Izmirli
14.11.06, 12:02
Aus : Der Spiegel
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,448148,00.html
WELTWIRTSCHAFTSFORUM-STUDIE
Schützenhilfe für die Türkei
Von Hasnain Kazim (Hasnain_Kazim@spiegel.de)
Gerade erst hat die Europäische Union der Türkei angedroht, die Beitrittsgespräche teilweise auszusetzen, da erhält Ankara Unterstützung von einer renommierten Stiftung: Das World Economic Forum hat einen Bericht veröffentlicht, das ein Plädoyer für vertiefte Beziehungen Europas zu Ankara ist.
Hamburg - Am Ende ist alles eine Frage der Perspektive. Es gibt gute Gründe dafür, dass die Türkei möglichst bald Mitglied der Europäischen Union wird; die Briten vertreten diese Meinung in Europa besonders engagiert. Man kann genauso viele Argumente gegen eine Mitgliedschaft finden, Frankreich und Österreich beweisen das immer wieder gern. Und die Bundesregierung weiß nicht so recht, was sie von einer EU-Mitgliedschaft der Türkei halten soll: SPD und Union bemühen sich um eine gemeinsame Linie - nur wie die aussehen soll, steht noch nicht fest.
Das World Economic Forum (WEF) hat jetzt den Befürwortern einer engeren Zusammenarbeit mit der Türkei gewichtige Schützenhilfe geliefert. Das WEF ist eine 1971 gegründete Stiftung mit Sitz in Genf und bekannt durch ihre meist im schweizerischen Davos mit Pop- und Filmstars zelebrierten Jahrestagungen. Zehn Tage vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Istanbul veröffentlichte die Stiftung heute eine 32-seitige Studie, die erläutert, wie Europa von der Türkei profitieren kann.
Und da sieht die nach eigenen Angaben "unabhängige internationale Organisation, die sich dafür einsetzt, den Zustand der Welt zu verbessern", erhebliche Vorteile. "Die Türkei wird von vielen als ein Risiko für Europa wahrgenommen. Vielleicht ist sie aber genau das Gegenteil, eine potenzielle Möglichkeit, bestimmte Risiken zu minimieren", sagte Thierry Malleret vom WEF. Insbesondere würde Europa in drei Bereichen von der Türkei profitieren: in der Energieversorgung, in wirtschaftlicher Hinsicht sowie in der Verhinderung von Kriegen und der Bekämpfung von Terrorismus.
Im Bereich Energie könne die Türkei eine Art "Arterie" für die europäische Energieversorgung werden - bis hin zum Transitland für irakisches Öl, sobald sich die Lage dort einmal stabilisiert habe. Auch die Rolle der türkischen Migranten - die es vor allem nach Deutschland zieht - bewerten die WEF-Autoren unter dem Aspekt des demografischen Wandels positiv: EU-Staaten mit überalternden Bevölkerungen könnten von jungen Arbeitskräften aus der Türkei profitieren; außerdem böte die Türkei einen profitablen Investitions- und Absatzmarkt für europäische Unternehmen. Und schließlich spiele die Türkei aufgrund ihrer geografischen Lage eine für Europa gewichtige sicherheitspolitische Rolle - mit Grenzen zum Iran, zu Syrien, Irak und dem südlichen Kaukasus.
Gleichwohl betonen die Autoren, es gehe ihnen nicht darum, sich in aktuelle Debatten einzumischen. Ihre Studie solle vielmehr einen "Rahmen für eine Diskussion" schaffen. Wichtig sei dabei, nicht nur auf die Vergangenheit und auf die Gegenwart zu schauen, sondern vor allem in die Zukunft, schreiben die Forscher des WEF-Global Risk Network.
Die Studie schaut jedoch nicht auf die historisch durchaus belastete Vergangenheit zwischen Europa und der Türkei zurück, fragt nicht nach den unmittelbaren Folgen einer EU-Mitgliedschaft des Landes, sondern verfolgt eine langfristige Strategie. Hier liege für beide Seiten eine Chance. "Was auch immer das kurzfristige Ergebnis der laufenden Verhandlungen über eine türkische EU-Mitgliedschaft ist, sind Europa und die Türkei im globalen Kontext doch aneinander gebunden. Sie haben ein überwältigendes strategisches Interesse daran, Sicherheit und Wohlstand auf beiden Seiten zu wahren."
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,448148,00.html
WELTWIRTSCHAFTSFORUM-STUDIE
Schützenhilfe für die Türkei
Von Hasnain Kazim (Hasnain_Kazim@spiegel.de)
Gerade erst hat die Europäische Union der Türkei angedroht, die Beitrittsgespräche teilweise auszusetzen, da erhält Ankara Unterstützung von einer renommierten Stiftung: Das World Economic Forum hat einen Bericht veröffentlicht, das ein Plädoyer für vertiefte Beziehungen Europas zu Ankara ist.
Hamburg - Am Ende ist alles eine Frage der Perspektive. Es gibt gute Gründe dafür, dass die Türkei möglichst bald Mitglied der Europäischen Union wird; die Briten vertreten diese Meinung in Europa besonders engagiert. Man kann genauso viele Argumente gegen eine Mitgliedschaft finden, Frankreich und Österreich beweisen das immer wieder gern. Und die Bundesregierung weiß nicht so recht, was sie von einer EU-Mitgliedschaft der Türkei halten soll: SPD und Union bemühen sich um eine gemeinsame Linie - nur wie die aussehen soll, steht noch nicht fest.
Das World Economic Forum (WEF) hat jetzt den Befürwortern einer engeren Zusammenarbeit mit der Türkei gewichtige Schützenhilfe geliefert. Das WEF ist eine 1971 gegründete Stiftung mit Sitz in Genf und bekannt durch ihre meist im schweizerischen Davos mit Pop- und Filmstars zelebrierten Jahrestagungen. Zehn Tage vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Istanbul veröffentlichte die Stiftung heute eine 32-seitige Studie, die erläutert, wie Europa von der Türkei profitieren kann.
Und da sieht die nach eigenen Angaben "unabhängige internationale Organisation, die sich dafür einsetzt, den Zustand der Welt zu verbessern", erhebliche Vorteile. "Die Türkei wird von vielen als ein Risiko für Europa wahrgenommen. Vielleicht ist sie aber genau das Gegenteil, eine potenzielle Möglichkeit, bestimmte Risiken zu minimieren", sagte Thierry Malleret vom WEF. Insbesondere würde Europa in drei Bereichen von der Türkei profitieren: in der Energieversorgung, in wirtschaftlicher Hinsicht sowie in der Verhinderung von Kriegen und der Bekämpfung von Terrorismus.
Im Bereich Energie könne die Türkei eine Art "Arterie" für die europäische Energieversorgung werden - bis hin zum Transitland für irakisches Öl, sobald sich die Lage dort einmal stabilisiert habe. Auch die Rolle der türkischen Migranten - die es vor allem nach Deutschland zieht - bewerten die WEF-Autoren unter dem Aspekt des demografischen Wandels positiv: EU-Staaten mit überalternden Bevölkerungen könnten von jungen Arbeitskräften aus der Türkei profitieren; außerdem böte die Türkei einen profitablen Investitions- und Absatzmarkt für europäische Unternehmen. Und schließlich spiele die Türkei aufgrund ihrer geografischen Lage eine für Europa gewichtige sicherheitspolitische Rolle - mit Grenzen zum Iran, zu Syrien, Irak und dem südlichen Kaukasus.
Gleichwohl betonen die Autoren, es gehe ihnen nicht darum, sich in aktuelle Debatten einzumischen. Ihre Studie solle vielmehr einen "Rahmen für eine Diskussion" schaffen. Wichtig sei dabei, nicht nur auf die Vergangenheit und auf die Gegenwart zu schauen, sondern vor allem in die Zukunft, schreiben die Forscher des WEF-Global Risk Network.
Die Studie schaut jedoch nicht auf die historisch durchaus belastete Vergangenheit zwischen Europa und der Türkei zurück, fragt nicht nach den unmittelbaren Folgen einer EU-Mitgliedschaft des Landes, sondern verfolgt eine langfristige Strategie. Hier liege für beide Seiten eine Chance. "Was auch immer das kurzfristige Ergebnis der laufenden Verhandlungen über eine türkische EU-Mitgliedschaft ist, sind Europa und die Türkei im globalen Kontext doch aneinander gebunden. Sie haben ein überwältigendes strategisches Interesse daran, Sicherheit und Wohlstand auf beiden Seiten zu wahren."