DeLaHoya
25.06.05, 21:08
Kriegsverbrecher auf dem Balkan
Missverstandene Helden
Warum nur ist es so schwierig, auf dem Balkan für Gerechtigkeit und Ordnung zu sorgen? Weil die Bevölkerung vollgestopft ist mit dem Mythos vom Verteidigungskrieg, vom Leiden und der Opferrolle des eigenen Volkes. Deshalb laufen Verbrecher wie Karadzic und Mladic noch immer freiherum.
Von Richard Swartz (aussenpolitik-online@sueddeutsche.de)
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/378/55323/image_fmabspic_0_0-1119430486.jpg
Aus den Heldengeschichten unfertiger Staaten: Porträt eines Krieges namens "Angota" (alias Ante Gotovina), den der Zeichner Stic Cinik benutzt, um seine Geschichte des kroatischen Krieges zu erzählen.
Foto: AP
Vor hundert Jahren hatte in Wien die „Lustige Witwe“ Premiere, die Operette von Franz Léhar, in welcher der Gesandte eines sehr kleinen Landes beauftragt wird, in Paris eine vermögende Witwe zu heiraten, um die Staatsfinanzen zu retten.
Alles hängt von Graf Danilo ab; als er die steinreiche Dame in seinen Armen hält, steht das Schicksal seines Vaterlandes buchstäblich auf dem Spiel.
„Pontevedro“ klang indes verdächtig nach Montenegro, und der Zorn auf dem Balkan war groß. Man fühlte sich missverstanden, lächerlich gemacht, und so führte Lehárs Operette zu diplomatischen Verwicklungen.
Hundert Jahre später scheint sich nicht viel geändert zu haben: Noch immer lässt sich die Balkanregion als jener Teil Europas definieren, in dem es möglich ist, dass das Schicksal eines ganzen Staates in den Händen einer einzelnen Person liegt.
Aus dem stimmgewaltigen, letztlich harmlosen Verführer ist allerdings ein Verbrecher geworden, der vor das internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gestellt werden soll; Graf Danilo heißt inzwischen Ratko Mladic, Radovan Karadzic oder Ante Gotovina.
Und auf dem Balkan fühlt man sich genauso missverstanden und gekränkt wie vor hundert Jahren, weil die Kriegsverbrecher in den Augen der Bevölkerung Helden sind.
Eine ganze Nation als Geisel
Die Regierenden mögen diese Auffassung nicht immer teilen, aber trotzdem protestieren sie dagegen, dass die Aufnahme ihres Landes in die Europäische Union davon abhängig gemacht wird, was mit einer einzelnen Person geschieht oder nicht geschieht.
So hat ein General Mladic oder ein General Gotovina eine ganze Nation als Geisel genommen und, trotz all ihrer patriotischen Schwüre, bislang keine Bereitschaft gezeigt, sich für das Vaterland zu opfern wie einst Graf Danilo.
Dass das Verhältnis zwischen Europa und den betroffenen Balkanstaaten von Einzelpersonen bestimmt wird, kann man auch als Ausdruck westeuropäischer Arroganz interpretieren: Es heißt, jene Länder würden wie primitive, zweitklassige Staaten an der Peripherie des Kontinents behandelt.
Gewiss liegt ein Körnchen Wahrheit in dieser Kritik - auch was die Arroganz betrifft, hat sich seit Lehárs Tagen nicht viel geändert.
Dennoch ist da ein harter Kern unbequemer Tatsachen. Diese Staaten haben durch selbstverschuldete Kriege, durch ihr hartnäckiges Unvermögen, sich der modernen Welt anzupassen, und durch ihre Neigung, das Selbstmitleid der Selbsterforschung vorzuziehen, dramatisch an Bedeutung eingebüßt.
Sie sind von Armut, Kriminalität und Korruption heimgesucht, sie sind keine Rechtsstaaten im strengen Sinn, und sollten sie Anspruch auf intensive Aufmerksamkeit von westlicher Seite erheben, so würden sie in erster Linie als Sicherheitsproblem wahrgenommen.
„Mladic“ oder „Gotovina“ lassen sich als Etiketten für diesen Zustand betrachten, den man kaum verändern kann, ohne zuerst die Personen zu entfernen. Und doch gehören diese Staaten zu Europa; das gilt für Serbien, Albanien oder Makedonien genauso wie für Kroatien, und zwar viel mehr, als es jemals für die Türkei gegolten hat.
Nur der Lack ist europäisch
Aber Europa lässt sich nicht auf einen geographischen oder historischen Begriff reduzieren, nicht einmal auf kulturelle Gemeinsamkeiten.
Das Europa, um das es hier geht, hat weit mehr mit Rechtsstaatlichkeit zu tun, mit marktwirtschaftlichen und demokratischen Spielregeln, mit grundlegenden Werten und Institutionen einer Zivilgesellschaft und ihrer Fähigkeit zur Selbstreflexion.
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/378/55323/image_fmabspic_0_2-1119430605.jpg
Der frühere Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, ist angeblich untergetaucht. Vielleicht hat er das aber gar nicht nötig.
Foto: dpa
http://www.sueddeutsche.de/img/g_.gif Mit einem Europa, das sich in diesem Bezugsrahmen definiert, haben die balkanischen Staaten denn auch ihre Probleme; zwar sieht so ihr Traum von der Zukunft aus, aber unter der Firnis einer europäischen Fassade ist auf dem Balkan allzu vieles beim alten geblieben.
Titos Jugoslawien war ein kommunistischer Staat, der mit den Mitteln der Diktatur einen Teil der Probleme löste, die in den neuen Nationalstaaten bislang nicht gelöst werden konnten. Doch auf den Traditionen des Titoismus lässt sich kein modernes europäisches Staatswesen errichten, und es gehört zum balkanischen Dilemma, dass man offenbar dennoch weiter auf sie gebaut hat, teils ahnungslos, teils vorsätzlich.
Das betrifft nicht zuletzt das Verständnis von Macht. Vielleicht ließe sich die balkanische Staatsdoktrin als eine Art patriarchalischer Postfeudalismus definieren: als ein Zustand, in dem eine politische Klasse in problematischer Symbiose mit einem Militär- und Polizeiapparat leben muss, oft mit Verbindungen, die sich dem öffentlichen Einblick völlig entziehen.
Die Macht des Militär- und Polizeiapparates
Der Militär- und Polizeiapparat ist das eigentliche Zentrum dieses Machtsystems. Er verfügt über privilegiertes Personal, ein großes Budget und diverse Geheimdienste, die in Kriegszeiten rasch durch paramilitärische Gruppen verstärkt werden können, und alle werden vom Zentrum aus infiltriert und mehr oder weniger direkt kontrolliert.
So war es schon unter Tito, der freilich durch seine einzigartige Autorität und sein Prestige diesen Komplex in Schach hielt. Die politische Führung hatte das letzte Wort. Trotzdem wäre Tito in den sechziger Jahren um ein Haar von seinem Polizeichef Aleksandar Rankovic gestürzt worden, der dann auch die Macht aus den Händen der titoistischen Klasse an sich gerissen hätte.
Letztere wurde schließlich durch die Auflösung Jugoslawiens und die nachfolgenden Kriege entmachtet. Der Militär- und Polizeikomplex im Hintergrund blieb jedoch im wesentlichen intakt. Er besaß in den letzten Tagen des jugoslawischen Staates praktisch ein ganzes Land und verteilte sich später auf mehrere kleinere, während in den Nationalstaaten, die an die Stelle Jugoslawiens traten, eine neue politische Klasse sich zu etablieren versuchte.
Rein äußerlich ist das gelungen; in Europa werden Militärregimes nicht mehr geduldet, das letzte ist mit den Obristen in Griechenland untergegangen. Aber in Staaten wie Serbien, Bosnien oder Kroatien muss die politische Führung auf die Interessen des militärisch-polizeilichen Komplexes sehr viel Rücksicht nehmen, was zu Spannungen und wechselseitigem Misstrauen führt.
Nur sehr langsam hat die übrige Welt begriffen, wie die Ausübung von Macht in derartigen politischen Systemen funktioniert. Eigentlich ist das merkwürdig.
Denn schon seit der „Revolution“ in Rumänien vor fünfzehn Jahren haben wir diese politische Choreographie studieren können, die sich dann nach einem verblüffend ähnlichen Muster vollzieht - über Slobodan Milosevics Fall in Serbien bis zum jüngsten Machtwechsel in der Ukraine.
Missverstandene Helden
Warum nur ist es so schwierig, auf dem Balkan für Gerechtigkeit und Ordnung zu sorgen? Weil die Bevölkerung vollgestopft ist mit dem Mythos vom Verteidigungskrieg, vom Leiden und der Opferrolle des eigenen Volkes. Deshalb laufen Verbrecher wie Karadzic und Mladic noch immer freiherum.
Von Richard Swartz (aussenpolitik-online@sueddeutsche.de)
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/378/55323/image_fmabspic_0_0-1119430486.jpg
Aus den Heldengeschichten unfertiger Staaten: Porträt eines Krieges namens "Angota" (alias Ante Gotovina), den der Zeichner Stic Cinik benutzt, um seine Geschichte des kroatischen Krieges zu erzählen.
Foto: AP
Vor hundert Jahren hatte in Wien die „Lustige Witwe“ Premiere, die Operette von Franz Léhar, in welcher der Gesandte eines sehr kleinen Landes beauftragt wird, in Paris eine vermögende Witwe zu heiraten, um die Staatsfinanzen zu retten.
Alles hängt von Graf Danilo ab; als er die steinreiche Dame in seinen Armen hält, steht das Schicksal seines Vaterlandes buchstäblich auf dem Spiel.
„Pontevedro“ klang indes verdächtig nach Montenegro, und der Zorn auf dem Balkan war groß. Man fühlte sich missverstanden, lächerlich gemacht, und so führte Lehárs Operette zu diplomatischen Verwicklungen.
Hundert Jahre später scheint sich nicht viel geändert zu haben: Noch immer lässt sich die Balkanregion als jener Teil Europas definieren, in dem es möglich ist, dass das Schicksal eines ganzen Staates in den Händen einer einzelnen Person liegt.
Aus dem stimmgewaltigen, letztlich harmlosen Verführer ist allerdings ein Verbrecher geworden, der vor das internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gestellt werden soll; Graf Danilo heißt inzwischen Ratko Mladic, Radovan Karadzic oder Ante Gotovina.
Und auf dem Balkan fühlt man sich genauso missverstanden und gekränkt wie vor hundert Jahren, weil die Kriegsverbrecher in den Augen der Bevölkerung Helden sind.
Eine ganze Nation als Geisel
Die Regierenden mögen diese Auffassung nicht immer teilen, aber trotzdem protestieren sie dagegen, dass die Aufnahme ihres Landes in die Europäische Union davon abhängig gemacht wird, was mit einer einzelnen Person geschieht oder nicht geschieht.
So hat ein General Mladic oder ein General Gotovina eine ganze Nation als Geisel genommen und, trotz all ihrer patriotischen Schwüre, bislang keine Bereitschaft gezeigt, sich für das Vaterland zu opfern wie einst Graf Danilo.
Dass das Verhältnis zwischen Europa und den betroffenen Balkanstaaten von Einzelpersonen bestimmt wird, kann man auch als Ausdruck westeuropäischer Arroganz interpretieren: Es heißt, jene Länder würden wie primitive, zweitklassige Staaten an der Peripherie des Kontinents behandelt.
Gewiss liegt ein Körnchen Wahrheit in dieser Kritik - auch was die Arroganz betrifft, hat sich seit Lehárs Tagen nicht viel geändert.
Dennoch ist da ein harter Kern unbequemer Tatsachen. Diese Staaten haben durch selbstverschuldete Kriege, durch ihr hartnäckiges Unvermögen, sich der modernen Welt anzupassen, und durch ihre Neigung, das Selbstmitleid der Selbsterforschung vorzuziehen, dramatisch an Bedeutung eingebüßt.
Sie sind von Armut, Kriminalität und Korruption heimgesucht, sie sind keine Rechtsstaaten im strengen Sinn, und sollten sie Anspruch auf intensive Aufmerksamkeit von westlicher Seite erheben, so würden sie in erster Linie als Sicherheitsproblem wahrgenommen.
„Mladic“ oder „Gotovina“ lassen sich als Etiketten für diesen Zustand betrachten, den man kaum verändern kann, ohne zuerst die Personen zu entfernen. Und doch gehören diese Staaten zu Europa; das gilt für Serbien, Albanien oder Makedonien genauso wie für Kroatien, und zwar viel mehr, als es jemals für die Türkei gegolten hat.
Nur der Lack ist europäisch
Aber Europa lässt sich nicht auf einen geographischen oder historischen Begriff reduzieren, nicht einmal auf kulturelle Gemeinsamkeiten.
Das Europa, um das es hier geht, hat weit mehr mit Rechtsstaatlichkeit zu tun, mit marktwirtschaftlichen und demokratischen Spielregeln, mit grundlegenden Werten und Institutionen einer Zivilgesellschaft und ihrer Fähigkeit zur Selbstreflexion.
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/378/55323/image_fmabspic_0_2-1119430605.jpg
Der frühere Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, ist angeblich untergetaucht. Vielleicht hat er das aber gar nicht nötig.
Foto: dpa
http://www.sueddeutsche.de/img/g_.gif Mit einem Europa, das sich in diesem Bezugsrahmen definiert, haben die balkanischen Staaten denn auch ihre Probleme; zwar sieht so ihr Traum von der Zukunft aus, aber unter der Firnis einer europäischen Fassade ist auf dem Balkan allzu vieles beim alten geblieben.
Titos Jugoslawien war ein kommunistischer Staat, der mit den Mitteln der Diktatur einen Teil der Probleme löste, die in den neuen Nationalstaaten bislang nicht gelöst werden konnten. Doch auf den Traditionen des Titoismus lässt sich kein modernes europäisches Staatswesen errichten, und es gehört zum balkanischen Dilemma, dass man offenbar dennoch weiter auf sie gebaut hat, teils ahnungslos, teils vorsätzlich.
Das betrifft nicht zuletzt das Verständnis von Macht. Vielleicht ließe sich die balkanische Staatsdoktrin als eine Art patriarchalischer Postfeudalismus definieren: als ein Zustand, in dem eine politische Klasse in problematischer Symbiose mit einem Militär- und Polizeiapparat leben muss, oft mit Verbindungen, die sich dem öffentlichen Einblick völlig entziehen.
Die Macht des Militär- und Polizeiapparates
Der Militär- und Polizeiapparat ist das eigentliche Zentrum dieses Machtsystems. Er verfügt über privilegiertes Personal, ein großes Budget und diverse Geheimdienste, die in Kriegszeiten rasch durch paramilitärische Gruppen verstärkt werden können, und alle werden vom Zentrum aus infiltriert und mehr oder weniger direkt kontrolliert.
So war es schon unter Tito, der freilich durch seine einzigartige Autorität und sein Prestige diesen Komplex in Schach hielt. Die politische Führung hatte das letzte Wort. Trotzdem wäre Tito in den sechziger Jahren um ein Haar von seinem Polizeichef Aleksandar Rankovic gestürzt worden, der dann auch die Macht aus den Händen der titoistischen Klasse an sich gerissen hätte.
Letztere wurde schließlich durch die Auflösung Jugoslawiens und die nachfolgenden Kriege entmachtet. Der Militär- und Polizeikomplex im Hintergrund blieb jedoch im wesentlichen intakt. Er besaß in den letzten Tagen des jugoslawischen Staates praktisch ein ganzes Land und verteilte sich später auf mehrere kleinere, während in den Nationalstaaten, die an die Stelle Jugoslawiens traten, eine neue politische Klasse sich zu etablieren versuchte.
Rein äußerlich ist das gelungen; in Europa werden Militärregimes nicht mehr geduldet, das letzte ist mit den Obristen in Griechenland untergegangen. Aber in Staaten wie Serbien, Bosnien oder Kroatien muss die politische Führung auf die Interessen des militärisch-polizeilichen Komplexes sehr viel Rücksicht nehmen, was zu Spannungen und wechselseitigem Misstrauen führt.
Nur sehr langsam hat die übrige Welt begriffen, wie die Ausübung von Macht in derartigen politischen Systemen funktioniert. Eigentlich ist das merkwürdig.
Denn schon seit der „Revolution“ in Rumänien vor fünfzehn Jahren haben wir diese politische Choreographie studieren können, die sich dann nach einem verblüffend ähnlichen Muster vollzieht - über Slobodan Milosevics Fall in Serbien bis zum jüngsten Machtwechsel in der Ukraine.