DeLaHoya
28.06.05, 11:41
28. Juni 2005, Neue Zürcher Zeitung
Zeit der Schuld Louis de Bernières' Roman «Traum aus Stein und Federn»
Jedes Ende ist auch ein Anfang. Wenn etwa riesige Staatsgebilde zusammenbrechen, geht da- mit häufig eine Nationalisierung der einzelnen Regionen einher. Dies war so, als das Alexanderreich barst, das Imperium Romanum kollabierte oder das Herrschaftsgebiet Karls des Grossen zerfiel. Bevor in unseren Tagen die Sowjetunion oder Jugoslawien das Muster imitierten, war das Osmanische Reich an der Reihe. Zum Beispiel entstand aus den Ruinen, die der Erste Weltkrieg und der Griechisch-Türkische Krieg (1919 bis 1922) hinterliessen, 1923 die Republik Türkei - nicht zuletzt als Resultat nationalistischer Tendenzen. Welchen Preis zahlte die Bevölkerung des früheren Asia Minor nach diesem Ende der jahrhundertelangen Regentschaft der Sultane?
Multikulturelle Koexistenz
Diese Frage beschäftigt den 1954 geborenen Briten Louis de Bernières im Roman «Traum aus Stein und Federn». Das backsteinschwere und -farbene Opus, 2004 mit dem Titel «Birds Without Wings» erschienen, betont die multikulturelle Koexistenz, die Christen und Muslime, Griechen, Türken und Armenier unter den Osmanen noch genossen. Wie schon im eher süsslichen Roman «Corellis Mandoline» (deutsch 1996) nimmt der Autor ein Dorf ins Visier, das zeigt, in welcher Form sich politische Veränderungen auswirken; und im Zentrum des kunstvoll gestalteten Tableaus, das die Jahre 1900 bis 1923 im anatolischen Küstenort Escibahçe fixiert, steht die wechselvolle Beziehung zwischen der schönen Christin Philothei und dem sensiblen Muslim Ibrahim.
Um sie herum gruppiert de Bernières in mehr als 100 Kapitelchen grosse und kleine Begebenheiten. Da lesen wir vom Landbesitzer Rustem und von seiner Gattin Tamara, die einen Geliebten in Frauengewändern in ihre Gemächer führt, bis der Ehebruch auffliegt; da verfolgen wir das ausgiebige freundschaftliche Miteinander der Knaben Karatavuk und Mehmetçik, die erst der Krieg entzweit; und da lernen wir die mutige Drosoula kennen, die glücklich im griechischen Exil ankommt, jedoch Gemahl und Sohn verliert. Diesen mit feinem Pinselstrich gearbeiteten Episoden mengt der Schriftsteller 20 grob geschnitzte Abschnitte bei, die den Werdegang jenes Mannes thematisieren, der die Türkei ausrief und zu einem modernen Nationalstaat westeuropäischer Schattierung formte: Kemal Atatürk.
Was den Text bedeutsam macht, ist primär de Bernières' Vermögen, Figuren aus Fleisch und Blut in einer vitalen Atmosphäre zu schaffen. Man merkt den Beschreibungen von Sichtbarem und Unsichtbarem an, dass der im Nahen Osten aufgewachsene Romancier mit Einheimischen in Anatolien sprach und über Jahre hinweg Fachliteratur zu Geschichte, Alltagsbräuchen, religiösen Praktiken, Flora und Fauna wälzte. Daher sind die Personen und ihre Verhaltensweisen, Meinungen, Lieder, Gedichte, Gärten, Hunde und Katzen nie isoliert, sondern in einem beseelten Referenzsystem verortet. Die hin und her springende Handlung, die bisweilen aus der Perspektive einiger Akteure erzählt wird, ist ein kolossales Mosaik einander überlappender Elemente. Wichtige Verbindungen zwischen den Bausteinen schaffen dabei Momente, die in der Kultur der Osmanen seit je eine Rolle spielen: Träume.
De Bernières hält sich in dieser Hinsicht an die Tatsache, dass die meisten Religionen mit Träumen positive Vorstellungen assoziieren und die wahrsagende Auslegung der - sehr ernstgenommenen - Phantasieerlebnisse in östlichen Gefilden breiten Raum beansprucht. Wenn Rustem danach strebt, jene verzierte Kupferschale zu besitzen, die ihm im Schlaf vorschwebte; wenn eine wohlhabende Frau aus Mekka nach wirren Eindrücken dem Rat eines Mullahs folgt und einen Brunnen baut; oder wenn der verstorbene Grossvater seiner Enkelin Drosoula im Traum empfiehlt, ihren Sohn Mandras zu nennen und dies ohne Zögern geschieht: Dann erlangt der Kosmos der Charaktere irreale und bunte Facetten, die einen Kontrast bilden zum realen und tristen Elend, das der Krieg bringt.
Die Passagen, in denen de Bernières die Front- erfahrungen Karatavuks in Gallipoli schildert, gehören zu den eindringlichsten, die angelsächsische Dichtung jüngeren Datums über Krieg hervorgebracht hat. Mit massvollen Verneigungen vor Klassikern des Genres wie Stephen Crane, Richard Aldington und Wilfred Owen gestaltet er beklemmende, schockierende Augenblicke, die von Blutvergiessen, Qual, Not und Tod durchdrungen sind. Zuletzt ist es Sebastian Barry («Die Zeitläufte des Eneas McNulty», deutsch 1999) und Ian McEwan («Abbitte», deutsch 2002) gelungen, den - mitunter von groteskem Geschehen getönten - Wahnsinn des Krieges in einem Roman so zu desavouieren, dass einem die Spucke wegbleibt. Die überragende Authentizität, die den Gedanken der Kämpfer in de Bernières' Buch anhaftet, mag daher rühren, dass dem Verfasser soldatisches Dasein geläufiger ist als seinen Kollegen: Einer seiner Grossväter focht bei Gallipoli, der Vater diente in der Garde der Queen, und de Bernières selbst besuchte die Royal Military Academy nahe Sandhurst.
Witz und Toleranz
Anatolien wäre unvollständig dargestellt, würde der - oft derbe - Witz nicht auftauchen, der die Bewohner trotz vielfachen Miseren auszeichnet. Litaneihaft prahlt etwa ein alter Mann, er habe 12 Kinder, 60 Enkel, 120 Urenkel und 20 Ururenkel - um dann achselzuckend und mit seliger Miene zu ergänzen: «Sie sind allesamt Dreck.» Vom Schulmeister Leonidas heisst es, er sei derart knauserig, «dass er sich sogar von seinem Kot nur ungern trenne», und der Töpfer Iskander ist stolz auf seine Tapferkeit, bedauert freilich, dass er sie bisher noch nie unter Beweis stellen konnte. Schliesslich ist fast erwartbar, was die übrigen Frauen tun, nachdem einige ihr blendendes Aussehen mit dem Schleier haben verhüllen müssen: Sie besorgen sich die gleiche Kopftracht, um Männer anzuziehen.
Das Attraktivste an de Bernières' Roman ist, dass er im Sinne Nathans des Weisen keine Religion als einzig selig machend preist und er weder Griechen noch Türken vorwirft, für die Kriegsgreuel, die Zeit der Schuld, allein verantwortlich zu sein. Deutet man das Buch in summa als Plädoyer für den EU-Beitritt eines stets nach Europa ausgerichteten Terrains, warnen jedoch aktuelle Ereignisse in Ankara vor einer solchen Allianz: Der türkische Umweltminister möchte nämlich in sämtlichen Lexika die «separatistischen» Verweise auf Kurdistan und Armenien tilgen.
Thomas Leuchtenmüller
Louis de Bernières: Traum aus Stein und Federn. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2005. 669 S., Fr. 38.60.
http://www.nzz.ch/2005/06/28/fe/articleCQ9NC.html
Zeit der Schuld Louis de Bernières' Roman «Traum aus Stein und Federn»
Jedes Ende ist auch ein Anfang. Wenn etwa riesige Staatsgebilde zusammenbrechen, geht da- mit häufig eine Nationalisierung der einzelnen Regionen einher. Dies war so, als das Alexanderreich barst, das Imperium Romanum kollabierte oder das Herrschaftsgebiet Karls des Grossen zerfiel. Bevor in unseren Tagen die Sowjetunion oder Jugoslawien das Muster imitierten, war das Osmanische Reich an der Reihe. Zum Beispiel entstand aus den Ruinen, die der Erste Weltkrieg und der Griechisch-Türkische Krieg (1919 bis 1922) hinterliessen, 1923 die Republik Türkei - nicht zuletzt als Resultat nationalistischer Tendenzen. Welchen Preis zahlte die Bevölkerung des früheren Asia Minor nach diesem Ende der jahrhundertelangen Regentschaft der Sultane?
Multikulturelle Koexistenz
Diese Frage beschäftigt den 1954 geborenen Briten Louis de Bernières im Roman «Traum aus Stein und Federn». Das backsteinschwere und -farbene Opus, 2004 mit dem Titel «Birds Without Wings» erschienen, betont die multikulturelle Koexistenz, die Christen und Muslime, Griechen, Türken und Armenier unter den Osmanen noch genossen. Wie schon im eher süsslichen Roman «Corellis Mandoline» (deutsch 1996) nimmt der Autor ein Dorf ins Visier, das zeigt, in welcher Form sich politische Veränderungen auswirken; und im Zentrum des kunstvoll gestalteten Tableaus, das die Jahre 1900 bis 1923 im anatolischen Küstenort Escibahçe fixiert, steht die wechselvolle Beziehung zwischen der schönen Christin Philothei und dem sensiblen Muslim Ibrahim.
Um sie herum gruppiert de Bernières in mehr als 100 Kapitelchen grosse und kleine Begebenheiten. Da lesen wir vom Landbesitzer Rustem und von seiner Gattin Tamara, die einen Geliebten in Frauengewändern in ihre Gemächer führt, bis der Ehebruch auffliegt; da verfolgen wir das ausgiebige freundschaftliche Miteinander der Knaben Karatavuk und Mehmetçik, die erst der Krieg entzweit; und da lernen wir die mutige Drosoula kennen, die glücklich im griechischen Exil ankommt, jedoch Gemahl und Sohn verliert. Diesen mit feinem Pinselstrich gearbeiteten Episoden mengt der Schriftsteller 20 grob geschnitzte Abschnitte bei, die den Werdegang jenes Mannes thematisieren, der die Türkei ausrief und zu einem modernen Nationalstaat westeuropäischer Schattierung formte: Kemal Atatürk.
Was den Text bedeutsam macht, ist primär de Bernières' Vermögen, Figuren aus Fleisch und Blut in einer vitalen Atmosphäre zu schaffen. Man merkt den Beschreibungen von Sichtbarem und Unsichtbarem an, dass der im Nahen Osten aufgewachsene Romancier mit Einheimischen in Anatolien sprach und über Jahre hinweg Fachliteratur zu Geschichte, Alltagsbräuchen, religiösen Praktiken, Flora und Fauna wälzte. Daher sind die Personen und ihre Verhaltensweisen, Meinungen, Lieder, Gedichte, Gärten, Hunde und Katzen nie isoliert, sondern in einem beseelten Referenzsystem verortet. Die hin und her springende Handlung, die bisweilen aus der Perspektive einiger Akteure erzählt wird, ist ein kolossales Mosaik einander überlappender Elemente. Wichtige Verbindungen zwischen den Bausteinen schaffen dabei Momente, die in der Kultur der Osmanen seit je eine Rolle spielen: Träume.
De Bernières hält sich in dieser Hinsicht an die Tatsache, dass die meisten Religionen mit Träumen positive Vorstellungen assoziieren und die wahrsagende Auslegung der - sehr ernstgenommenen - Phantasieerlebnisse in östlichen Gefilden breiten Raum beansprucht. Wenn Rustem danach strebt, jene verzierte Kupferschale zu besitzen, die ihm im Schlaf vorschwebte; wenn eine wohlhabende Frau aus Mekka nach wirren Eindrücken dem Rat eines Mullahs folgt und einen Brunnen baut; oder wenn der verstorbene Grossvater seiner Enkelin Drosoula im Traum empfiehlt, ihren Sohn Mandras zu nennen und dies ohne Zögern geschieht: Dann erlangt der Kosmos der Charaktere irreale und bunte Facetten, die einen Kontrast bilden zum realen und tristen Elend, das der Krieg bringt.
Die Passagen, in denen de Bernières die Front- erfahrungen Karatavuks in Gallipoli schildert, gehören zu den eindringlichsten, die angelsächsische Dichtung jüngeren Datums über Krieg hervorgebracht hat. Mit massvollen Verneigungen vor Klassikern des Genres wie Stephen Crane, Richard Aldington und Wilfred Owen gestaltet er beklemmende, schockierende Augenblicke, die von Blutvergiessen, Qual, Not und Tod durchdrungen sind. Zuletzt ist es Sebastian Barry («Die Zeitläufte des Eneas McNulty», deutsch 1999) und Ian McEwan («Abbitte», deutsch 2002) gelungen, den - mitunter von groteskem Geschehen getönten - Wahnsinn des Krieges in einem Roman so zu desavouieren, dass einem die Spucke wegbleibt. Die überragende Authentizität, die den Gedanken der Kämpfer in de Bernières' Buch anhaftet, mag daher rühren, dass dem Verfasser soldatisches Dasein geläufiger ist als seinen Kollegen: Einer seiner Grossväter focht bei Gallipoli, der Vater diente in der Garde der Queen, und de Bernières selbst besuchte die Royal Military Academy nahe Sandhurst.
Witz und Toleranz
Anatolien wäre unvollständig dargestellt, würde der - oft derbe - Witz nicht auftauchen, der die Bewohner trotz vielfachen Miseren auszeichnet. Litaneihaft prahlt etwa ein alter Mann, er habe 12 Kinder, 60 Enkel, 120 Urenkel und 20 Ururenkel - um dann achselzuckend und mit seliger Miene zu ergänzen: «Sie sind allesamt Dreck.» Vom Schulmeister Leonidas heisst es, er sei derart knauserig, «dass er sich sogar von seinem Kot nur ungern trenne», und der Töpfer Iskander ist stolz auf seine Tapferkeit, bedauert freilich, dass er sie bisher noch nie unter Beweis stellen konnte. Schliesslich ist fast erwartbar, was die übrigen Frauen tun, nachdem einige ihr blendendes Aussehen mit dem Schleier haben verhüllen müssen: Sie besorgen sich die gleiche Kopftracht, um Männer anzuziehen.
Das Attraktivste an de Bernières' Roman ist, dass er im Sinne Nathans des Weisen keine Religion als einzig selig machend preist und er weder Griechen noch Türken vorwirft, für die Kriegsgreuel, die Zeit der Schuld, allein verantwortlich zu sein. Deutet man das Buch in summa als Plädoyer für den EU-Beitritt eines stets nach Europa ausgerichteten Terrains, warnen jedoch aktuelle Ereignisse in Ankara vor einer solchen Allianz: Der türkische Umweltminister möchte nämlich in sämtlichen Lexika die «separatistischen» Verweise auf Kurdistan und Armenien tilgen.
Thomas Leuchtenmüller
Louis de Bernières: Traum aus Stein und Federn. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2005. 669 S., Fr. 38.60.
http://www.nzz.ch/2005/06/28/fe/articleCQ9NC.html