DeLaHoya
08.06.06, 16:08
Leserbrief von Prof. Dr. Adolf Koch an die Redaktion DES NEUEN ORIENTS zu einem Vortrag von Armin T. Wegner in der Urania, Berlin 1919, mit freundlicher Unterstützung von Dr. Mete Soytürk
DER NEUE ORIENT
25.03.1919
Nr. 11/12
Band 4
Briefwechsel der Redaktion
Berlin W 50, 21. März 1919
Sehr geehrter Herr Redakteur!
Nach den Berichten der Blätter über den vorgestrigen Vortrag von Armin T. Wegner in der Urania könnte man fast ein Wiederaufleben des Kampfes auf dem nach Berlin verlegten orientalischen Kriegsschauplatz glauben. Nun wollen wir angesichts dessen, was sich eben noch Deutsche gegenseitig in Berlin angetan haben, nicht den politischen Sittenrichter spielen; aber wir müssen erwarten, dass die in Berlin lebenden Ausländer, welcher Nationalität sie immer angehören, unter allen Umständen ein Benehmen an den Tag legen, das zu den Gesetzen der Gastfreundschaft in nicht allzu schroffem Gegensatz steht. – Dass es dem Vortragenden bei seinen Schilderungen der gegen die Armenier begangenen Greuel nur um die Feststellung der Wahrheit zu tun gewesen ist, mag man gerne glauben und doch der Ansicht sein, dass Thema und Aufmachung zu Bedenken Anlass geben. Wer Wahrheit geben will, muss die ganze Wahrheit geben. Aber selbst wer die gegen die Armenier verübten Grausamkeiten als feststehende Tatsache gelten lässt, muss sagen, dass sie nicht die ganze Wahrheit in sich schließen. Herr Dr. Wegner hat gewissermaßen – eine erklärliche Folge seiner persönlichen Erlebnisse – nur den 2. Akt einer furchtbaren Tragödie herausgestellt; die Exposition und den 1. Akt hat er nicht berührt. Die Beziehungen zwischen Türken und Armeniern, die Kämpfe, die sich zwischen den durch Religion, Rasse und Kultur geschiedenen Völkern seit alters abspielen, lassen sich aber richtig nur historisch verstehen. Und ohne Verständnis kein Erfassen der Wahrheit. Noch einmal, das Vorgehen der Türken soll in keiner Weise beschönigt werden: Furchtbares ist geschehen. Aber die Gerechtigkeit verlangt zu sagen, dass auch die Armenier nicht frei von Schuld und fehl sind. Sie haben vielfach gleich zu Beginn des Krieges, in dem die Türkei doch einen Kampf auf Leben und Tod um ihren Bestand als Staat ausgefochten hatte, eine Haltung eingenommen, die den Türken zu berechtigten Klagen Anlass gab, und in vielen Fällen sich direkt des Hochverrats schuldig gemacht. Auch Gewalttaten gegen die muslemische Bevölkerung sind vorgefallen. Auf beiden Seiten ist so gesündigt worden, und es geht nicht an, alle Schuld der einen Partei aufbürden zu wollen.
Ganz gegen die Wahrheit aber verstößt es, wie auch Herr Dr. Wegner in seinem Vortrage schon betonte, dem deutschen Volke oder der deutschen Regierung die Mitschuld an den begangenen Greueltaten aufbürden zu wollen, weil angeblich die Deutschen die Türkei zu ihrem Vorgehen angereizt, zum mindesten sie nicht davon abgehalten haben. Tatsache ist vielmehr, dass die deutsche Regierung alles getan hat, was in ihrer Macht stand, um die Pforte zu Milde und Menschlichkeit zu bewegen. Zahllos sind die Bitten und Vorstellungen gewesen, die von der Botschaft in Konstantinopel in diesem Sinne an die türkische Regierung gerichtet worden sind. Freilich standen andere als freundschaftliche Mittel nicht zu Gebote. Wir konnten zum Freunde und Bundesgenossen nicht als zu einem Unterworfenen und Vasallen reden. Aber alle diese Mittel sind angewandt und bis zur Grenze der Möglichkeit erschöpft worden. Es müsste der deutschen Regierung ein Leichtes sein, das aus ihren Akten zu erweisen. Freilich würden unsere Feinde sich durch keine Beweise von ihren lügenhaften Behauptungen abbringen lassen. Es gehört einmal, und seit langem, zu ihrem System, das deutsche Volk dem Hass und der Verachtung der Welt zu überliefern. So hat schon bei Gelegenheit des Besuches des früheren Kaisers Wilhelm II. beim Sultan Abdul Hamid das Pariser Witzblatt „Le Rire“ eine Sondernummer herausgebracht, in der u.a. auf einem Bilde Kaiser und Sultan von Jagdkanzeln aus die vorbeiflüchtenden Armenier, Frauen und Kinder niederknallten, auf einem anderen Bilde die beiden Monarchen abgebildet waren, wie sie die „Stecke“ besichtigten. Man sieht: nicht nur der Hass der Feinde, auch die Mittel, mit denen er gegen uns arbeitet, sind gleich geblieben.
Hochachtungsvoll
Prof. Dr. Adolf Koch
Quelle: armenianquestion.org (http://www.armenianquestion.org/page.php?modul=Article&op=read&nid=643&rub=73&sort=0)
DER NEUE ORIENT
25.03.1919
Nr. 11/12
Band 4
Briefwechsel der Redaktion
Berlin W 50, 21. März 1919
Sehr geehrter Herr Redakteur!
Nach den Berichten der Blätter über den vorgestrigen Vortrag von Armin T. Wegner in der Urania könnte man fast ein Wiederaufleben des Kampfes auf dem nach Berlin verlegten orientalischen Kriegsschauplatz glauben. Nun wollen wir angesichts dessen, was sich eben noch Deutsche gegenseitig in Berlin angetan haben, nicht den politischen Sittenrichter spielen; aber wir müssen erwarten, dass die in Berlin lebenden Ausländer, welcher Nationalität sie immer angehören, unter allen Umständen ein Benehmen an den Tag legen, das zu den Gesetzen der Gastfreundschaft in nicht allzu schroffem Gegensatz steht. – Dass es dem Vortragenden bei seinen Schilderungen der gegen die Armenier begangenen Greuel nur um die Feststellung der Wahrheit zu tun gewesen ist, mag man gerne glauben und doch der Ansicht sein, dass Thema und Aufmachung zu Bedenken Anlass geben. Wer Wahrheit geben will, muss die ganze Wahrheit geben. Aber selbst wer die gegen die Armenier verübten Grausamkeiten als feststehende Tatsache gelten lässt, muss sagen, dass sie nicht die ganze Wahrheit in sich schließen. Herr Dr. Wegner hat gewissermaßen – eine erklärliche Folge seiner persönlichen Erlebnisse – nur den 2. Akt einer furchtbaren Tragödie herausgestellt; die Exposition und den 1. Akt hat er nicht berührt. Die Beziehungen zwischen Türken und Armeniern, die Kämpfe, die sich zwischen den durch Religion, Rasse und Kultur geschiedenen Völkern seit alters abspielen, lassen sich aber richtig nur historisch verstehen. Und ohne Verständnis kein Erfassen der Wahrheit. Noch einmal, das Vorgehen der Türken soll in keiner Weise beschönigt werden: Furchtbares ist geschehen. Aber die Gerechtigkeit verlangt zu sagen, dass auch die Armenier nicht frei von Schuld und fehl sind. Sie haben vielfach gleich zu Beginn des Krieges, in dem die Türkei doch einen Kampf auf Leben und Tod um ihren Bestand als Staat ausgefochten hatte, eine Haltung eingenommen, die den Türken zu berechtigten Klagen Anlass gab, und in vielen Fällen sich direkt des Hochverrats schuldig gemacht. Auch Gewalttaten gegen die muslemische Bevölkerung sind vorgefallen. Auf beiden Seiten ist so gesündigt worden, und es geht nicht an, alle Schuld der einen Partei aufbürden zu wollen.
Ganz gegen die Wahrheit aber verstößt es, wie auch Herr Dr. Wegner in seinem Vortrage schon betonte, dem deutschen Volke oder der deutschen Regierung die Mitschuld an den begangenen Greueltaten aufbürden zu wollen, weil angeblich die Deutschen die Türkei zu ihrem Vorgehen angereizt, zum mindesten sie nicht davon abgehalten haben. Tatsache ist vielmehr, dass die deutsche Regierung alles getan hat, was in ihrer Macht stand, um die Pforte zu Milde und Menschlichkeit zu bewegen. Zahllos sind die Bitten und Vorstellungen gewesen, die von der Botschaft in Konstantinopel in diesem Sinne an die türkische Regierung gerichtet worden sind. Freilich standen andere als freundschaftliche Mittel nicht zu Gebote. Wir konnten zum Freunde und Bundesgenossen nicht als zu einem Unterworfenen und Vasallen reden. Aber alle diese Mittel sind angewandt und bis zur Grenze der Möglichkeit erschöpft worden. Es müsste der deutschen Regierung ein Leichtes sein, das aus ihren Akten zu erweisen. Freilich würden unsere Feinde sich durch keine Beweise von ihren lügenhaften Behauptungen abbringen lassen. Es gehört einmal, und seit langem, zu ihrem System, das deutsche Volk dem Hass und der Verachtung der Welt zu überliefern. So hat schon bei Gelegenheit des Besuches des früheren Kaisers Wilhelm II. beim Sultan Abdul Hamid das Pariser Witzblatt „Le Rire“ eine Sondernummer herausgebracht, in der u.a. auf einem Bilde Kaiser und Sultan von Jagdkanzeln aus die vorbeiflüchtenden Armenier, Frauen und Kinder niederknallten, auf einem anderen Bilde die beiden Monarchen abgebildet waren, wie sie die „Stecke“ besichtigten. Man sieht: nicht nur der Hass der Feinde, auch die Mittel, mit denen er gegen uns arbeitet, sind gleich geblieben.
Hochachtungsvoll
Prof. Dr. Adolf Koch
Quelle: armenianquestion.org (http://www.armenianquestion.org/page.php?modul=Article&op=read&nid=643&rub=73&sort=0)