DeLaHoya
22.06.05, 22:33
"Iraks Demokratie bedroht die Nachbarn"
Bin Laden hat in Europa mehr Helfer als in den islamischen Staaten - Ein Gespräch mit Bernard Lewis
von Wolfgang Schwanitz
http://www.welt.de/media/pic/000/257/25702v1.jpgDie Palästinenser haben das Existenzrecht Israels bisher nicht anerkannt, stellt Bernard Lewis fest
Foto: AP DIE WELT: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Demokratie nach den Wahlen im Irak?
Bernard Lewis: Die Wahlen waren ein wichtiger Sieg. Aber sie sind nur eine Etappe im Ringen, das noch nicht entschieden ist. Allen Unkenrufe zum Trotz waren die freien Wahlen in einem arabisch-islamischen Land mit geringer demokratischer Erfahrung möglich. Die Wähler haben beim Gang zur Wahlurne ihr Leben riskiert.
DIE WELT: Verdarben die Iraker ihren Erfolg nach den Wahlen, indem sie sich nicht auf eine Regierung einigen konnten?
Lewis: Das ist auch ein gutes Zeichen, Teil des demokratischen Prozesses. Keine Partei war stark genug, die Regierung zu bilden. Verhandlung und Kompromiß waren nötig. Das braucht dort Zeit, wo es kein Wort für Kompromiß gibt.
DIE WELT: Das erklärt nicht die 50 bis 60 Anschläge täglich.
Lewis: Der demokratische Erfolg wird zum Ziel. Das Projekt Demokratie führt zu zwei Befürchtungen. Die eine, es würde nicht klappen, wie es oft dies- und jenseits des Atlantik zu hören war; in Europa war es gar ein Dogma, daß Demokratie im Irak nicht funktioniere. Die andere, tiefere Furcht kam aus Nahost: daß es doch klappen könnte. Einen Erfolg der Demokratie im Irak sehen benachbarte Tyrannen als tödliche Bedrohung an.
DIE WELT: Gibt es nach Saddam Hussein einen "demokratischen Frühling"?
Lewis: Jedenfalls eine Woge demokratischer Hoffnungen und Erfolge. Was im Irak geschieht, zeitigt ein bemerkenswertes Echo in Syrien, dem Libanon, Ägypten und am Golf.
DIE WELT: In Nahost sah man das Aufbegehren von Massen in Europa.
Lewis: Genau, sie haben auch das osteuropäische Beispiel vor Augen. Das führt zu einem weiteren Hauptfaktor: die Revolution der Kommunikation. Informationen und Ideen verbreiten sich global blitzschnell. Das war früher nicht so.
DIE WELT: Despotismus und Diktatur waren dem vormodernen Islam fremd. Wie hielt man einen Herrscher in Schach?
Lewis: Die islamische politische Tradition war autoritär. Der Koran verbrieft die Pflicht des Gehorsams wie auch die Aussprüche des Propheten. Aber autoritär ist nicht diktatorisch. Die autoritäre Macht unterlag Beschränkungen. Es ist ein Prinzip des islamischen Rechts, daß die Gehorsamspflicht nicht unbegrenzt ist. Einem Ausspruch Mohammeds zufolge gibt es keinen Gehorsam zur Sünde. Oder umgekehrt: Ordnet der Herrscher etwas Sündiges an, gibt es sogar eine Pflicht des Ungehorsams.
DIE WELT: Wie steht es mit der Demokratie in der Türkei?
Lewis: Das Land hat eine wirklich funktionierende Demokratie. Theoretisch seit den 1920er Jahren, aber erst 1950 verlor die Regierung eine Wahl. Ich war dort. Es war eine sehr bewegende Erfahrung. Die Wahlen waren frei und fair. Die Macht ging an die Opposition über. Eine historische Zäsur in der Region. Dann gab es Herrscher, die durch Wahlen an die Macht kamen und nicht auf demselben Wege abtreten wollten. Paradox ist, daß das Militär dreimal durch einen Coup d'Etat die Demokratie rettete, der im Westen ja als antidemokratisch gilt. Die Militärs sagten, sie erhalten nur die Demokratie und ziehen sich in die Kasernen zurück. Niemand glaubte ihnen. Aber es war genau das, was sie taten. Ein viertes Mal war es weniger offensichtlich. In der Türkei nennen sie es "unseren ersten postmodernen Coup".
DIE WELT: Wie sieht es gegenwärtig dort aus?
Lewis: Das ist schwer zu bewerten, denn sie haben eine islamistische Regierung. Die offizielle Meinung ist, ebenso wie es christlich-demokratische Parteien gibt, etwa in Deutschland, so können sie eine moslemisch-demokratische Partei haben. Andere sehen darin einen Versuch, den Säkularismus, die Trennung von Staat und Kirche, zu beenden, worauf ja Atatürks Programm beruht hat. Jetzt ist es zu früh zu sagen, welchen Weg das Land nimmt. Noch ein Paradox. Nun kann die Armee nicht einschreiten, weil die Türkei Kandidat der Europäischen Union ist. Militärs wissen, daß ein Eingriff der vorherigen Art ihre Chancen dafür beenden würde, wenn sie denn überhaupt welche haben.
Bin Laden hat in Europa mehr Helfer als in den islamischen Staaten - Ein Gespräch mit Bernard Lewis
von Wolfgang Schwanitz
http://www.welt.de/media/pic/000/257/25702v1.jpgDie Palästinenser haben das Existenzrecht Israels bisher nicht anerkannt, stellt Bernard Lewis fest
Foto: AP DIE WELT: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Demokratie nach den Wahlen im Irak?
Bernard Lewis: Die Wahlen waren ein wichtiger Sieg. Aber sie sind nur eine Etappe im Ringen, das noch nicht entschieden ist. Allen Unkenrufe zum Trotz waren die freien Wahlen in einem arabisch-islamischen Land mit geringer demokratischer Erfahrung möglich. Die Wähler haben beim Gang zur Wahlurne ihr Leben riskiert.
DIE WELT: Verdarben die Iraker ihren Erfolg nach den Wahlen, indem sie sich nicht auf eine Regierung einigen konnten?
Lewis: Das ist auch ein gutes Zeichen, Teil des demokratischen Prozesses. Keine Partei war stark genug, die Regierung zu bilden. Verhandlung und Kompromiß waren nötig. Das braucht dort Zeit, wo es kein Wort für Kompromiß gibt.
DIE WELT: Das erklärt nicht die 50 bis 60 Anschläge täglich.
Lewis: Der demokratische Erfolg wird zum Ziel. Das Projekt Demokratie führt zu zwei Befürchtungen. Die eine, es würde nicht klappen, wie es oft dies- und jenseits des Atlantik zu hören war; in Europa war es gar ein Dogma, daß Demokratie im Irak nicht funktioniere. Die andere, tiefere Furcht kam aus Nahost: daß es doch klappen könnte. Einen Erfolg der Demokratie im Irak sehen benachbarte Tyrannen als tödliche Bedrohung an.
DIE WELT: Gibt es nach Saddam Hussein einen "demokratischen Frühling"?
Lewis: Jedenfalls eine Woge demokratischer Hoffnungen und Erfolge. Was im Irak geschieht, zeitigt ein bemerkenswertes Echo in Syrien, dem Libanon, Ägypten und am Golf.
DIE WELT: In Nahost sah man das Aufbegehren von Massen in Europa.
Lewis: Genau, sie haben auch das osteuropäische Beispiel vor Augen. Das führt zu einem weiteren Hauptfaktor: die Revolution der Kommunikation. Informationen und Ideen verbreiten sich global blitzschnell. Das war früher nicht so.
DIE WELT: Despotismus und Diktatur waren dem vormodernen Islam fremd. Wie hielt man einen Herrscher in Schach?
Lewis: Die islamische politische Tradition war autoritär. Der Koran verbrieft die Pflicht des Gehorsams wie auch die Aussprüche des Propheten. Aber autoritär ist nicht diktatorisch. Die autoritäre Macht unterlag Beschränkungen. Es ist ein Prinzip des islamischen Rechts, daß die Gehorsamspflicht nicht unbegrenzt ist. Einem Ausspruch Mohammeds zufolge gibt es keinen Gehorsam zur Sünde. Oder umgekehrt: Ordnet der Herrscher etwas Sündiges an, gibt es sogar eine Pflicht des Ungehorsams.
DIE WELT: Wie steht es mit der Demokratie in der Türkei?
Lewis: Das Land hat eine wirklich funktionierende Demokratie. Theoretisch seit den 1920er Jahren, aber erst 1950 verlor die Regierung eine Wahl. Ich war dort. Es war eine sehr bewegende Erfahrung. Die Wahlen waren frei und fair. Die Macht ging an die Opposition über. Eine historische Zäsur in der Region. Dann gab es Herrscher, die durch Wahlen an die Macht kamen und nicht auf demselben Wege abtreten wollten. Paradox ist, daß das Militär dreimal durch einen Coup d'Etat die Demokratie rettete, der im Westen ja als antidemokratisch gilt. Die Militärs sagten, sie erhalten nur die Demokratie und ziehen sich in die Kasernen zurück. Niemand glaubte ihnen. Aber es war genau das, was sie taten. Ein viertes Mal war es weniger offensichtlich. In der Türkei nennen sie es "unseren ersten postmodernen Coup".
DIE WELT: Wie sieht es gegenwärtig dort aus?
Lewis: Das ist schwer zu bewerten, denn sie haben eine islamistische Regierung. Die offizielle Meinung ist, ebenso wie es christlich-demokratische Parteien gibt, etwa in Deutschland, so können sie eine moslemisch-demokratische Partei haben. Andere sehen darin einen Versuch, den Säkularismus, die Trennung von Staat und Kirche, zu beenden, worauf ja Atatürks Programm beruht hat. Jetzt ist es zu früh zu sagen, welchen Weg das Land nimmt. Noch ein Paradox. Nun kann die Armee nicht einschreiten, weil die Türkei Kandidat der Europäischen Union ist. Militärs wissen, daß ein Eingriff der vorherigen Art ihre Chancen dafür beenden würde, wenn sie denn überhaupt welche haben.