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10.07.06, 16:24
ORTHODOXIE /
Alexij gegen Bartholomaios:
Um eine britische Diözese hat ein Tauziehen begonnen
Moskau schlägt sich nach bestem Vermögen
http://www.merkur.de/image/roterpunkt.gifWOLFRAM VON SCHELIHA
Erneut droht der langjährige Konflikt zwischen dem Patriarchen von Moskau, Alexij II., und dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., zu eskalieren.
Am 18.Mai hatte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche von Großbritannien und Irland, Bischof Basil, bei Bartholomaios nachgesucht, seine Kirche der Jurisdiktion des Konstantinopler Patriarchats zu unterstellen.
Als Bartholomaios dieser Bitte Anfang Juni entsprach, versetzte Alexij II., dem der Bischof bis dahin unterstanden hatte, Basil am 9.Juni in den Ruhestand und schickte aus Paris den Bischof Innokenti als Interimsverwalter der Diözese nach London.
Die russische Synode erklärte das Vorgehen von Bartholomaios für unkanonisch und kündigte darüber hinaus Kirchenstrafen gegen Basil an.
Vor zehn Jahren war es schon zu einem ähnlichen Streit gekommen. Die orthodoxe Kirche Estlands unterstellte sich gegen den Willen Moskaus und einer Reihe von Gemeinden mit russischstämmiger Mehrheit dem ökumenischen Patriarchen. Die Krise erreichte ihren Höhepunkt, als Alexij im Februar 1996 die Beziehungen mit dem Patriarchen aufkündigte. Obwohl ein Kompromiss gefunden wurde, blieb das Verhältnis gespannt.
Der jetzige Streit offenbart eine ganze Reihe von Konfliktfeldern.
Die britische Diözese der russisch-orthodoxen Kirche war 1962 von Metropolit Antoni, einem in Lausanne geborenen Sohn eines zaristischen Diplomaten, gegründet worden. Sie wurde nach der alten griechischen Bischofsstadt Surosch (heute: Sudak) auf der Krim benannt. Obwohl die Diözese formal dem Moskauer Patriarchat untergeordnet war, besaß sie weitgehende Autonomie, da das Patriarchat unter sowjetischer Herrschaft kaum Einfluss ausüben konnte. Die Gemeinden setzten sich überwiegend aus russischen Emigranten zusammen. Doch Antoni missionierte auch erfolgreich unter anderen britischen Bevölkerungsgruppen. Der Diözese verpasste er eine moderne Verfassung: Priester und Laien wirken gleichberechtigt an der Verwaltung mit.
Das Ende der kommunistischen Diktatur brachte auch der britischen Diözese tief greifende Veränderungen. Die neue Freiheit in Russland ließ auch das Moskauer Patriarchat wieder zu einem politischen Machtfaktor werden, zumal es in alter Tradition die Nähe zu den Regierenden sucht und sich in ihren Dienst stellt. Alexij II. versuchte daher, seinen Einfluss auf die russischen Auslandsgemeinden zu erhöhen.
Im britischen Fall kommt hinzu, dass die orthodoxe Kirche dort im Laufe der Zeit beträchtliches Vermögen erworben hat, auf die das Moskauer Patriarchat gern Zugriff hätte. Darüber hinaus ist der streng hierarchisch organisierten russischen Kirche die demokratische Verfassung der britischen Diözese ein Dorn im Auge. Kirchenpolitisch zeigen sich ebenfalls Differenzen: Während die britische Diözese sich um ein gutes Verhältnis zur anglikanischen und zur katholischen Kirche bemühte, favorisiert man in Russland eine größere Distanz zu den anderen christlichen Konfessionen.
Aber auch die innere Struktur der orthodoxen Gemeinden in Großbritannien hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Bis 1990 gehörten zur Diözese zwischen zwei- und dreitausend Gläubige. Seitdem ist diese Zahl um ein Vielfaches angestiegen. Mittlerweile leben in Großbritannien etwa 250000 Russen. Dabei handelt es sich, wie die Zeitung „Moskowskije Nowosti“ unkt, vor allem um so genannte „neue Russen“, die in den neunziger Jahren durch kriminelle Geschäfte reich geworden sind und sich nun auf den Britischen Inseln ein schönes Leben machen wollen. In vielen Gemeinden sind die alten Gemeindeglieder, die meistens in die britische Gesellschaft integriert sind, in die Minderheit geraten. Die Zuzügler, die in der atheistischen Sowjetunion aufgewachsen sind und meist erst nach 1991 den Weg zur Orthodoxie fanden, bringen vielfach andere Erwartungen an das Gemeindeleben mit oder haben andere Bedürfnisse. Für sie ist die Kirche eine Brücke zur Heimat und deren Traditionen.
Da kommt es zu Konflikten, wenn Frauen ohne Kopftuch und in Hosen die Kirche betreten. Anderen ist es auch nur schwer erträglich, dass mit dem in Ägypten geborenen und in den USA aufgewachsenen Basil ein Bischof der Diözese vorsteht, der nicht aus Russland stammt. Aufgrund von Protesten aus Gemeinden hat Patriarch Alexij deshalb Basil die offizielle Ernennung als Oberhaupt der britischen Diözese verweigert. Die Gemeinden von Manchester und Dublin haben sich sogar direkt dem Moskauer Patriarchen unterstellt.
Bischof Basil zeigt für die unterschiedlichen Interessenlagen durchaus Verständnis. Er hat deshalb dem Moskauer Patriarchen eine Lösung vorgeschlagen, die dem damaligen estnischen Kompromiss nahe kommt: Basil und alle, die ihm folgen wollen, begeben sich unter die Jurisdiktion des Patriarchen Bartholomaios, der gegenüber der westlichen Lebensweise als aufgeschlossen gilt. Die anderen sollen nach Basils Vorstellung unter der Obhut von Alexij bleiben.
Was wie ein Ausgleich klingt, ist für Alexij ein Affront. Sein Verhältnis zum Patriarchen von Konstantinopel ist zerrüttet.
Besonders übel nimmt er ihm sein Engagement in Estland. Da Alexij selbst gebürtiger Este ist, wertet er es als persönlichen Angriff. Aber auch andere orthodoxen Kirchen in Staaten, die früher zum sowjetischen Imperium gehörten, streben von Moskau weg. Besonders heikel ist die Situation in der Ukraine. Dort konkurrieren mehrere orthodoxe Kirchenorganisationen miteinander. In der Frage der Anbindung der Ukraine an Europa oder an Russland fällt den Kirchen eine wichtige Rolle zu. Aber auch theologisch liegen beide Patriarchen auseinander. Bartholomaios ist reformorientiert und ökumenisch aufgeschlossen.
Schließlich ist da die Machtfrage.
Zur unmittelbaren Diözese des Patriarchen von Konstantinopel gehören nur die wenigen tausend griechisch-orthodoxen Christen, die in der Türkei leben. Als „ökumenischer Patriarch“ hat er jedoch einen Ehrenprimat unter den orthodoxen Kirchenführern inne.
Der Moskauer Patriarch steht in der orthodoxen Ehrenhierarchie erst an fünfter Stelle. Doch leitet er aus dem Umstand, dass weltweit die meisten orthodoxen Gläubigen zu seiner Herde zählen, den Anspruch auf eine führende Rolle innerhalb der Gesamtorthodoxie ab. Je mehr nationale Kirchen sich von Moskau ab- und Konstantinopel zuwenden, desto stärker wird dieser Anspruch untergraben.
Einem Kompromiss im Falle der orthodoxen Kirche in Großbritannien steht aber noch ein anderes Problem entgegen: Das beträchtliche Kirchenvermögen, zu dem auch die Immobilien zählen, gehört einer Stiftung nach britischem Recht. Sie wiederum wird von den alten Emigranten kontrolliert, die Basil zuneigen.
Die moskautreuen Anhänger verlangen jedoch, dass dieses Vermögen ihnen zugesprochen wird. Es ist deshalb gut möglich, dass der Bruderzwist erst vor britischen Gerichten entschieden wird, die formal der Queen, dem Oberhaupt der anglikanischen Kirche, unterstehen. Dies wäre dann fast schon wieder ein Paradebeispiel für gelebte Ökumene.
© Rheinischer Merkur Nr. 26, 29.06.2006
http://www.merkur.de/2006_26_Moskau_schlaegt_s.1355 7.0.html?&no_cache=1
Alexij gegen Bartholomaios:
Um eine britische Diözese hat ein Tauziehen begonnen
Moskau schlägt sich nach bestem Vermögen
http://www.merkur.de/image/roterpunkt.gifWOLFRAM VON SCHELIHA
Erneut droht der langjährige Konflikt zwischen dem Patriarchen von Moskau, Alexij II., und dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., zu eskalieren.
Am 18.Mai hatte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche von Großbritannien und Irland, Bischof Basil, bei Bartholomaios nachgesucht, seine Kirche der Jurisdiktion des Konstantinopler Patriarchats zu unterstellen.
Als Bartholomaios dieser Bitte Anfang Juni entsprach, versetzte Alexij II., dem der Bischof bis dahin unterstanden hatte, Basil am 9.Juni in den Ruhestand und schickte aus Paris den Bischof Innokenti als Interimsverwalter der Diözese nach London.
Die russische Synode erklärte das Vorgehen von Bartholomaios für unkanonisch und kündigte darüber hinaus Kirchenstrafen gegen Basil an.
Vor zehn Jahren war es schon zu einem ähnlichen Streit gekommen. Die orthodoxe Kirche Estlands unterstellte sich gegen den Willen Moskaus und einer Reihe von Gemeinden mit russischstämmiger Mehrheit dem ökumenischen Patriarchen. Die Krise erreichte ihren Höhepunkt, als Alexij im Februar 1996 die Beziehungen mit dem Patriarchen aufkündigte. Obwohl ein Kompromiss gefunden wurde, blieb das Verhältnis gespannt.
Der jetzige Streit offenbart eine ganze Reihe von Konfliktfeldern.
Die britische Diözese der russisch-orthodoxen Kirche war 1962 von Metropolit Antoni, einem in Lausanne geborenen Sohn eines zaristischen Diplomaten, gegründet worden. Sie wurde nach der alten griechischen Bischofsstadt Surosch (heute: Sudak) auf der Krim benannt. Obwohl die Diözese formal dem Moskauer Patriarchat untergeordnet war, besaß sie weitgehende Autonomie, da das Patriarchat unter sowjetischer Herrschaft kaum Einfluss ausüben konnte. Die Gemeinden setzten sich überwiegend aus russischen Emigranten zusammen. Doch Antoni missionierte auch erfolgreich unter anderen britischen Bevölkerungsgruppen. Der Diözese verpasste er eine moderne Verfassung: Priester und Laien wirken gleichberechtigt an der Verwaltung mit.
Das Ende der kommunistischen Diktatur brachte auch der britischen Diözese tief greifende Veränderungen. Die neue Freiheit in Russland ließ auch das Moskauer Patriarchat wieder zu einem politischen Machtfaktor werden, zumal es in alter Tradition die Nähe zu den Regierenden sucht und sich in ihren Dienst stellt. Alexij II. versuchte daher, seinen Einfluss auf die russischen Auslandsgemeinden zu erhöhen.
Im britischen Fall kommt hinzu, dass die orthodoxe Kirche dort im Laufe der Zeit beträchtliches Vermögen erworben hat, auf die das Moskauer Patriarchat gern Zugriff hätte. Darüber hinaus ist der streng hierarchisch organisierten russischen Kirche die demokratische Verfassung der britischen Diözese ein Dorn im Auge. Kirchenpolitisch zeigen sich ebenfalls Differenzen: Während die britische Diözese sich um ein gutes Verhältnis zur anglikanischen und zur katholischen Kirche bemühte, favorisiert man in Russland eine größere Distanz zu den anderen christlichen Konfessionen.
Aber auch die innere Struktur der orthodoxen Gemeinden in Großbritannien hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Bis 1990 gehörten zur Diözese zwischen zwei- und dreitausend Gläubige. Seitdem ist diese Zahl um ein Vielfaches angestiegen. Mittlerweile leben in Großbritannien etwa 250000 Russen. Dabei handelt es sich, wie die Zeitung „Moskowskije Nowosti“ unkt, vor allem um so genannte „neue Russen“, die in den neunziger Jahren durch kriminelle Geschäfte reich geworden sind und sich nun auf den Britischen Inseln ein schönes Leben machen wollen. In vielen Gemeinden sind die alten Gemeindeglieder, die meistens in die britische Gesellschaft integriert sind, in die Minderheit geraten. Die Zuzügler, die in der atheistischen Sowjetunion aufgewachsen sind und meist erst nach 1991 den Weg zur Orthodoxie fanden, bringen vielfach andere Erwartungen an das Gemeindeleben mit oder haben andere Bedürfnisse. Für sie ist die Kirche eine Brücke zur Heimat und deren Traditionen.
Da kommt es zu Konflikten, wenn Frauen ohne Kopftuch und in Hosen die Kirche betreten. Anderen ist es auch nur schwer erträglich, dass mit dem in Ägypten geborenen und in den USA aufgewachsenen Basil ein Bischof der Diözese vorsteht, der nicht aus Russland stammt. Aufgrund von Protesten aus Gemeinden hat Patriarch Alexij deshalb Basil die offizielle Ernennung als Oberhaupt der britischen Diözese verweigert. Die Gemeinden von Manchester und Dublin haben sich sogar direkt dem Moskauer Patriarchen unterstellt.
Bischof Basil zeigt für die unterschiedlichen Interessenlagen durchaus Verständnis. Er hat deshalb dem Moskauer Patriarchen eine Lösung vorgeschlagen, die dem damaligen estnischen Kompromiss nahe kommt: Basil und alle, die ihm folgen wollen, begeben sich unter die Jurisdiktion des Patriarchen Bartholomaios, der gegenüber der westlichen Lebensweise als aufgeschlossen gilt. Die anderen sollen nach Basils Vorstellung unter der Obhut von Alexij bleiben.
Was wie ein Ausgleich klingt, ist für Alexij ein Affront. Sein Verhältnis zum Patriarchen von Konstantinopel ist zerrüttet.
Besonders übel nimmt er ihm sein Engagement in Estland. Da Alexij selbst gebürtiger Este ist, wertet er es als persönlichen Angriff. Aber auch andere orthodoxen Kirchen in Staaten, die früher zum sowjetischen Imperium gehörten, streben von Moskau weg. Besonders heikel ist die Situation in der Ukraine. Dort konkurrieren mehrere orthodoxe Kirchenorganisationen miteinander. In der Frage der Anbindung der Ukraine an Europa oder an Russland fällt den Kirchen eine wichtige Rolle zu. Aber auch theologisch liegen beide Patriarchen auseinander. Bartholomaios ist reformorientiert und ökumenisch aufgeschlossen.
Schließlich ist da die Machtfrage.
Zur unmittelbaren Diözese des Patriarchen von Konstantinopel gehören nur die wenigen tausend griechisch-orthodoxen Christen, die in der Türkei leben. Als „ökumenischer Patriarch“ hat er jedoch einen Ehrenprimat unter den orthodoxen Kirchenführern inne.
Der Moskauer Patriarch steht in der orthodoxen Ehrenhierarchie erst an fünfter Stelle. Doch leitet er aus dem Umstand, dass weltweit die meisten orthodoxen Gläubigen zu seiner Herde zählen, den Anspruch auf eine führende Rolle innerhalb der Gesamtorthodoxie ab. Je mehr nationale Kirchen sich von Moskau ab- und Konstantinopel zuwenden, desto stärker wird dieser Anspruch untergraben.
Einem Kompromiss im Falle der orthodoxen Kirche in Großbritannien steht aber noch ein anderes Problem entgegen: Das beträchtliche Kirchenvermögen, zu dem auch die Immobilien zählen, gehört einer Stiftung nach britischem Recht. Sie wiederum wird von den alten Emigranten kontrolliert, die Basil zuneigen.
Die moskautreuen Anhänger verlangen jedoch, dass dieses Vermögen ihnen zugesprochen wird. Es ist deshalb gut möglich, dass der Bruderzwist erst vor britischen Gerichten entschieden wird, die formal der Queen, dem Oberhaupt der anglikanischen Kirche, unterstehen. Dies wäre dann fast schon wieder ein Paradebeispiel für gelebte Ökumene.
© Rheinischer Merkur Nr. 26, 29.06.2006
http://www.merkur.de/2006_26_Moskau_schlaegt_s.1355 7.0.html?&no_cache=1