karasevda75
20.05.06, 16:27
© DIE ZEIT 11.05.2006 Nr.20
Gruppenarbeit
Wie Einwandererfamilien gemeinsam Deutsch lernen Von Christine Jähn
Den Stift in der Faust, malt der vierjährige Rastum Striche auf einem gelben Blatt Papier. Sie gruppieren sich zu einem großen R, einem großen A, einem großen S, einem kleinen t, einem kleinen u und einem überdimensionierten M: RAStuM. Seine Mutter, die 35-jährige Ukrainerin Valentina, lobt ihn mit einem sorgfältig formulierten deutschen Satz: »Das hast du sehr gut gemacht.« Das hat sie von ihrer Betreuerin im Hippy-Programm gelernt, an dem sie und ihr Sohn seit Jahresbeginn teilnehmen.
Hippy steht für Home Instruction for Parents of Preschool Youngsters und heißt übersetzt so viel wie »Hausbesuchsprogramm für Eltern mit Vorschulkindern«. Das Konzept ist vor mehr als 30 Jahren in Israel entwickelt worden, um die Integration der einwandernden Juden aus allen Teilen der Welt zu fördern. Mütter werden zwei Jahre lang regelmäßig von anderen dafür geschulten Migrantinnen besucht. Diese leiten sie an, mit ihren Kindern auf Deutsch zu spielen, Geschichten zu erzählen, zu basteln und zu experimentieren.
Auch die Lehrerinnen sind Migrantinnen
Valentinas Anleiterin ist Svetlana, 31 Jahre alt, Aussiedlerin. Die beiden Frauen sitzen in Valentinas Wohnzimmer in Bremen-Huchting über den Aufgaben. »Lege alle roten Kreise auf die Bilder der Jungen, die essen«, liest Svetlana aus dem Aufgabenheft vor. Vor Valentina liegt ein Blatt mit 16 Feldern, mit Bildern von Menschen, die verschiedene Dinge tun. »Ich lege die Kreise auf die Bilder von Jungen, die essen«, sagt Valentina, nimmt die Plastikschablonen und legt sie auf die entsprechenden Felder. »Das hast du richtig gemacht«, lobt Svetlana. »Eigentlich mache ich das Programm für mich«, sagt Valentina. Sie kam vor fünf Jahren nach Deutschland und fühlt sich in der fremden Sprache sehr unsicher. Außerhalb der Wohnung spricht sie selten Deutsch.
Im Rollenspiel übt Svetlana auch mit Olga, die ein paar Straßen weiter wohnt. Sie ist 38 Jahre alt und kommt aus Turkmenistan. Olga steht in der Mitte ihres Wohnzimmers; hinter ihr liegt ein Bleistift. »Wo ist der Stift?«, fragt die 31-jährige Svetlana auf Deutsch. »Der Bleistift liegt hinter mir«, antwortet Olga, ebenfalls auf Deutsch.
Olga lebt seit sieben Jahren in Deutschland. Bei ihrer Ankunft in Bremen besuchte sie einen Sprachkurs, der sechs Monate dauerte – das war ihr zu wenig. Sie wollte dann auf ein Abendgymnasium, um besser Deutsch zu lernen. Knapp sei sie aber an der Aufnahmeprüfung gescheitert. Seit Jahresbeginn nimmt sie nun an Hippy teil. Gerade lernt sie die Artikel richtig zu setzen. So könne sie mit ihrem Sohn auch korrektes Deutsch sprechen.
1992 waren Bremen und Nürnberg die ersten deutschen Städte, die Hippy anboten. Das war zur Zeit der ersten Aussiedlerwelle. 30 Familien wurden zunächst aufgenommen, 1994 waren es bereits 90. Nach dem Pisa-Schock stockte die Stadt das Geld auf, seitdem werden bis zu 220 Frauen und ihre Kinder gleichzeitig betreut. Knapp 1500 Euro kostet das pro Familie und Jahr. Insgesamt sind es in Deutschland 805 Familien in zehn Städten. Überall gibt es Wartelisten. »In Bremen«, schätzt die dortige Koordinatorin des Projekts, Monika Vahlenkamp vom Deutschen Roten Kreuz, »könnten wir sicher doppelt so viele Menschen in das Programm aufnehmen.«
In Bremen werden derzeit rund 40 Frauen aus den GUS-Staaten von vier Hausbesucherinnen betreut. Die meisten der Familien, die in Bremen an dem Programm teilnehmen, haben jedoch einen türkischen Migrationshintergrund. Einzelne Teilnehmerinnen stammen auch aus China und arabischen und afrikanischen Ländern. »Diese Frauen müssen einen gewissen deutschen Wortschatz haben, damit die Hausbesucherinnen mit ihnen arbeiten können«, sagt Vahlenkamp. Im Idealfall jedoch kenne die Betreuerin Kultur und Sprache der Mutter und könne sie so besser unterstützen.
»Wir haben selbst keine gute Chance in Deutschland, wollen die für unsere Kinder«, sagt Olga, die in Turkmenistan als medizinisch-technische Assistentin und als Biologielehrerin gearbeitet hat. Mit der Hausbesucherin Svetlana unterhält sie sich nach dem Programm auf Russisch, darin tauchen nur zwei deutsche Wörter auf, »Arbeitsamt« und »Sozialamt« – »die kann man nicht übersetzen«, sagt Svetlana. Sie ist Russlanddeutsche und lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Im Alltag spricht sie nur bei der Behörde und beim Arzt Deutsch.
Das Programm bewährt sich auch in den USA und den Niederlanden
»Wenn man eine richtige Arbeit hätte, wäre es leichter«, sagt Svetlana. Damit ihre Kinder von den Menschen in Deutschland nicht als Russen diskriminiert werden, haben Svetlana und ihr inzwischen verstorbener Mann den russischen Familiennamen abgelegt. Seit sie in Bremen leben, heißen sie wieder Stadler; das ist Svetlanas Mädchenname. In Sibirien hatte sie wegen ihres deutschen Namens immer wieder zu hören bekommen: »Du bist keine Russin, du bist Deutsche.« So etwas wollte sie ihren Kindern in Deutschland ersparen. Der deutsche Name und die deutsche Sprache sollen ihnen helfen, bald dazuzugehören.
Bereits in den achtziger Jahren breitete sich Hippy in vielen Ländern aus. Eine Schlüsselrolle hatten dabei die USA. Bill Clinton, damals Gouverneur von Arkansas, förderte das Projekt in seinem Bundesstaat und machte es in ganz Amerika bekannt; seine Frau Hillary setzt sich bis heute für das Projekt ein. Allein in der spanischsprachigen Gemeinschaft erreicht es 16000 Familien. Auch in den Niederlanden, Kanada, Neuseeland, Australien und Südafrika wird das Programm eingesetzt.
In Deutschland hat das Deutsche Jugendinstitut die ersten Jahre von Hippy wissenschaftlich begleitet und festgestellt, dass Kinder, die an dem Programm teilnehmen, bei den Vorschultests besser abschneiden als alle ihre Altersgenossen. Das Projekt wird hierzulande auch von Aktion Mensch und dem Europäischen Flüchtlingsfonds unterstützt.
Olga hat an diesem Tag noch einige Lerneinheiten vor sich. Für die nächste Übung hält sie ihre Hände hinter dem Rücken. Svetlana pikst sie mit der Spitze des Bleistifts. »Ist dieses Ende des Stiftes spitz oder nicht spitz?« Olga lächelt. »Spitz«, sagt sie. Am Nachmittag wird sie das wie immer mit ihrem Sohn üben.
© DIE ZEIT 11.05.2006 Nr.20
Gruppenarbeit
Wie Einwandererfamilien gemeinsam Deutsch lernen Von Christine Jähn
Den Stift in der Faust, malt der vierjährige Rastum Striche auf einem gelben Blatt Papier. Sie gruppieren sich zu einem großen R, einem großen A, einem großen S, einem kleinen t, einem kleinen u und einem überdimensionierten M: RAStuM. Seine Mutter, die 35-jährige Ukrainerin Valentina, lobt ihn mit einem sorgfältig formulierten deutschen Satz: »Das hast du sehr gut gemacht.« Das hat sie von ihrer Betreuerin im Hippy-Programm gelernt, an dem sie und ihr Sohn seit Jahresbeginn teilnehmen.
Hippy steht für Home Instruction for Parents of Preschool Youngsters und heißt übersetzt so viel wie »Hausbesuchsprogramm für Eltern mit Vorschulkindern«. Das Konzept ist vor mehr als 30 Jahren in Israel entwickelt worden, um die Integration der einwandernden Juden aus allen Teilen der Welt zu fördern. Mütter werden zwei Jahre lang regelmäßig von anderen dafür geschulten Migrantinnen besucht. Diese leiten sie an, mit ihren Kindern auf Deutsch zu spielen, Geschichten zu erzählen, zu basteln und zu experimentieren.
Auch die Lehrerinnen sind Migrantinnen
Valentinas Anleiterin ist Svetlana, 31 Jahre alt, Aussiedlerin. Die beiden Frauen sitzen in Valentinas Wohnzimmer in Bremen-Huchting über den Aufgaben. »Lege alle roten Kreise auf die Bilder der Jungen, die essen«, liest Svetlana aus dem Aufgabenheft vor. Vor Valentina liegt ein Blatt mit 16 Feldern, mit Bildern von Menschen, die verschiedene Dinge tun. »Ich lege die Kreise auf die Bilder von Jungen, die essen«, sagt Valentina, nimmt die Plastikschablonen und legt sie auf die entsprechenden Felder. »Das hast du richtig gemacht«, lobt Svetlana. »Eigentlich mache ich das Programm für mich«, sagt Valentina. Sie kam vor fünf Jahren nach Deutschland und fühlt sich in der fremden Sprache sehr unsicher. Außerhalb der Wohnung spricht sie selten Deutsch.
Im Rollenspiel übt Svetlana auch mit Olga, die ein paar Straßen weiter wohnt. Sie ist 38 Jahre alt und kommt aus Turkmenistan. Olga steht in der Mitte ihres Wohnzimmers; hinter ihr liegt ein Bleistift. »Wo ist der Stift?«, fragt die 31-jährige Svetlana auf Deutsch. »Der Bleistift liegt hinter mir«, antwortet Olga, ebenfalls auf Deutsch.
Olga lebt seit sieben Jahren in Deutschland. Bei ihrer Ankunft in Bremen besuchte sie einen Sprachkurs, der sechs Monate dauerte – das war ihr zu wenig. Sie wollte dann auf ein Abendgymnasium, um besser Deutsch zu lernen. Knapp sei sie aber an der Aufnahmeprüfung gescheitert. Seit Jahresbeginn nimmt sie nun an Hippy teil. Gerade lernt sie die Artikel richtig zu setzen. So könne sie mit ihrem Sohn auch korrektes Deutsch sprechen.
1992 waren Bremen und Nürnberg die ersten deutschen Städte, die Hippy anboten. Das war zur Zeit der ersten Aussiedlerwelle. 30 Familien wurden zunächst aufgenommen, 1994 waren es bereits 90. Nach dem Pisa-Schock stockte die Stadt das Geld auf, seitdem werden bis zu 220 Frauen und ihre Kinder gleichzeitig betreut. Knapp 1500 Euro kostet das pro Familie und Jahr. Insgesamt sind es in Deutschland 805 Familien in zehn Städten. Überall gibt es Wartelisten. »In Bremen«, schätzt die dortige Koordinatorin des Projekts, Monika Vahlenkamp vom Deutschen Roten Kreuz, »könnten wir sicher doppelt so viele Menschen in das Programm aufnehmen.«
In Bremen werden derzeit rund 40 Frauen aus den GUS-Staaten von vier Hausbesucherinnen betreut. Die meisten der Familien, die in Bremen an dem Programm teilnehmen, haben jedoch einen türkischen Migrationshintergrund. Einzelne Teilnehmerinnen stammen auch aus China und arabischen und afrikanischen Ländern. »Diese Frauen müssen einen gewissen deutschen Wortschatz haben, damit die Hausbesucherinnen mit ihnen arbeiten können«, sagt Vahlenkamp. Im Idealfall jedoch kenne die Betreuerin Kultur und Sprache der Mutter und könne sie so besser unterstützen.
»Wir haben selbst keine gute Chance in Deutschland, wollen die für unsere Kinder«, sagt Olga, die in Turkmenistan als medizinisch-technische Assistentin und als Biologielehrerin gearbeitet hat. Mit der Hausbesucherin Svetlana unterhält sie sich nach dem Programm auf Russisch, darin tauchen nur zwei deutsche Wörter auf, »Arbeitsamt« und »Sozialamt« – »die kann man nicht übersetzen«, sagt Svetlana. Sie ist Russlanddeutsche und lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Im Alltag spricht sie nur bei der Behörde und beim Arzt Deutsch.
Das Programm bewährt sich auch in den USA und den Niederlanden
»Wenn man eine richtige Arbeit hätte, wäre es leichter«, sagt Svetlana. Damit ihre Kinder von den Menschen in Deutschland nicht als Russen diskriminiert werden, haben Svetlana und ihr inzwischen verstorbener Mann den russischen Familiennamen abgelegt. Seit sie in Bremen leben, heißen sie wieder Stadler; das ist Svetlanas Mädchenname. In Sibirien hatte sie wegen ihres deutschen Namens immer wieder zu hören bekommen: »Du bist keine Russin, du bist Deutsche.« So etwas wollte sie ihren Kindern in Deutschland ersparen. Der deutsche Name und die deutsche Sprache sollen ihnen helfen, bald dazuzugehören.
Bereits in den achtziger Jahren breitete sich Hippy in vielen Ländern aus. Eine Schlüsselrolle hatten dabei die USA. Bill Clinton, damals Gouverneur von Arkansas, förderte das Projekt in seinem Bundesstaat und machte es in ganz Amerika bekannt; seine Frau Hillary setzt sich bis heute für das Projekt ein. Allein in der spanischsprachigen Gemeinschaft erreicht es 16000 Familien. Auch in den Niederlanden, Kanada, Neuseeland, Australien und Südafrika wird das Programm eingesetzt.
In Deutschland hat das Deutsche Jugendinstitut die ersten Jahre von Hippy wissenschaftlich begleitet und festgestellt, dass Kinder, die an dem Programm teilnehmen, bei den Vorschultests besser abschneiden als alle ihre Altersgenossen. Das Projekt wird hierzulande auch von Aktion Mensch und dem Europäischen Flüchtlingsfonds unterstützt.
Olga hat an diesem Tag noch einige Lerneinheiten vor sich. Für die nächste Übung hält sie ihre Hände hinter dem Rücken. Svetlana pikst sie mit der Spitze des Bleistifts. »Ist dieses Ende des Stiftes spitz oder nicht spitz?« Olga lächelt. »Spitz«, sagt sie. Am Nachmittag wird sie das wie immer mit ihrem Sohn üben.
© DIE ZEIT 11.05.2006 Nr.20