlüsseln lassen. Sie weist kognitive, emotionale und handlungsbezogene Aspekte auf. Sie bezieht sich darüber hinaus auf einen Referenzrahmen in der jeweiligen Organisation in einer gegebenen historisch gesellschaftlichen Situation, die zugleich von globalen Prozessen bestimmt wird. Sie basiert auf einem Werteverständnis, in dem sich die Ziele für das Miteinander in der Gesellschaft widerspiegeln.
Meine Ausführungen basieren, was die Interaktion und Kommunikation angeht, auf der Theorie des symbolischen Interaktionismus (Krappmann) und den kommunikationstheoretischen Überlegungen von Schulz von Thun. Im Hinblick auf die Analyse der Kompetenz nach Ich-, Wir-, Sach- und Organisationsebene orientiere ich mich an der Themenzentrierten Interaktion von Ruth Cohn. Was die Haltung in der Interaktionssituation angeht, stütze ich mich auf das Modell der personenzentrierten Gesprächsführung und Beratung nach Rogers. Die organisationstheoretischen Ausführungen gehen auf systemtheoretische Ansätze wie die von Senge (Fünfte Disziplin) zurück. Schließlich sehe ich das Handeln in kulturellen Überschneidungssituationen immer eingebettet in globale Systeme und halte den sozialökologischen Ansatz von Bronfenbrenner für eine sinnvolle Interpretationsfolie.
Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation
Häufig wird interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation bezeichnet, ohne dass diese Charakterisierung näher erläutert wird. Im Unterschied zu dem ursprünglich von Mertens entwickelten Begriff (1977), der aus der Bildungsökonomie stammt und Schlüsselqualifikationen in Basisqualifikationen, Horizontalqualifikationen, Breitenelemente und Vintage-Faktoren unterteilt, wird Schlüsselqualifikation wie folgt definiert:
Sie bezieht sich
auf die Bewältigung eines epochaltypischen Schlüsselproblems der Gegenwart (vgl. Klafki), nämlich auf Migration und Multikulturalität von Gesellschaften;
nicht nur auf den Umgang mit Fremdheit, die aus dem Kontakt mit anderen Herkunftskulturen resultiert, sondern auch auf den Umgang mit innergesellschaftlich erfahrbarer, biographischer, milieuspezifischer und (sub)-kultureller Fremdheit und stellt somit eine universelle Fremdheitskompetenz dar;
auf allgemeine personenzentrierte Haltungen wie Empathie, Authentizität, Akzeptanz, Ambiguitätstoleranz, Konfliktfähigkeit, die den Zugang zu Menschen anderer Herkunftskulturen erschließen helfen;
auf alle Bereiche in einer Organisation und bewährt sich daher in der Erfüllung von Querschnittsaufgaben.Interkult urelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation umfasst:
Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen, die auf kognitiver, emotionaler und psychomotorischer Ebene den Umgang mit kultureller Vielfalt ermöglichen.
Wertebasis
Interkulturelle Kompetenz kommt ohne ein Wertefundament nicht aus. Jedes professionelle Handeln – so auch das in einer Einwanderungssituation – ist zielorientiert. Ziele gehen letztlich auf Werte zurück, die der professionelle Akteur mit seinem teilnehmerorientierten Handeln verfolgt.
Zunächst geht es darum, durch Weiterbildung dazu beizutragen, dass Menschen zu einer selbständigen und gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben befähigt werden. Dies impliziert, dass ihr persönliches Potenzial, ihre Ressourcen, d.h. ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Entfaltung kommen können. Es beinhaltet auf Seiten des professionell Handelnden eine respektvolle Haltung angesichts der Wachstumsmöglichkeiten der Individuen und eine Anerkennung ihrer Individualität. Eine solche Haltung nimmt unter Berücksichtigung der Einzigartigkeit des Individuums zugleich die kulturellen Differenzen wahr. Sie ist kultursensibel und zugleich dominanzkritisch. Dominanzkritisch bedeutet, dass sich der professionell Handelnde der eigenen Machtposition bewusst wird, die er gegenüber Teilnehmer/innen mit Migrationhintergrund qua Amt inne hat. Zugleich ist er Teil der Mehrheitsgesellschaft, die allein rechtlich gesehen, einen Statusvorteil gegenüber Migrant/innen hat. Er sollte sich in diesem Zusammenhang der Desintegrationsprozesse bewusst sein, die in der Einwanderungssituation durch ökonomische, soziale, politische, rechtliche und kulturelle Strukturen ausgelöst werden. In diesem Zusammenhang darf sich Weiterbildung nicht bloß rein reaktiv auf kompensatorische Funktionen beschränken, sondern ist auch der Prävention verpflichtet. Sie hat auszuloten, inwieweit sie sich am Umbau der Gesellschaft beteiligen kann, um Strukturen zu schaffen, die allen Mitgliedern eine gleichberechtigte politische Teilhabe, ausreichende finanzielle und soziale Absicherung und eine Kultur der Anerkennung verschafft. Neben den demokratischen Grundwerten in einer Gesellschaft gewinnen Werte im globalen Kontext zunehmend an Bedeutung. Hier kommt den Menschenrechten ein besonderes Gewicht zu.
Fortsetzung folgt....
Prof. Dr. Veronika Fischer
Im Unterschied zu den USA, wo die Diskussion über interkulturelle Kompetenz bereits in den 60er Jahren geführt wurde, hat die Fachöffentlichkeit in der Bundesrepublik das Thema erst mit großer Zeitverzögerung, nämlich verstärkt in den 90er Jahren aufgegriffen (Auernheimer 2002, 193 ff). Dieser Debatte ist eine wechselhafte Theoriegeschichte mit unterschiedlichen Orientierungs- und Deutungsmustern vorangegangen, die sich beispielsweise in der erziehungswissenschaftlichen Literatur als Paradigmenwechsel von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Pädagogik niedergeschlagen hat. Mit der aktuellen Auseinandersetzung um „interkulturelle Kompetenz“ und „interkulturelle Öffnung“ ist nochmals ein Wechsel in der Perspektive vollzogen worden, die sich nun nach innen richtet. So kann man mit Fug und Recht behaupten: Die Diskussion ist nun endlich auch bei uns selbst angekommen und zielt im Kern auf unser Selbstverständnis als Profession und auf die institutionellen Strukturen. Entsprechend heikel sind auch die Schlussfolgerungen, die aus diesem Klärungsprozess um unser Selbstverständnis resultieren, denn hier geht es zentral um
die Infragestellung bisher selbstverständlich eingenommener Rollen wie z.B. in einer von deutschen Mitarbeitern dominierten fest gefügten Hierarchie,
den Abbau von Konkurrenzvorteilen bei der Bewerbung um Stellen (z.B. durch Quotierungen für Mitarbeiter/innen mit Migrationhintergrund),
um Offenlegung und Hinterfragung bestehender Vorurteile, Stereotypen, ggf. Rassismen,
das Eingeständnis von Qualifizierungsdefiziten,
mühsame Prozesse der Kommunikation und Kooperation in multikulturell zusammengesetzten Teams und vieles mehr. Das ist aber zugleich das Erfreuliche an dieser Auseinandersetzung. Der Blick hat sich geweitet. Er richtet sich nicht nur auf die Klientel oder auf die Gesellschaft, sondern auf die unmittelbaren Arbeitszusammenhänge, das Qualifikationsprofil, das professionelle Handeln der Mitarbeiter/innen und die institutionellen Strukturen. Insofern hat die Diskussion einen qualitativen Sprung gemacht und eröffnet die Chance für tatsächliche Änderungen im Arbeitsfeld.
Begriffsklärung
Seit der Veröffentlichung von Hinz-Rommel, die 1994 unter dem Titel „Interkulturelle Kompetenz. Ein neues Anforderungsprofil für die soziale Arbeit“ erschien, ist eine Fülle von Texten herausgegeben worden, die den Begriff der interkulturellen Kompetenz in unterschiedlicher Weise auslegen bzw. ganz ablehnen. So votiert Kalpaka für die Formulierung „kompetentes Handeln in der Einwanderungsgesellschaft“ oder Mecheril spricht in ironischer Zuspitzung der Diskussion von einer “Kompetenzlosigkeitskompetenz“ (Kalpaka 1998, S. 78 oder Mecheril 2002, 15ff)). (Einen informativen Überblick über die Diskussion gibt übrigens Hildegard Simon-Hohm in der Zeitschrift IZA, Zeitschrift für Migration und Soziale Arbeit 2/2002).
Zeitweise kursierten mehrere Begriffe gleichzeitig wie z.B. interkulturelle Kommunikationskompetenz, interkulturelle Handlungskompetenz, interkulturelle Effektivität, intercultural awareness oder auch interkulturelles Management ( Jung, Schäfer, *SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!**SYSTEM: Editiert!* 1994). Inzwischen hat sich bei den Befürwortern der Begriff „interkulturelle Kompetenz“ weitgehend durchgesetzt, zumindest wird er auch in offiziellen Verlautbarungen der Ministerien benutzt.
Allerdings steht ein inhaltlicher Konsens noch aus. Es gibt höchstens einzelne Elemente, die einigen Definitionen gemeinsam sind. So sprechen mehrere Autoren von interkultureller Kompetenz als Handlungskompetenz in kulturellen Überschneidungssituationen (Kurz 1999 / Leenen u.a. 2002, Simon-Hohm 2002).
Einig ist man sich auch darüber, dass es sich bei interkultureller Kompetenz um ein „Set von Fähigkeiten“ (Grosch/Leenen) bzw. Bündel von Teilkompetenzen (Nieke) handelt. „Einigkeit scheint auch darüber zu bestehen, dass es sich dabei um Fähigkeiten handelt, die sowohl Reflexionsfähigkeit bezüglich der eigenen kulturellen Identität als auch Handlungskompetenz umfassen(vgl auch Lange/Pagels 2000, S. 11). „Uneinigkeit besteht allerdings darüber, ob es sich bei diesen Kompetenzen ausschließlich um persönliche/soziale Kompetenzen handelt, oder ob solche persönlichen /sozialen Kompetenzen ergänzt werden durch spezielles Fachwissen und Methodenkompetenz, also auch den kognitiven Bereich einschließen.“ (Simon-Hohm, 2002, 40). Bei vielen Autoren und Autorinnen werden die Bedeutung der Wertereflexion und eine antirassistische Haltung hervorgehoben. Für Auernheimer stellt die kommunikative Kompetenz eine zentrale Komponente für den interkulturellen Dialog dar (2002, 183ff).
Immer wieder wird darauf aufmerksam gemacht, interkulturelle Kompetenz nicht mit einer Technik gleichzusetzen (Veneto Scheib 1998, 43). Es handle sich eben nicht nur um ein Bündel von Instrumenten, die in einem kurzen Training vermittelbar sind und je nach Situation effizient eingesetzt werden können, sondern vor allem um Haltungen und Einstellungen, die aus einem speziellen Wertehintergrund erwachsen sind. In diesem Sinne ist der Erwerb interkultureller Kompetenz eine lebenslange Aufgabe, die nicht mit einem Fortbildungskurs abgeschlossen ist, sondern sich immer wieder an den Anforderungen, die aus der gesellschaftlichen Realität und den sich wandelnden Berufssituationen resultieren, zu orientieren habe.
Ein weitgehender Konsens besteht auch im Hinblick auf das zugrunde liegende antiessentialistische Kulturverständnis. Kultur wird nicht als statisch, homogen oder durch territoriale bzw. nationale oder ethnische Grenzen definierte Einheit begriffen. Stattdessen geht man von Kulturen aus, die durch verschiedene Differenzlinien (Geschlecht, Generation, Schicht, Milieu etc.) gekennzeichnet sind. Im Hinblick auf die Interaktionspartner wird eine Festlegung auf eine ethnisch – kulturelle Zugehörigkeit abgelehnt. Statt dessen wird das Modell des Aushandelns von Identitätsentwürfen betont. Hier bevorzuge ich die Theorie der Patchwork-Identität, wie sie Keupp in seinem Buch „Identitätskonstruktionen“, darstellt. Im Hinblick auf den Kulturbegriff wird immer wieder vor der Gefahr der Kulturalisierung gewarnt, was meines Erachtens nicht zu einem völligen Leugnen kultureller Differenzen führen darf. Wichtig ist sicherlich, die Vielzahl von Differenzlinien zu sehen und nicht den Fehler zu machen, alle Unterschiede pauschal als kulturbedingt zu charakterisieren.
Aus diesem Resümee wird bereits die Komplexität und Unübersichtlichkeit der Diskussion ersichtlich. Fast kann man zu dem Ergebnis kommen, nichts Neues mehr hinzufügen zu können. Dennoch sehe ich die Möglichkeit, wichtige Aspekte in einem Schema zu bündeln, unter bestimmten Gesichtspunkten zu systematisieren, an einigen Stellen zu akzentuieren und zu ergänzen. Das will ich im Folgenden tun:
Dabei beziehe ich mich auf interkulturelle Kompetenz als Qualifikationsprofil im Migrationkontext der bundesdeutschen Gesellschaft und auch auf interkulturelle Kompetenz in internationalen Austauschbeziehungen. Außerdem beschränke ich mich bei den nachfolgenden Ausführungen auf Tätigkeitsfelder im Bereich der Weiterbildung. Unter Bezug auf die bisher geführte Diskussion definiere ich interkulturelle Kompetenz folgendermaßen:
Interkulturelle Kompetenz ist eine soziale Kompetenz oder Beziehungskompetenz, die sich in der Interaktion und Kommunikation zwischen dem hauptberuflichen Personal einer Einrichtung und Personen mit Migrationshintergrund sowie in multikulturellen Gruppen und Teams und in der Zusammenarbeit mit Freiwilligen realisiert. Sie umfasst eine Reihe von Teilkompetenzen, die sich auf einer Ich-, Wir-, Sach- und Organisationsebene weiter aufschlüsseln lassen. Sie weist kognitive, emotionale und handlungsbezogene Aspekte auf. Sie bezieht sich darüber hinaus auf einen Referenzrahmen in der jeweiligen Organisation in einer gegebenen historisch gesellschaftlichen Situation, die zugleich von globalen Prozessen bestimmt wird. Sie basiert auf einem Werteverständnis, in dem sich die Ziele für das Miteinander in der Gesellschaft widerspiegeln.
Meine Ausführungen basieren, was die Interaktion und Kommunikation angeht, auf der Theorie des symbolischen Interaktionismus (Krappmann) und den kommunikationstheoretischen Überlegungen von Schulz von Thun. Im Hinblick auf die Analyse der Kompetenz nach Ich-, Wir-, Sach- und Organisationsebene orientiere ich mich an der Themenzentrierten Interaktion von Ruth Cohn. Was die Haltung in der Interaktionssituation angeht, stütze ich mich auf das Modell der personenzentrierten Gesprächsführung und Beratung nach Rogers. Die organisationstheoretischen Ausführungen gehen auf systemtheoretische Ansätze wie die von Senge (Fünfte Disziplin) zurück. Schließlich sehe ich das Handeln in kulturellen Überschneidungssituationen immer eingebettet in globale Systeme und halte den sozialökologischen Ansatz von Bronfenbrenner für eine sinnvolle Interpretationsfolie.
Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation
Häufig wird interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation bezeichnet, ohne dass diese Charakterisierung näher erläutert wird. Im Unterschied zu dem ursprünglich von Mertens entwickelten Begriff (1977), der aus der Bildungsökonomie stammt und Schlüsselqualifikationen in Basisqualifikationen, Horizontalqualifikationen, Breitenelemente und Vintage-Faktoren unterteilt, wird Schlüsselqualifikation wie folgt definiert:
Sie bezieht sich
auf die Bewältigung eines epochaltypischen Schlüsselproblems der Gegenwart (vgl. Klafki), nämlich auf Migration und Multikulturalität von Gesellschaften;
nicht nur auf den Umgang mit Fremdheit, die aus dem Kontakt mit anderen Herkunftskulturen resultiert, sondern auch auf den Umgang mit innergesellschaftlich erfahrbarer, biographischer, milieuspezifischer und (sub)-kultureller Fremdheit und stellt somit eine universelle Fremdheitskompetenz dar;
auf allgemeine personenzentrierte Haltungen wie Empathie, Authentizität, Akzeptanz, Ambiguitätstoleranz, Konfliktfähigkeit, die den Zugang zu Menschen anderer Herkunftskulturen erschließen helfen;
auf alle Bereiche in einer Organisation und bewährt sich daher in der Erfüllung von Querschnittsaufgaben.Interkult urelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation umfasst:
Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen, die auf kognitiver, emotionaler und psychomotorischer Ebene den Umgang mit kultureller Vielfalt ermöglichen.
Wertebasis
Interkulturelle Kompetenz kommt ohne ein Wertefundament nicht aus. Jedes professionelle Handeln – so auch das in einer Einwanderungssituation – ist zielorientiert. Ziele gehen letztlich auf Werte zurück, die der professionelle Akteur mit seinem teilnehmerorientierten Handeln verfolgt.
Zunächst geht es darum, durch Weiterbildung dazu beizutragen, dass Menschen zu einer selbständigen und gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben befähigt werden. Dies impliziert, dass ihr persönliches Potenzial, ihre Ressourcen, d.h. ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Entfaltung kommen können. Es beinhaltet auf Seiten des professionell Handelnden eine respektvolle Haltung angesichts der Wachstumsmöglichkeiten der Individuen und eine Anerkennung ihrer Individualität. Eine solche Haltung nimmt unter Berücksichtigung der Einzigartigkeit des Individuums zugleich die kulturellen Differenzen wahr. Sie ist kultursensibel und zugleich dominanzkritisch. Dominanzkritisch bedeutet, dass sich der professionell Handelnde der eigenen Machtposition bewusst wird, die er gegenüber Teilnehmer/innen mit Migrationhintergrund qua Amt inne hat. Zugleich ist er Teil der Mehrheitsgesellschaft, die allein rechtlich gesehen, einen Statusvorteil gegenüber Migrant/innen hat. Er sollte sich in diesem Zusammenhang der Desintegrationsprozesse bewusst sein, die in der Einwanderungssituation durch ökonomische, soziale, politische, rechtliche und kulturelle Strukturen ausgelöst werden. In diesem Zusammenhang darf sich Weiterbildung nicht bloß rein reaktiv auf kompensatorische Funktionen beschränken, sondern ist auch der Prävention verpflichtet. Sie hat auszuloten, inwieweit sie sich am Umbau der Gesellschaft beteiligen kann, um Strukturen zu schaffen, die allen Mitgliedern eine gleichberechtigte politische Teilhabe, ausreichende finanzielle und soziale Absicherung und eine Kultur der Anerkennung verschafft. Neben den demokratischen Grundwerten in einer Gesellschaft gewinnen Werte im globalen Kontext zunehmend an Bedeutung. Hier kommt den Menschenrechten ein besonderes Gewicht zu.
Fortsetzung folgt....