karasevda75
08.04.07, 01:22
Kritik der Überbetonung des Kulturkonfliktes
Wenn von Gefährdungslagen von Migrantenjugendlichen die Rede ist, ist man schnell bei der Hand mit dem sogenannten "Kulturkonflikt' als zentrales Erklärungsmuster. Die widersprüchlichen Erwartungen des Elternhauses und der deutschen Umgebung drängten die Kinder und Jugendlichen in eine Double‑bind‑Situation, in eine Orientierungskrise, durch die die psychosoziale und kognitive Entwicklung blockiert würde und anomische Bewältigungsstragien begünstigt würden (Gesetzlosigkeit, Sucht, Depression, Suicidgefährdung).....
Dieses überall verbreitete Erklärungsmuster hält der empirischen Überprüfung nicht stand. Nur ein geringer Teil der Jugendlichen bestätigt in Befragungen, dass ihnen das ´Leben zwischen den Kulturen' starken Stress bereite ..... bzw. dass sie wegen der Anpassung an die deutsche Umgebung mit ihren Eltern im Dauerstreit lägen. Nur 10% der von Heitmeyer befragten jungen Türken fanden es stressig, ´Wie ein Muslim zu denken und zu fühlen und gleichzeitig in Deutschland zu leben, ....`.
Damit sollen Kulturkonflikte als belastender Faktor nicht geleugnet werden, aber nach den Befragungsergebnissen scheinen sie nur für eine Minderheit von Migrantenjugendlichen eine gravierende Bedeutung zu haben.
Die große Verbreitung des Erklärungsmusters verweist m. E. eher auf rechtfertigende Motive der Mehrheitsgesellschaft. Ist der Kulturkonflikt die Hauptursache für die Fehlentwicklungen bei Migrantenjugendlichen, kann der schwarze Peter den Migrantenfamilien zugesteckt werden. Sind sie es doch, die durch ihre dysfunktionale, althergebrachte Erziehung die Jugendliche in die Sackgasse geleiten.
Ausgeblendet werden andere Gefährdungen durch Ausgrenzungserfahrungen, die im Verantwortungsbereich der Mehrheitsgesellschaft liegen und bei denen die Integrationsleistung von Seiten des aufnehmenden Systems erbracht werden müsste.
Neben den Exklusionserfahrungen spielen auch die Brüche in der Familienbiographie ‑ v. a. Trennungen und Wechsel von Bezugspersonen ‑ eine große Rolle, die mit Wanderungsprozessen in der Regel verbunden sind. Wenn sie nicht verarbeitet werden, kann dies zu späteren Gefährdungen führen.
Analytisch lassen sich die gefährdenden Belastungen von Migrantenjugendlichen in eine Reihe von Teilproblemen zerlegen. Liegt eine starke Kumulation dieser Probleme vor, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Jugendlichen ihre Situation mit anomischen Bewältigungsstrategien zu bearbeiten versuchen. Dennoch gibt es keine Automatik zwischen Belastungsszenarien und pathologischen Reaktionen. Viele Jugendlichen entwickeln sich ‑ trotz widrigster Umstände zu lebenstüchtigen, psychisch stabilen Persönlichkeiten.
Migrationsfolgen ‑ Leben im Provisorium und erschwerte Zukunftsplanung
Viele Jugendliche der zweiten Generation blicken auf eine wechselhafte Biographie mit manchmal dramatischen Brüchen schon in einem zarten Alter zurück: In Deutschland geboren, bei den Großeltern im Heimatland aufgewachsen, dann wieder im Schulalter oder noch später vor dem Eintritt des 16. Lebensjahrs als ´Seiteneinsteiger` nachgeholt. Ebenso ist die zukünftige Aufenthaltsperspektive oft ungeklärt. Viele Eltern halten an unrealistischen Rückkehrplänen fest ‑ sei es, dass sie sich an ihren Lebenstraum klammern, aber auch als Alternativplanung für schlechtere Zeiten in Deutschland. Die Alternativplanung im Heimatland und in Deutschland sieht aber für die Jugendlichen ‑ was z. B. die berufliche Qualifikation betrifft ‑ völlig anders aus. Dieser permanante Ambivalenzkonflikt bzw. die (Schein)Alternative Rückkehr beeinflußt u. U. die Berufswahl und die Frustrationstoleranz in Schule und Ausbildung negativ.
Vernachlässigung der Kinder durch die belastenden Arbeits‑ und Lebensverhältnisse
Migranten nehmen die untersten Positionen im Beschäftigungssystem ein. Die Familien sind auf den Doppelverdienst beider Elternteile angewiesen. Die Arbeitsbelastungen sind überdurchschnittlich und die zeitliche Belastung des Familienlebens durch Schichtarbeit und flexible Arbeitszeitenregelung im niedrigen Dienstleistungsgewerbe besonders hoch. Hinzukommt das Festhalten an den Rückkehrplänen, die mit bestimmten Sparzielen verknüpft sind. Die Imperative des Arbeitsalltages führen zu einer starken Reduktion des Familienlebens. Viele Kinder werden emotional vernachlässigt und der Familienalltag häufig entstrukturiert.
Destabilisierung der familiären Rollenmuster
durch den strukturellen Machtverlust der Väter
Die Migration ist in der Regel mit einem stukturellen Machtverlust der männlichen ´Familienoberhäupter` verbunden: vorher ´Herr` auf der eigenen ´Scholle` oder einem kleinen Gewerbebetrieb und jetzt auf der untersten Stufe der abhängig Beschäftigten, vorher ´Außenminister` der Familie, der die Interessen der Familie in der Öffentlichkeit durchzusetzen wusste und in der Migration zurückgeworfen auf eine infantile Abhängigkeit von den sprachkundigeren Kindern und Sozialberatern beim Umgang mit den öffentlichen Institutionen.
Gleichzeitig erfahren die Frauen durch Berufstätigkeit und die Geschlechtsrollen-erwartungen der Mehrheitsgesellschaft eine strukturelle und ideelle Aufwertung. Nicht selten verbünden sie sich mit den Kindern. Das überkommen Machtgefüge gerät durcheinander, ohne dass die Väter ihre Einstellungen wesentlich änderten. Sie reagieren hilflos, indem sie autoritäre Seiten aufziehen, wodurch es v. a. den Jungen noch weniger möglich wird, sich mit ihren Vätern positiv zu identifizieren.
Die Identifikationsprobleme mit dem Vater können bei den männlichen Jugendlichen die Reifung einer ausbalancierten Geschlechtsidentität behindern und die Identifikation mit dem ´Gesetz des Vaters`, d.h. zu ödipalen Fixierungen führen. Sie müssen sich ständig beweisen, dass sie Männer sind und rebellieren auf eine destruktive Weise gegen die von Vater geforderte gesellschaftliche Anpassung.
Nach Farin/Seidel‑Piehlen identifizieren sie sich aber auf einer unbewussten Ebene mit den unterdrückten Aggressionen der Väter, die ihre demütigenden Erfahrungen heruntergeschluckt haben und unterschwellige Ressentiments gegen ´die Deutschen` hegen. Sie delegieren ihre verdrängte Wut an die männlichen Nachkommen und geben ihnen den unbewussten Auftrag ´zurückzuschlagen`. Die Anpassungsforderungen werden so u. U. unterminiert durch die unbewussten Signale auf der Ebene der emotionalen Kommunikation im Familiensystem......
Soziale Perspektivlosigkeit
und Schwierigkeiten bei der sozialen Identitätsfindung
In den gesellschaftlich weniger stratifizierten ´Leistungs‑ und Konsumgesellschaften` westlichen Typs wird soziale Identität weniger vermittelt durch die Einbindung in ein bestimmtes ´sozial-moralisches` Milieu als durch den individuellen Berufs‑ und Konsumstatus. Insofern ist die Chance, eine soziale Identität zu entwickeln und damit in die Erwachsenenrolle hinüberzuwachsen viel stärker an gute berufliche Zukunftschancen gebunden als in früheren Zeiten. Die Migrantenjugendlichen haben wesentlich höhere soziale Aspirationen als ihre Eltern. Für 73 % der türkischen Jugendlichen ist es ´sehr wichtig` bis ´wichtig`, ´die berufliche und soziale Stellung ihrer Eltern zu übertreffen`.
Die Realität deutet nicht daraufhin, dass die Mehrheit der Migrantenjugendlichen den angestrebten Aufstieg schaffen wird. Zwar sind die Migrantenkinder inzwischen weitgehend in die Haupt‑ und Realschule integriert, mittlerweile haben sich aber die Kinder der Mehrheitsgesellschaft in Richtung Gymnasium abgesetzt. In den Ballungszentren ist die Hauptschule zur ´Ausländerrestschule` geschrumpft, d. h. dass sich im Generationsmaßstab für die Mehrheit der zweiten und dritten Einwanderergeneration die relativen Wettbewerbschancen um immer knapper werdende begehrte Ausbildungsplätze kaum verbessert haben.
Während also sich das Aspirationsniveau an die durchschnittlichen Standards angepasst hat, rücken die Realisierungschancen der ´selbstverständlichen` Erwartungen an das Leben für viele Migrantenjugendlichen in immer weitere Ferne. Was lohnt es sich da noch, sich groß anzustrengen, wenn bestenfalls nur eine Reproduktion des inakzeptablen bisherigen Lebensniveaus der Eltern dabei herauskommt. Viel verlockender ist es da, eine ´schnelle Mark` auf dem Drogenmarkt zu machen bzw. einen ´okkasionistischen` Lebensstil zu entwickeln, die abenteuernde Jugendphase in die Länge zu ziehen und sich durch riskante Aktionen einen Kick im ´hier und jetzt` zu verschaffen (vgl. Anomietheorie von Merton 1968, Apitzsch 1990).
Probleme der männlichen Identitätsentfindung und
"machismo" als reaktive Bewältigungsstrategie
Die eingeschränkten Chancen der sozialen Identitätsentwicklung lassen die männlichen Jugendlichen regredieren auf die letzte Bastion ihrer Ehre: die zugeschriebnen traditionelle Geschlechtsidentität, die sie ohne erworbene schulische und berufliche Leistungsnachweise bestätigen können ‑ durch herausforderndes Verhalten, Mut, Gruppensolidarität, körperliche Durchsetzungsfähigkeit. Die ungleichen Chancen auf dem Feld verbaler Konkurrenz in Schule und Berufsausbildung lässt sie zum Faustrecht greifen.....
http://www.praeventionstag.de/content/8_praev/doku/gaitanides/index_8_gaitanides.html (http://www.praeventionstag.de/content/8_praev/doku/gaitanides/index_8_gaitanides.html)
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Dieser Artikel ist aus der Novemberausgabe der MIG21 einem Infobrief aus dem Netz, der mir freundlicherweise von einem Bekannten zur Verfügung gestellt wurde, der Ki-Ju-Psychologe in Westphalen-Lippe ist.
Ich finde ihn recht lesenswert....er erklärt einige Aspekte...
Wenn von Gefährdungslagen von Migrantenjugendlichen die Rede ist, ist man schnell bei der Hand mit dem sogenannten "Kulturkonflikt' als zentrales Erklärungsmuster. Die widersprüchlichen Erwartungen des Elternhauses und der deutschen Umgebung drängten die Kinder und Jugendlichen in eine Double‑bind‑Situation, in eine Orientierungskrise, durch die die psychosoziale und kognitive Entwicklung blockiert würde und anomische Bewältigungsstragien begünstigt würden (Gesetzlosigkeit, Sucht, Depression, Suicidgefährdung).....
Dieses überall verbreitete Erklärungsmuster hält der empirischen Überprüfung nicht stand. Nur ein geringer Teil der Jugendlichen bestätigt in Befragungen, dass ihnen das ´Leben zwischen den Kulturen' starken Stress bereite ..... bzw. dass sie wegen der Anpassung an die deutsche Umgebung mit ihren Eltern im Dauerstreit lägen. Nur 10% der von Heitmeyer befragten jungen Türken fanden es stressig, ´Wie ein Muslim zu denken und zu fühlen und gleichzeitig in Deutschland zu leben, ....`.
Damit sollen Kulturkonflikte als belastender Faktor nicht geleugnet werden, aber nach den Befragungsergebnissen scheinen sie nur für eine Minderheit von Migrantenjugendlichen eine gravierende Bedeutung zu haben.
Die große Verbreitung des Erklärungsmusters verweist m. E. eher auf rechtfertigende Motive der Mehrheitsgesellschaft. Ist der Kulturkonflikt die Hauptursache für die Fehlentwicklungen bei Migrantenjugendlichen, kann der schwarze Peter den Migrantenfamilien zugesteckt werden. Sind sie es doch, die durch ihre dysfunktionale, althergebrachte Erziehung die Jugendliche in die Sackgasse geleiten.
Ausgeblendet werden andere Gefährdungen durch Ausgrenzungserfahrungen, die im Verantwortungsbereich der Mehrheitsgesellschaft liegen und bei denen die Integrationsleistung von Seiten des aufnehmenden Systems erbracht werden müsste.
Neben den Exklusionserfahrungen spielen auch die Brüche in der Familienbiographie ‑ v. a. Trennungen und Wechsel von Bezugspersonen ‑ eine große Rolle, die mit Wanderungsprozessen in der Regel verbunden sind. Wenn sie nicht verarbeitet werden, kann dies zu späteren Gefährdungen führen.
Analytisch lassen sich die gefährdenden Belastungen von Migrantenjugendlichen in eine Reihe von Teilproblemen zerlegen. Liegt eine starke Kumulation dieser Probleme vor, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Jugendlichen ihre Situation mit anomischen Bewältigungsstrategien zu bearbeiten versuchen. Dennoch gibt es keine Automatik zwischen Belastungsszenarien und pathologischen Reaktionen. Viele Jugendlichen entwickeln sich ‑ trotz widrigster Umstände zu lebenstüchtigen, psychisch stabilen Persönlichkeiten.
Migrationsfolgen ‑ Leben im Provisorium und erschwerte Zukunftsplanung
Viele Jugendliche der zweiten Generation blicken auf eine wechselhafte Biographie mit manchmal dramatischen Brüchen schon in einem zarten Alter zurück: In Deutschland geboren, bei den Großeltern im Heimatland aufgewachsen, dann wieder im Schulalter oder noch später vor dem Eintritt des 16. Lebensjahrs als ´Seiteneinsteiger` nachgeholt. Ebenso ist die zukünftige Aufenthaltsperspektive oft ungeklärt. Viele Eltern halten an unrealistischen Rückkehrplänen fest ‑ sei es, dass sie sich an ihren Lebenstraum klammern, aber auch als Alternativplanung für schlechtere Zeiten in Deutschland. Die Alternativplanung im Heimatland und in Deutschland sieht aber für die Jugendlichen ‑ was z. B. die berufliche Qualifikation betrifft ‑ völlig anders aus. Dieser permanante Ambivalenzkonflikt bzw. die (Schein)Alternative Rückkehr beeinflußt u. U. die Berufswahl und die Frustrationstoleranz in Schule und Ausbildung negativ.
Vernachlässigung der Kinder durch die belastenden Arbeits‑ und Lebensverhältnisse
Migranten nehmen die untersten Positionen im Beschäftigungssystem ein. Die Familien sind auf den Doppelverdienst beider Elternteile angewiesen. Die Arbeitsbelastungen sind überdurchschnittlich und die zeitliche Belastung des Familienlebens durch Schichtarbeit und flexible Arbeitszeitenregelung im niedrigen Dienstleistungsgewerbe besonders hoch. Hinzukommt das Festhalten an den Rückkehrplänen, die mit bestimmten Sparzielen verknüpft sind. Die Imperative des Arbeitsalltages führen zu einer starken Reduktion des Familienlebens. Viele Kinder werden emotional vernachlässigt und der Familienalltag häufig entstrukturiert.
Destabilisierung der familiären Rollenmuster
durch den strukturellen Machtverlust der Väter
Die Migration ist in der Regel mit einem stukturellen Machtverlust der männlichen ´Familienoberhäupter` verbunden: vorher ´Herr` auf der eigenen ´Scholle` oder einem kleinen Gewerbebetrieb und jetzt auf der untersten Stufe der abhängig Beschäftigten, vorher ´Außenminister` der Familie, der die Interessen der Familie in der Öffentlichkeit durchzusetzen wusste und in der Migration zurückgeworfen auf eine infantile Abhängigkeit von den sprachkundigeren Kindern und Sozialberatern beim Umgang mit den öffentlichen Institutionen.
Gleichzeitig erfahren die Frauen durch Berufstätigkeit und die Geschlechtsrollen-erwartungen der Mehrheitsgesellschaft eine strukturelle und ideelle Aufwertung. Nicht selten verbünden sie sich mit den Kindern. Das überkommen Machtgefüge gerät durcheinander, ohne dass die Väter ihre Einstellungen wesentlich änderten. Sie reagieren hilflos, indem sie autoritäre Seiten aufziehen, wodurch es v. a. den Jungen noch weniger möglich wird, sich mit ihren Vätern positiv zu identifizieren.
Die Identifikationsprobleme mit dem Vater können bei den männlichen Jugendlichen die Reifung einer ausbalancierten Geschlechtsidentität behindern und die Identifikation mit dem ´Gesetz des Vaters`, d.h. zu ödipalen Fixierungen führen. Sie müssen sich ständig beweisen, dass sie Männer sind und rebellieren auf eine destruktive Weise gegen die von Vater geforderte gesellschaftliche Anpassung.
Nach Farin/Seidel‑Piehlen identifizieren sie sich aber auf einer unbewussten Ebene mit den unterdrückten Aggressionen der Väter, die ihre demütigenden Erfahrungen heruntergeschluckt haben und unterschwellige Ressentiments gegen ´die Deutschen` hegen. Sie delegieren ihre verdrängte Wut an die männlichen Nachkommen und geben ihnen den unbewussten Auftrag ´zurückzuschlagen`. Die Anpassungsforderungen werden so u. U. unterminiert durch die unbewussten Signale auf der Ebene der emotionalen Kommunikation im Familiensystem......
Soziale Perspektivlosigkeit
und Schwierigkeiten bei der sozialen Identitätsfindung
In den gesellschaftlich weniger stratifizierten ´Leistungs‑ und Konsumgesellschaften` westlichen Typs wird soziale Identität weniger vermittelt durch die Einbindung in ein bestimmtes ´sozial-moralisches` Milieu als durch den individuellen Berufs‑ und Konsumstatus. Insofern ist die Chance, eine soziale Identität zu entwickeln und damit in die Erwachsenenrolle hinüberzuwachsen viel stärker an gute berufliche Zukunftschancen gebunden als in früheren Zeiten. Die Migrantenjugendlichen haben wesentlich höhere soziale Aspirationen als ihre Eltern. Für 73 % der türkischen Jugendlichen ist es ´sehr wichtig` bis ´wichtig`, ´die berufliche und soziale Stellung ihrer Eltern zu übertreffen`.
Die Realität deutet nicht daraufhin, dass die Mehrheit der Migrantenjugendlichen den angestrebten Aufstieg schaffen wird. Zwar sind die Migrantenkinder inzwischen weitgehend in die Haupt‑ und Realschule integriert, mittlerweile haben sich aber die Kinder der Mehrheitsgesellschaft in Richtung Gymnasium abgesetzt. In den Ballungszentren ist die Hauptschule zur ´Ausländerrestschule` geschrumpft, d. h. dass sich im Generationsmaßstab für die Mehrheit der zweiten und dritten Einwanderergeneration die relativen Wettbewerbschancen um immer knapper werdende begehrte Ausbildungsplätze kaum verbessert haben.
Während also sich das Aspirationsniveau an die durchschnittlichen Standards angepasst hat, rücken die Realisierungschancen der ´selbstverständlichen` Erwartungen an das Leben für viele Migrantenjugendlichen in immer weitere Ferne. Was lohnt es sich da noch, sich groß anzustrengen, wenn bestenfalls nur eine Reproduktion des inakzeptablen bisherigen Lebensniveaus der Eltern dabei herauskommt. Viel verlockender ist es da, eine ´schnelle Mark` auf dem Drogenmarkt zu machen bzw. einen ´okkasionistischen` Lebensstil zu entwickeln, die abenteuernde Jugendphase in die Länge zu ziehen und sich durch riskante Aktionen einen Kick im ´hier und jetzt` zu verschaffen (vgl. Anomietheorie von Merton 1968, Apitzsch 1990).
Probleme der männlichen Identitätsentfindung und
"machismo" als reaktive Bewältigungsstrategie
Die eingeschränkten Chancen der sozialen Identitätsentwicklung lassen die männlichen Jugendlichen regredieren auf die letzte Bastion ihrer Ehre: die zugeschriebnen traditionelle Geschlechtsidentität, die sie ohne erworbene schulische und berufliche Leistungsnachweise bestätigen können ‑ durch herausforderndes Verhalten, Mut, Gruppensolidarität, körperliche Durchsetzungsfähigkeit. Die ungleichen Chancen auf dem Feld verbaler Konkurrenz in Schule und Berufsausbildung lässt sie zum Faustrecht greifen.....
http://www.praeventionstag.de/content/8_praev/doku/gaitanides/index_8_gaitanides.html (http://www.praeventionstag.de/content/8_praev/doku/gaitanides/index_8_gaitanides.html)
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Dieser Artikel ist aus der Novemberausgabe der MIG21 einem Infobrief aus dem Netz, der mir freundlicherweise von einem Bekannten zur Verfügung gestellt wurde, der Ki-Ju-Psychologe in Westphalen-Lippe ist.
Ich finde ihn recht lesenswert....er erklärt einige Aspekte...