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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ökonom: Sen, A.: Die Identitätsfalle



TomBac
16.05.07, 23:48
© DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13


Curry, global

Mit der Autorität des Nobelpreisträgers, der Ironie des Intellektuellen und der Erfahrung des Weltbürgers plädiert Amartya Sen für die vielfältigen Zugehörigkeiten eines jeden Menschen. Denn Identität kann töten.

Von Elisabeth von Thadden


Der Mann stellt sich selbst vor: Er sei »Asiate, Bürger Indiens, Bengale mit bangladeshischen Vorfahren, Einwohner der Vereinigten Staaten oder Englands, Ökonom, Dilettant auf philosophischem Gebiet, Autor, Sanskritist, entschiedener Anhänger des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feminist, Heterosexueller, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Mensch mit einem areligiösen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Brahmane und Ungläubiger, was das Leben nach dem Tode angeht.« Diese vielfältige Vorstellung sei eine abkürzende Auswahl.

Es ginge noch kürzer: Amartya Sen, Nobelpreisträger der Ökonomie. Andere würden sagen: Professor in Harvard. Für die Schriftstellerin Nadine Gordimer ist Amartya Sen »einer der wenigen Intellektuellen von Weltrang, auf die wir uns verlassen können, wenn es gilt, Ordnung in unsere existentielle Verwirrung zu bringen«. In dieser Eigenschaft hat Sen nun ein Buch über die Frage verfasst, was den Menschen ausmache und worum es jetzt gehe, wenn von seiner Identität im Singular die Rede ist.

Die Identitätsfalle, im Original Identity and Violence, ist eine subtil komische, politisch tief besorgte Kampfschrift gegen die eindeutige Festlegung des Menschen auf nur einen Teil seiner Eigenarten, auf die religiös verstandene Kultur nämlich, der er jeweils angehöre, ob nun dem Islam, dem Hinduismus, dem Westen. Zugleich ist Die Identitätsfalle ein leichtfüßiger intellektueller Spaziergang durch die Landschaften der Wirtschaftstheorie und der Poesie, der Philosophie, der Politik und des Alltagslebens. Das Denken kommt selten so elegant, so menschenfreundlich und einnehmend des Wegs wie hier.

Auch wenn, sagen wir es gleich, dieses Buch von Wiederholungen nur so strotzt, weil es sich einer kaum gestrafften Zusammenstellung von sechs Vorlesungen verdankt, die Amartya Sen kurz nach dem 11. September 2001 in Boston gehalten und später überarbeitet hat. Allerhand leicht kürzbare Abschweifungen in Überlegungen zur Globalisierung enthält das Buch in seinem letzten Drittel außerdem, die der Ökonom andernorts präziser ausgearbeitet hat. Das Buch hätte also ohne Weiteres um zumindest 50 Seiten schmaler ausfallen können.

Aber merkwürdigerweise lässt man sich diese Schwächen beim Lesen gefallen, weil der Autor eine pointierte These umkreist, die tatsächlich Gewicht hat: dass nämlich Identität töten kann. Dass die Festlegung des Menschen auf Religion und Kultur – wie Samuel Huntington sie einerseits in seinem Buch Kampf der Kulturen vornahm und wie sie andererseits für eine Fanatisierung der Massen vielerorts instrumentalisiert wird – eine Quelle gewalttätiger Konflikte sei und zudem unzulässig verfälschend.
Den Einspruch gegen die Eindimensionalität des Menschen hatte Sen zuvor, etwa in seinem Buch Development as freedom, als Kritik am Bild des Homo oeconomicus vorgetragen, der nur vermeintlich rein rational handele. Menschen, sagt Sen nun, seien auf »mannigfaltige Weise verschieden«, nach Geschlecht, Klasse, Beruf, Herkunft, Sprache, Vorlieben und Überzeugungen etwa. Vor allem aber seien sie frei, unter ihren Eigenschaften jeweils neue Prioritäten zu setzen. Ebendarin liege ein Grund für die Hoffnung auf Frieden: »Die Vernachlässigung der Vielfalt unserer Zugehörigkeiten und der Pflicht nachzudenken und eine Wahl zu treffen, verfinstert die Welt, in der wir leben.« Die Wahl, welchen seiner Teilidentitäten einer zuneigen will, ist durch die äußeren Umstände begrenzt, das versteht sich, aber schicksalhaft sind diese Umstände nicht. Das macht den Unterschied aus, in dem die Individuen, das Denken wie die Politik ihre Spielräume ansiedeln könnten.

Als Kind hat Sen im Indien der vierziger Jahre erlebt, wie die Politisierung von religiös-ethnischer Identität Blutbäder unter Hunderttausenden von Hindus und Muslimen anrichtete, die eben noch ununterscheidbar Nachbarn gewesen waren. Er wurde Augenzeuge, wie ein blutüberströmter Mann, seinen Mördern entkomme
n, in den elterlichen Garten taumelte, um Hilfe bat. Die kam zu spät. Die Gegenwart, ob diejenige des Massenmords unter Hutus und Tutsis oder diejenige des islamistischen Kampfs gegen »den Westen«, kennt zahllose Parallelen zu Sens traumatischem Urerlebnis.
Es ist diese explodierende Grausamkeit im Namen von Religion und Kultur, gegen die Amartya Sen anschreibt, aber er macht die Schritte seiner Argumentation feinsinnig auf Umwegen: Zahllose Menschen, sinniert Sen etwa, trügen weltweit Schuhe der Größe acht, aber werde deshalb die Schuhgröße zu ihrer einzig bestimmenden Identität? Gewiss, es könnte ein identitätsbildendes Dilemma entstehen, wenn etwa in einer russischen Stadt im eisigsten Winter nur Schuhwerk dieser Größe nicht lieferbar sei und also allein deren Träger durch eine gemeinsame Notlage zu Verfechtern ihrer ebenso gemeinsamen Interessen würden. Doch wenn der Frühling käme und eine neue Schuhlieferung, sähe die Sache schon anders aus: Identitäten fließen, sind transitorisch und können stets neue Koalitionen bilden.

Der Feminist Amartya Sen hat einen geistigen Vater: Gandhi
Durch Wahl, wohlgemerkt: Eines Tages habe ein Mahatma Gandhi entschieden, dass er nun nicht länger vor allem ein westlich gebildeter Rechtsanwalt sei, sondern fortan vor allem ein Inder, der gewaltlos für die Unabhängigkeit seines Landes und für die Rechte der Ärmsten streiten würde. Gandhi ist mit seinem Anspruch, universalistisch für alle zu sprechen, erkennbar eine der Leitfiguren für Sen, auch weil Gandhi das Kriterium des Geschlechts hervorhob, das es einem erst erlaubt, die Nöte indischer Frauen eigens wahrzunehmen. Damit ist er ein geistiger Vater des Feministen Amartya Sen, dessen Denken auch den Entwicklungschancen von indischen Frauen, durch Eigentum etwa, gilt.

Dass aber mit diesem Beispiel auch die bestärkende Kraft von Identitäten benannt ist, die es Schwachen ermöglicht, im Namen des Gemeinsamen für ihre Rechte zu streiten und sich wahrnehmbar zu machen, ist Sen keine eingehende Erörterung wert. Identität tötet aber keineswegs immer, vielmehr ist die Emanzipation der Frauen, der Schwarzen, der historischen Arbeiterschaft erst durch die Erfahrung und Entdeckung einer gemeinsamen Identität möglich gewesen. Ein Argument, das etwa die amerikanische Philosophin Seyla Benhabib einleuchtend gegen das dekonstruktivistische Denken geltend gemacht hat.

Sen kennt die Forschung und weiß also, dass Identität stärken kann, durchaus zum Wohle der Nächsten, wie es etwa die Arbeiten von Robert Putnam belegen. Und er weiß natürlich auch um die prägende Kraft von Kulturen. Erst vor Kurzem haben Katharina und Sudhir Kakar in ihrem Buch Die Inder deutlich gemacht, wie gut erkennbar etwa für Psychoanalytiker, Kultur- und Religionswissenschaftler die gemeinsamen kulturellen Muster von Ernährung, Hygiene, Geschlechtervorstellungen und Sexualität sein können.

Aber Sen geht es demgegenüber um den hybriden Charakter aller Kulturen, der durch Jahrhunderte der Differenzierung und wechselseitigen Beeinflussung zustande kam. Daher Sens kleine globale Geschichte des Currygewürzes, das als indisch gilt. Indisch? Die Chilischoten, die in die Currysoßen gehören, brachten einst die Portugiesen aus Amerika nach Indien, und das Currypulver wiederum war eine Erfindung der Briten.
Demokratie, Buchdruck, Toleranz und Curry haben globale Wurzeln.

Nach diesem Muster löst Sen die viel weiter reichenden Zuschreibungen auf, die Errungenschaften in westliche und nichtwestliche sortieren. Demokratie und Wissenschaft, die vermeintlich klassischen Gütesiegel des Westens, sind dabei Sens Gegenstände der Differenzierung. Waren es nicht persische Städte, die Griechenlands Polis als Erste beerbten, während die englischen und französischen Erben der Antike noch lange schliefen? Ist der Algorithmus nicht aus Persien, das Dezimalsystem nicht aus Indien gen Westen globalisiert worden? Die Demokratie hat wie die Wissenschaft, die Toleranz, der Buchdruck, die Bewässerungstechnik und das Curry globale Wurzeln. Wer sie einfach dem Westen zuschreibt, sagt Sen, ist von falschen Vorstellungen besessen.
Woher aber die Macht der Zuschreibungen kommt, warum die Gewalt Menschen nach Identitäten sortiert, wie der fatale Mechanismus, den anderen eindeutig zu identifizieren, in Gang kommt, das bleibt in diesem Buch weitgehend ein Rätsel. Die Erfahrung der Demütigung fesselt den Geist, aber ist das eine Erklärung dafür, dass sich seit dem 11. September Menschen neu als Christen wahrnehmen, die sich zuvor für Verweltlichte hielten? Ist es nur das Gefühl der Gefährdung, das Identitäten hervorbringt?

Als Verfechter des Republikanismus will Sen Vernunft, Bildung und eine Politik für die Ärmsten als Remedien gegen religiösen Überschuss geltend machen. Man möchte diesem Weltbürger recht geben, dass in der Weltbürgerschaft eine Identität liegt, die alle beheimaten kann. Aber dann liest man, wie der große Ökonom im Ton des verwunderten Kindes schreibt: »Unverständlich ist nur, warum die Kultivierung der singulären Identität so erfolgreich ist, wo doch jeder sehen kann, daß die Menschen vielfältige Zugehörigkeiten haben.« Jeder? Vielleicht sehen es jetzt doch ein paar mehr.

Quelle: http://www.zeit.de/2007/13/ST-Sen?page=3.

Amartya Sen: Die Identitätsfalle - Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt; aus dem Englischen von Friedrich Griese, Verlag C. H. Beck, München 2007; 208 S., 19,90.

Asli
17.05.07, 02:26
Und wie siehst du das, Tombac? Mir hat der Artikel sehr gut gefallen- vor allem die Stellen die den Mythos von "westlichen Werten" dekonstruieren- da diese im Grunde auch einen hybriden Charakter haben.

Der Schakal
08.09.07, 16:53
Autor Amartya Sen
Seiten 208
Erscheinungsdatum 05.09.2007
Erscheinungsort Bonn
Bestellnummer 1630
Bereitstellungs-
pauschale 4,00 EUR


Inhalt
Der umstrittenen These Samuel Huntingtons vom Kampf der Kulturen stellt Amartya Sen, weltbekannter Ökonom und Nobelpreisträger, einen Ansatz entgegen, der auf die Vielgestaltigkeit menschlicher Indentitäten und Lebensformen verweist. Sen, der als Kind in Britisch-Indien mit der brutalen Realität des religiösen Fanatismus konfrontiert wurde, zeigt anhand zahlreicher Beispiele, auf welche Weise eindimensionale und undifferenzierte Konstruktionen von Identität instrumentalisiert und in Religion und Gesellschaft zur Triebkraft von Fanatismus, Intoleranz und Fundamentalismus werden.

Die Essays in diesem Band sind aus einer Vortragsreihe Sens an der Universität von Boston hervorgegangen, die er unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September 2001 als Gegenentwurf einer religiös-nationalistischen Weltsicht formulierte.

http://www.bpb.de/publikationen/JC6IWB,0,Die_Identit%E4tsfalle .html

hami yildiz
09.09.07, 02:23
Die Gegenwart, ob diejenige des Massenmords unter Hutus und Tutsis oder diejenige des islamistischen Kampfs gegen »den Westen«, kennt zahllose Parallelen zu Sens traumatischem Urerlebnis.



"Islamistischer Kampf gegen den Westen" daß kann man echt nicht mehr hören.

Wo und wie findet dieser Kampf denn statt?