Evliya
10.07.06, 12:20
Zypernkonflikt im Spiegel der Zeit
Zypern war nie Bestandteil des klassischen Griechenlands
"Zypern ist griechisch und war griechisch seit Anbeginn seiner Geschichte und es wird griechisch bleiben. Griechisch und ungeteilt haben wir es übernommen, griechisch und ungeteilt werden wir es erhalten, griechisch und ungeteilt werden wir es an Griechenland ausliefern" (Erzbischof Makarios, 14.03.1971).
"Die Kultur Zyperns gehört seit 3000 Jahren zu Griechenland" (Spyros Kyprianou, 16.02.1991).
Diese Zitate machen das zyperngriechische Selbstverständnis deutlich. Die Zyperngriechen betrachten sich als das eigentliche Volk von Zypern. Diese Selbsteinschätzung stütz sich vor allem auf zwei Faktoren: die zahlenmäßige Überlegenheit und die Berufung auf die jahrtausendealten Bindungen zwischen Zypern und Griechenland. Die Zyperngriechen hätten "ältere Rechte". So seien türkische und britische Herrschaft als Fremdherrschaft und die Anwesenheit der Zyperntürken als Betriebsunfall der Geschichte zu sehen. Diese müßten nur auf ihre eigentliche Rolle zurückgeschraubt und in die Türkei zurückgeschickt werden. Die Zyperntürken seien demnach in dem griechischen Land Zypern nur als eine Minderheit (Minorität) geduldet. [...]
Es ist heute schwer, objektiv die Wurzeln der griechischen Kultur auf Zypern zu untersuchen. Die Zyperngriechen haben nämlich dafür gesorgt, daß viele Zeichen, die nicht griechisch sind, verschwunden oder umgedeutet worden sind.
Als Beispiel mögen die Ruinen von Salamis dienen. Sie werden von den Zyperngriechen als Beleg für die griechische Vergangenheit Zyperns herangezogen. Vieles davon ist manipuliert: So sprechen die griechischen Archäologen von einem Gymnasion in Salamis. Die Anlage ist aber aus römisch-byzantinischer Zeit und müßte damit Gymnasium heißen. Der Marktplatz wird als Agora (griechischer Marktplatz) beschrieben. Er stammt jedoch aus der Römerzeit und ist damit ein Forum. Die große Marmorfigur in den Bädern wird Asklepios oder Zeus zugeschrieben. Die Figur ist aber römisch und müßte also Aeskulap oder Jupiter heißen.
Im Theater von Salamis wurde nach griechischer Lesart dem Dionysos, dem griechischen Gott des Weines, geopfert. Das Theater wurde aber unter Kaiser Augustus gebaut und war somit dem Bacchus geweiht. Zypern ist voll von Aphrodite-Tempeln, die von Phöniziern gebaut wurden und der Kybele geweiht waren. Man mag zurecht darauf verweisen, daß Zeus und Jupiter identisch sind, desgleichen Asklepios und Äskulap, Kybele und Aphrodite. Aber warum gibt man dann eigentlich phönizischem Kulturgut einen griechischen Namen? Wieso bezeichnet man die Zisterne in Salamis als byzantinisch? Der Bau stammt aus dem ersten Jahrhundert n. Chr., also der Römerzeit. Es ist auffällig, daß in Zypern viele historische Stätten künstlich zu griechisch-byzantinischen Sehenswürdigkeiten gemacht werden.
Ich will nicht behaupten, daß Salamis rein römisch sei. Tatsächlich war der Zeus-Tempel am Marktplatz auch in römischer Zeit dem Zeus geweiht - und nicht dem Jupiter. Aber die Königsgräber von Salamis sind keine griechische Nekropolis, sondern enthalten griechische, ägyptische und anatolische Einflüsse. Letztere werden von der griechischen Geschichtsschreibung gerne heruntergespielt. Viele Beobachter sprechen leichtfertig von der "Akropolis von Vouni", korrekt wäre die Bezeichnung Tempelbezirk, denn diese Ausgrabungsstätte ist persisch und nicht griechisch. Wieso wird aus der katholischen Kreuzfahrerkirche von Famagusta bei vielen Autoren in deutscher und englischer Sprache Hagios Nikolaos? Sie ist schlichtweg die St. Nikolaus-Kathedrale.
Das ungeheuerlichste Beispiel aber finden sich in den Akten der britischen Kolonialverwaltung von Zypern. In den 30er Jahren entdeckte die Verwaltung des Zypern-Museums in Nikosia, daß zahlreiche phönizische Ausgrabungsstücke verschwunden waren. Man ermittelte, daß einige zyperngriechische Arbeiter dafür verantwortlich waren. Zur Rede gestellt, erklärten sie, Zypern sei schon immer griechisch gewesen - und deswegen könne es gar keine phönizischen Fundstücke geben. Sie hatten die Antiquitäten zerschlagen und die Teile weggeworfen.
Es wäre falsch zu sagen, Zypern hätte keinen griechischen Einfluß gehabt. Im Gegenteil, die Insel erhielt starke Impulse aus dem klassischen Griechenland. Aber das Bild, das der moderne griechische Nationalismus von dieser Geschichte zeichnen möchte ist falsch. Mit dem gleichen Recht könnten Perser oder Ägypter Zypern geschichtlich für sich beanspruchen. Schon im Standardwerk über die Geschichte Zyperns von Sir George Hill von 1927 heißt es zu den antiken Beziehungen Zyperns: "Nie war es Bestandteil des klassischen Griechenlands. Es war zusammen mit dem eigentlichen Griechenland und der Ägäis vom Byzantinischen Reich aufgenommen worden, aber nicht als Teil von Griechenland.
Seine Kirche war selbständiges Mitglied der Heiligen Orthodoxen Ostkirche, und so hat Religion in Verbindung mit Sprache die Idee vorangetrieben, die Zyprer seien ursprünglich Griechen. Daß es eine tatsächliche ethnologische Verbindung mit dem hellenistischen Volk gibt, kann man nicht beweisen, die anthropologische Logik, soweit sie zurückreicht, scheint im großen und ganzen die gegenteilige Sicht zu favorisieren, und das einzige offenbare Indiz der Literatur des alten Hellas ist, zusammengefaßt, daß die Zyprer im 5. Jahrhundert als Verbündete betrachtet wurden".
Die Zyperngriechen verstehen sich als Nachfahren der achäischen Siedler, die um das Jahr 1000 vor Christus aus Griechenland nach Zypern kamen. Aber dieses Bild ist reichlich ungenau. In Wirklichkeit sind nämlich unter dem Begriff Zyperngriechen die Nachfahren fast aller Völker zusammengefaßt, die Zypern je in der Geschichte bis ins Mittelalter erobert, besessen oder auch nur durchquert haben. Das sollte man sich bewußt machen, wenn man davon spricht, daß die Zyperngriechen auf das antike Griechenland zurückgehen.
[Aus: Dr. Berner, Uwe: Der Zypern-Konflikt. Eine politische Einführung, Freiburg i.Br. o.J., S. 17-21.]
Vgl. ZYPERN AKTUELL, Jahrgang 1, Nr. 4, Juni 1999, Seite 3.
Zypern war nie Bestandteil des klassischen Griechenlands
"Zypern ist griechisch und war griechisch seit Anbeginn seiner Geschichte und es wird griechisch bleiben. Griechisch und ungeteilt haben wir es übernommen, griechisch und ungeteilt werden wir es erhalten, griechisch und ungeteilt werden wir es an Griechenland ausliefern" (Erzbischof Makarios, 14.03.1971).
"Die Kultur Zyperns gehört seit 3000 Jahren zu Griechenland" (Spyros Kyprianou, 16.02.1991).
Diese Zitate machen das zyperngriechische Selbstverständnis deutlich. Die Zyperngriechen betrachten sich als das eigentliche Volk von Zypern. Diese Selbsteinschätzung stütz sich vor allem auf zwei Faktoren: die zahlenmäßige Überlegenheit und die Berufung auf die jahrtausendealten Bindungen zwischen Zypern und Griechenland. Die Zyperngriechen hätten "ältere Rechte". So seien türkische und britische Herrschaft als Fremdherrschaft und die Anwesenheit der Zyperntürken als Betriebsunfall der Geschichte zu sehen. Diese müßten nur auf ihre eigentliche Rolle zurückgeschraubt und in die Türkei zurückgeschickt werden. Die Zyperntürken seien demnach in dem griechischen Land Zypern nur als eine Minderheit (Minorität) geduldet. [...]
Es ist heute schwer, objektiv die Wurzeln der griechischen Kultur auf Zypern zu untersuchen. Die Zyperngriechen haben nämlich dafür gesorgt, daß viele Zeichen, die nicht griechisch sind, verschwunden oder umgedeutet worden sind.
Als Beispiel mögen die Ruinen von Salamis dienen. Sie werden von den Zyperngriechen als Beleg für die griechische Vergangenheit Zyperns herangezogen. Vieles davon ist manipuliert: So sprechen die griechischen Archäologen von einem Gymnasion in Salamis. Die Anlage ist aber aus römisch-byzantinischer Zeit und müßte damit Gymnasium heißen. Der Marktplatz wird als Agora (griechischer Marktplatz) beschrieben. Er stammt jedoch aus der Römerzeit und ist damit ein Forum. Die große Marmorfigur in den Bädern wird Asklepios oder Zeus zugeschrieben. Die Figur ist aber römisch und müßte also Aeskulap oder Jupiter heißen.
Im Theater von Salamis wurde nach griechischer Lesart dem Dionysos, dem griechischen Gott des Weines, geopfert. Das Theater wurde aber unter Kaiser Augustus gebaut und war somit dem Bacchus geweiht. Zypern ist voll von Aphrodite-Tempeln, die von Phöniziern gebaut wurden und der Kybele geweiht waren. Man mag zurecht darauf verweisen, daß Zeus und Jupiter identisch sind, desgleichen Asklepios und Äskulap, Kybele und Aphrodite. Aber warum gibt man dann eigentlich phönizischem Kulturgut einen griechischen Namen? Wieso bezeichnet man die Zisterne in Salamis als byzantinisch? Der Bau stammt aus dem ersten Jahrhundert n. Chr., also der Römerzeit. Es ist auffällig, daß in Zypern viele historische Stätten künstlich zu griechisch-byzantinischen Sehenswürdigkeiten gemacht werden.
Ich will nicht behaupten, daß Salamis rein römisch sei. Tatsächlich war der Zeus-Tempel am Marktplatz auch in römischer Zeit dem Zeus geweiht - und nicht dem Jupiter. Aber die Königsgräber von Salamis sind keine griechische Nekropolis, sondern enthalten griechische, ägyptische und anatolische Einflüsse. Letztere werden von der griechischen Geschichtsschreibung gerne heruntergespielt. Viele Beobachter sprechen leichtfertig von der "Akropolis von Vouni", korrekt wäre die Bezeichnung Tempelbezirk, denn diese Ausgrabungsstätte ist persisch und nicht griechisch. Wieso wird aus der katholischen Kreuzfahrerkirche von Famagusta bei vielen Autoren in deutscher und englischer Sprache Hagios Nikolaos? Sie ist schlichtweg die St. Nikolaus-Kathedrale.
Das ungeheuerlichste Beispiel aber finden sich in den Akten der britischen Kolonialverwaltung von Zypern. In den 30er Jahren entdeckte die Verwaltung des Zypern-Museums in Nikosia, daß zahlreiche phönizische Ausgrabungsstücke verschwunden waren. Man ermittelte, daß einige zyperngriechische Arbeiter dafür verantwortlich waren. Zur Rede gestellt, erklärten sie, Zypern sei schon immer griechisch gewesen - und deswegen könne es gar keine phönizischen Fundstücke geben. Sie hatten die Antiquitäten zerschlagen und die Teile weggeworfen.
Es wäre falsch zu sagen, Zypern hätte keinen griechischen Einfluß gehabt. Im Gegenteil, die Insel erhielt starke Impulse aus dem klassischen Griechenland. Aber das Bild, das der moderne griechische Nationalismus von dieser Geschichte zeichnen möchte ist falsch. Mit dem gleichen Recht könnten Perser oder Ägypter Zypern geschichtlich für sich beanspruchen. Schon im Standardwerk über die Geschichte Zyperns von Sir George Hill von 1927 heißt es zu den antiken Beziehungen Zyperns: "Nie war es Bestandteil des klassischen Griechenlands. Es war zusammen mit dem eigentlichen Griechenland und der Ägäis vom Byzantinischen Reich aufgenommen worden, aber nicht als Teil von Griechenland.
Seine Kirche war selbständiges Mitglied der Heiligen Orthodoxen Ostkirche, und so hat Religion in Verbindung mit Sprache die Idee vorangetrieben, die Zyprer seien ursprünglich Griechen. Daß es eine tatsächliche ethnologische Verbindung mit dem hellenistischen Volk gibt, kann man nicht beweisen, die anthropologische Logik, soweit sie zurückreicht, scheint im großen und ganzen die gegenteilige Sicht zu favorisieren, und das einzige offenbare Indiz der Literatur des alten Hellas ist, zusammengefaßt, daß die Zyprer im 5. Jahrhundert als Verbündete betrachtet wurden".
Die Zyperngriechen verstehen sich als Nachfahren der achäischen Siedler, die um das Jahr 1000 vor Christus aus Griechenland nach Zypern kamen. Aber dieses Bild ist reichlich ungenau. In Wirklichkeit sind nämlich unter dem Begriff Zyperngriechen die Nachfahren fast aller Völker zusammengefaßt, die Zypern je in der Geschichte bis ins Mittelalter erobert, besessen oder auch nur durchquert haben. Das sollte man sich bewußt machen, wenn man davon spricht, daß die Zyperngriechen auf das antike Griechenland zurückgehen.
[Aus: Dr. Berner, Uwe: Der Zypern-Konflikt. Eine politische Einführung, Freiburg i.Br. o.J., S. 17-21.]
Vgl. ZYPERN AKTUELL, Jahrgang 1, Nr. 4, Juni 1999, Seite 3.