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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : RIA Novosti: Bevölkerungsrückgang durch Alkoholsucht in Rußland



zübeyde
26.06.06, 00:20
Russen wegen Alkoholsucht vom Aussterben bedroht




MOSKAU, 31. Mai (RIA Novosti).


In 200 bis 300 Jahren wird es keine Russen mehr geben. So lautet die trostlose Prognose von Wissenschaftlern.

Der jetzige "natürliche" Bevölkerungsrückgang in Russland ist laut Demographen nur mit den Verlusten im Zweiten Weltkrieg vergleichbar.

Jeder Dritte stirbt am Wodkakonsum, mehr als die Hälfte der arbeitsfähigen Bürger Russlands scheiden im betrunkenen Zustand hin. Wegen verspäteter medizinischer Hilfe verliert das Land bis zu 500 000 Menschen im Jahr.

Im ersten Quartal 2006 sind in Russland 585 800 Menschen gestorben und 352 700 geboren worden. Nach wissenschaftlichen Prognosen soll die Bevölkerungszahl der Erde im Jahr 2010 zehn bis elf Milliarden betragen. Dabei wird Russland bei einer anhaltenden Mortalitätsdynamik kaum seinen Teil dazu beitragen können. Russland ist nämlich eines der wenigen Länder, wo ein für Friedenszeiten paradoxer Bevölkerungsrückgang zu beobachten ist.

Nach Ansicht der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Zentrums für Zivilisations- und Regionalforschungen der Russischen Akademie der Wissenschaften Darja Chalturina, deren Interview die Wochenzeitschrift "Argumenty i Fakty" veröffentlichte, lässt sich die gegenwärtige äußerst hohe Sterbeziffer in Russland durch keine wirtschaftlichen Gründe erklären. In Dutzenden von ärmeren Ländern sei die Lebenserwartung, insbesondere bei den Männern, höher. Auch in Russland selbst liege die Lebenserwartung in Inguschetien und Dagestan, den nicht gerade reichsten Regionen, am Höchsten. Der Forscherin zufolge hat in den 90-er Jahren ein Massensterben von Männern im arbeitsfähigen Alter und nicht von Frauen und Kindern, wie das in anderen Ländern wegen Armut der Fall war, begonnen.

Zahlreiche Fakten deuten darauf hin, dass die überdimensionale Sterblichkeit in Russland auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen ist. Eine in Ischewsk (Verwaltungszentrum der autonomen Republik Udmurtien im Osten des Europäischen Teils Russlands) durchgeführte Untersuchung ergab, dass 62 Prozent der Männer im arbeitsfähigen Alter im betrunkenen Zustand gestorben sind. Das Gleiche trifft für ganz Russland zu. Die Dynamik der Lebenserwartung stellt ein Spiegelbild der Alkoholkonsum-Kurve dar.

Während der Anti-Alkohol-Kampagne in den Jahren 1985 bis 1987 war die Lebenserwartung (64,9 Jahre bei Männern und 74,6 Jahre bei Frauen) beispielsweise die Höchste in der ganzen Geschichte Russlands.

Gegenwärtig ist ein Drittel der Sterbefälle im Land laut Wissenschaftlern auf die eine oder andere Weise mit Alkohol verbunden.

Denn die Todesursachen sind unterschiedlich und beschränken sich nicht auf Alkoholvergiftung, Leberzirrhose und Pankreatitis. Unter Einfluss von Alkohol verändert sich das Verhalten. Betrunkene sind öfter in Verkehrsunfälle verwickelt, sie erfrieren auf der Straße, bringen andere ums Leben, begehen Selbstmord.

Beim Alkoholmissbrauch ist das Risiko eines Herzanfalls oder eines schweren Nervenschlages sehr hoch, und die hohe Mortalität bei Herz- und Gefäßkrankheiten in Russland ist auch auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen.




http://de.rian.ru/society/20060531/48881132.html

zübeyde
26.06.06, 00:23
Das sind ja erschreckende Zahlen.
Ich hab gedacht, ich les nicht richtig !

Laudazio
26.06.06, 00:35
Das sind ja erschreckende Zahlen.
Ich hab gedacht, ich les nicht richtig !Das ist in Russland ein sehr altes Problem.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2003/0822/vermischtes/0028/index.html

Ende im Delirium

Die Russen trinken mehr und mehr - von allem

22.08.2003
Vermischtes - Seite 08
Katja Tichomirowa

MOSKAU, 21. August. Die gute Nachricht vorweg: Es geht aufwärts in Russland. Der Lebensstandard steigt, es wird konsumiert, dass es eine Wonne ist. Das vierte Jahr in Folge verzeichnet das Land ein Wirtschaftswachstum von über fünf Prozent, und nicht mehr nur die Hauptstädter lassen es sich gut gehen, auch die russische Provinz darbt nicht länger. Man möchte das Glas erheben vor Freude.
Die russischen Bierbrauer haben das dieser Tage schon mal getan. Denn eine Studie der in Russland ansässigen Investmentgruppe United Financial Group (UFG) belegt, dass mit dem Lebensstandard der Russen auch ihr Bierkonsum steigt. Und zwar gewaltig: trank man 1998 noch 22,5 Liter Bier pro Kopf und Jahr, sind es heute 49 Liter. Laut UFG-Studie trinkt der Moskowiter pro Jahr gar 90,5 Liter - 7 Liter mehr als der Durchschnittsamerikaner zu sich nimmt und 8 Liter mehr als die Bier liebenden Holländer.

Jeder Dritte ist Alkoholiker

Der Wodkakonsum dagegen ist von 22,4 Liter auf 19,7 Liter gesunken. Wie die Moscow Times schreibt, wäre es allerdings voreilig, aus den Zahlen zu schließen, dass die Russen ihren Konsum an reinem Alkohol reduzieren, je besser es ihnen geht. Im ersten Halbjahr 2003 stieg der Verbrauch von Wodka und anderen hochprozentigen Spirituosen bereits wieder um 2,6 Prozent. Summa summarum tranken die Russen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 3,4 Liter mehr reinen Alkohol als im Vorjahr.
Und das ist die schlechte Nachricht, denn sie bedeutet schlicht nichts anderes, als dass die Russen von allem noch mehr trinken als zuvor. Die ohnehin angegriffene russische Leber dürfte das kaum verkraften. Die Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO weist Russland mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 7,9 Liter reinem Alkohol pro Jahr einen Platz im Mittelfeld der Trinkernationen zu. In Deutschland werden pro Jahr 10,6 Liter konsumiert, in Frankreich 10,8 Liter. Die WHO weist jedoch darauf hin, dass der tatsächliche Verbrauch in Russland pro Jahr etwa 15,4 Liter beträgt. Denn was die Statistik nur ungenau erfasst, ist der Konsum von illegal gebranntem Schnaps. 40 bis 70 Prozent der in Russland konsumierten alkoholischen Getränke werden heute illegal hergestellt. Die offiziellen Statistiken über den Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol weisen daher extreme Schwankungen auf.

Was man dagegen weiß, ist, dass an den Folgen pro Jahr 40 000 Russen sterben. Ebenso ist bekannt, dass mehr als 30 Prozent der russischen Männer und 15 Prozent der Frauen Alkoholiker sind, dass zwei Drittel aller Morde von Betrunkenen begangen werden und einer von fünf Verkehrsunfällen alkoholbedingt verursacht wird. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs starben 27 Millionen Russen an den Folgen des starken Trinkens. Sollte mit steigendem Lebensstandard auch der Alkoholkonsum weiter zunehmen, dürfte der Tag nicht mehr weit sein, an dem der russische Staat die Folgekosten nicht mehr tragen kann. Ein Ende im Delirium.
AFP/VICTOR DRACHEV Auch auf dem Friedhof darf ein Gläschen Wodka nicht fehlen.

Laudazio
26.06.06, 00:38
Die Russen können wirklich froh sein, dass sie Erdöl und Gas exportieren können, sonst sähe es dort zappenduster aus.

http://www.zukunfts-werkstatt.org/zukunft.htm

Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft in Russland


Vortrag von Prof. Dr. Wladimir Maslow, Lomonossow-Universität Moskau
am 17.3.2003 im Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung Berlin,
(Notizen zusammengestellt von Bertram Köhler)
Folgende Kennziffern charakterisieren den katastrophalen Zustand von Wirtschaft und Gesellschaft im heutigen Russland:

Anteil an der Weltproduktion von 6% (1990) auf 0,6% gesunken
Ausgaben für Wissenschaft von 5% (1990) auf 0,3% gesunken
80% der Mathematiker und ca. 50% der Wissenschaftler anderer Gebiete sind ausgewandert, insgesamt sind 800000 Wissenschaftler ausgewandert
60% der verbrauchten Lebensmittel werden importiert
34 Millionen Menschen leben unter dem offiziellen Existenzminimum
10% der reichsten Menschen haben ein 15 mal höheres Einkommen als 10% der ärmsten
die Minimallöhne verhalten sich zum Durchschnittslohn wie 1:15
Die Arbeitslosigkeit beträgt offiziell 13% und inoffiziell 25%
Der pro Kopf verbrauch von reinem Alkohol liegt bei 18 Liter/Jahr (Gesundheitsschädigung beginnt bei 8 Liter/Jahr)
Suizidrate bei 42 pro 100000 Einwohner (3 im Jahr 1910, wahrscheinlich 10 in Sowjetzeit)
Das Produktionsniveau für Textilien entspricht dem des Jahres 1910, für Fleisch 1953, für Butter 1956, für Papier 1969, für Schuhe 1900, der Rinderbestand dem von 1885
Die Produktionsgrundfonds sind zu 70% physisch verschlissen
Wegen niedriger Geburtenrate und hoher Auswanderung sinkt die Bevölkerungszahl um jährlich eine Million
Mit dem Amtsantritt von Putin gelang seit 1999 eine Produktionssteigerung von 30%, verlangsamte sich aber von anfangs 10%/Jahr auf 3%/Jahr.
Das Ansehen des anfangs beliebten Präsidenten Putin ist stark rückläufig
Bis zum 8.4.2002 wurde als Hauptziel der Wirtschaftspolitik die weitere Liberalisierung der Marktwirtschaft und die Reduzierung staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft proklamiert, seit dem stehen die Entwicklung von Wissenschaft, Technologie, Bildungswesen und Landwirtschaft im Mittelpunkt
Die von nationalistischen Parteien über liberale, sozialdemokratische bis zur kommunistischen Partei getragene oppositionelle Bewegung der patriotischen Front ist im Anwachsen und fordert
Nationalisierung der Alkohol- und Tabakindustrie, der Brennstoff- und Energiewirtschaft, der Metallurgie, Chemie und Rüstungsindustrie
Das Steuersystem müsste total reformiert werden. Von der Zentralregierung, von Regionalverwaltungen und von Kommunen werden unabhängig voneinander 44 verschiedene Steuern und Abgaben gefordert, so dass z.B. auf Unternehmergewinne theoretisch insgesamt 115% Abgaben gezahlt werden müssten, was in der Praxis natürlich gar nicht möglich ist und durch die Zahlung von Schmiergeldern umgangen wird.
Jeder muss ohne Belege Schmiergelder als "Schutzgeld" zahlen, sonst geht er bankrott. Die Schmiergelder werden faktisch von 8 großen kriminellen Organisationen eingetrieben und zu 20 % an die Polizei und zu 20% an die staatlichen Verwaltungen weitergegeben, um die Zahler vor deren Zugriff zu schützen. Der Referent charakterisierte die russische Gesellschaft trotz noch vorhandener staatlicher Betriebe als weder kapitalistisch noch sozialistisch, sondern als eine feudale Gesellschaft, aus der jeder regionale Machthaber aus seiner Region herauszuholen versucht, was nur irgend geht. Er gab dieser Gesellschaft nur dann eine Zukunftschance, wenn es gelänge, die 4 Hauptstaaten der GUS (Russland, Ukraine, Belorussland und Kasachstan) wieder zu einer Wirtschaftsvereinigung zusammenzuschließen, um die aus sowjetischer Zeit noch vorhandenen Disproportionen sinnvoll nutzen und damit der Europäischen Union als interessanter Partner gegenübertreten zu können.

Laudazio
26.06.06, 00:41
Ein weiterer Artikel zu dem Problem:
http://www.sueddeutsche.de/,trt3m1/ausland/artikel/974/56918

Russland und der Alkohol

Ein Land ertrinkt im Suff

85 Prozent der russischen Männer trinken regelmäßig. Üblicherweise Wodka. Zehntausende sterben jährlich an den Folgen der Sucht – nun will Präsident Putin die staatlichen Kontrollen verschärfen.

Von Daniel Brössler

enau kann sich Wladimir Tscherwotschkin nicht mehr erinnern. „Es war mein Geburtstag“, sagt der junge Mann mit den kurz geschorenen Haaren leise. „Der andere hat angefangen und ich war in einer Verfassung, in der ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte.“

Wie viel Wodka es bedurfte, um in diese Verfassung zu geraten, weiß Wladimir nicht. Er weiß aber, dass er so lange auf „den anderen“ eingeschlagen und eingetreten hat, bis er tot war.

So kam Tscherwotschkin als 16-Jähriger in die Jugendstrafkolonie 42/1 unweit der nordrussischen Stadt Archangelsk, verurteilt zu vier Jahren Haft. Leidenschaftslos schildert er den militärisch-straffen Alltag, sechs Uhr Wecken, Frühsport, Bettenmachen, Appell, dann Schule.

Ein Euro pro Flasche

235 Jungen zwischen 14 und 18 Jahren büßen hier für ihre Taten – oft Mord, meist im Suff. 83 Prozent der russischen Mörder sind zur Tatzeit betrunken – ebenso wie 60 Prozent ihrer Opfer.

Russland hat ein Alkoholproblem. Eines, das sich aus der Statistik nicht gleich erschließt. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch reinen Alkohols liegt bei 8,1 Litern, unter dem Portugals, Frankreichs oder Deutschlands. In den offiziellen Zahlen freilich fehlen zwei wichtige Quellen des russischen Alkoholkonsums: Selbstgebranntes und Schmuggelware.
Experten gehen davon aus, dass der tatsächliche Verbrauch bei 15 bis 19 Litern liegt. 85 Prozent der russischen Männer trinken regelmäßig. Üblicherweise Wodka. Zwar hat auch der Bierkonsum erheblich zugenommen, doch der Gerstensaft ist eher ein Zusatzgetränk. „Bier ohne Wodka“, verkünden russische Männer augenzwinkernd, „ist rausgeschmissenes Geld“.

Solche Witzchen freilich sind vom ersten Mann im Staate öffentlich nicht zu hören. Im Gegenteil: Anders als sein Vorgänger Boris Jelzin legt Präsident Wladimir Putin Wert auf ein sportliches, ein nüchternes Image. Dazu passt, dass er – wie schon so mancher Moskauer Herrscher zuvor – dem Alkohol nun den Kampf angesagt hat.
[...]

zübeyde
26.06.06, 00:50
Danke für diese Infos Laudazio.
Wirklich heftig und unglaublich - was für ein Ausmaß und welche zu erwartenden Folgen !
Nicht, daß wir sorgenfrei wären, aber unsere Nachbarn scheinen
wirklich viele gesellschaftliche Probleme zu haben.

hezarfen
26.06.06, 01:26
also ich muss echt zugeben mich hat das auch erstaunt. aber es scheint bei diesen geschichten einen gewissen zyklus zu geben. vielleicht befindet sich russland gar am ende eine "alkoholzyklus", um es mal so zu nennen.
anders gesagt, ich kan es mir nicht vorstellen, dass wladimir putin diesen zuständen tatenlos zusehen wird. oder?

verda
01.12.06, 10:28
Alkohol-Missbrauch
Russlands betrunkene Armee

Dass unter Soldaten mal einer gehoben wird, ist nicht neu. Aber was derzeit bei den Streitkräften in Russland gebechert wird, ist ungeheuerlich. Offiziere schleifen 40 Männer im Vollrausch zu Invaliden, und die Mannschaften haben 30 Offiziere umgebracht. Eine Soldaten-Tradition außer Kontrolle.

Von Manfred Quiring
http://www.welt.de/media/pic/000/574/57423v1.jpg
Russischer Soldat beim Maschieren
Foto: dpa

Moskau - In St. Petersburg fuhren zwei betrunkene Offiziere ohne Erlaubnis mit Offiziersschülern aufs Meer hinaus. Das Boot schlug um, sechs Menschen ertranken. Sergej Stolba, ein Oberst des Inlandsgeheimdienstes FSB, erschoss in stark angetrunkenem Zustand den Wehrpflichtigen Denis Scharikow. Drei betrunkene Matrosen der baltischen Flotte erschlugen ihren Kommandeur, Kapitänleutnant Pawel Liptschik, weil er ihnen das Trinken an Bord des Kriegsschiffes verboten hatte.
Die Liste der brutalen, im Suff begangenen Verbrechen in der russischen Armee ist sehr lang. Allein in den beiden letzten Jahren, so berichtete jetzt die Moskauer Zeitung „Komsomolskaja Prawda“, wurden mehr als 30 Offiziere von alkoholbenebelten Matrosen und Soldaten umgebracht. Praktisch im Gegenzug machten Kommandeure nach exzessivem Alkoholgenuss mehr als 40 Soldaten und Matrosen zu Invaliden. Weitere 80 Armeeangehörige wurden Opfer betrunkener „Großväter“, wie die Längergedienten in der russischen Armee genannt werden. Der Alkohol in der Truppe gerät zunehmend zur „universellen Massenvernichtungswaffe“, schreibt die Zeitung. Russlands Armee ertrinkt im Wodka. Zahlenmäßig nur noch ein Drittel so stark wie die „ruhmreiche“ Sowjetarmee, „vernichtet“ sie dennoch die doppelte Wodka-Menge, rechnete die „Komsomolskaja Prawda“ vor.

Kampfeslust mit Wodka eingeflösst
Das Trinken in der Armee hat jahrhundertealte Tradition. Schon die Zaren versuchten, den Suff in der Truppe zu bekämpfen, der Erfolg blieb ebenso aus, wie zu sowjetischer Zeit. Auch deshalb, weil es Sitte war, den Soldaten vor dem Angriff mit Wodka die nötige Kampfeslust zu einzuflößen. 200 Gramm gab es im Zweiten Weltkrieg vor dem Sturmangriff für jeden Kämpfer.
Als vor 20 Jahren der scharfe Anti-Alkohol-Befehl Nr. 0150 erlassen wurde, wurden bereits 25 Prozent aller Vergehen in der Armee unter Alkoholeinfluss begangen. Das wurde damals als bedrohlich für die Kampfkraft empfunden. Heute gehen bereits 40 Prozent aller Zwischenfälle auf die „grüne Schlange“ zurück, wie der Wodka umgangssprachlich genannt wird.

Trinken: Eine Frage der Ehre
Bis heute gilt es als Frage der Ehre in den russischen Streitkräften, einen tüchtigen Schluck vertragen zu können. „Wir trinken alles aus, aber der Flotte machen wir keine Schande“, heißt ein geflügeltes Wort unter russischen Seeleuten. Anlässe dafür gibt es reichlich. Über 100 mehr oder weniger offizielle Vorwände gibt es für das Offizierscorps, das praktisch nie nüchtern wird. Beförderungen, Geburtstage, Urlaubslagen vor der Abreise und nach der Rückkehr, Versetzungen, Manöver, die Ankunft von Inspektoren – das alles will kräftig begossen werden.
Doch die Herren Offiziere saufen auch aus Frust. Oft müssen sie unter miesesten Verhältnissen mit ihren Familien in Wohnheimen hausen. Sie bekommen zwar mehr Geld, rangieren aber trotzdem am unteren Ende der Einkommensskala. Der einst prestigeträchtige Beruf ist für viele zur Last geworden.
Artikel erschienen am 30.11.2006
http://www.welt.de/data/2006/11/30/1129812.html