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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Feiern statt vergessen



theinsider
18.07.07, 12:03
Auf einem Festival an der türkischen Ägäisküste zelebrieren Griechen und Türken ihr gemeinsames kulturelles Erbe. Sie erinnern damit zugleich an das Leid durch die Vertreibung von fast zwei Millionen Menschen

Drei Tage lang befindet sich die türkische Kleinstadt Ayvalık im Ausnahmezustand. Türken, Griechen und Deutsche strömen in den Ort, der an der Ägäisküste gegenüber der Insel Lesbos liegt. Die Hauptstraße ist rundherum abgesperrt, in kleinen Seitengassen finden Fotoausstellungen, Lesungen, Musik- und Tanzveranstaltungen sowie Filmvorführungen statt. Die Menschen feiern das erste gemeinsame Kulturfestival von Ayvalık und der griechischen Stadt Mytilene. Sie stellen sich damit einer Geschichte, die der Nationalismus beider Länder noch bis vor wenigen Jahren verdrängt hat, um die Frage nach griechischer und türkischer Identität nicht wieder zu verkomplizieren.

Im Amphitheater in Ayvalık eröffnet die populäre Sängerin Leman Sam das Festival mit einem zweistündigen Konzert. Die rund 4000 Zuschauer lassen sich von den Liedern von Mikis Theodorakis, Maria Farantouri und Charis Alexiou mitreißen. „Das ist gelebte griechisch-türkische Freundschaft“, ruft begeistert Leman Sam. Ein Duett der türkischen Sängerin mit Eleni Petreli, der stellvertretenden Bürgermeisterin der Stadt Mytilene, bringt die Menge endgültig zum Toben.

Dies sei der Auftakt für eine neue Bewegung, versichert der Bürgermeister von Ayvalık, Hasan Bülent Türközen: „Der Vergangenheit zum Trotz ist das Kulturfestival ein Symbol für Frieden, Hoffnung und einen gemeinsamen Weg.“ Überraschend ist dabei nicht die Forderung nach einer friedlichen Koexistenz der beiden Nachbarstaaten, sondern der Wille, verloren gegangene Gemeinsamkeiten wieder aufzuspüren.

Dass ein Miteinander nicht möglich sei, davon waren die Regierungen Griechenlands und der Türkei 1923 überzeugt. Griechische Truppen waren im Jahr zuvor endgültig bei ihrem Versuch gescheitert, Teile Kleinasiens zu erobern, was dort zur Flucht oder Vertreibung der griechischstämmigen Bevölkerung führte. Im völkerrechtlich anerkannten Vertrag von Lausanne einigten sich die beiden Kontrahenten schließlich auf einen Bevölkerungsaustausch. Auf Basis der Religionszugehörigkeit definierte die Konvention, wer Grieche und wer Türke war. Das hieß, wer den „falschen“ Glauben hatte, verlor seine Heimat: 1,25 Millionen Griechisch-Orthodoxe wurden aus Kleinasien ausgewiesen, während eine halbe Million Muslime Griechenland verlassen und Hab und Gut zurücklassen mussten.

Das türkische Ayvalık, dessen Bewohner zuvor mehrheitlich Christen waren, glich zeitweilig einer Geisterstadt. Überreste griechischer Gebäude und Klöster findet man heute noch in der Stadt und seiner Umgebung, weswegen Ayvalık eines der Hauptziele griechischer Touristen ist, die sich auf die Reise in die Heimat ihrer Vorfahren begeben. „Vor 30 Jahren waren mein Mann und ich in Ayvalik, um unsere Flitterwochen hier zu verbringen“, sagt Barbara Agelidis, Vorstandsmitglied des Vereins „Griechisch-Türkische Freundschaft“ aus Köln. „Das griechische Erbe hier ist noch sehr stark zu sehen.“

Bürgermeister Türközen weist darauf hin, dass die Wunden des erzwungenen Austausches noch heute auf beiden Seiten sehr tief sind. Dies zeigt sich deutlich bei der Vorführung des Films „Vertrieben für Frieden“ von Osman Okkan und Simone Sitte. Tränen fließen bei vielen Besuchern, als der Film Geschichten wie die der Familie Theodorakis erzählt, die 1923 ihre Heimatstadt Izmir verlassen musste. Einer der Söhne, der Komponist und Liedermacher Mikis Theodorakis, gründete später mit seinem türkischen Kollegen Zülfü Livaneli den Verein für griechisch-türkische Freundschaft.

Fröhlicher geht es bei den Musikveranstaltungen zu. Eine Gruppe aus Lesbos führt in traditionellen Kostümen einen Volkstanz vor, der sich kaum von denen ihrer türkischen Gastgeber unterscheidet. Im Anschluss sorgen die Glocken-Männer mit ihrem spektakulären Auftritt für große Begeisterung: Von Kopf bis Fuß mit großen Kuhglocken behängt, präsentieren sie einen Tanz, der im griechischen Karneval seinen Ursprung hat und böse Dämonen vertreiben soll. Am Abend laden verschiedene griechische und türkische Bands zum spontanen Tanzen auf den Straßen ein.

„Solche gemeinsamen Veranstaltungen sind sehr wichtig für die Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland“, sagt der griechische Präfekt Pavlos Vogiatzis. „Zwischen uns besteht ein gemeinsames historisches Band.“ Dies sehen die anderen Besucher genauso. Christina Chatzidaki stimmt es hoffnungsvoll, dass immer mehr solcher Kooperationen ein friedliches Neben- und Miteinander der beiden Nachbarn anstreben. Nach dem erfolgreichen ersten Teil des Kulturfestivals im Juni wird der zweite im Oktober in Mytilene auf Lesbos stattfinden.

http://www.zenithonline.de/archives/556-Feiern-statt-vergessen.html