Musel
16.05.06, 23:40
Der tägliche Kampf gegen Klischees
VON CANAN TOPçU
http://www.fr-aktuell.de/_img/_cnt/_online/060517_pru_karabulut.jpg
Familie Karabulut
Gegen Vorurteile anzugehen kostet Kraft. Diese Erfahrung macht Sümeyye Karabulut immer wieder. "Ich bin hier zur Welt gekommen, ich spreche akzentfrei Deutsch und werde wegen meines Aussehens für eine Spanierin gehalten", sagt die 23-Jährige. Damit hat sie keine Probleme. Nervig wird es erst, wenn die Leute erfahren, dass sie Tochter türkischer Eltern ist. Dann muss sich Sümeyye gegen das Klischee des unterdrückten Mädchens behaupten und die Leute davon überzeugen, dass sie sich sehr wohl fühlt in ihrer türkischen Familie, mit ihren Eltern Selçuk und Hacer und ihren drei jüngeren Geschwistern.
Es fällt schwer, die Familie Karabulut in eine Schublade zu stecken. Sie entspricht nicht so recht dem Bild türkischer Migrantenfamilien, das derzeit überall verbreitet wird. Gleichwohl sind die Karabuluts keine Ausnahme, sie gehören zu denen, die nicht auffallen in Deutschland, weil sie ein normales Leben führen.
In ihrer Wohnung im Frankfurter Stadtteil Griesheim erzählen die Karabuluts bei schwarzem Tee und selbstgebackenen Teigwaren von ihrem Leben. Selçuk Karabulut sitzt auf dem Sofa, um ihn versammelt sind Ehefrau und Töchter. An der Wand gegenüber dem Sofa steht der Fernseher; der Ton des großen Flachbildschirm-Geräts ist ausgeschaltet, den Bildern lässt sich aber entnehmen, dass es sich um einen türkischen Kanal handelt. Und an der Wand über dem Sofa hängt ein gerahmtes Bild, Mekka bei Abend. "Ich mag das Bild", sagt Selçuk. Dass aber jetzt ja nicht der Eindruck entstehe, er sein ein Fundamentalist. Nein, dieser Eindruck entsteht nicht. Und wenn, im Laufe des Abends hätte er sich verflüchtigt.
Seit mehr als 35 Jahren lebt Selçuk in Deutschland. Sein Vater kam 1964 als einer der ersten Gastarbeiter hierher und holte seine Frau und Kinder 1971 in die neue Heimat - aus einem anatolischen Dorf bei Kayseri, wo es seinerzeit nicht einmal Strom gab.
Inzwischen ist Selçuk 46 Jahre alt, seit 25 Jahren verheiratet und Vater von vier Töchtern. Die Schule hat er ohne Abschluss verlassen müssen. Weil sein Vater starb, musste er schon früh Geld verdienen. Eine Ausbildung machen oder etwa studieren - beides war für ihn nicht vorgesehen. Seit 28 Jahren arbeitet Selçuk nun am Frankfurter Flughafen. Das Familienoberhaupt hat graue Haare, wirkt erschöpft und älter als er ist. Die harte Arbeit, die er nur beiläufig erwähnt, hat offensichtlich ihre Spuren hinterlassen.
Seine Frau Hacer wiederum wirkt jünger. Während nicht wenige deutsche Frauen erst zum 40. Lebensjahr hin ihr erstes Kind bekommen, ist sie mit 42 Jahren vierfache Mutter. Hacer ist eine so genannte "Import-Braut", also erst nach der Heirat mit Selçuk nach Deutschland gekommen. Der Bräutigam holte sie aus Kayseri, 18 Jahre alt war sie, vier Jahre älter er.
Den Eindruck einer unterdrückten oder gar unglücklichen Ehefrau macht Hacer aber keineswegs. Auch wenn sie ein Kopftuch trägt. Das Haar verhülle sie, wie sie glaubwürdig erklärt, aus freier Entscheidung. Wäre da nicht das Kopftuch, mit dem Hacer auffällt, könnten die fünf Karabulut-Frauen glatt als Geschwister durchgehen.
Obwohl sie schon seit vielen Jahren in Deutschland lebt, spricht Hacer nur gebrochen deutsch. Sicher, man kann jetzt den Kopf schütteln darüber, dass sie, obwohl als junger Mensch in dieses Land gekommen, kein Deutsch gelernt hat. "Ich verstehe einiges, traue mich aber nicht zu sprechen", sagt Hacer zur ihrer Entschuldigung. Sie hat die Töchter groß gezogen, sich um Haushalt und Familienzusammenhalt gekümmert und das, was auch wichtig wäre, nämlich Deutsch lernen, in all den Jahren hintangestellt. Vor einiger Zeit hat sie einen Kurs begonnen, diesen dann aber nicht fortgesetzt. Bedauert sie das? Ja, die Sprache zu sprechen, das wäre nicht schlecht, räumt Hacer ein. "Ich fühle mich ab und an schon als halber Mensch." Andererseits: Bisher ist sie auch so gut zurechtgekommen. "Wir sind schuld daran, dass sie ihre Deutschkenntnisse nicht ausbaut", erklärt Selçuk. Der Vater und seine Töchter, die alle sehr gut Deutsch können und sogar untereinander auch mal in dieser Sprache reden, stehen Hacer zur Seite, wann immer sie einen Dolmetscher braucht. Das ist bequem. Und in dieser Bequemlichkeit hat sich Hacer eingerichtet.
http://www.fr-aktuell.de/no.gif
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Den Töchtern wiederum hat es offensichtlich nicht geschadet, dass die Mutter kein Deutsch spricht. Obwohl es ihn an seine finanziellen Grenzen brachte, schickte der Vater alle vier Mädchen in den Kindergarten. "Ich wollte, dass sie die deutsche Sprache lernen", sagt Selçuk. Er habe nie reich werden, sondern seinen Töchtern eine Schullaufbahn ermöglichen wollen, die ihm nicht vergönnt gewesen sei. Ihm liege sehr viel daran, dass sie auf eigenen Beinen stehen können. Die Investition hat sich gelohnt. Sümeyye, die älteste Tochter, wird Rechtsanwalts-Fachangestellte, die 21-jährige Süreyya studiert Bioverfahrenstechnik und die 19-jährige Necmiye macht eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau. Die Jüngste, Gülsüm, ist Achtklässlerin auf dem Gymnasium und hat noch keine Vorstellung, was sie einmal beruflich machen möchte.
Die Karabulut-Töchter sind selbstbewusste, hübsche junge Frauen mit langen dunklen Haaren, in Form gezupften Augenbrauen und modischem Outfit, respektvoll im Umgang mit den Eltern, aber nicht auf den Mund gefallen. Sprachlos sind sie immer dann, wenn sie in dem Land, in dem sie geboren sind und in dem sie sich - eigentlich - auch wohl fühlen, gefragt werden, warum sie denn so gut Deutsch sprechen? Warum sie kein Kopftuch tragen und ob ihnen auch eine Zwangsheirat bevorstehe?
Zwangsheirat? Das kommt für die Karabalut-Töchter nicht in Frage. Der Vater sagt aber auch, dass er nicht wisse, wie er reagieren werde, wenn eine seiner Töchter ihm ihren Freund vorstelle. Das ist bisher noch nicht passiert. Es gibt eine unausgesprochene Abmachung in der Familie. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Töchter wissen, dass sie den Mann fürs Leben gefunden haben, bleibt das Familienoberhaupt außen vor. Selçuk gibt zu verstehen, dass er auch nicht alles wissen müsse, dass er seinen Töchtern aber vertraue. Sie werden schon die richtigen Entscheidungen treffen, und dabei wird ihnen die Mutter zur Seite stehen.
Vater wie Mutter sind eine Autorität in der Familie, werden aber von Sümeyye und ihren Geschwistern nicht als autoritär wahrgenommen. Die Mädchen haben ihre Freiräume. Sie dürfen abends mit ihren Freundinnen ausgehen, sei es ins Kino oder zu einer Veranstaltung. Nur Diskobesuche erlaubt der Vater ihnen nicht. Hacer und Selçuk sind besorgte Eltern, wie Eltern nun mal sind, wenn sie an ihren Kindern hängen.
Gedanken macht sich das Ehepaar darum, wie das Leben aussehen wird, wenn die Töchter einmal unter der Haube sind. In seinem anatolischen Dorf hat Selçuk ein Häuschen gebaut und und möchte später auch dort leben. Warum träumt einer wie Selçuk, der als Kind hierher kam, hier sein Leben aufbaute und hier seine Familie hat, von der Rückkehr in die "Heimat"? "Jeder hat doch Träume", sagt der 46-Jährige. Sein Dorf sei sehr ruhig und idyllisch. Die einen träumen vom Lebensabend auf Mallorca oder in der Toskana, und einer wie Selçuk eben von seinem schönen Dorf in Anatolien. Die Töchter aber nicht. Sie verbringen ihre Urlaube gerne in der Türkei. Für sie ist es aber eine Selbstverständlichkeit, dass sie in "Almanya" bleiben.
http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/hintergrund/?em_cnt=884275
VON CANAN TOPçU
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Familie Karabulut
Gegen Vorurteile anzugehen kostet Kraft. Diese Erfahrung macht Sümeyye Karabulut immer wieder. "Ich bin hier zur Welt gekommen, ich spreche akzentfrei Deutsch und werde wegen meines Aussehens für eine Spanierin gehalten", sagt die 23-Jährige. Damit hat sie keine Probleme. Nervig wird es erst, wenn die Leute erfahren, dass sie Tochter türkischer Eltern ist. Dann muss sich Sümeyye gegen das Klischee des unterdrückten Mädchens behaupten und die Leute davon überzeugen, dass sie sich sehr wohl fühlt in ihrer türkischen Familie, mit ihren Eltern Selçuk und Hacer und ihren drei jüngeren Geschwistern.
Es fällt schwer, die Familie Karabulut in eine Schublade zu stecken. Sie entspricht nicht so recht dem Bild türkischer Migrantenfamilien, das derzeit überall verbreitet wird. Gleichwohl sind die Karabuluts keine Ausnahme, sie gehören zu denen, die nicht auffallen in Deutschland, weil sie ein normales Leben führen.
In ihrer Wohnung im Frankfurter Stadtteil Griesheim erzählen die Karabuluts bei schwarzem Tee und selbstgebackenen Teigwaren von ihrem Leben. Selçuk Karabulut sitzt auf dem Sofa, um ihn versammelt sind Ehefrau und Töchter. An der Wand gegenüber dem Sofa steht der Fernseher; der Ton des großen Flachbildschirm-Geräts ist ausgeschaltet, den Bildern lässt sich aber entnehmen, dass es sich um einen türkischen Kanal handelt. Und an der Wand über dem Sofa hängt ein gerahmtes Bild, Mekka bei Abend. "Ich mag das Bild", sagt Selçuk. Dass aber jetzt ja nicht der Eindruck entstehe, er sein ein Fundamentalist. Nein, dieser Eindruck entsteht nicht. Und wenn, im Laufe des Abends hätte er sich verflüchtigt.
Seit mehr als 35 Jahren lebt Selçuk in Deutschland. Sein Vater kam 1964 als einer der ersten Gastarbeiter hierher und holte seine Frau und Kinder 1971 in die neue Heimat - aus einem anatolischen Dorf bei Kayseri, wo es seinerzeit nicht einmal Strom gab.
Inzwischen ist Selçuk 46 Jahre alt, seit 25 Jahren verheiratet und Vater von vier Töchtern. Die Schule hat er ohne Abschluss verlassen müssen. Weil sein Vater starb, musste er schon früh Geld verdienen. Eine Ausbildung machen oder etwa studieren - beides war für ihn nicht vorgesehen. Seit 28 Jahren arbeitet Selçuk nun am Frankfurter Flughafen. Das Familienoberhaupt hat graue Haare, wirkt erschöpft und älter als er ist. Die harte Arbeit, die er nur beiläufig erwähnt, hat offensichtlich ihre Spuren hinterlassen.
Seine Frau Hacer wiederum wirkt jünger. Während nicht wenige deutsche Frauen erst zum 40. Lebensjahr hin ihr erstes Kind bekommen, ist sie mit 42 Jahren vierfache Mutter. Hacer ist eine so genannte "Import-Braut", also erst nach der Heirat mit Selçuk nach Deutschland gekommen. Der Bräutigam holte sie aus Kayseri, 18 Jahre alt war sie, vier Jahre älter er.
Den Eindruck einer unterdrückten oder gar unglücklichen Ehefrau macht Hacer aber keineswegs. Auch wenn sie ein Kopftuch trägt. Das Haar verhülle sie, wie sie glaubwürdig erklärt, aus freier Entscheidung. Wäre da nicht das Kopftuch, mit dem Hacer auffällt, könnten die fünf Karabulut-Frauen glatt als Geschwister durchgehen.
Obwohl sie schon seit vielen Jahren in Deutschland lebt, spricht Hacer nur gebrochen deutsch. Sicher, man kann jetzt den Kopf schütteln darüber, dass sie, obwohl als junger Mensch in dieses Land gekommen, kein Deutsch gelernt hat. "Ich verstehe einiges, traue mich aber nicht zu sprechen", sagt Hacer zur ihrer Entschuldigung. Sie hat die Töchter groß gezogen, sich um Haushalt und Familienzusammenhalt gekümmert und das, was auch wichtig wäre, nämlich Deutsch lernen, in all den Jahren hintangestellt. Vor einiger Zeit hat sie einen Kurs begonnen, diesen dann aber nicht fortgesetzt. Bedauert sie das? Ja, die Sprache zu sprechen, das wäre nicht schlecht, räumt Hacer ein. "Ich fühle mich ab und an schon als halber Mensch." Andererseits: Bisher ist sie auch so gut zurechtgekommen. "Wir sind schuld daran, dass sie ihre Deutschkenntnisse nicht ausbaut", erklärt Selçuk. Der Vater und seine Töchter, die alle sehr gut Deutsch können und sogar untereinander auch mal in dieser Sprache reden, stehen Hacer zur Seite, wann immer sie einen Dolmetscher braucht. Das ist bequem. Und in dieser Bequemlichkeit hat sich Hacer eingerichtet.
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Den Töchtern wiederum hat es offensichtlich nicht geschadet, dass die Mutter kein Deutsch spricht. Obwohl es ihn an seine finanziellen Grenzen brachte, schickte der Vater alle vier Mädchen in den Kindergarten. "Ich wollte, dass sie die deutsche Sprache lernen", sagt Selçuk. Er habe nie reich werden, sondern seinen Töchtern eine Schullaufbahn ermöglichen wollen, die ihm nicht vergönnt gewesen sei. Ihm liege sehr viel daran, dass sie auf eigenen Beinen stehen können. Die Investition hat sich gelohnt. Sümeyye, die älteste Tochter, wird Rechtsanwalts-Fachangestellte, die 21-jährige Süreyya studiert Bioverfahrenstechnik und die 19-jährige Necmiye macht eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau. Die Jüngste, Gülsüm, ist Achtklässlerin auf dem Gymnasium und hat noch keine Vorstellung, was sie einmal beruflich machen möchte.
Die Karabulut-Töchter sind selbstbewusste, hübsche junge Frauen mit langen dunklen Haaren, in Form gezupften Augenbrauen und modischem Outfit, respektvoll im Umgang mit den Eltern, aber nicht auf den Mund gefallen. Sprachlos sind sie immer dann, wenn sie in dem Land, in dem sie geboren sind und in dem sie sich - eigentlich - auch wohl fühlen, gefragt werden, warum sie denn so gut Deutsch sprechen? Warum sie kein Kopftuch tragen und ob ihnen auch eine Zwangsheirat bevorstehe?
Zwangsheirat? Das kommt für die Karabalut-Töchter nicht in Frage. Der Vater sagt aber auch, dass er nicht wisse, wie er reagieren werde, wenn eine seiner Töchter ihm ihren Freund vorstelle. Das ist bisher noch nicht passiert. Es gibt eine unausgesprochene Abmachung in der Familie. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Töchter wissen, dass sie den Mann fürs Leben gefunden haben, bleibt das Familienoberhaupt außen vor. Selçuk gibt zu verstehen, dass er auch nicht alles wissen müsse, dass er seinen Töchtern aber vertraue. Sie werden schon die richtigen Entscheidungen treffen, und dabei wird ihnen die Mutter zur Seite stehen.
Vater wie Mutter sind eine Autorität in der Familie, werden aber von Sümeyye und ihren Geschwistern nicht als autoritär wahrgenommen. Die Mädchen haben ihre Freiräume. Sie dürfen abends mit ihren Freundinnen ausgehen, sei es ins Kino oder zu einer Veranstaltung. Nur Diskobesuche erlaubt der Vater ihnen nicht. Hacer und Selçuk sind besorgte Eltern, wie Eltern nun mal sind, wenn sie an ihren Kindern hängen.
Gedanken macht sich das Ehepaar darum, wie das Leben aussehen wird, wenn die Töchter einmal unter der Haube sind. In seinem anatolischen Dorf hat Selçuk ein Häuschen gebaut und und möchte später auch dort leben. Warum träumt einer wie Selçuk, der als Kind hierher kam, hier sein Leben aufbaute und hier seine Familie hat, von der Rückkehr in die "Heimat"? "Jeder hat doch Träume", sagt der 46-Jährige. Sein Dorf sei sehr ruhig und idyllisch. Die einen träumen vom Lebensabend auf Mallorca oder in der Toskana, und einer wie Selçuk eben von seinem schönen Dorf in Anatolien. Die Töchter aber nicht. Sie verbringen ihre Urlaube gerne in der Türkei. Für sie ist es aber eine Selbstverständlichkeit, dass sie in "Almanya" bleiben.
http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/hintergrund/?em_cnt=884275