Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Über die Solidarität des Zentrals zu Israel
Manastirli Hamdi
22.07.06, 16:49
http://www.taz.de/pt/2006/07/21/a0142.1/textdruck
"Wer, wenn nicht Juden?"<H5 class=U>Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn erklärt, warum der Zentralrat der Juden sich trotz aller Spannungen lautstark solidarisch mit Israel erklärt. Das Land ist "unsere Lebensversicherung" </H5>taz: Herr Wolffsohn, der Zentralrat der Juden zeigt (nun auch wieder in den Anzeigen einiger Zeitungen) viel Verständnis für die derzeitige israelische Politik im Libanon - ist diese Haltung und zum Teil vehemente Form, in der sie ausgedrückt wird, im Großen und Ganzen Konsens im Judentum in Deutschland?
Michael Wolffsohn: Mit Sicherheit, und das ist, in Anführungsstrichen, auch gut so. Wer, wenn nicht vor allem - aber bitte auch nicht nur - Juden, sollte Solidarität mit Israel bekunden? Das hat nichts zu tun mit der vom erzreaktionären Historiker Treitschke Ende des 19. Jahrhunderts unterstellten "Doppelloyalität" der Juden. Wir Juden sind gute, engagierte Bürger unseres jeweiligen Staates und zugleich mit Israel, unserer "Lebensversicherung", verbunden. Was ist an der Anzeige des Zentralrates "vehement"? Der Zentralrat der Juden drückt in dieser Anzeige unter anderem sein "tiefstes Bedauern über jedes Opfer der derzeitigen Eskalation aus".
Finden Sie die Forderung des Zentralrats nach einem Rücktritt der Bundesministerin Wieczorek-Zeul, die das israelische Bombardement von Zivilisten im Libanon "völkerrechtlich völlig inakzeptabel" genannt hatte, angemessen?
Frau Wieczorek-Zeul redet viel über Völkerrecht und internationale Politik. Sie betreibt beides eher unprofessionell und aus der Krähwinkel-Perspektive ihrer ins Alter gekommenen 68er Ideologie. In der Demokratie ist es aber Gott sei Dank erlaubt und möglich, auch Unsinn zu reden. Über den Rücktritt von Politikern entscheidet in der Demokratie am besten der Souverän, das Volk. Nebenbei: Wenn Frau Wieczorek-Zeul "Verhältnismäßigkeit" im Kampf fordert, macht sie sich die so oft - und zu Unrecht kritisierte - Maxime "Auge für Auge, Zahn um Zahn" zu eigen. Die bedeutet nämlich nichts anderes als "Verhältnismäßigkeit".
Ist es nicht inkonsequent vom Zentralrat, einerseits stets zu betonen, dass er nicht als Sprecher der israelischen Regierung in Deutschland zu betrachten sei, andererseits nun so vehement die israelische Politik zu verteidigen?
Das eine schließt das andere doch nicht aus. Der Zentralrat ist nicht der verlängerte Arm Israels, aber warum soll, kann, darf er nicht "Solidarität mit Israel" bekunden? Das gehört zur Meinungsfreiheit. Sollte sie nicht für den Zentralrat der Juden gelten?
Warum erwähnt der Zentralrat, auch in den Anzeigen, zwar die UNO-Resolution, die eine Entwaffnung der Hisbollah fordert, aber nicht die zwei, die seit 1967 den israelischen Abzug aus den besetzten Gebieten verlangt?
Ganz einfach: Weil Israel alle im Libanon besetzten Gebiete im Jahre 2000 geräumt hat, den Gaza-Streifen im vorigen Jahr, und Israels Regierung bereit ist, 95 Prozent des Westjordanlandes zu räumen.
Ist die Solidarität mit Israel als identitätsstiftendes Band im Judentum in Deutschland wichtiger geworden, weil es heute weniger gibt als früher, was Juden in Deutschland miteinander verbindet - man denke etwa an die Konflikte zwischen "Liberalen" und "Orthodoxen", Alteingesessenen und Zugewanderten?
Die von Ihnen angesprochenen Spannungen gibt es, sie sind dialektisch zu verstehen. An der grundsätzlichen Verbundenheit von uns Juden ändert das nichts. Wir streiten oft und heftig, wissen aber, dass wir zusammengehören und zusammenhalten wollen und müssen, nicht "nur" der Rechtsextremisten wegen. INTERVIEW: PHILIPP GESSLER
taz Nr. 8027 vom 21.7.2006, Seite 4, 97 Interview PHILIPP GESSLER
Manastirli Hamdi
22.07.06, 16:50
http://www.taz.de/pt/2006/07/21/a0141.1/textdruck
Die Herzen sind in Israel
<H5 class=U>Er sieht sich nicht als Sprecher des Landes: Trotzdem verteidigt der Zentralrat der Juden streitbar das Vorgehen Israels
VON PHILIPP GESSLER
Das europäische Judentum zeigt Flagge für Israel. Vertreterinnen und Vertreter des European Jewish Congress (EJC) wollen am Wochenende nach Israel fliegen, um dort ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu bekunden.
Dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, zufolge werden voraussichtlich seine Vorsitzende Charlotte Knobloch und er dort ab Sonntag zusammen mit anderen EJC-Mitgliedern politische Gespräche führen - ersten Planungen nach wird es unter anderem ein Treffen mit Ministerpräsident Ehud Olmert geben.
Die Solidaritätsreise deckt sich inhaltlich mit Zeitungsanzeigen, die gestern mit ähnlichem Wortlaut in fast allen europäischen Staaten von jüdischen Organisationen geschaltet wurden. Darin versichern die Verbände ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat und bedauern "jedes Opfer der derzeitigen Eskalation", wie der Zentralrat schreibt. Zugleich wird "die Politik" dazu aufgefordert, "die Auflösung der terroristischen Hisbollah zu erreichen". Eine UNO-Resolution verlangt dies seit 2004. Solidaritätsreise wie -anzeigen unterstreichen die Politik des Zentralrats, der seit Ausbruch der Kämpfe öffentlich deutlich und streitbar das Vorgehen Israels verteidigt. Ein Beispiel war die Rücktrittsforderung an die Adresse von Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). Die Entwicklungshilfe-Ministerin hatte Israels Bombardement von Zivilisten im Libanon "völkerrechtlich völlig inakzeptabel" genannt. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier war kurzzeitig vom Zentralrat scharf kritisiert worden, weil er bei der Bewertung der Krise "offenbar mit zweierlei Maß misst", wie Vizepräsident Dieter Graumann sagte.
In einem Gespräch mit der taz bekräftigte Graumann den Vorwurf, Wieczorek-Zeul pflege seit Jahrzehnten "israelfeindliche Reflexe". Von einer Rücktrittsforderung will er nicht mehr sprechen, der Zentralrat habe lediglich "sein Unbehagen ausgedrückt". Es sei nicht unlogisch, wenn der Zentralrat einerseits häufig unterstreiche, nicht Sprecher der israelischen Regierung zu sein, andererseits nun die israelische Politik verteidige: "Wir vertreten die Juden in Deutschland", sagte Graumann, "wir sind keine versteckten Israelis." Andererseits melde man sich zu Wort, wenn Politiker einseitig über Israel urteilten. Über Verwandte und Freunde dort seien sehr viele der hiesigen Juden von den Angriffen auf Israel "mit betroffen": "Unsere Herzen sind dort in Israel."
Ähnlich sagte es Jan Mühlstein, der Vorsitzende der Union Progressiver Juden in Deutschland, der taz: Zwar drücke der Zentralrat derzeit "manches schärfer aus, als ich es formulieren würde". Nach seiner Einschätzung aber unterstützten derzeit wohl "95 Prozent" der Juden in Deutschland die Israel-Erklärungen des Zentralrats: "Man kann kritisieren, dass wir Israel nicht objektiv sehen", sagte Mühlstein, "wir sind da Partei." Gleichwohl seien die Juden in Deutschland nicht für das Handeln der dortigen Regierung verantwortlich - und verantwortlich zu machen.
Nach Ansicht des Publizisten Micha Brumlik sind die Worte des Zentralrats womöglich schärfer, weil im deutschen Judentum hintergründig das Gefühl vorherrsche: Israel werde derzeit durch die israelfeindlichen Aussagen von Irans Präsident Ahmadinedschad und dessen Atompolitik "bedroht von einem atomaren Holocaust". Und diese Feindschaft - wie die der Hisbollah - beruhe, anders als die der Palästinenser, auf reiner Ideologie.
taz Nr. 8027 vom 21.7.2006, Seite 4, 98 TAZ-Bericht PHILIPP GESSLER
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Manastirli Hamdi
22.07.06, 16:51
http://www.taz.de/pt/2006/07/21/a0140.1/textdruck
Und doch für Israel
In Großbritannien und Frankreich tun sich viele Juden schwer mit Israels derzeitiger Politik - aber eine grundsätzliche Solidarität ist da
DUBLIN/PARIS taz http://www.taz.de/gifs/bl.gif "In Großbritannien wählen sie die Tories, in Israel unterstützen sie Labour", sagte John Benjamin, Geschäftsführer des "Rats der britischen Juden". Er meinte die jüdische Bevölkerung in Großbritannien. Rund 267.000 Juden leben auf der Insel. "Zwei Juden, drei Meinungen", lautet ein jüdisches Sprichwort.
Großbritanniens Juden sind gespalten, wenn es um Israel geht. "Die jüdische Mittelschicht in Großbritannien ist tief unter der Oberfläche verärgert über Israels Regierungspolitik", schreibt die jüdische britische Autorin Linda Grant im Independent. "Aber sie drückt diesen Ärger nicht öffentlich aus, um den Feinden des Staates keine Argumente zu liefern." Benjamin äußert sich auch nicht über Israels Politik. "Wir sprechen lediglich darüber, welche Auswirkungen die Berichterstattung über Israel auf uns hat." Benjamin erklärt: Viele Juden, die politisch links stehen, fühlten sich isoliert - beargwöhnt vom jüdischen Mainstream, abgeschreckt vom Antisemitismus der palästinensischen Gruppen.
Die 2002 gegründete Organisation "Juden für Gerechtigkeit für Palästina" verurteilte jüngst die Bombardierung eines Kraftwerks in Gaza. Einer der 300 Unterzeichner: Literaturnobelpreisträger Harold Pinter. Jewish Chronicle-Chefredakteur David Rowan sagt: "Israel hat zurzeit ein lausiges Image. Wir führen in unserer Zeitung eine Debatte darüber, ob man dieses Image verändern muss. Manche argumentieren, dass wir keine positive Werbekampagne brauchen, sondern dass das Töten von Kindern im Libanon das Problem ist."
In Paris wurden am Mittwochabend in der "Sieges-Synagoge" 1.200 jüdische Auswanderer nach Israel mit einem Gebet verabschiedet. Der Saal war mit israelischen Fahnen geschmückt. Großrabbiner David Messas sprach ein Gebet für den Frieden - und den Sieg Israels. Israels Integrationsminister Zeev Boïm sagte als Ehrengast: "Macht euch keine Sorgen, unser Kampf ist gerecht." Er lobte Innenminister Nicolas Sarkozy, weil er die Hisbollah "für die Aggression verantwortlich" gemacht habe.
Die etwa 600.000 Juden Frankreichs wissen, dass die Bilder aus dem Libanon die Öffentlichkeit schockieren. Mit einer Zeitungsanzeigen wirbt der Repräsentative Rat der Jüdischen Institutionen Frankreichs (CRIF) um Verständnis: "Würde Frankreich passiv bleiben, wenn Marseille, die Partnerstadt von Haifa, wo mehrere Einwohner getötet wurden, von Terroristen bombardiert würde?" Der CRIF ahnt: Die Eskalation kann die Spannungen zwischen den religiösen Gemeinschaften verschärfen. Seit der zweiten Intifada hat der Antisemitismus in Frankreich zugenommen.
RALF SOTSCHECK, RUDOLF BALMER
taz Nr. 8027 vom 21.7.2006, Seite 4, 73 TAZ-Bericht RALF SOTSCHECK / RUDOLF BALMER
Manastirli Hamdi
14.08.06, 23:07
http://www.taz.de/pt/2006/08/14/a0129.1/textdruck
Der Provokateur
VON PHILIPP GESSLER
Am Ende zeigt Rolf Verleger Familienbilder. Es sind Schwarzweißfotos, gespeichert in einem Computer, die ein für die Bundesrepublik ungewöhnliches Umfeld schildern: ein jüdisches Leben in den 50er-, 60er-Jahren. Wie in der Stuttgarter Synagoge die Thora-Rolle festlich eingeführt wurde, die Papa damals der Gemeinde gespendet hatte. Wie der kleine Rolf die Kerzen des Chanukkaleuchters entzündet. Wie seine Eltern als Hochzeitspaar stolz und ein wenig still in die Kamera schauen: Rolfs Mama, noch blutjung, aber schon eine KZ- und Todesmarsch-Überlebende. Rolfs Vater, 26 Jahre älter als sie, auch er ein Überlebender des Holocaust, in dem seine erste Frau und seine beiden Kinder umgebracht worden waren. Ein Blick auf diese Fotos, und man versteht sofort, warum es Rolf Verleger "sehr verletzt", wie er sagt, als Antisemit beschimpft zu werden.
Prof. Dr. Rolf Verleger ist Psychologe und forscht über die Neurophysiologie der Kognition - was so kompliziert ist, wie es sich anhört. Nebenher ist er aber auch der Vorsitzende des orthodox geprägten Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins und delegiertes Mitglied des Direktoriums, also etwa der Länderkammer, des Zentralrats der Juden in Deutschland. In dieser Funktion hat der Lübecker etwas gemacht, was man offenbar als Verantwortungsträger in der jüdischen Gemeinschaft derzeit nicht ungestraft tut: Er hat die gegenwärtige israelische Politik im Südlibanon kritisiert. Zunächst intern im Zentralrat, dann öffentlich in der taz. Und seitdem, seit Dienstagmorgen, "ist die Hölle los", wie der 54-Jährige sagt. Er lacht dabei ein wenig. So wie Männer eben lachen, die wohl bis zu ihrem Lebensende etwas Jungenhaftes haben. Es steckt an dieses Lachen - und bleibt einem doch im Halse stecken.
"Aber", sagt Rolf Verleger mit einem leicht ironischen Lächeln, "ich wollte es ja so haben." Na ja, das ist natürlich übertrieben, denn er wollte ja keineswegs neben einer Flut von bald 70 positiven E-Mails auch solche mit vielen Beschimpfungen bekommen, von denen "aufgeblasenes, dummes Arschloch" noch zu den harmloseren gehört. Hinzu kam unter anderem die ihm telefonisch überbrachte Aufforderung, doch am besten auf einen jüdischen Friedhof zu gehen und sich dort eine Kugel in den Kopf zu jagen. Es ist nicht leicht, solche Anwürfe wegzustecken, zumal wenn man so sensibel ist wie Rolf Verleger, was jeder erkennt, der nur zwei Minuten in seiner Nähe verbracht hat. Aber dumm ist er nicht, und er wollte provozieren, was ihm perfekt gelungen ist - "und jetzt", sagt Rolf Verleger lächelnd, "bleibt nur die rigorose Flucht nach vorn."
Am 23. Juli schrieb Rolf Verleger einen geharnischten Brief an das Präsidium und das Direktorium des Zentralrats. In diesem kritisierte er "Israels Gewaltpolitik" scharf. Ebenso die öffentliche Parteinahme des Zentralrats "für die militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon": "Diese Militäraktion macht Israel nicht sicherer, sondern unsicherer. Der Zorn und die Wut und die Gewalt der Nachbarstaaten werden vervielfacht, der Konflikt wird ausgeweitet anstatt eingedämmt", zürnte er.
Rolf Verleger beruft sich in seinem Schreiben auf Lehrsätze jüdischer Autoritäten wie Hillel oder Rabbi Akiba und das Bibelwort "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst": "Das glaubt mir doch heutzutage keiner mehr", so schreibt er, "dass dies das ,eigentliche Judentum' ist, in einer Zeit, in der der jüdische Staat andere Menschen diskriminiert, in Kollektivverantwortung bestraft, gezielte Tötungen ohne Gerichtsverfahren praktiziert, für jeden getöteten Landsmann zehn Libanesen umbringen lässt und ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legt. Ich kann doch wohl vom Zentralrat der Juden in Deutschland erwarten, dass dies wenigstens als Problem gesehen wird."
Irgendwie sah der Zentralrat tatsächlich ein Problem - allerdings ganz anders, als Rolf Verleger sich das wohl gedacht hatte. Die Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch schrieb ihm einen Brief, etwa im Tonfall: Das sei doch keine Art. Mehr will Rolf Verleger über diesen Brief nicht sagen. Es folgten zwei Briefe von Präsidiumskollegen. Sie wurden in diesem Kreis vom Zentralratsbüro verbreitet, weshalb sie Rolf Verleger als öffentlich ansieht. In dem einen wirft ihm Hanna Sperling, Vorsitzende der westfälischen Gemeinden, vor, "abgedroschene antizionistische Argumente" zu nutzen, in dem "Chor der einseitigen Verurteiler Israels" einzustimmen und mit seiner "einseitigen, polemischen Kritik an Israel" gar den "Feinden" dieses Staates "direkt in die Hände" zu spielen. Auch der Vorsitzende der sächsischen Gemeinden, Heinz Joachim Aris, greift Rolf Verleger scharf an und erklärt, dass "die Solidarität mit Israel zu unserer heiligen Pflicht gehört, die in keiner Situation von Juden zur Disposition gestellt werden darf".
Nach der taz-Veröffentlichung der Briefe von und an Verleger legte Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer noch einmal nach. Er nannte die Position von Verleger öffentlich "abstrus", es sei eine "absolute Einzelmeinung". Der Vorwurf, Israel betreibe eine Gewaltpolitik, sei "absurd". Der Lübecker bediene sich "antiisraelischer Klischees, die durch keine sachlichen Argumente belegt sind". Direkt an Rolf Verleger gingen ähnlich scharfe, ablehnende Briefe von Jüdinnen und Juden - aber auch einige mit positiver Resonanz. Ein offenbar älterer Jude schrieb: "Ich bin 100 % mit Ihnen einig." Und: "Was ich in Auschwitz gelernt habe: Nie so werden wie die Übeltäter, die uns dies antun!" Ein Jüdin schrieb: "Ich möchte Ihnen für Ihre Courage und Ihre öffentliche Meinung in Bezug auf den Libanonkrieg und die Taten des Staates Israel danken. Ich kann mich jedem Satz anschließen." Und über eine kurze E-Mail des Doyens der israelischen Friedensbewegung, Uri Avnery, hat sich Rolf Verleger vielleicht am meisten gefreut: "Lieber Rolf, Danke vom ganzen Herzen. Sie tun eine Mitzwa. Shalom, Uri." Mitzwa ist ein gutes, gottgefälliges Werk.
Rolf Verleger kann mit dieser religiösen Sprache etwas anfangen, denn aufgewachsen ist er in einem ziemlich religiösen Haushalt im baden-württembergischen Ravensburg - und sein Bruder und er hätten das als junge Menschen in jugendlichem Eifer sogar noch auf die Spitze getrieben: Nur koscheres Fleisch wollten sie, anders als ihre Eltern, essen. Es musste extra von Stuttgart geschickt werden. Eine "folie à deux" nennt Rolf Verleger das heute.
Es folgte eine recht typische Spät-68er-Biografie: "Wilde Ehe", wie es damals noch hieß, Brokdorf-Demos, einige Jobs und zwei Jahre Arbeitslosigkeit, K-Gruppen-Nähe, Eintritt bei den Grünen vor bald 30 Jahren - und natürlich findet sich heute in der Garage kein Auto, sondern nur mehrere Fahrräder. Die Mitgliedschaft bei Statt-Auto passt ins Bild. Das Religiöse trat, dem Zeitgeist folgend und als Teil eines Abnabelungsprozesses, bald in den Hintergrund, zumal Rolf Verlegers Frau keine Jüdin ist. Als aber dann mit den Kindern die ersten Adventskerzen und Weihnachtsbäume ins Haus kamen, fand Rolf Verleger, ein wenig irritiert, im Gegenzug langsam wieder zu seiner Religion zurück. "Eine Sehnsucht nach Heimat hatte ich ja."
Vergessen waren die alten Gebete nie, und noch heute kann Rolf Verleger ganze Absätze auf Hebräisch aus der Thora zitieren. Das Engagement für die jüdische Gemeinschaft aber blühte erst mit der Bewunderung für den früheren Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis auf. Und mit der Masse an jüdischen Zuwanderern, die ab Anfang der 90er-Jahre auch in Lübeck in die Gemeinde integriert werden musste: "Das habe ich als Auftrag begriffen." Dass Unbekannte die Lübecker Synagoge zweimal anzünden wollten, verstärkte Verlegers Einsatz noch - zumal der einhellige öffentliche Protest der Bürger der Hansestadt gegen die Anschläge seine Zweifel schnell beiseite fegten: "Ja, das ist meine Heimat", sagte er sich, "doch, hier bin ich richtig."
Rolf Verlegers Bruder und Schwester sind schon als Jugendliche nach Israel ausgewandert. Sie haben "Alija gemacht", so der Fachbegriff. Rolfs Verhältnis zu seinem Bruder war lange gestört, weil der in die ultraorthodoxe Ecke abrutschte - bis zu seinem absurden Versuch, seinen Kindern zu verheimlichen, dass sie nichtjüdische Cousins in Deutschland haben. "Furcht vor Ansteckung", kommentiert das Rolf Verleger bitter. Aber offenbar ging es zugleich darum, die Heiratschancen seiner Kinder in orthodoxen Kreisen nicht zu verschlechtern. Auch diese Erfahrungen spielen eine Rolle, wenn Rolf Verleger heute über Israel redet, wie er einräumt.
Seine Israel-Kritik versteht Rolf Verleger dennoch als die eines Freundes des Landes, das er von vielen Besuchen gut kennt: "Dieses Land bedeutet mir einfach mehr als andere", betont er. Beim Friedensschluss zwischen Arafat und Rabin damals vor dem Weißen Haus seien ihm die Tränen gekommen vor Freude und Rührung. Schon wie vor drei Jahren, als er einen umstrittenen Boykott von Waren aus den besetzten Gebieten, eine Initiative aus dem Attac-Umfeld, unterstützte, meint er heute: "Israel findet allein gar nicht mehr auf den Deeskalationsweg, man muss es puschen."
Das derzeitige Geschehen, "demontiert doch das Judentum als Religion", argumentiert Rolf Verleger. Die starke Identifikation vieler Juden in Deutschland mit Israel sieht er kritisch: "Für manche ist die Identifikation mit Israel der wesentliche Teil des Judentums, da sie sonst nichts mehr mit dem Judentum verbindet." Er dagegen sei, wie es seine Tochter mal gesagt habe, "mit Israel befreundet". Wer aber, habe sie gefragt, sei ein wahrer Freund: Der, der den Freund immer bestärke - oder der, der ihn auch einmal kritisiere? Und dann zitiert er noch einmal seine Tochter, die ihm angesichts des gegenwärtigen Konflikts mit dem Zentralrat "liebevoll-ironisch" sagte: "Du wirst als Gerechter leben und sterben." Aber vielleicht war das ja auch gar nicht ironisch gemeint.
Nachtrag: Am Freitag wurde Rolf Verleger darüber informiert, dass der Vorstand seiner Lübecker Gemeinde aus Protest gegen seine israelkritischen Aussagen erwägt, seine Entsendung in den Landesverband zurückzuziehen. Damit wäre Rolf Verleger dann de facto sein Amt als Landesvorsitzender los - und seinen Sitz im Zentralrat wohl auch.
taz Nr. 8047 vom 14.8.2006, Seite 4, 343 Portrait VON PHILIPP GESSLER
Manastirli Hamdi
14.08.06, 23:09
http://www.taz.de/pt/2006/08/14/a0128.1/textdruck
"ICH WEISS, DASS ICH GEGEN JAHRZEHNTELANG FEST GEFÜGTE MEINUNGEN ARGUMENTIERE"
Rolf Verleger, Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland, schrieb am 23. Juli 2006 an das Präsidium des Zentralrats:
"Sie haben in den letzten Tagen öffentlich Partei für die militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon ergriffen. Dazu kann und will ich nicht schweigen. Es ist mir selbstverständlich, dass Sie damit die Mehrheitsmeinung der Juden in Deutschland ausdrücken. Jedoch ich hätte mir von Ihnen noch etwas mehr erwartet … Selbstverständlich weiß ich, dass ich hier gegen jahrzehntelang fest gefügte Meinungen argumentiere. Aber ich bin nicht der Erste, ich werde nicht der Letzte sein, und zusammen mit besonnenen Menschen in Israel und außerhalb Israels können wir die Dinge zum Guten wenden. Die israelische Regierung braucht unsere Solidarität. Im Moment ist sie auf einem falschen Weg, daher braucht sie von solidarischen Freunden jetzt nicht mehr Waffen oder mehr Geld oder mehr Public Relations, sondern mehr Kritik." FOTO: ANDREAS HERZAU
taz Nr. 8047 vom 14.8.2006, Seite 4, 25 Dokumentation Rolf Verleger, Foto-Text
Manastirli Hamdi
24.08.06, 12:59
http://www.taz.de/pt/2006/08/24/a0131.1/textdruck
Zentralrats-Kritiker muss gehen
Jüdische Gemeinde Lübeck beruft Vorsitzenden wegen Haltung zu Nahostkrieg ab
LÜBECK epd/taz http://www.taz.de/gifs/bl.gif Die Jüdische Gemeinde Lübeck hat ihren Vorsitzenden Rolf Verleger nach Kritik an Israel abberufen. Er sei damit auch nicht mehr Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, sagte Verleger gestern. Er bleibe jedoch Delegierter im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Verleger ist Professor für Neurophysiologie an der Lübecker Uniklinik.
Verleger hatte Anfang August Israels Einmarsch in den Libanon als "Gewaltpolitik" verurteilt. Der jüdische Staat bestrafe Menschen in Kollektivverantwortung, praktiziere Tötungen ohne Gerichtsverfahren und lasse ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legen. Zudem warf er dem Präsidium des Zentralrats vor, in seinen öffentlichen Stellungnahmen die dunkle Seite der israelischen Politik im Libanon und gegenüber den Palästinensern zu verschweigen. Es sei ihm zwar "klar, dass Sie damit die Mehrheitsmeinung der Juden in Deutschland ausdrücken". Er habe jedoch vom Präsidium "noch etwas mehr erwartet".
Der Zentralrat hatte Verlegers Darstellung als "absolute Einzelmeinung" zurückgewiesen und angekündigt, an der loyalen Haltung zu Israel festzuhalten. Im Präsidium und im Direktorium stehe eine überwältigende Mehrheit positiv zu Israel. Nach Kriegsbeginn hatte der Zentralrat mehrfach seine Solidarität mit Israel bekundet und "einseitige Kritik" an Israel scharf zurückgewiesen. In einem Aufruf vom 21. Juli hieß es, "die Verantwortung für die aktuelle Situation trägt jedoch nicht Israel, sondern die libanesische Regierung".
taz Nr. 8056 vom 24.8.2006, Seite 6, 53 TAZ-Bericht
deryatulga
30.08.06, 01:36
SPIEGEL ONLINE - 29. August 2006, 16:04
URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,434132,00.html Zentralratspräsidentin Knobloch
"Absolute Anti-Stimmung gegen Juden"
Seit Juni ist Charlotte Knobloch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE berichtet sie von Stimmungsmache gegen die deutschen Juden, warnt vor Appeasement-Politik gegenüber Iran - und erklärt, warum sie nicht mehr übers Auswandern nachdenkt.
SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Außenpolitik steht vor einer Zäsur. Bundeswehr-Soldaten werden zum ersten Mal im Nahen Osten eingesetzt, bei der Uno-Mission im Libanon. Halten Sie das für richtig?
Knobloch: Die Zäsur sehe ich eher beim Staat Israel, nicht bei der deutschen Politik. Ich war sehr überrascht von der Entscheidung der israelischen Regierung, Deutschland um diese militärische Beteiligung zu bitten. Und das war sicher keine Entscheidung per Schnellschuss. Deshalb ist die Zäsur in Israel viel größer als jene in Deutschland. Wir wissen ja, wie das in anderen Fällen ist: Die Aufführung der Musik von Richard Wagner etwa ist in Israel heute noch immer ein Problem.
http://www.spiegel.de/img/0,1020,639447,00.jpg
DPA
Charlotte Knobloch: "Eine Normalisierung sehe ich nicht"
SPIEGEL ONLINE: Selbst bei der auf Deutsch gehaltenen Knesset-Rede des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau im Jahr 2000 verließen noch einige Abgeordnete das israelische Parlament. Umso bedeutender stellt sich der Einsatz der Bundeswehr an den Grenzen Israels dar. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber und die FDP stehen einem solchen Einsatz eher skeptisch gegenüber. Können Sie das verstehen?Knobloch: Ich komme noch aus einer Generation, die sich sehr stark negativ an Uniformen erinnert. Und das geht einigen in Israel sicher ähnlich. Allerdings geht es heute um den Frieden, das ist das Maßgebliche. Da muss ich über den eigenen Schatten springen und den deutschen Einsatz befürworten. Das ist aber - besonders im Hinblick auf die Vergangenheit - interessant, dass jetzt deutsche Soldaten Israel beschützen werden.
SPIEGEL ONLINE: Manche sprechen von Normalisierung deutscher Außenpolitik.
Knobloch: Nein, also eine Normalisierung sehe ich da auf keinen Fall. Die deutsche Regierung ist unter politischem und militärischem Zugzwang. Nachdem Israel an die deutsche Regierung herangetreten ist, ist natürlich Deutschland gefordert, über diese Bitte zu entscheiden. Ich sehe hier die Möglichkeit, dass die Bundesrepublik sehr intensiv dazu beitragen kann, Frieden in Nahost zu schaffen.
SPIEGEL ONLINE: Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert steht in der Kritik, die Kriegsziele seien nicht erreicht, die Hisbollah nicht entscheidend geschwächt. Wie lautet Ihre Bilanz?
ZUR PERSON
Die 73- jährige Münchnerin Charlotte Knobloch überlebte die Nazi- Zeit getarnt als uneheliche Tochter einer katholischen Bäuerin. Nach 1945 wollte sie in die USA auswandern, entschloss sich dann aber mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, in der bayerischen Hauptstadt zu bleiben. Charlotte Knobloch engagierte sich früh in der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Seit 1985 ist sie deren Präsidentin. Im Jahr 1999 bei der Wahl zum Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland noch unterlegen, ist Charlotte Knobloch am 7. Juni 2006 einstimmig zur Nachfolgerin des verstorbenen Paul Spiegel berufen worden.
Knobloch: Nachdem Hisbollah-Chef Nasrallah jetzt angekündigt hat, über einen Gefangenenaustausch reden zu wollen, ist meine Bilanz positiver. Nasrallah selbst hält ja mittlerweile die Entführung der beiden israelischen Soldaten für einen Fehler. Ich weiß von einigen Israelis, die überrascht sind vom militärischen Vorgehen ihres Landes.SPIEGEL ONLINE: Ein Gefangenenaustausch wäre vielleicht auch ohne den Krieg im Libanon möglich gewesen.
Knobloch: Es ist immer schwierig, etwas von außen zu kritisieren.
SPIEGEL ONLINE: Eine Ihrer Töchter lebt in Israel. Wie war der Kontakt in den letzten Monaten?
Knobloch: Wir haben täglich mehrmals telefoniert. Wenn die Katjuscha-Raketen in Richtung Tel Aviv weitergeflogen wären, hätte dies meine Tochter und meine Enkelkinder stark bedroht. Ich habe mir sehr große Sorgen gemacht. Meine Enkel sind im Reservedienst, wurden dann aber nicht eingezogen. Man kann froh sein, dass die Diplomatie jetzt diese Waffenruhe erreicht hat.
SPIEGEL ONLINE: Wird sie halten?
Knobloch: Die israelische Regierung hat es mit Partnern zu tun, die nicht immer das erfüllen, was sie zusagen. Ich blicke skeptisch, aber voller Hoffnungen in die Zukunft.
SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie Irans Vorgehen in der Krisenregion? Ist der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad überhaupt noch von seinem Atomprogramm abzuhalten?
Knobloch: Vielleicht kann Uno-Generalsekretär Kofi Annan bei seinem anstehenden Teheran-Besuch im direkten Gespräch mit Ahmadinedschad etwas bewirken. Aber momentan ist die Diplomatie, auf die man so viel gesetzt hatte, am Ende. Das überrascht mich nicht. Das war immer nur ein kleiner Hoffnungsschimmer. Insgesamt erinnert mich die heutige Situation an die gescheiterte Appeasement-Politik gegenüber Hitler. Die Geschichte wiederholt sich doch immer wieder. Und daraus sollte man lernen.
SPIEGEL ONLINE: Mitten in den Libanon-Krieg hinein platzte Nobelpreisträger Günter Grass mit dem Bekenntnis über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Hätten Sie das für möglich gehalten?
Knobloch: Ich war total überrascht. Andererseits: Günter Grass ist mir immer etwas unscharf vorgekommen. Aber in diese Richtung habe ich ihn zuvor nicht eingeordnet. Vielleicht ist es auch einfach nur gutes Marketing für sein Buch, der Zeitpunkt seines Bekennens setzt da durchaus Fragezeichen.
SPIEGEL ONLINE: Während Grass mit der SS-Panzerdivision "Frundsberg" den Führer verteidigt hat, wurden Sie von einer katholischen Bäuerin in Franken versteckt. Warum hat Ihnen diese Frau geholfen, während Millionen Deutsche gleichgültig oder fanatisiert waren wie Günter Grass?
Knobloch: Diese Frau entstammte einer sehr religiösen Bauernfamilie. Ihre beiden Brüder waren in Russland und Afrika an der Front. Wenn sie ein gutes Werk tut - so hat sie sich gedacht - dann kehren vielleicht die Brüder unversehrt aus dem Krieg heim. Das war der Grund, nur das. Später hat sie alle möglichen Ehrungen abgelehnt, weil sie sich durch die Rückkehr ihrer Brüder schon belohnt sah.
SPIEGEL ONLINE: Nach dem Krieg haben Sie überlegt, in die USA auszuwandern. Haben Sie es schon einmal bereut, dass Sie es nicht getan haben?
Knobloch: Nie. Das habe ich nie bereut. Im Gegenteil: Heute bin ich froh. Das Schicksal hat mich belohnt, dass mein Mann und ich nie gegangen sind. Das habe ich mir zuletzt bei meiner Wahl zur Präsidentin des Zentralrats gedacht.
SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit werde der Kampf gegen Rechtsextremismus sein. Sind antisemitische Stimmungen in Deutschland durch den Nahost-Konflikt wieder angeheizt worden?
Knobloch: Ja, leider. Ich sehe eine absolute Anti-Stimmung gegen Juden und den Staat Israel. Bei Demonstrationen werden hier etwa Plakate durch die Straßen getragen, auf denen steht: "Israel - Kindermörder". Die Polizei zieht diese Parolen nicht ein und jene Menschen, die sich mit dem Thema nur am Rande oder gar nicht befassen, die werden dann negativ beeinflusst. Das sind die Grundlagen dieser Anti-Stimmung. Die gibt es in allen Bereichen. Wir organisieren zum Beispiel gerade ein Benefizkonzert, und sogar da kommen ablehnende, antisemitische Briefe. Es wird alles in einen Topf geworfen. Wir als jüdische Bürger in Deutschland werden in den aktuellen Nahostkonflikt hundertprozentig hineingezogen. Und die Politiker, die sich mit wohlbedachten Worten dieser Anti-Stimmung anschließen, die haben natürlich Hochkonjunktur.
SPIEGEL ONLINE: Wen meinen Sie?
Knobloch: Oskar Lafontaine zum Beispiel. Die Linksfraktion ist nicht sonderlich sachlich in der Beurteilung der Katastrophe in Nahost. Auch die SPD-Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul zähle ich dazu. Diese Leute unterstützen noch die Anti-Stimmung gegen die Juden in Deutschland. Ich habe das noch nie in dieser Form erlebt. Das ist eine neue Qualität. Diese Anti-Stimmung ist jetzt stärker in der Öffentlichkeit wahrnehmbar als früher. Sie ist in alle Kreise und Schichten eingedrungen. Ich hoffe, dass alle demokratischen Kräfte gemeinsam diese Entwicklung zurückdrängen können. Alle positiven Gedanken, die ich in Bezug auf Deutschland habe, würden sonst in Frage gestellt. Ich habe meine Koffer hier ausgepackt. Und ich möchte sie nicht wieder einpacken.
Das Interview führten Sebastian Fischer und Claus Christian Malzahn
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