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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : "Europäische Erinnerungskultur" - Kommentar von Cem Özgönül



DeLaHoya
02.05.05, 19:15
Cem_Oezgoenuel 13:50 | 29.04.2005

"Europäische Erinnerungskultur"
Zunächst einmal kann man den Autor zu seiner um Neutralität und Sachlichkeit bemühten Wortwahl nur beglückwünschen. Dies ist dieser Tage bei weitem nicht selbstverständlich.
Gleichwohl erlaube ich mir, auf drei m. E. fragwürdige Prämissen aufmerksam zu machen:

1. Die Annahme, die Türkei setze sich mit dieser Zeit nicht auseinander: Das tut sie sehr wohl, nur kommt sie nicht zu jenen Ergebnissen, die armenischerseits wünschenswert sein mögen. Wer kennt denn schon in Deutschland, Österreich oder Frankreich die umfangreiche türkische Literatur, die in diesem Kontext seit nun mehr Jahrzehnten verfasst wurde? Hat je ein westlicher Autor, der sich mit dieser Frage befasst, mehr als einen flüchtigen Blick auf bspw. die mehrere Tausend Seiten umfassenden Aktenpublikationen geworfen, die türkischerseits in dieser Angelegenheit veröffentlicht wurden, die jüngste davon erst vergangene Woche mit zwei je 700 Seiten starken Bänden mit Akten des türkischen Generalstabes? Derlei wird per se als "Leugnungsliteratur" stigmatisiert, so daß man sich selber der Notwendigkeit der profunden Auseinandersetzung mit dem türkischen Standpunkt entbindet - mit fatalen Folgen für einen um umfassende Authentizität bemühten Blick auf die Bewertung der Ereignisse.

2. Daraus folgt die fälschliche Annahme, im Westen habe eine hinreichende Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex stattgefunden. Das Gegenteil ist richtig. Der Westen verweigert im Widerstreit zweier historiographischer Standpunkte kategorisch die fundierte Kenntnisnahme des türkischen Position, dem sie - wie bereits erwähnt - lediglich die verpönte Rolle der "Genozidleugnung" zuzugestehen bereit ist, während der proarmenischen Historiographie somit per se ein Wahrhaftigkeitsanspruch zugesprochen wird. Hierbei wird geflissentlich unterschlagen, daß das Fundament jener eindeutigen Positionierung vieler westlicher Staaten auf Seiten der Armenier bis vor kurzem nur von solchen Autoren und Historikern bearbeitet und ausgewertet wurde, die bereits mit dem Vorsatz in die Archive gegangen waren, einen Genozid nachzuweisen. Dementsprechend zirkelschlußlastig und selektiv ist auch die Arbeitsweise dieser Autoren sowie ihrer Ergebnisse.

3. Die fälschliche Annahme, es bestünde so etwas wie eine verbindende „europäische Erinnerungskultur“. Diese leere Phrase ist im Kontext mit der Beschäftigung des Deutschen Bundestages mit diesem Thema in die Welt geworfen worden und erhebt kurioserweise den absoluten Sonderfall Deutschlands im Umgang mit seiner NS-Vergangenheit zum Maßstab einer imaginären Tugend, was den europäischen Umgang mit Geschichte anbelangt. Lassen Sie es mich mal so formulieren: die Bundesrepublik Deutschland hat einen ganz entscheidenden Gründungsmakel. In unerschütterlicher Nibelungentreue hat man zum „Größten Feldherren aller Zeiten“ gestanden und eine totale militärische Niederlage hinnehmen müssen, wie sie in der jüngeren Geschichte wohl ihres gleichen sucht. Die Nachkriegsrepublik war eine solche von Gnaden der Siegermächte, die bis in die kleinsten Details von Landes- und Kommunalverfassungen hineinredeten. Was blieb denn den Deutschen anderes übrig, als die Pflege einer Kultur der Demut und Sühne zu einem konstitutiven Element für die Identitätsstiftung eines neuen, demokratischen Deutschlands zu erheben? Wo es eines positiven ideellen Gründungsmythos ermangelt, rückt eben die Kompensation von Schuld in den Mittelpunkt. Dies ist ein absoluter Ausnahmefall, der sich – wie gesagt – lediglich daraus erklären läßt, daß Deutschland mit dem Makel leben muß, beim wahrsten Sinne des Wortes in die demokratische Kultur des Westens gebombt worden zu sein, bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. Aus dem Umgang einer gebrochenen Nation mit einem besonders dunklen Kapitel seiner eigenen Geschichte auf eine „europäische Erinnerungskultur“ schließen zu wollen, ist absurd und kurzatmig, zumal sich gerade auch diese Nation durch ein zunehmend ahistorisches Bewußtsein auszeichnet, wenn es um jenen Rest seiner Geschichte geht, der über diese zwölf Jahre hinausgeht. Mir selber sind hier in Deutschland Studentinnen der Politikwissenschaft bekannt – wohlgemerkt, im Hauptstudium – denen das Stichwort Versailles nichts sagt. Die krankhafte Fixierung und Reduktion eines Volkes auf ein besonders dunkles Kapitel seiner Geschichte ist nicht vorbildlich sondern mitleiderregend. Man kann den Deutschen eigentlich nur wünschen, daß sie irgendwann einmal mit sich selber ins Reine kommen. Vielleicht schaffen sie es dann auch irgendwann, daß sie nicht voller Mißgunst und Mißtrauen auf Völker wie die Türken blicken müssen, denen der Bruch ihres Rückgrates glücklicherweise erspart geblieben ist. Aus dieser soziopsychologischen Besonderheit des Nachkriegsdeutschlands nun aber eine „europäische Erinnerungskultur“ ableiten zu wollen, kann nur ein Witz sein.

Wenn sich nun ein Künstler wie Aznavour zu Wort meldet, ist es sein gutes Recht, im Glauben an die Wahrhaftigkeit jener Geschichte zu reden, wie sie ihm als gebürtigem Armenier vermittelt wurde. Ihm nehme ich es nicht übel, wenn er ausblendet, daß es heute in ganz Ostanatolien kaum eine Familie gibt, die nicht von armenischen Banden und Milizionären massakrierte Vorfahren zu beklagen hätte. Ich bin durchaus bereit, in Trauer der Armenier zu gedenken, die im Ersten Weltkrieg unschuldig ihr Leben lassen mussten, auch wenn ich deren Zahl weitaus geringer ansetze, als jene, die heutzutage armenischerseits kolportiert wird. Ich bin aber nicht bereit, darüber hinaus jene halbe Million muslimischer Zivilisten zu vergessen, die im Rahmen der ethnischen Säuberungen im Zuge der Realisierung eines großarmenischen Traums bspw. den Truppen eines Andranik, Nazarbekoff oder Pastirmacian zum Opfer gefallen sind. Und ich gehöre ebenfalls zu dem überwältigend großen Teil des türkischen Volkes, der sich auch weiterhin dagegen erwehren wird, daß man die türkisch-armenische Geschichte nachträglich und fälschlicherweise in ein einseitiges Täter (Türken)-Opfer (Armenier)- Verhältnis zwängt, in dem man armenisches Leid singularisiert.

Und wenn die Europäer irgendwann einmal diese Beweggründe der Türken verstehen sollten, wird es ihnen vielleicht auch gelingen, ihren nicht unbeträchtlichen Anteil an der heute grassierenden, stark verzerrenden Historiographie zugunsten der armenischen Position zu erörtern. Denn es war letztlich diese an Fanatismus grenzende Einseitigkeit in der literarischen Aufbereitung armenischen Leids durch (überwiegend) protestantische Missionarskreise - amerikanische und deutsche - die diesen Mythos eines Völkermordes geschaffen und gleichzeitig einen Rufmord am türkischen Volk begangen haben. Und genau diese Kreise - namentlich die EKD in Deutschland sowie der "Lordsiegelbewahrer" des Lepsiusarchivs an der Martin-Luther-Universität Halle, der protestantische Theologe Goltz - zeigen nun als Strippenzieher im Hintergrund des im Bundestag debattierten CDU-Antrages erneut mit dem Finger auf uns Türken.

Man ist geneigt, diesen Leuten Matthäus 5.37 in Erinnerung zu rufen: "Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was darüber ist, das ist vom Bösen."
Anstatt nun aber die im höchst zweifelhaften Licht erscheinende Rolle bspw. eines Lepsius, eines Rohrbachs, der DAG, etc. wahrhaftig zu erörtern, wird von deren Erben jene janusgesichtige Verschleierungstaktik unvermindert fortgesetzt.

http://www.nachrichten.at/politik/aussenpolitik/354414?PHPSESSID=e664bd130f1a3 f51e64d65c6ceb9c070

Der Schakal
02.05.05, 19:45
Ein hervorragender Artikel !

Ernes
02.05.05, 21:25
Mir fehlen einfach die Worte.

Ich gratuliere dem Author für so einen hervoragenden Artikel!

DeLaHoya
02.05.05, 22:09
Das ist übrigens kein Artikel sondern "nur" ein Leserkommentar zu einem Zeitungsartikel!