Erkalteter Dialog
Fokus Istanbul
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht die Türkei und ihr möglicher EU-Beitritt Thema in den Medien sind. Das Interesse der Westeuropäer an diesem Land zwischen Orient und Okzident ist gewachsen, die Türkei längst auf der kulturellen Agenda angekommen. Kein Wunder, die EU-Gelder fließen. "Simdi Now" tauften die Veranstalter vergangenes Jahr das wohl bislang größte Festival türkischer Kultur Deutschlands in Berlin. Kritik an Exotismus und Orientalismus blieben da nicht aus. Jetzt gibt es eine Fortsetzung in Sachen zeitgenössischer Kunst in der deutschen Hauptstadt: "Urbane Realitäten: Fokus Istanbul" heißt die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die heute eröffnet wird; finanziert mit fast einer halben Million Euro durch den Hauptstadtkulturfonds und kulturpolitisch hoch eingeflogen durch die Schirmherrschaft José Manual Barrosos, des Präsidenten der Europäischen Kommission. Doch bereits im Vorfeld geriet die Ausstellung zum Politikum. Zehn Künstler und zwei Kuratoren haben in einem offenen Brief an den Kurator Christoph Tannert begründet, warum sie die Ausstellung boykottieren und ihre Teilnahme abgesagt haben. Ihre Gründe: fragwürdige Einladungskriterien, parteiische Verteilung der Mittel zu Ungunsten der türkischen Künstler, Diskriminierung auf der Webseite, da die Fassungen in englisch und deutsch, nicht aber in türkisch gehalten seien. Als Hauptpunkt beklagen sie allerdings eine "allgemeine Ermüdung über Ausstellungen, die auf nationaler Herkunft basieren". Gleichzeitig wenden sie sich dagegen, im Dialog zwischen EU und Türkei als die "Botschafter des guten Willens" zu fungieren. Interessenskonflikte und künstlerische Eitelkeiten gehören zum Ausstellungsalltag, sind keine Seltenheit. Doch dieser Zusammenschluß von bekannten türkischen Künstlern, die sich im Allgemeinen ungern zu gemeinsamen Statements zusammenfinden, offenbart, wie tief der Riß doch noch durch Europa geht.
Kurator Tannert sieht hinter dieser Kritik "infantile Vorwürfe". Klar sei immer gewesen, daß die Ausstellung von internationalen Künstlern verschiedener Herkunft und Nationalität bespielt werde. Die Schau arbeite mit Tabubrüchen. Kurdenkrieg und Demokratisierungsprozeß seien für manche Künstler offenbar ein zu heißes Eisen. Kultureller Austausch? In Berlin wohl derzeit ein erkalteter Dialog. Gabriela Walde
Artikel erschienen am Fr, 8. Juli 2005
http://www.welt.de/data/2005/07/08/742655.html
Grenzturm mit Döner-Laterne
Scheitern einer Ausstellung: "Fokus Istanbul" spielt Pingpong mit Klischee und Wirklichkeit
Sebastian Preuss
Ein Türke bearbeitet einen sichelförmigen Mond aus Eisen. Von athletischem Körperbau, nur mit Hose und großer Schürze bekleidet, steht er in einer Schmiedewerkstatt und schleift die Spitzen des türkischen Staatssymbols ab. Dann legt der Handwerker die Flex ab. Als deren Blatt zum Stillstand kommt, offenbart sich, was während der Rotation nicht sichtbar war: Die Stahlscheibe ist blau und darauf leuchten die Sterne der EU.
Mehmet Erkans Kurzfilm ist eine leichtfüßig-ironische Parabel auf das, was sich gegenwärtig in seinem Land abspielt. Er lässt es offen, ob die Türkei durch die Segnungen Europas den letzten Schliff erhält oder ob sie dadurch einen Teil ihrer Identität zwischen Orient und Okzident verliert. Denn der Sichel-Mond wird durch die Bearbeitung nicht wirklich schöner, seine Spitzen sind so abgeschliffen, dass er eher wie eine Wurst aussieht. Der Film läuft im Filmprogramm von "Fokus Istanbul", und Christoph Tannert, der Kurator der gestern im Gropius-Bau eröffneten Ausstellung, legt Wert darauf, die fünfzehn türkischen Filmemacher in die Bewertung seines Unterfangens mit einzubeiziehen.
Nun gut, mehr Filme des Programms waren bislang nicht zu sehen, daher ist es schwer zu überprüfen, ob sie der Ausstellung wirklich so auf die Sprünge helfen, wie es Erkans "Bayrak" vermuten lässt. Überhaupt ist die Schau ja ein Zwitterwesen zwischen bildender Kunst, Kulturgeschichte und Soziologie, so dass einem beim ersten Rundgang nicht recht klar wird, was sie eigentlich will. Eines ist sie jedenfalls nicht: eine Ausstellung Istanbuler Künstler über ihre Stadt. Sechs bildende Künstler und 15 Filmemacher unter den 60 Teilnehmern aus 20 Ländern leben und arbeiten am Bosporus. Weitere zehn haben aus Protest gegen Tannerts Konzept und gegen organisatorische Mängel ihre Teilnahme abgesagt (Berliner Zeitung vom 6. Juli).
Tannert verlor dadurch eine ganze Reihe wichtiger Werke, die sein Projekt stützten, doch sieht er die Hauptidee dadurch nicht beeinträchtigt. Sein Interesse ist international. Er lässt Künstler aus aller Welt - darunter auch einige Auslandstürken und Armenier mit türkischer Familiengeschichte - Istanbul als ein "Fallbeispiel" für die Probleme der modernen Mega-Metropolen untersuchen. Es soll eine ganze Ausstellungstrilogie werden, als Nächstes will sich Tannert Kairo zuwenden, danach Mexico City.
Den Künstlern wird also wieder einmal aufgebürdet, die Welt zu erklären. Sie sollen urbanistische Verwerfungen und soziale Entwicklungen aufzeigen, sie sollen in poetischer Weise Impressionen sammeln, aber auch dokumentarisches Material aufbereiten. Istanbul und die Türkei sind in Westeuropa heute von großem Interesse, da verspricht man sich viel von solch einer Ausstellung. Doch sind die Künstler mit den eher wissenschaftlichen Fragen oft überfordert, kein Wunder, denn sie sind ja auch keine Soziologen, Historiker oder Urbanisten.
Bleiben die erhofften Erkenntnisse aus, dann lässt sich immer noch schnell und leicht darauf verweisen, dass es sich doch um nichts anderes als eine internationale Kunstausstellung handelt. Ob dabei mehr Istanbuler oder mehr auswärtige Künstler mitwirken, ist eigentlich egal. Denn zuweilen, nicht immer, haben Neuankommende einen schärferen Blick für gewisse Phänomene einer Stadt als deren Bewohner selbst. Außerdem geht es in einer Stadt, die von 1,5 Millionen (1960) auf heute 12 Millionen explodiert ist, die außerdem das Erbe von Byzanz und Konstantinopel mit sich trägt, immer auch um unsere Klischees und Projektionen.
Die in Kreuzberg lebende Künstlerin Suse Weber sagt selbst: "Klischees sind meine Spezialität." Nicht anders möchte man ihren "Votzenkäfig" verstehen, eine plumpe Installation aus Gerüststangen, die sie in den deutschen und türkischen Nationalfarben bemalte. Ähnlich plakativ geht Damien Deroubaix, in Berlin lebender Franzose, vor. Er verbindet in absurder Weise Deutschland- und Türkeibanalitäten, indem er den Nachbau eines DDR-Grenzturms mit transparenten, von innen beleuchteten Döner-Spießen behängt.
Wie viel eindrücklicher sind dagegen die Schwarz-Weiß-Fotos des 77-jährigen Ara Güler, die in langer Reihe den Lichthof des Gropius-Baus säumen und von Istanbuler Ausstellungsdissidenten als kitschig kritisiert wurden. In der Tradition des grobkörnigen Magnum-Realismus verfolgt Güler hier über ein halbes Jahrhundert die Armut, die Poesie verfallener Gemäuer, aber auch den Wandel seiner Heimatstadt. Auf zeitgenössischen Realismus aus dem Moloch Istanbul setzen dagegen allzu viele der jüngeren Künstler. Nicht jeder gelangt dabei zu so eindringlichen Bildern wie Ali Kepenek mit seinen schrill-traurigen Nachtschwärmern aus dem Schwulen- und Prostituiertenmilieu.
Dagegen langweilen irgendwann die Ansichten der großen Brücken über den Bosporus, selbst wenn sie wie bei Cevdet Erek zu einer raffinierten Video-Collage montiert sind. Auch die Straßenszenen, die gerade die ausländischen Feldforscher so begierig aufsaugen und wieder als schnelle Fotos auswerfen, ähneln sich schnell. Ja, Istanbul ist die Stadt zwischen West und Ost, zwischen Amerikanisierung und traditioneller Agrarwirtschaft, zwischen byzantinischem Reichtum und elenden Vorstädten. Sehr viel Neues zu diesen allseits bekannten Vorstellungen fördert diese Ausstellung nicht zu Tage.
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, bis 3. Oktober. Mi-So 10-20 Uhr. Der Katalog kostet 30 Euro.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/feuilleton/464602.html
Oh wie schön ist Istanbul
Blick von Westen nach Osten: Eine Ausstellung in Berlin widmet sich der türkischen Metropole. von tanja dückers
Über die Ausstellung »Urbane Realitäten: Fokus Istanbul« ist in der Öffentlichkeit schon so kontrovers diskutiert worden, dass es schwer fällt, noch unbefangen durch den Martin-Gropius-Bau in Berlin zu schlendern. Es hat bereits im Vorfeld einen Eklat gegeben, da ausgerechnet der sehr engagierte und verdiente Kurator Christoph Tannert vom Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien – einem Ort, der sich schon immer für türkische Kunst stark gemacht hat – mit einigen Istanbuler Künstlern in Konflikt geriet. Zehn von ihnen sagten daraufhin ihre Teilnahme für die Ausstellung ab. Was hat die Eingeladenen gegen die Ausstellung aufgebracht?
Die einen hatten das Gefühl, man interessiere sich außerhalb der Landesgrenzen nur aus Imagegründen für sie. »Es kann nicht die Aufgabe des Künstlers sein, für die Türkei den Botschafter des guten Willens im EU-Beitrittsprozess zu spielen«, heißt es im Statement eines Istanbuler Künstlers. Eine Auswahl der Absageschreiben sind in der Ausstellung dokumentiert. Eng damit verknüpft ist der Argwohn, als »nationaler« Künstler wahrgenommen zu werden; d.h. in erster Linie als Türke und in zweiter als Künstler. »Ich bin Ausstellungen leid, die auf der Nationalität der Künstler basieren«, lautet das knappe und vollkommen einsichtige Statement eines anderen Neinsagers. »Die verschiedenen türkischen Künstler sehen keinen Sinn darin, ihre Arbeiten in einer Ausstellung zu zeigen, wenn der verbindende Kontext lediglich die gemeinsame Herkunft ist«, moniert der Künstler, und ein anderer kritisiert das »Fehlen eines speziellen Fokus oder Themas«.
Nachdem man die Räume mit den vollkommen disparaten Ausstellungsobjekten, die ohne erkennbare Gliederung zusammengestellt sind, endlich durchlaufen hat, fragt man sich tatsächlich, was denn eigentlich das Thema von »Urbane Realitäten: Fokus Istanbul« ist. Zu sehen sind Arbeiten verschiedenster Künstler aus aller Herren Länder – nur fünf der rund 60 Teilnehmer stammen aus der Türkei –, die sich mit »Istanbul«, »der« Türkei, »den« Türken, »dem« Nahen Osten, »dem« Orient beschäftigen.
Das kann als gemeinsamer Nenner nicht ausreichen, die Zusammenstellung wirkt willkürlich und wie zufällig. Hier stolpert man über die Arbeit eines Peruaners, der wohl auf der Durchreise in Istanbul pausierte; dort über eine Skulptur von einem ungarischen Künstlerduo. Die amorphe Skulptur der beiden Ungarn wurde aus Möbeln, die das Paar in einem türkischen Laden gekauft hat, zusammengesetzt. Die Möbel sind jedoch in keiner Weise typisch für türkische Wohnungen, sondern einfach nur Billig-Möbelhausware. Via Lewandowsky – eigentlich kein Meister der Platitüde – lässt aus einer Kuckucksuhr einen Muezzin rufen. Witzig ist das nicht.
Das Themenfeld der Ausstellung ist sehr weit gesteckt – so weit, dass man den Istanbuler Horizont nur noch bestenfalls erahnen kann. Das nichts sagende Modewort der Saison, »hybrid«, findet sich auf jeder zweiten Ausstellungstafel und wird der Stadt Istanbul übergestülpt. Wenn sich die Künstler aller Kontinente auf die Metropole am Marmara-Meer konkret beziehen, dann erwarten den Besucher klischeehafte Videos von Brücken, die den ach so kurzen Weg vom Okzident zum Orient und umgekehrt heraufbeschwören, Fotos von türkischen Geschäften, Märkten, Straßenleben. Natürlich fehlen auch ein paar türkische Prostituierte und Transen nicht, denn es soll mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, es würden nur Kopftuch-Frauen durch die Geschäftsstraßen Istanbuls eilen.
Die geplante Ausstellung sei »randvoll mit Klischees über Ost und West, Christenheit und Islam«, formuliert ein Neinsager seine Sorge über die bevorstehende Ausstellung, und man kann verstehen, wieso er zu dieser Annahme kam. Wer schon einmal in Istanbul war, wird bestätigen können, dass die Bosporus-Brücken nicht die Stadt repräsentieren können und im Alltag ihrer Bewohner eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Viele Bewohner der 12-Millionen-Metropole werden sie wochenlang weder sehen, geschweige denn überqueren.
Die Satellitenstädte und Vororte der Stadt sind gewaltig. Viele Gegenden bestehen eben nicht aus grandiosen Einkaufszentren, sondern aus windschiefen Häuschen, Schutt und Investruinen. Aber in den EU-Integrationsprozess passen solche Bilder nicht, man will lieber zeigen, wie »westlich« die Türkei doch ist, und merkt dabei gar nicht, wie demütigend dieser Ansatz ist.
Die Idee, eine große Ausstellung, die im weiteren Sinne »die« Türkei vorstellt, in Berlin, genauer: in Kreuzberg zu zeigen, mag gut, vielleicht auch überfällig sein – die Ausführung und vor allem Auswahl der Künstler ist jedoch wenig überzeugend. Zum Glück findet man einzelne Arbeiten, die in jeder Ausstellung, in jedem Kontext begeistern würden: Da hat Roland Stratmann eine geheimnisvolle silberne Skyline – wie von einem anderen Stern – aus Hasendraht, Aluminiumfolie und Papier konstruiert. Über den Boden flimmern Textzitate von Berliner Schülern, die erzählt haben, was sie über Istanbul wissen bzw. nicht wissen. Der Titel der Installation ist »Stein und Boden sind aus Gold« – eine Redewendung der türkischen Landbevölkerung, die ihre Vorstellung vom fernen reichen Istanbul zum Ausdruck bringt. Roland Stratmanns Arbeit handelt von dem lückenhaften Wissen und den Wunschphantasien über Istanbul, also vom imaginären Charakter der Stadt. Seine Arbeit ist vor einem riesigen Fenster positioniert, man sieht schattenhaft die zerklüftete Silhouette Berlins, womit das Thema »türkische« Stadt auf sehr eigene Weise gespiegelt wird.
Der Niederländer Marc Bijl hat mit seiner Flagge mit dem Slogan »no future, just another flag« eine amüsante Parodie auf die EU-Fahne geschaffen: Zwölf gelbe türkische Halbmonde blinken auf blauem Grund, wo sonst die EU-Sterne leuchten.
Christine de la Garenne lässt in einer großformatigen Video-Stele überdimensionierte Gebetsperlen aufeinanderprallen. Der Durchmesser einer Perle beträgt ungefähr einen Meter, und das laute Klacken der aufeinander treffenden Kugeln hat etwas ungewohnt Aggressives, Dynamisches. Durch das schlichte Mittel der Vergrößerung des Objekts bekommt eine im Islam alltägliche Handlung eine besondere Aura, ihr sichtbar geheimer »Zauber«, ihre rhythmische Magie wird fühlbar gemacht. Die strengen ästhetischen Mittel verhindern dabei eine sentimental-touristische Betrachtung.
Die Berliner Künstlerin Ina Wudke, die sich längere Zeit in der Türkei aufhielt, hat eindrucksvolle Gespräche mit Israelis, Türken und Deutschen über das Heiratsrecht in ihrem jeweiligen Herkunftsland auf Video dokumentiert. Arbeiten wie diese, die an der Schnittstelle von Soziologie und Kunst angesiedelt sind, hätte man in der Ausstellung »Urbane Realitäten: Fokus Istanbul« gerne öfter gesehen.
Die wohl beeindruckendsten Exponate stammen nicht von einem der jungen Künstler, sondern gehen auf den »Vater« der türkischen Fotografie zurück. Es sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen Istanbuls aus den fünfziger und sechziger Jahren von Ara Güler, der 1928 geboren wurde. Hier spürt man, dass jemand aus der Innenperspektive auf die Metropole blickt. Erzählerisch im Gestus und doch viel komponierter als die üblichen Straßenszenen-Schnappschüsse, sind die Bilder die künstlerischen Destillate einer ganzen Epoche.
Am besten, man vergisst »Fokus Istanbul« und die Mediendebatte darüber, vergisst die EU, den Orient, den Okzident und all die anderen Etiketten, Gemeinplätze und Himmelsrichtungen und konzentriert sich statt dessen einfach auf die Kunst. Tunlichst vermeiden sollte man auch, sich allzu lange im Foyer der Ausstellung aufzuhalten: Dort schlägt einem nämlich krachende türkische Discomusik zur Einstimmung auf die »laute Metropole« entgegen. Was für ein raffinierter Einfall. Istanbul ist anders.
Urbane Realitäten: Fokus Istanbul: Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin. Bis 3. Oktober 2005. Katalog: 320 Seiten, 30 Euro
http://www.jungle-world.com/seiten/2005/29/5929.php