PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Leserbrief an "Die Welt am Sonntag": "Scham als Chance" von Till-R. Stoldt



DeLaHoya
10.07.05, 23:08
Ihr Kommentar "Scham als Chance" vom 10.07.2005


Sehr geehrter Herr Stoldt,

Bülent und Ayse werden sich fragen, warum die Lehrer sie permanent zwingen, ihre Groß- oder Urgroßeltern zu verleugnen, welche während des Ersten Weltkrieges aus dem Kaukasus, aus dem Balkan oder aus Ostanatolien massakriert und brutal vertrieben – in Neudeutsch "ethnisch gesäubert" – wurden.

2,5 Millionen Türken/Muslime verloren während des Ersten Weltkrieges das Leben [1], und dies ist keine spekulative oder maßlos übertriebene Zahl wie die der Armenier.

Ihr Kommentar ist blanker Zynismus und zeugt von der ordentlichen Portion Ignoranz sowie Arroganz der deutschen Medienlandschaft, welche selbst das Erwähnen der osmanisch-muslimischen Opfer - der eigenen Familienmitglieder! - perfide als "Gegenrechnen" zu diskreditieren versucht.

Die "selbstkritische Erinnerungskultur" beschränkt sich einzig und allein auf den Holocaust, alles andere (Völkermorde, Massaker und koloniale Ausbeutung in Schwarzafrika, Libyen, Algerien, Kaukasus, Balkan, Nord- und Südamerika) wird relativiert, geflissentlich unter den Teppich gekehrt oder zu kitschigen Filmen entstellt.

Bevor deutsche Lehrer türkischen Schülern die armenisch-nationalistische Geschichtsverfälschung einhämmern möchten, sollten eben diese Lehrer die Kinder nach deren Familiengeschichten fragen, von wo sie stammen und wo sie vor 90 Jahren lebten und warum ihre Vorfahren die ursprüngliche Heimat verlassen und sich in der heutigen Türkei neu ansiedeln mussten.

Anstatt sich mit den türkischen Schülern in einen Dialog zu begeben zieht man es jedoch vor, den Kindern "Selbsthass" einzuimpfen und gegen die alte Heimat zu hetzen. Diese Art der "Integration" wird in dieser Form wohl nur in Deutschland verlangt.

Die fährlässige und politisch motivierte Ausschlachtung der Armenischen Frage wird dazu führen, dass dank Ihnen und Ihrer Kollegen in Zukunft türkische Kinder dem Geschichtsunterricht fern bleiben werden.

Hochachtungsvoll

Olgun Bayrak

Türkische Internet Community

www.turkcom.org (http://www.turkcom.org/)

[1]
Steinbach, U., Die Türkei im 20. Jahrhundert, Bergisch-Gladbach 1996, S. 121


http://www.turkcom.org/content.php?article.77

DeLaHoya
10.07.05, 23:09
Hier noch der Kommentar aus "Die Welt am Sonntag":



Scham als Chance

Die Kultusminister sollen den türkischen Völkermord an den Armeniern in die Lehrpläne aufnehmen. Das fordern nun Christdemokraten um die Bildungspolitikerin Katherina Reiche - Kommentar

von Till-R. Stoldt

Wenn Bülent und Ayse demnächst aus der Schule kommen, könnten sie ihren Eltern unbequeme Fragen stellen. Zum Beispiel, warum die Türken vor 80 Jahren 1,5 Millionen Armenier töteten. Und wie es nur passieren könne, daß die eigene Nation solche Verbrechen begehe.


Die eigene Nation kann sich auf den Pfad zur Hölle begeben. Und blinde Hingabe sollte man sich deshalb für den lieben Gott aufheben - diese Lektion, so simpel wie schwer, will Katherina Reiche unter den Türkischstämmigen der Republik verbreiten. Dabei stößt sie auf den Widerstand der türkischen Gemeinde. Dort mehren sich Unkenrufe, Reiche wolle den Türken nationalen Selbsthaß einimpfen - ein Ton, den viele Deutsche bislang nur von rechtskonservativen Landsleuten kannten. Dabei hätten wir längst wissen können, daß sich Ernst Noltes Angst-Dogma ins Türkische übersetzen läßt - also der Glaube, Nationalverbrechen zu gedenken sei Flagellantentum und zwinge die Nation vom aufrechten Gang auf alle viere.


Diesen Einwand widerlegt jedoch die Initiative der 32jährigen Reiche. Sie empfiehlt selbstkritische Erinnerungskultur als zivilisatorische Bereicherung, sozusagen als Hausmittel aus deutschen Landen und erprobtes Rezept gegen "My country, right or wrong?"-Nationalismus. Damit verbucht sie das offensive Gedenken von Verbrechen kurzerhand auf der nationalen Haben-Seite. So mutiert die Schuld der Alten zur Chance der Jungen. Daraus spricht kein Selbsthaß, sondern Leistungsstolz (der seine Grenze in seinem Grund findet: in der Selbstkritik). Wann endlich verstehen das die Angst-Dogmatiker aller Nationen? Und wann bekommen auch Bülent und Ayse die Chance, ihr Türkentum zu durchlüften?


Artikel erschienen am 10. Juli 2005

http://www.wams.de/data/2005/07/10/743842.html