Yakamoz
12.11.06, 21:41
Istanbul mon amour
Stadtporträt, Künstlerroman und Familiengeschichte: In der kommenden Woche erscheint das wunderbare neue Buch des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk, des diesjährigen Nobelpreisträgers.
Von Andreas Schäfer
Besser hätte das Timing nicht sein können. Gerade erst wurde Orhan Pamuk als erster türkischer Schriftsteller mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, weil - wie es in der Begründung heißt - "wohl kein Autor der Weltliteratur so faszinierende Stadtschilderungen schreiben kann wie Pamuk", der "auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden" habe. Und da erscheint Ende kommender Woche bei Hanser Pamuks neuestes Buch, das sich nahezu ausschließlich mit Stadtschilderungen befasst. "Istanbul" oder "Erinnerungen an eine Stadt", wie das Buch im Untertitel heißt, ist kein Roman, sondern ein Stadtporträt, das aber gleichzeitig eine frühe Autobiografie darstellt.
Über Istanbul schreiben heißt für Pamuk, über sich selbst zu schreiben. Denn Istanbul ist nicht nur die Stadt, in der er 1952 als Spross einer wohlhabenden Industriellenfamilie geboren wurde und in der er - bis auf einen dreijährigen Amerikaaufenthalt - immer gelebt hat. In Istanbul verlor er als kleiner Junge auch seinen Zwilling, zumindest im übertragenen Sinn. Seitdem empfand er ein tiefes Gefühl von Mangel und war auf den Straßen und Plätzen gewissermaßen auf der Suche nach dem Verlorenen. Wie in der romantischen Literatur ist die Stadt für Pamuk ein Labyrinth der Sehnsucht, in dem man hinter jeder Ecke den Doppelgänger vermutet, in dem die Kluft zwischen dem Eigenen und dem Fremden aber nur selten kleiner wird. Der verlorene Zwilling ist zwar nur ein Bild, das aber nicht nur das Drama des Jungen beschreibt, sondern auch Istanbuls Verhältnis zu sich selbst.
Die meisten Bilder und Beschreibungen der Stadt stammen nämlich, so Pamuk, nicht von Türken, sondern aus fremder Feder, also von westlichen Künstlern (Anton Ignaz Melling, Théophile Gautier oder Gustave Flaubert), die im 18. und 19. Jahrhundert die Stadt besuchten. Stolz, befremdet, gekränkt und verwirrt blickt der Istanbuler seitdem auf die Ansichten, wie seine Stadt sein soll und die entweder verklärend exotisch oder hoffnungslos rückständig ausfallen. Die Reaktion reicht von übertriebenem Nationalstolz bis zur übertriebenen Sehnsucht nach dem Westen. Wie in seinem großartigen Roman "Schnee" gelingt es Pamuk auch in "Istanbul", das türkische Leben aus der Vogelperspektive und einer extremen Nahsicht zu beschreiben. Nicht etwa durch komplexe Handlungsabläufe wie in "Schnee" - wo in einer Kleinstadt ein vielschichtiger Ost-West-Konflikt zum Ausbruch kommt - sondern indem er schlicht von sich und seiner Stadt in der Kunst erzählt.
Die Geschichte mit dem Zwilling geht übrigens so: Als kleiner Junge kam Orhan zu einer Tante: "In deren Haus, in dem ich stets freundlich aufgenommen wurde, hing in einem weißen Rahmen ein kleines Kinderfoto, und immer wieder mal zeigte meine Tante oder mein Onkel darauf und sagte lächelnd zu mir: ,Schau, das bist du!" Irgendwie ähnlich sah mir der drollige Junge auf dem Foto schon, und er trug auch so eine Mütze, wie ich selbst sie oft aufhatte. Dennoch wusste ich, dass das nicht wirklich ein Foto von mir war." Pikanterweise handelte es sich um ein "kitschiges europäisches Kalenderfoto". Der kleine Spaß ist nur scheinbar harmlos. Er stürzt den Jungen nicht nur in endlose Grübeleien über sich und sein unbekanntes Spiegelbild, sondern suggeriert auch: Sei anders! Sei europäisch! - und verrät viel von dem Dilemma des säkularisierten, gehobenen türkischen Standes, in das Pamuk hineingeboren wurde. Diese Losung ist das untergründige Leitmotiv des Buches, das sich an der Oberfläche in 37 Kapiteln dem familiären Kosmos, der Entdeckung der Straße und den ersten kreativen Versuchen widmet, angereichert mit Dutzenden Fotos aus Pamuks Kindheit und der sich verändernden Stadt.
Aber wie geht Europäischsein? Als Erstes muss man in einem modernen Apartmenthaus leben. Als Ingenieur ist Pamuks Großvater zu Geld gekommen, und die gesamte Familie kann sich ein angenehmes Leben im eigenen fünfstöckigen Anwesen leisten. Mit dem sippenhaften Zusammenleben erschöpft sich das Traditionelle freilich schon. Die Familie lebt ganz in Atatürks prowestlichem Sinn. Die Räume sind modern eingerichtet, der Vater liest französische Romane, hört klassische Musik und steht dazu dirigierend im Zimmer. Die Mutter raucht und blättert in Klatschzeitschriften. Gott ist etwas für Angestellte. Gestritten wird viel, aber das gehört zur modernen Ehe dazu. Etwas Hohles und Verkrampftes haftet an dieser zur Schau gestellten Ausgelassenheit, und nirgendwo sonst wird die geistige Obdachlosigkeit dieses Lebens so spürbar wie in der Beschreibung des Interieurs. Das Wohnzimmer ist nicht zum Wohnen, sondern zum Repräsentieren da. Der Junge flieht in seine Zwillingswelt, erst in Fantasien, dann in Rituale, bei denen er die Dampfer auf dem Bosporus zählt, später nach draußen.
Doch auch dort wartet nur die Melancholie, denn die - davon ist Pamuk fest überzeugt - gehört zu Istanbul wie der Nebel zu London. Ihr Name ist "Hüzün", womit ein kollektives Leiden gemeint ist. Leiden daran, dass Istanbuls Pracht mit dem Ende des Osmanischen Reiches verloren ist und dass Verwestlichung noch lange nicht den Westen dazu bringt, bereitwillig die Arme zu öffnen. "Hüzün" führt dazu, dass die Stadt bei allem Alltagstrubel einen lähmenden Geist der Resignation verströmt und sich ins pittoreske Schwarz-Weiß-Bild ihrer selbst verwandelt. Mehrere Kapitel verwendet Orhan Pamuk darauf, die verschiedenen Elemente des Postkartenmotivs in der virtuos gespielten Pose eines Philologen ins ironische Licht zu setzen: die Friedhöfe! Die Hagia Sophia! Der Harem! Die Flussdampfer!
Für den Heranwachsenden bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss das Problem der Stadt, also die Stagnation, offensiv angehen und selbst Stillleben fabrizieren, also Maler werden. Dank eines angemieteten "Ateliers" kann Orhan schon als Schüler das schicke Leben eines Bohemiens leben, womit er genau genommen nur das Bürgerschauspiel seiner Eltern auf die Spitze treibt. Die Rechnung geht nicht auf. Der Zustand der Unwirklichkeit wird nur schlimmer. Die Liebe zu einem Mädchen, die als Maler-Modell-Beziehung beginnt, zerbricht an ihrer Romanhaftigkeit. In einer tiefen Krise, kurz davor, das Architekturstudium abzubrechen, sucht Pamuk Zuflucht am Ufer des Bosporus. Und da passiert es. Die Stadt nimmt ihn auf. Das Fremdheitsgefühl ist verschwunden. Pamuk fühlt sich mit allen Bewohnern verbunden. So endet dieses Buch mit einer grandiosen Erleuchtungsszene, und die Stadtgeschichte entpuppt sich als Künstlerroman. "Ich werde Schriftsteller", sagt er zu Hause. Die Mutter raucht, alles andere als erfreut. Ihre Sorge war, wie man weiß, unberechtigt.
Artikel erschienen am 12.11.2006
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WELT.de 1995 - 2006
Stadtporträt, Künstlerroman und Familiengeschichte: In der kommenden Woche erscheint das wunderbare neue Buch des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk, des diesjährigen Nobelpreisträgers.
Von Andreas Schäfer
Besser hätte das Timing nicht sein können. Gerade erst wurde Orhan Pamuk als erster türkischer Schriftsteller mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, weil - wie es in der Begründung heißt - "wohl kein Autor der Weltliteratur so faszinierende Stadtschilderungen schreiben kann wie Pamuk", der "auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden" habe. Und da erscheint Ende kommender Woche bei Hanser Pamuks neuestes Buch, das sich nahezu ausschließlich mit Stadtschilderungen befasst. "Istanbul" oder "Erinnerungen an eine Stadt", wie das Buch im Untertitel heißt, ist kein Roman, sondern ein Stadtporträt, das aber gleichzeitig eine frühe Autobiografie darstellt.
Über Istanbul schreiben heißt für Pamuk, über sich selbst zu schreiben. Denn Istanbul ist nicht nur die Stadt, in der er 1952 als Spross einer wohlhabenden Industriellenfamilie geboren wurde und in der er - bis auf einen dreijährigen Amerikaaufenthalt - immer gelebt hat. In Istanbul verlor er als kleiner Junge auch seinen Zwilling, zumindest im übertragenen Sinn. Seitdem empfand er ein tiefes Gefühl von Mangel und war auf den Straßen und Plätzen gewissermaßen auf der Suche nach dem Verlorenen. Wie in der romantischen Literatur ist die Stadt für Pamuk ein Labyrinth der Sehnsucht, in dem man hinter jeder Ecke den Doppelgänger vermutet, in dem die Kluft zwischen dem Eigenen und dem Fremden aber nur selten kleiner wird. Der verlorene Zwilling ist zwar nur ein Bild, das aber nicht nur das Drama des Jungen beschreibt, sondern auch Istanbuls Verhältnis zu sich selbst.
Die meisten Bilder und Beschreibungen der Stadt stammen nämlich, so Pamuk, nicht von Türken, sondern aus fremder Feder, also von westlichen Künstlern (Anton Ignaz Melling, Théophile Gautier oder Gustave Flaubert), die im 18. und 19. Jahrhundert die Stadt besuchten. Stolz, befremdet, gekränkt und verwirrt blickt der Istanbuler seitdem auf die Ansichten, wie seine Stadt sein soll und die entweder verklärend exotisch oder hoffnungslos rückständig ausfallen. Die Reaktion reicht von übertriebenem Nationalstolz bis zur übertriebenen Sehnsucht nach dem Westen. Wie in seinem großartigen Roman "Schnee" gelingt es Pamuk auch in "Istanbul", das türkische Leben aus der Vogelperspektive und einer extremen Nahsicht zu beschreiben. Nicht etwa durch komplexe Handlungsabläufe wie in "Schnee" - wo in einer Kleinstadt ein vielschichtiger Ost-West-Konflikt zum Ausbruch kommt - sondern indem er schlicht von sich und seiner Stadt in der Kunst erzählt.
Die Geschichte mit dem Zwilling geht übrigens so: Als kleiner Junge kam Orhan zu einer Tante: "In deren Haus, in dem ich stets freundlich aufgenommen wurde, hing in einem weißen Rahmen ein kleines Kinderfoto, und immer wieder mal zeigte meine Tante oder mein Onkel darauf und sagte lächelnd zu mir: ,Schau, das bist du!" Irgendwie ähnlich sah mir der drollige Junge auf dem Foto schon, und er trug auch so eine Mütze, wie ich selbst sie oft aufhatte. Dennoch wusste ich, dass das nicht wirklich ein Foto von mir war." Pikanterweise handelte es sich um ein "kitschiges europäisches Kalenderfoto". Der kleine Spaß ist nur scheinbar harmlos. Er stürzt den Jungen nicht nur in endlose Grübeleien über sich und sein unbekanntes Spiegelbild, sondern suggeriert auch: Sei anders! Sei europäisch! - und verrät viel von dem Dilemma des säkularisierten, gehobenen türkischen Standes, in das Pamuk hineingeboren wurde. Diese Losung ist das untergründige Leitmotiv des Buches, das sich an der Oberfläche in 37 Kapiteln dem familiären Kosmos, der Entdeckung der Straße und den ersten kreativen Versuchen widmet, angereichert mit Dutzenden Fotos aus Pamuks Kindheit und der sich verändernden Stadt.
Aber wie geht Europäischsein? Als Erstes muss man in einem modernen Apartmenthaus leben. Als Ingenieur ist Pamuks Großvater zu Geld gekommen, und die gesamte Familie kann sich ein angenehmes Leben im eigenen fünfstöckigen Anwesen leisten. Mit dem sippenhaften Zusammenleben erschöpft sich das Traditionelle freilich schon. Die Familie lebt ganz in Atatürks prowestlichem Sinn. Die Räume sind modern eingerichtet, der Vater liest französische Romane, hört klassische Musik und steht dazu dirigierend im Zimmer. Die Mutter raucht und blättert in Klatschzeitschriften. Gott ist etwas für Angestellte. Gestritten wird viel, aber das gehört zur modernen Ehe dazu. Etwas Hohles und Verkrampftes haftet an dieser zur Schau gestellten Ausgelassenheit, und nirgendwo sonst wird die geistige Obdachlosigkeit dieses Lebens so spürbar wie in der Beschreibung des Interieurs. Das Wohnzimmer ist nicht zum Wohnen, sondern zum Repräsentieren da. Der Junge flieht in seine Zwillingswelt, erst in Fantasien, dann in Rituale, bei denen er die Dampfer auf dem Bosporus zählt, später nach draußen.
Doch auch dort wartet nur die Melancholie, denn die - davon ist Pamuk fest überzeugt - gehört zu Istanbul wie der Nebel zu London. Ihr Name ist "Hüzün", womit ein kollektives Leiden gemeint ist. Leiden daran, dass Istanbuls Pracht mit dem Ende des Osmanischen Reiches verloren ist und dass Verwestlichung noch lange nicht den Westen dazu bringt, bereitwillig die Arme zu öffnen. "Hüzün" führt dazu, dass die Stadt bei allem Alltagstrubel einen lähmenden Geist der Resignation verströmt und sich ins pittoreske Schwarz-Weiß-Bild ihrer selbst verwandelt. Mehrere Kapitel verwendet Orhan Pamuk darauf, die verschiedenen Elemente des Postkartenmotivs in der virtuos gespielten Pose eines Philologen ins ironische Licht zu setzen: die Friedhöfe! Die Hagia Sophia! Der Harem! Die Flussdampfer!
Für den Heranwachsenden bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss das Problem der Stadt, also die Stagnation, offensiv angehen und selbst Stillleben fabrizieren, also Maler werden. Dank eines angemieteten "Ateliers" kann Orhan schon als Schüler das schicke Leben eines Bohemiens leben, womit er genau genommen nur das Bürgerschauspiel seiner Eltern auf die Spitze treibt. Die Rechnung geht nicht auf. Der Zustand der Unwirklichkeit wird nur schlimmer. Die Liebe zu einem Mädchen, die als Maler-Modell-Beziehung beginnt, zerbricht an ihrer Romanhaftigkeit. In einer tiefen Krise, kurz davor, das Architekturstudium abzubrechen, sucht Pamuk Zuflucht am Ufer des Bosporus. Und da passiert es. Die Stadt nimmt ihn auf. Das Fremdheitsgefühl ist verschwunden. Pamuk fühlt sich mit allen Bewohnern verbunden. So endet dieses Buch mit einer grandiosen Erleuchtungsszene, und die Stadtgeschichte entpuppt sich als Künstlerroman. "Ich werde Schriftsteller", sagt er zu Hause. Die Mutter raucht, alles andere als erfreut. Ihre Sorge war, wie man weiß, unberechtigt.
Artikel erschienen am 12.11.2006
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