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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : The Great Game II: "The Shanghai Cooperation Organization"



DeLaHoya
08.07.05, 14:10
Der Präsident von Usbekistan, Islam Karimow, galt bis zuletzt als einer der USA-Partner in Zentralasien.

Sein Land war Mitglied des GUUAM-Blocks, der eine Alternative zum russischen Einfluss im postsowjetischen Raum bildete. 2001 wurde auf usbekischem Territorium ein amerikanischer Militärstützpunkt eröffnet: laut der offiziellen Version zur Unterstützung der Operation in Afghanistan. Aber heute haben sich die Beziehungen Usbekistans nicht nur zu den USA, sondern auch zu den Ländern des Westens drastisch verkompliziert. Dabei waren die Ereignisse in Andischan und die Forderungen nach einer internationalen Untersuchung des Vorgehens der usbekischen Behörden lediglich eine Art "letzter Tropfen". Die Abkehr Taschkents von der eindeutig prowestlichen Orientierung hatte viel früher begonnen, und zwar als Usbekistan 2002 seine Mitgliedschaft in der GUUAM faktisch einfror. Und im Mai dieses Jahres hat Karimow überhaupt den Austritt seines Landes aus diesem Block angekündigt. Womit lässt sich diese Entscheidung des usbekischen Präsidenten erklären?

Offensichtlich hat die Frage, wie eine Revolution zu vermeiden ist, für Islam Karimow eine prinzipielle Bedeutung. Dieses Thema wurde für ihn noch vor den georgischen, geschweige denn den ukrainischen, Ereignissen aktuell. Im Grunde genommen wurde Karimow zu Anfang des 21. Jahrhunderts vor die Wahl zwischen zwei Rezepturen zur Verhinderung einer möglichen Revolution gestellt, die bedingt die "westliche" und die "russisch-chinesische" genannt werden können.

Die "westliche" Rezeptur sieht eine Pluralisierung des politischen Lebens im Lande, die Durchführung freier und von ausländischen Beobachtern überwachten Wahlen mit einer möglichst großen Teilnehmerzahl vor. Dieses Modell wird zur Zeit von den USA in verschiedensten Ländern - in den einen Fällen unter Einsatz von militärischer Gewalt (Afghanistan, Irak) und in den anderen durch politischen Druck (Libanon, Ägypten) eingeführt. Aber für Karimow wäre diese Variante unannehmbar - denn sie sieht die Möglichkeit einer Wahlniederlage vor, deren Folgen sich von den europäischen wesentlich unterscheiden. So zieht ein Machtwechsel in den asiatischen Staaten in der Regel keinen zivilisierten Übergang zur Opposition, sondern eine umfassende Umverteilung der Einflussphären auf dem Gebiet der Politik und der Wirtschaft nach sich.

Ein weiteres Problem ist der Charakter der Opposition. So hat es in Libanon noch vor dem Bürgerkrieg von 1975-1990 demokratische Traditionen gegeben. Im irakischen Fall wirkte eine mehrparteiische, und wie es sich später herausstellte, in der Bevölkerung fest verwurzelte Emigrantenschicht, deren Vertreter jetzt an die Macht gekommen sind. In Usbekistan stellen die radikalen Islamisten, denen die "westliche" Rezeptur Möglichkeiten für die Legalisierung geboten hat, im Grunde genommen die Hauptalternative zur Macht dar - es handelt sich um die Kräfte, die die Revolte in Andischan organisierten. Übrigens begünstigen die Europäer, indem sie auf der Liberalisierung des türkischen politischen Regimes bestehen (ohne dies kann die Türkei nicht mit ihrem EU-Beitritt rechnen), ungewollt die Entwicklung der islamistischen Bewegung als einer Alternative zum weltlichen Staat Kemal Atatürks.

Also wurde Karimow von der politischen Logik dazu gedrängt, die "russisch-chinesische" Rezeptur zu akzeptieren, der zufolge nicht auf Demokratisierung, sondern auf Stabilität, starke Macht und die Erhaltung des geltenden Regimes gesetzt wird, dem eine Carte Blanche in der Frage der Konfrontation mit der Opposition gegeben wird, besonders wenn die Letztere zu bewaffneten Kampfmethoden greift. Damit erklären sich auch der Austritt Usbekistans aus der GUUAM und seine verstärkte Aktivität im Rahmen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), deren informelle Chefs Russland und China sind. Diese Tendenz wurde auch beim letzten SOZ-Gipfel in Astana bestätigt. Selbstverständlich haben Russland und China die Handlungen des Regimes Karimow in Andischan unterstützt und es ihm ermöglicht, eine internationale Isolation zu vermeiden, zu der es, wie es ursprünglich schien, von der äußerst negativen Position der westlichen Staaten, Massenmedien und gesellschaftlichen Organisationen verurteilt wurde.

Als Antwort darauf erwartet Russland von Usbekistan reale Schritte zur Annäherung in verschiedenen Sphären, einschließlich des Verteidigungsbereiches. So wird mit einer Umstellung der technischen Ausrüstung und der Ausbildung der Armee Usbekistans von den NATO-Standards auf die russische Variante gerechnet. "Unsere bilateralen Beziehungen in der militärischen und der militärtechnischen Sphäre gewinnen in den letzten Jahren merklich an Tempo", sagte der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow in der vergangenen Woche. Nach einigen Angaben geht es auch darum, dass die usbekische Seite Russland ihre Infrastruktur, darunter auch Militärflugplätze, für die Durchführung eventueller russischer Sonderoperationen in Krisensituationen zur Verfügung stellt. Möglicherweise kann in der Perspektive die Frage der Rückkehr Usbekistans in die Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS) gestellt werden, einen Block, der Russland und dessen militärpolitische Verbündete im postsowjetischen Raum vereint. Es sei daran erinnert, dass dieser Vertrag 1992 gerade in Taschkent unterzeichnet wurde

http://de.rian.ru/analysis/20050707/40858422.html

DeLaHoya
08.07.05, 14:14
Öl, Revolutionen und kalte Füße

Thomas Pany 07.07.2005

In Zentralasien formiert sich ein Block gegen die USA

Für diejenigen politische Beobachter, die in großen geopolitischen Dimensionen denken, ist es schon längst klar, dass die amerikanischen Feldzüge in Afghanistan und Irak strategisch nur unzureichend mit dem "War on Terror" und der Demokratisierung ehedem tyrannisch geführter Länder zu erklären ist. Das große strategische Design, das hinter diesen Parolen steckt, hat dieser Anschauung zufolge einen alten, klingenden Namen: "The Great Game" (http://en.wikipedia.org/wiki/The_Great_Game). Im 19.Jahrhundert wurde damit der Kampf um die Vorherrschaft in Zentralasien zwischen dem britischen Empire und dem zaristischen Russland bezeichnet. Heute heißen die Global Players im zentralasiatischen Hegemonialkampf USA (mit britischer Beteiligung), Russland, Iran, Indien und China. Es geht um politische und militärische Kontrolle von Gebieten, die von immenser Bedeutung für die Energieversorgung der großen Industrieländer ist. Am Dienstag ist nun ein weiterer diplomatischer Schachzug in diesem Spiel getan worden.



Dem Namen nach könnte man an eine "harmlose" Handelsvereinigung denken: "The Shanghai Cooperation Organization" (http://www.fmprc.gov.cn/eng/topics/sco/t57970.htm). Offizielle Mitglieder sind aber keine Ex- und Importfirmen, sondern Länder, die eins gemeinsam haben: die Sorge vor dem Expansionismus der USA in Zentralasien. Weswegen die Organisation, bestehend aus Russland, China, Kasachstan, Kirgistan, Usbeskistan und Tadschikistan - Pakistan, Indien und Iran waren als "Beobachter" eingeladen (http://www.inform.kz/showarticle.php?lang=eng&id=130016) - bei ihrem Gipfeltreffen vor zwei Tagen einen Appell (http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/07/05/AR2005070501602.html) an die Adresse der Supermacht losschickte:



Nachdem die militärische Phase in der Anti-Terror-Operation in Afghanistan ihrem Ende naht, wünscht sich die SCO von den Mitgliedern der Koalition, dass sie eine Deadline setzt - für die Benutzung der temporären Infrastruktur und für die militärischen Kontingente, die in diesen Ländern stationiert sind.
Von diplomatischen Umschreibungen bereinigt heisst das: die USA sollen Militärbasen in Usbekistan - ein Flugzeugstützpunkt in Kandabad (http://www.wsws.org/articles/2002/jan2002/base-j11.shtml) bei Karshi - und Kirgistan (ebenfalls ein Flugzeugstützpunkt in Bishkek (http://www.globalsecurity.org/military/facility/manas.htm)) bald möglich räumen. Und natürlich von weiteren Ambitionen von Truppenstationierungen in der Region absehen (konkret im Gespräch sind US-Truppen-Stationierungen beispielsweise in Georgien).

Die Warnung ist deutlich. Das Argument Afghanistan ist nur ein Vorwand für die Shanghai Cooperation Organization, um den Warnschuss abzufeuern. Der kriegerische Konflikt ist dort noch lange nicht beendet und flammt seit einiger Zeit wieder auf. Und dass es nur um rein bilaterale Agreements ginge, wie der Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, Sean McCormack, in seiner Reaktion ("no deadline!") auf den SCO-Appell behauptete (http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/07/05/AR2005070501602.html), führt ebenfalls vorbei am tatsächlichen Konflikt, auf dessen Hintergrund der Appell zu lesen ist.

Die großen Mitglieder des "eurasischen" Regionalbündnisses, Russland und China, sowie Iran, das dem Bündnis nahesteht, haben allen Grund zur Nervosität. Spätestens seit der Eröffnung der BTC (Baku Tiflis, Ceyhan)-Pipeline Ende Mai (vgl. Die längste Schlange der Welt (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20199/1.html)) zeigt sich, wie groß die Ambitionen der USA und Großbritanniens als Partner sind, das Geschäft mit dem reichen Energievorkommen in der Region unter ihre Kontrolle zu bringen - unter Ausschaltung eben der großen anderen Players.

Es ist nicht nur der Bau von Pipelines, die wie die BTC (andere sind längst in Planung (http://www.atimes.com/atimes/Global_Economy/GF30Dj01.html)) einfach Russland, Iran und andere "unsichere" Länder umgehen, sondern die Verbreitung von Unsicherheit selbst, welche die SCO-Ländern auf der Hut sein läßt: Die Führer der Organisation hätten, so die Washington Post (http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/07/05/AR2005070501602.html) am Dienstag "ungenannte Kräfte von Außen angeklagt, dass sie Zentralasien zu destabilisieren versuchten."

Tatsächlich verfolgt die Regierung unter Bush in "Eurasien" ein doppeltes Spiel. Einerseits fördert (http://www.atimes.com/atimes/Global_Economy/GF30Dj01.html) man mithilfe staatlich unterstützter Vereinigungen (z.B."Freedom House") und allerlei NGOs die "farbigen Revolutionen" (siehe Ukraine und Georgien) im Namen des propagierten demokratischen Fortschritts. Woraufhin dann Verhandlungen über amerikanische Truppenpräsenz beginnen... Andrerseits unterstützt man wie im Falle Aserbaidschan kaum verhüllte Diktatoren des übergeordneten Geschäfts-und Machtinteresses willen.

Kein Wunder angesichts dieser Doppelstrategie, dass manche Machthaber in Pipelineistan befürchten, ihre Amtszeit werde nur mehr kurzfristig geduldet, sobald sie sich stärker an die USA anlehnen. Wenig überraschend, dass etwa der usbekische Staatschef Karimov, der sich lange im Schutz der USA wähnte, seit der Kritik der Amerikaner an den Vorfällen in Andischan (vgl. Der Fall Usbekistan (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20318/1.html)) kalte Füße bekommt, sich zum anderen Block (Russland und China) hingezogen fühlt und zusammen mit diesen den Abzug der amerikanischen Truppen aus dem "Camp Stronghold Freedom" in Karshi-Kanabad fordert.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20475/1.html

Mete
11.07.05, 11:24
Nicht slecht bist ja richtig gut informiert! Great Game 2 :rolleyes: Man und ich lese erst Great Game 1 :rolleyes:




Great Game ums Erdöl und Erdgas in Zentralasien
Sipan Sedeek über das geo-strategisches Spiel der Weltmächte um Macht, Geld und Einfluß rund um das Kaspische Meer.

Schlachtfeld Kaukasus, der Kampf ums Öl

Die Gier nach dem "Schwarzen Gold“ macht die Region um das Kaspische Meer zu einer heißumkämpften Zone.
Foto: National Geographic
Im Kaukasus und der Kaspischen Region werden riesige Erdölreserven vermutet. Bedeutet dies den Anbruch einer neuen Ära des Wohlstandes, oder ist es das Vorspiel zu einem Wettlauf der Großmächte um Einfluß und Macht?
Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und die Entstehung einer Reihe neuer Staaten im Kaukasus und Zentralasien haben eine neue geopolitische Situation geschaffen. Das Sprachrohr der internationalen Finanzwelt - das britische Wochenmagazin "Economist" - formulierte besonders pointiert: "Sie (die Erdölfirmen und Regierungen) und jeder Hai östlich vom Suez haben begriffen, daß in den nächsten Jahren das größte aller Spiele in der Kaspischen Region gespielt wird."

US-amerikanische Experten schätzen, daß sich in der kaspischen Region Reserven von bis zu 200 Milliarden Barrel Erdöl befinden. Zum Vergleich: Saudi Arabien - das Land mit den weltweit größten Erdölvorkommen - besitzt Reserven in der Höhe von 260 Milliarden Barrel. In dieser Erdöleuphorie hat 1994 das von BP-Amoco geführte Konsortium AIOC allein mit Aserbaidschan Verträge mit einem Volumen von über 40 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. Parallel dazu hat ein großes Tauziehen um neue Erdölpipelines eingesetzt. Die existierenden Pipelines sind zu schwach, um die zu erwartenden Förderkapazitäten zu transportieren. Bis vor kurzem existierte nur eine kleinere Pipeline von Baku durch Dagestan und Tschetschenien bis zum russischen Hafen Noworssisk am Schwarzen Meer (mit einer Landverbindung nach Kasachstan). Seit Mitte März gibt es nun eine neue Pipeline, die von Baku durch Georgien bis zum Hafen Suspa - ebenfalls am schwarzen Meer - verläuft. Doch auch das Fassungsvermögen dieser Pipeline gilt als zu gering (beide Leitungen können jährlich etwa 5 Millionen Barrel pumpen), weswegen die konfliktträchtigen Verhandlungen um eine zusätzliche, große Pipeline weitergehen.

Es werden jedoch noch größere Erdgasvorkommen vermutet. Die am Kaspischen Meer gelegene Republik Turkmenistan verfügt beispielsweise über eines der weltweit größten Gasvorkommen. Die geostrategische Bedeutung dieser Region steht außer Zweifel. Wer den Kaukasus und Zentralasien kontrolliert, hat Zugriff auf die - neben dem Nahen Osten - weltweit wichtigsten Energiereserven und verfügt damit auch über ein unschätzbares politisches Druckmittel.
Interessen der USA
Um die US-Interessen zu verstehen, ist es notwendig, sich folgende Tatsachen vor Augen zu führen. Den USA geht es u.a. darum, ihre Abhängigkeit vom Nahen Osten - nach wie vor die Region mit den größten Ölvorkommen - zu verringern und sich sozusagen ein zweites Standbein bei der Energieversorgung zu schaffen. Damit wären die USA auch in der Lage, die Energieimporte ihrer Verbündeten - v.a Westeuropa - zu kontrollieren und hätten somit ein politisches Druckmittel zur Verfügung. Zudem will Washington unbedingt verhindern, daß potentielle oder tatsächliche Gegner wie Rußland, der Iran oder China die Verfügung über die Vorkommen erringen. Diese divergierenden Interessen der Groß- und Regionalmächte kommen im Streit um die Route der geplanten großen Pipeline zum Ausdruck. Die USA drängen massiv auf einen Bau einer Pipeline, die vom Hafen in Baku ausgehend über Georgien und auf dem Landweg weiter über die Türkei bis zum Mittelmeerhafen Ceyhan führt.

Um die Pipeline mit den Erdölfeldern in Kasachstan und Turkmenistan zu verbinden, sollen zudem Unterwasserverbindungen mit dem Verladehafen Tengis und Krasnowodsk durch das Kaspische Meer gebaut werden. Damit wäre vor allem den oben genannten US-Interessen gedient, da Rußland völlig umgangen würde und auch der Iran ausgeschaltet wäre. Doch diese von den USA lancierte Variante stößt nicht nur in Moskau und Teheran auf Widerstand, sondern auch seitens der meisten Erdölkonsortien. Der Grund dafür liegt darin, daß das Projekt mit geschätzten Kosten von 4 Mrd. US-Dollar die mit Abstand teuerste und unwirtschaftlichste Pipelinevariante wäre. Die internationalen Erdölkonzerne favorisieren deshalb alternative Routen, wie z.B. eine südlich durch den Iran (der am Persischen Golf über ausgebaute Verladeanlagen verfügt) verlaufende Pipeline, die nur etwa die Hälfte der Kosten des US-unterstützten Projekts verschlingen würde. Als die billigste Variante gilt ohnehin der Ausbau der bereits existierenden Pipeline zum georgischen Hafen Suspa, welche von den USA jedoch abgelehnt wird, da deren Route durch russisch beeinflußte Gebiete in Georgien sowie dem Schwarzen Meer verläuft, wo Moskau ebenfalls über starke Positionen verfügt.

Hat Rußland ausgespielt?
Naheliegenderweise versucht Rußlands Elite, einen Ausschluß aus dem Erdölgeschäft im Kaukasus zu verhindern. Jedoch ist erstens die russische Pipeline veraltet, zweitens gelten ihre Kapazitäten als zu gering und drittens - und dies ist das wichtigste Hindernis - verläuft die Route durch politisch höchst instabile Territorien, die sich z.T. außerhalb der Kontrolle Moskaus befinden (Tschetschenien und Dagestan) ! Trotzdem wäre es falsch, Rußland beim "Great Game" ums kaspische Öl bereits aus dem Rennen geworfen zu wähnen. Denn auch Georgien ist kein Hort der Stabilität. Zwar übt Präsident Schewardnadse seit 1992 die Macht in Tiflis aus, doch drei Regionen seines Landes entziehen sich weiterhin seiner Kontrolle: Abchasien, das sich durch den Bürgerkrieg (mit russischer Unterstützung) unabhängig machte, Ascharien sowie Südossetien, welches sich mit dem bei Rußland verbliebenen Nordossetien vereinigen möchte. Die Erdölpipeline verläuft genau zwischen den beiden abgespalteten Republiken Abchasien und Ascharien. Rußland, das 1994 eine sogenannte Friedenstruppe in die Region entsandte, kann somit Druck über Schewardnadse ausüben. Dadurch wird zwar die russische Pipeline über Dagestan und Tschetschenien nicht attraktiver, aber Rußland könnte im Poker um das Erdöl bestimmte Sicherheiten wie z.B. größere Anteilsrechte bei Konsortien o.ä. herausschlagen.

Iran und Türkei
Der Iran ist wohl der große Unbekannte in dem "Great Game". Aus politisch-strategischen Gründen verhindern die USA ein Einbeziehen Teherans in die diversen Planungen. Doch die wirtschaftliche Logik spricht für den Iran. Das Land verfügt über ein gut ausgebautes Pipelinenetz mit Verbindungen vom Schwarzen Meer zu den Terminals am Persischen Golf, wo das Erdöl auf Tanker verladen werden kann. Zudem besteht die Möglichkeit eines "Swaps" (Tausches): Im Norden importiert der Iran aserbaidschanisches Erdöl und liefert in den südlichen Häfen das persische Erdöl, wodurch man sich den Transport durch das Land samt Kosten ersparen würde. Doch dem steht noch der politische Wille der USA sowie Israels entgegen. Politische Veränderungen in Iran und Druck seitens Rußlands und Chinas könnten in der Folge Änderungen in der amerikanischen Außenpolitik gegenüber dem Iran bewirken. Allerdings wäre eine entsprechende Pipeline auch für die persische Regierung ein zweischneidiges Schwert, da man damit Konkurrenz für die eigenen Erdölexporte fördern würde.
Die Türkei wiederum besitzt selbst keine nennenswerten Erdölreserven, doch kann sie mit dem Bau einer Pipeline ihre strategische Stellung als Vorposten des US-amerikanischen Imperialismus im Nahen Osten und ganz Vorderasien festigen. Vor allem wegen der traditionellen Verläßlichkeit der Türkei als NATO-Mitglied und Militärbasis sowohl im Krieg gegen den Irak als auch gegen Jugoslawien unterstützten die USA den Pipelinebau durch die Regionalmacht am Bosporus.

Was kann erwartet werden?
Der Ausgang dieses Tauziehens um die Pipeline Route ist noch offen. Wahrscheinlichste Option wäre wohl der künftige Betrieb mehrerer Pipelinerouten in der Region. Unter der Vorraussetzung, daß die Prognosen über die gewaltigen Erdölvorkommen in der Region zutreffen, ist zu erwarten, daß in den nächsten Jahren auf mehreren Routen von konkurrierenden Konzernen und Staaten Pipelines gebaut werden. Dies verbilligt zwar die Transportkosten, senkt aber die revenues für die Kaukasus - Staaten und verschärft die Spannungen zwischen diesen. Da die Großmächte aber nicht tatenlos zusehen werden wie ihr Zugriff auf wichtige Energiereserven durch Krisen und Bürgerkriege in den kaukasischen und zentralasiatischen Republiken gefährdet wird, werden vor allem die Westmächte (allen voran die USA) auf eine engere politische und auch militärische Anbindung der Region drängen. Ein "friedensschaffendes" Bombardement in Georgien oder Usbekistan mit anschließender Stationierung westlicher "Friedenstruppen" könnte so schon bald Wirklichkeit werden.

Pax NATO - GUUAM
Die US-Kaukasuspolitik geht davon aus, daß politisch-wirtschaftliche Interessen militärisch abgesichert werden müssen. Der US-Botschafter Mathew Nimitz postuliert diesbezüglich offen die Notwendigkeit einer "Pax NATO" - also eines durch die NATO abgesicherten "Friedens" (anders gesagt: eine Stabilität im Interesse des Westens). Der erste wichtige Vorstoß der USA in Richtung Etablierung besagter Pax NATO im Kaukasus und der Kaspischen Region stellt die Bildung der sogenannten GUUAM dar. Dieses Bündnis wird von fünf Staaten gebildet, deren Anfangsbuchstaben das entsprechende Signet ergeben: Georgien, Usbekistan, Ukraine, Aserbaidschan und Moldawien. Die GUUAM wurde 1998 gebildet (Usbekistan trat im April 199 bei). Ziel dieser Allianz ist die Annäherung an den Westen und die Zusammenarbeit mit der NATO. Den Regimes in dieser Region wurden mehr Auslandsinvestitionen und militärischer Schutz nach innen und außen versprochen. Den USA ermöglicht die GUUAM-Allianz einen direkten Zugriff auf die Region, nicht nur aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit der GUUAM - Staaten, sondern längerfristig auch wegen der Stationierung US - amerikanischer Truppen in den betreffenden Ländern. So wurde vor einiger Zeit ein Vertrag zwischen dem Pentagon und Georgien bezüglich eines Trainingsprogramms für die georgische Armee unterzeichnet.

In der Region agieren aber auch noch andere interessierte Mächte, die über beträchtliche militärische Mittel verfügen und den USA ihren Einfluß streitig machen könnten - allen voran Rußland aber auch der Iran. Durch die geographische Nähe sind diese Staaten durchaus in der Lage, die USA in ihren Kaukasusplänen zumindest zu behindern. Alles in Allem ein Szenario, das dem Kaukasus und der Kaspischen Region noch unruhige Zeiten bescheren dürfte.

" Wer den Kaukasus und Zentralasien kontrolliert, hat Zugriff auf die - neben dem
Nahen Osten - weltweit wichtigsten Energiereserven und verfügt damit auch über
ein unschätzbares politisches Druckmittel. "
"Politische Veränderungen im Iran und Druck seitens Russlands und Chinas könnten in der
Folge Änderungen in der amerikanischen Außenpolitik gegenüber dem Iran bewirken."
Statement
"Trotz ihrer Rhetorik über eine Lösung, von der alle profitieren, teilen die USA in Wirklichkeit nicht diese unermüdlich von vielen US-Akademikern und Beamten gepredigte Meinung von den automatischen Vorteilen der neuen Weltordnung. Die wachsende Einmischung der USA in der trankskaspischen Region ist im höchsten Ausmaße strategisch oder gar geo-politisch und zielt auf die Ausweitung ihres Einflusses ab - und nicht jenem ihrer Mitbewerber. Sie kombiniert alle traditionellen Machtinstrumente: überlegenes Wirtschaftspotential und militärische Fähigkeiten ebenso wie das Versprechen einer Integration in den Westen... Die Vereinigten Staaten sehen drei Aspekte der transkaspischen Gleichung als wesentlich: Steigerung des Energieangebots für die Konsumenten, Ausschluss des Irans vom Einfluss auf Ausbeutung, Verschiffung, Entwicklung und Vermarktung der Energieprodukte; und das Abhalten eines Staates (d.h. Russland) von der Aufrechterhaltung eines Monopols über die lokalen Energiequellen"



Die Region
Russische Föderation
Einwohner: 147,3 Mio
Erdölreserven: 48,6 Mrd. Brl
Erdgasreserven: 1.700 Bill. m3
Erdöl - Export Quote: k.A.

Kasachstan
Einwohner: 15,8 Mio
Erdölreserven: 5,4 Mrd. Brl
Erdgasreserven: 65 Bill. m3
Erdöl-Export Quote: 38,7 %

Turkmenistan
Einwohner: 4,7 Mio
Erdölreserven: 546 Mill. Brl
Erdgasreserven: 101 Bill. m3
Erdöl-Export Quote: 28%

Iran
Einwohner: 60,9 Mio
Erdölreserven: 89,7 Mrd. Brl
Erdgasreserven: 812 Bill. m3
Erdöl-Export Quote: 86 %

Aserbaitschan
Einwohner: 7,6 Mio
Erdölreserven: 1,2 Mrd. Brl
Erdgasreserven: 4 Bill. m3
Erdöl-Export Quote: 57,9 %

DeLaHoya
15.07.05, 14:23
Printausgabe vom 15.07.2005
DEBATTE Der Kampf um Zentralasien

Den deutlichen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen in Kirgisien am vergangenen Sonntag hat der amtierende Präsident Kurmanbek Bakijew seiner Zusammenarbeit mit Felix Kulow zu verdanken. Kulow, dessen Hausmacht im Norden des Landes liegt, bekam für den Fall des Wahlsiegs von Bakijew das Amt des Ministerpräsidenten zugesagt. Bakijew selbst stammt aus dem traditionell landwirtschaftlich geprägten Süden des Landes und vertritt diesen an der Staatsspitze. Die außerordentliche Wahl nach dem Sturz des Präsidenten Askar Akajew gleicht einer neuen Revolution.

Bakijew und seine Mitstreiter in der kirgisischen Revolution bezeichneten sich in ihrem Kampf gegen Akajew als westlich orientierte Demokraten. Doch die Werte des Westens auch tatsächlich in die zentralasiatische Republik zu bringen ist schwierig. Es ist kaum zu erwarten, dass Kirgisien, das besonders wirtschaftlich noch immer von Russland und den benachbarten zentralasiatischen Ländern abhängt, einen sehr pro-westlichen Kurs – wie etwa Georgien und die Ukraine – einschlagen wird.

Wird die kirgisische Revolution Einfluss auf die Nachbarländer haben? Kaum. Entgegen aller Erwartungen hat sie selbst ihren Charakter verändert. Die Beziehungen Kirgisiens zu Russland und den anderen, unter autoritär-kommunistischer Herrschaft stehenden Nachbarstaaten sind wieder gut. Dies zeigte sich bereits wenige Tage vor der Wahl.

Auf der Gipfelversammlung der Schanghaier Kooperationsorganisation (China, Kasachstan, Russland, Kirgisien, Tadschikistan, Usbekistan) in Astana (Kasachstan) bekam der usbekische Präsident Karimow Unterstützung für die Erschießung von Demonstranten in Andischan. Vom Westen ist dieses Vorgehen als Überschreitung des Rahmens im Kampf gegen Extremisten verurteilt worden. Von der Schanghaier Organisation hingegen wurde Karimow für die «Entschlossenheit» seiner Tat gelobt: Er habe damit eine weitere «orange Revolution» verhindert.

Auf den Druck des Westens reagierte Karimow mit der Drohung, keine Flughäfen in seinem Land mehr an die USA zu vermieten. Die seien nur für den Krieg gegen Afghanistan zur Verfügung gestellt worden, doch der sei ja nun offiziell vorbei, rechtfertigte der usbekische Präsident seine Position. Seine Entscheidung wurde auf dem Gipfeltreffen zu einem Zentralthema. Die Organisation forderte in einer Resolution einen festen Termin für den Abzug der Nato aus Zentralasien. In Afghanistan könne sie so lange bleiben, wie sie wolle, aber in anderen zentralasiatischen Ländern sei die Anwesenheit der Nato nicht mehr nötig. Die zentralasiatischen Staaten seien selbst in der Lage, sich gemeinsam vor Terrorismus zu schützen. Erstaunlich, dass auch Bakijew diese Resolution unterstützt.

Ohne Zweifel ist das Schanghaier Projekt von Russland vorbereitet. Für Russland ist es wichtig, eine neue mögliche

«orange Revolution» zu vermeiden und den Einfluss des Westens zu vermindern.

Die Gefahr einer «orangen Revolution» beunruhigt auch Karimow und die anderen zentralasiatischen Machthaber, unter ihnen Kasachstans Präsident Nasarbajew. Auch in seinem Land finden in den nächsten Monaten Präsidentschaftswahlen statt. Die starke Opposition in Kasachstan ist gegen Nasarbajew und seinen Clan. Um dem Schicksal Akajews zu entgehen, plant Nasarbajew, Demonstrationen vor und nach den Wahlen gesetzlich zu verbieten.

Die antiwestliche und antidemokratische Stimmung im Raum der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) wächst wieder. In diesem Punkt stimmt die russische und zentralasiatische Position mit der Chinas überein. China ist stark an den Republiken Zentralasiens interessiert. Und das nicht nur wegen deren Reichtümern, die die wachsende Wirtschaft Chinas immer mehr nutzt, sondern vor allem, um den eigenen, von den USA nicht akzeptierten politischen Einfluss zu vergrößern. So bleibt die Situation in Zentralasien weiterhin unklar. Die zukünftige Entwicklung lässt sich nicht vorhersagen.

Vougar Aslanov ist Schriftsteller. In der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan geboren, lebt er seit Jahren in Deutschland.

http://www.rhein-main.net/sixcms/list.php?page=fnp2_news_articl e&id=2389275