DeLaHoya
26.05.05, 19:53
Quelle: Yves Ternon, Tabu Armenien, Frankfurt a. M./Berlin, 1981, Seite 13-21
(Formatierungen, Kommentare usw. von mir)
[...] Etwa um diese Zeit [DeLaHoya: achtes Jahrhundert v. Chr.], so nimmt man an, überschritt das aus den Steppen Rußlands und den Ebenen der Unterdonau stammende Volk der Armenen den Bosporus, um sich in Phrygien [DeLaHoya: Westanatolien] niederzulassen. Entgegen dem allgemeinen Wanderungsstrom zogen sie unter der Führung von Haik von dort aus nach Osten und gelangten durch das Hochtal des Euphrat zum Fuße des Ararat. Auf den Ruinen des Urartu-Reiches gründeten sie Armenien, das sie Haiastan nannten. Damit betrat das Volk der Armenier die Bühne der Geschichte.
[...] Nach dem Ende des Hethiter- und des Urartu-Reiches war Armenien das Ergebnis der Fusion der Urartier, der Assyro-Chaldäer und der Armenen.
[...] 250 n. Chr. besteigt [...] Tiridates III. [DeLaHoya: die Jahresangabe ist übrigens falsch...] den armenischen Thron. In dieser Zeit gelangt die Geschichte der Armenier an einen Wendepunkt. Bis dahin hatten sie einer der phrygischen verwandten Religion gehuldigt, deren Götterwelt der griechischen, römischen und persischen Mythologie entlehnt war. Der heidnische Tiridates bekämpfte zunächst den christlichen Glauben, der nach armenischer Überlieferung von zwei Jüngern Christi (Bartholomäus und Thaddäus) nach Armenien gebracht worden war und sich dort unter dem Einfluß eines arsakidischen Fürsten, Gregor Illuminator, verbreitete. Der König ließ den Prediger foltern und sperrte ihn dreizehn Jahre lang in eine Festung, bis er, von Krankheit heimgesucht, Gregor rufen ließ, der ihn heilte. So bekehrte sich 288 (oder 301) Armenien zum Christentum. Das Ereignis ist insofern bemerkenswert, als die Armenier somit vor Rom das erste christliche Reich waren.
[...] Gregor Illuminator empfing in Cäsarea die Priester- und Bischofsweihe, kehrte nach Armenien zurück, taufte den König und unternahm sodann mit grausamer Intoleranz die Christianisierung des Landes: Heiden, die sich nicht bekehren lassen mochten, wurden verjagt oder ins Gefängnis geworfen, gefoltert, verbrannt. Die Spuren des heidnischen Armenien wurden für immer getilgt.
[...] Am 8. Oktober desselben Jahres [DeLaHoya: 451] fand in Chalzedon am Bosporus ein ökumenisches Konzil statt. Armenien, das in den drei ersten Konzilen von Nizäa, Konstantinopel und Ephesus vertreten gewesen war, konnte sich in Chalzedon nicht beteiligen: Das Land befand sich im Krieg, die innere Ordnung war schwer gestört, der Patriarch und das Episkopat befanden sich in Gefangenschaft oder im Exil, das Volk und die Reste der Armee waren in Guerillaaktionen verwickelt. Verständlich, daß in einer solchen Situation dogmatische Fragen kein ausgesprochen leidenschaftliches Interesse erregten. Auf dem Konzil von Chalzedon nahmen die Römische und die Byzantinische Kirche die Doktrin des Papstes Leo des Großen an, nach der die Person Jesu Christi sowohl göttlicher als auch menschlicher Natur sei. Als vierzig Jahre später die Kunde von dieser Entscheidung Armenien erreichte, beriefen die kirchlichen Amtsträger eine eigene Synode ein, auf der das Dogma von Chalzedon verworfen wurde. Armenien blieb der monophysitischen Lehre treu; der Bruch mit Rom und Byzanz war vollzogen. Von nun an besaß die armenische »apostolische« Kirche (dies ihr neuer Name) verwaltungsmäßige Unabhängigkeit.
[...] Unter der Dynastie der Bagratiden, die seit 885 regierte, erlebte Armenien eine sechzig Jahre dauernde Periode der Freiheit und des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs. [...] Die Machtstellung der Bagratiden allerdings wurde von rivalisierenden Adelsfamilien angegriffen, vor allem von den Ardzruni, die das Königreich von Vaspurakan begründet hatten. Griechen und Araber förderten diese Zwistigkeiten mit dem Erfolg, daß es im 10. Jahrhundert sieben einander bekriegende armenische Königreiche gab [...]
Die Unabhängigkeit der Bagratiden endete 1045, als es den Griechen unter Mithilfe des Katholikos Petros gelang, Armenien zu besetzen. Ohne es zu wissen, begaben sie sich damit an einen Abgrund, der sie verschlingen sollte, denn die turanischen Reiterhorden stürmten bereits durch Kleinasien, und gegen ihre Pfeile, Lanzen und Säbel waren die christlichen Reiter machtlos.
[...] Nach dem Niedergang des Ani-Reiches [DeLaHoya: ab 1064] entwickelte sich in Konstantinopel eine revanchistische Gruppierung um den Fürsten Rupen. Unter Ausnutzung der Schwäche des byzantinischen Reiches scharte Rupen armenische Adelige um sich und ließ sich mit ihnen in Kilikien nieder. Dieses fruchtbare Gebiet war von den Arabern teilweise entvölkert worden; andererseits gab es dort bereits armenische Kolonien. Zwischen den Jahren 1080 und 1095 organisierte Rupen dieses Fürstentum und machte es zur Baronie Neu-Armenien. [...] Die Geschichte Neu-Armeniens, »eine ununterbrochene Folge phantastischer und romantischer Abenteuer« (Nansen), die zur Wiederherstellung der armenischen Unabhängigkeit führte, war nur aufgrund einer besonderen politischen Situation möglich: Das islamische Reich befand sich in einem Zustand der Auflösung, auf den Europa mit den Kreuzzügen reagierte. Als der Erste Kreuzzug erschöpft die Ausläufer des Taurus erreichte, empfingen die Armenier ihn wie Brüder und gaben den Kämpfern die Möglichkeit, ihre Streitmacht zu konsolidieren, mit der sie dann Antiochia und Jerusalem nahmen. Nun allerdings verbündete sich Byzanz mit den Türken in dem Bestreben, die abendländischen Eindringlinge niederzuwerfen und die nicht-orthodoxen Christen aus den armenischen Fürstentümern zu vertreiben. Byzanz zögerte also nicht, sich unter Inkaufnahme der Gefährdung des eigenen Territoriums an die Seite des Islams gegen die Katholiken zu stellen.
[...] Nach dem Fall von Ani im 11. Jahrhundert, der Verwüstung Alt-Armeniens durch die Mongolen im 13. und Neu-Armeniens im 14. Jahrhundert war von dem einst so stolzen Volk nicht mehr viel übriggeblieben. Tausende waren ausgewandert: Armenier aus dem Norden im 11. Jahrhundert auf die Krim, dann nach Polen oder zur Moldau, dann nach Transsylvanien und Ungarn; Armenier aus Kilikien vom 14. bis zum 17. Jahrhundert nach Zypern, Rhodos, Griechenland, Smyrna, Konstantinopel und Ägypten. Andere überquerten das Mittelmeer und ließen sich in den Städten Italiens, in Frankreich und auch in Amsterdam nieder. Von Persien schließlich gingen Armenier nach Indien und errichteten Handelshäuser bis hin nach Saigon und China. Ganz konnten auch diese Wanderungsverluste die Substanz des armenischen Volkes nicht erschöpfen. Dem ständigen Ansturm der Seldschuken, der Mongolen und später der Osmanen ausgesetzt, unterdrückt und versklavt, aber ungebrochen, blieben im Hochland wie in Kilikien armenische Bauern auf dem ererbten Boden; Handwerker und Kaufleute übten weiter ihre Tätigkeit aus. Fünf Jahrhunderte später sollte Europa verwundert feststellen, daß es am Ostrand des Osmanischen Reiches ein armenisches Volk gab, dessen Kultur und Glauben unter schwierigsten Bedingungen viele Generationen ungeschwächt überdauert hatten.
(Formatierungen, Kommentare usw. von mir)
[...] Etwa um diese Zeit [DeLaHoya: achtes Jahrhundert v. Chr.], so nimmt man an, überschritt das aus den Steppen Rußlands und den Ebenen der Unterdonau stammende Volk der Armenen den Bosporus, um sich in Phrygien [DeLaHoya: Westanatolien] niederzulassen. Entgegen dem allgemeinen Wanderungsstrom zogen sie unter der Führung von Haik von dort aus nach Osten und gelangten durch das Hochtal des Euphrat zum Fuße des Ararat. Auf den Ruinen des Urartu-Reiches gründeten sie Armenien, das sie Haiastan nannten. Damit betrat das Volk der Armenier die Bühne der Geschichte.
[...] Nach dem Ende des Hethiter- und des Urartu-Reiches war Armenien das Ergebnis der Fusion der Urartier, der Assyro-Chaldäer und der Armenen.
[...] 250 n. Chr. besteigt [...] Tiridates III. [DeLaHoya: die Jahresangabe ist übrigens falsch...] den armenischen Thron. In dieser Zeit gelangt die Geschichte der Armenier an einen Wendepunkt. Bis dahin hatten sie einer der phrygischen verwandten Religion gehuldigt, deren Götterwelt der griechischen, römischen und persischen Mythologie entlehnt war. Der heidnische Tiridates bekämpfte zunächst den christlichen Glauben, der nach armenischer Überlieferung von zwei Jüngern Christi (Bartholomäus und Thaddäus) nach Armenien gebracht worden war und sich dort unter dem Einfluß eines arsakidischen Fürsten, Gregor Illuminator, verbreitete. Der König ließ den Prediger foltern und sperrte ihn dreizehn Jahre lang in eine Festung, bis er, von Krankheit heimgesucht, Gregor rufen ließ, der ihn heilte. So bekehrte sich 288 (oder 301) Armenien zum Christentum. Das Ereignis ist insofern bemerkenswert, als die Armenier somit vor Rom das erste christliche Reich waren.
[...] Gregor Illuminator empfing in Cäsarea die Priester- und Bischofsweihe, kehrte nach Armenien zurück, taufte den König und unternahm sodann mit grausamer Intoleranz die Christianisierung des Landes: Heiden, die sich nicht bekehren lassen mochten, wurden verjagt oder ins Gefängnis geworfen, gefoltert, verbrannt. Die Spuren des heidnischen Armenien wurden für immer getilgt.
[...] Am 8. Oktober desselben Jahres [DeLaHoya: 451] fand in Chalzedon am Bosporus ein ökumenisches Konzil statt. Armenien, das in den drei ersten Konzilen von Nizäa, Konstantinopel und Ephesus vertreten gewesen war, konnte sich in Chalzedon nicht beteiligen: Das Land befand sich im Krieg, die innere Ordnung war schwer gestört, der Patriarch und das Episkopat befanden sich in Gefangenschaft oder im Exil, das Volk und die Reste der Armee waren in Guerillaaktionen verwickelt. Verständlich, daß in einer solchen Situation dogmatische Fragen kein ausgesprochen leidenschaftliches Interesse erregten. Auf dem Konzil von Chalzedon nahmen die Römische und die Byzantinische Kirche die Doktrin des Papstes Leo des Großen an, nach der die Person Jesu Christi sowohl göttlicher als auch menschlicher Natur sei. Als vierzig Jahre später die Kunde von dieser Entscheidung Armenien erreichte, beriefen die kirchlichen Amtsträger eine eigene Synode ein, auf der das Dogma von Chalzedon verworfen wurde. Armenien blieb der monophysitischen Lehre treu; der Bruch mit Rom und Byzanz war vollzogen. Von nun an besaß die armenische »apostolische« Kirche (dies ihr neuer Name) verwaltungsmäßige Unabhängigkeit.
[...] Unter der Dynastie der Bagratiden, die seit 885 regierte, erlebte Armenien eine sechzig Jahre dauernde Periode der Freiheit und des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs. [...] Die Machtstellung der Bagratiden allerdings wurde von rivalisierenden Adelsfamilien angegriffen, vor allem von den Ardzruni, die das Königreich von Vaspurakan begründet hatten. Griechen und Araber förderten diese Zwistigkeiten mit dem Erfolg, daß es im 10. Jahrhundert sieben einander bekriegende armenische Königreiche gab [...]
Die Unabhängigkeit der Bagratiden endete 1045, als es den Griechen unter Mithilfe des Katholikos Petros gelang, Armenien zu besetzen. Ohne es zu wissen, begaben sie sich damit an einen Abgrund, der sie verschlingen sollte, denn die turanischen Reiterhorden stürmten bereits durch Kleinasien, und gegen ihre Pfeile, Lanzen und Säbel waren die christlichen Reiter machtlos.
[...] Nach dem Niedergang des Ani-Reiches [DeLaHoya: ab 1064] entwickelte sich in Konstantinopel eine revanchistische Gruppierung um den Fürsten Rupen. Unter Ausnutzung der Schwäche des byzantinischen Reiches scharte Rupen armenische Adelige um sich und ließ sich mit ihnen in Kilikien nieder. Dieses fruchtbare Gebiet war von den Arabern teilweise entvölkert worden; andererseits gab es dort bereits armenische Kolonien. Zwischen den Jahren 1080 und 1095 organisierte Rupen dieses Fürstentum und machte es zur Baronie Neu-Armenien. [...] Die Geschichte Neu-Armeniens, »eine ununterbrochene Folge phantastischer und romantischer Abenteuer« (Nansen), die zur Wiederherstellung der armenischen Unabhängigkeit führte, war nur aufgrund einer besonderen politischen Situation möglich: Das islamische Reich befand sich in einem Zustand der Auflösung, auf den Europa mit den Kreuzzügen reagierte. Als der Erste Kreuzzug erschöpft die Ausläufer des Taurus erreichte, empfingen die Armenier ihn wie Brüder und gaben den Kämpfern die Möglichkeit, ihre Streitmacht zu konsolidieren, mit der sie dann Antiochia und Jerusalem nahmen. Nun allerdings verbündete sich Byzanz mit den Türken in dem Bestreben, die abendländischen Eindringlinge niederzuwerfen und die nicht-orthodoxen Christen aus den armenischen Fürstentümern zu vertreiben. Byzanz zögerte also nicht, sich unter Inkaufnahme der Gefährdung des eigenen Territoriums an die Seite des Islams gegen die Katholiken zu stellen.
[...] Nach dem Fall von Ani im 11. Jahrhundert, der Verwüstung Alt-Armeniens durch die Mongolen im 13. und Neu-Armeniens im 14. Jahrhundert war von dem einst so stolzen Volk nicht mehr viel übriggeblieben. Tausende waren ausgewandert: Armenier aus dem Norden im 11. Jahrhundert auf die Krim, dann nach Polen oder zur Moldau, dann nach Transsylvanien und Ungarn; Armenier aus Kilikien vom 14. bis zum 17. Jahrhundert nach Zypern, Rhodos, Griechenland, Smyrna, Konstantinopel und Ägypten. Andere überquerten das Mittelmeer und ließen sich in den Städten Italiens, in Frankreich und auch in Amsterdam nieder. Von Persien schließlich gingen Armenier nach Indien und errichteten Handelshäuser bis hin nach Saigon und China. Ganz konnten auch diese Wanderungsverluste die Substanz des armenischen Volkes nicht erschöpfen. Dem ständigen Ansturm der Seldschuken, der Mongolen und später der Osmanen ausgesetzt, unterdrückt und versklavt, aber ungebrochen, blieben im Hochland wie in Kilikien armenische Bauern auf dem ererbten Boden; Handwerker und Kaufleute übten weiter ihre Tätigkeit aus. Fünf Jahrhunderte später sollte Europa verwundert feststellen, daß es am Ostrand des Osmanischen Reiches ein armenisches Volk gab, dessen Kultur und Glauben unter schwierigsten Bedingungen viele Generationen ungeschwächt überdauert hatten.