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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Türkische Sprachreform



bigberta
10.08.05, 18:05
...wenn man es nicht total übertreibt. Ich gucke mal, ob ich was von Jil Sander finde,
aber hier erstmal was zum Thema Denglisch (http://vds-ev.de/denglisch/index.php)

Wenn Ihr da runterscrollt, werdet ihr feststellen, daß schon die Römer sich ihre Gedanken zu den Fremdwörtern machten. Meines Wissens hat der Gebrauch von Fremdwörtern immer auch was mit der politischen Situation zu erkennen. Am Russischen kann man das besonders gut ablesen: dengi für Geld soll aus den Turksprachen kommen (das wißt Ihr besser als ich), aus der Zeit der engen medizinischen und militärischen Zusammenarbeit kommen die Wörter: gips, shprits, shram, grip, kurs, na grund, usw , für das, was wir im Deutschen unter "Büro" kennen, gibt es drei Ausdrücke: bjuro, kanzlija, ofis.

und dann habbe ische mal widder eine Frääge: wie war das mit der Sprachreform? Ich kenne Leute, die machen einen Unterschied zwischen Osmanisch und Türkisch und haben mir erklärt, daß der Gebrauch bestimmter Lehnwörter aus dem Arabischen/Persischen verboten wurden sei, und man erstens mitttels Nachvollziehen der Lautverschiebung (so wie bei Timur und Demir) Türkei-türkische Worte konstruiert habe, oder, wenn das nicht gegangen sei, die Wörter aus dem Französischen geholt habe, was damals noch die internationale Sprache gewesen sei.
Bevor jetzt eventuell jemand sauer ist dazu noch folgendes: In Frankreich kontrolliert die Académie Francaise die Sprache, und Texte, die einen gewissen Prozentsatz Fremdwörter überschreiten, dürfen so nicht gedruckt werden.

elturco
03.05.07, 17:50
Eine Sprache ist ein lebendiges Wesen, man soll sich nur vor künstlichen Eingriffen hüten.
War die Sprachreform von Atatürk für dich ein Fehler?

deryatulga
03.05.07, 18:03
War die Sprachreform von Atatürk für dich ein Fehler?

Ich mag bezüglich einer Sprache nicht von einer Reform zu reden. Eine Sprache entwickelt sich und hat die primäre Aufgabe verständlich zu sein. Die grosse Übertreibungen, die eine künstliche Sprache aufzwingen wollten, geschahen ohnehin nach dem Tode von Atatürk. Sie waren nicht nur falsch, sie waren ein Attentat auf die eigenständige Dynamik der türkischen Sprache.

TomBac
01.11.07, 23:46
Anbei einige allgemeine Informationen zur "Genese" der türkischen Sprache nach Republik-Gründung. Ich weiß, es paßt nicht ganz zum Thema, aber ich wußte nicht, wo ich es sonst hätte posten sollen. Später wird dann etwas über die Sonnensprachtheorie geschrieben.


Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die Entstehung der Türkischen Republik unter Kemal Atatürk schuf der Sache der von den oben genannten Intellektuellen begonnenen Sprachreform einen neuen und günstigen Rahmen.
Atatürk, der das Land auf den Weg der Modernisierung, mit anderen Worten von dem Weg der ca. 1000 Jahre dauernden Oriantalisierung auf den Weg der Europäisierung, leiten wollte, verfügte nun über das staatliche Gewaltsmonopol, dessen er sich bei der Durchsetzung der Sprachreform bedienen konnte. So war das Ziel des jungen Staates nun das Einholen "des in die Zivilisation fahrenden Zuges", dessen Abfahrt das türkische Volk wegen der Orientalisierung durch Islamisierung verpaßt hatte(vgl. Barthel,1979: 22).

Das Erreichen dieses extralinguistischen Zieles (vgl. Scharlipp,1978: 16)
rief ein linguistisches hervor: die Umformung der osmanischen Klassensprache zu einem Kommunikationsmittel, das keine Barrieren verursachen, sondern von allen Bevölkerungsschichten verstanden und gebraucht werden sollte.

So ergaben sich zunächst folgende zwei Ziele:

a) Vereinfachung der Sprache zur Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten und Förderung der innertürkischen Solidarität;
b) Modernisierung zum Anschluß an westliche Entwicklungstendenzen.

Verbunden mit beiden Zielen war ein Standardisierungsprozeß, der im lexikographischen Bereich bis heute nicht abgeschlossen ist.

Diese drei Zielsetzungen stellen in allen Aktionsbereichen simultane
Handlungen dar (vgl. Scharlipp, 1978:7-22): durch die Vereinfachungen, deren automatische Begleiterscheinung die Standardisierung insofern darstellt, als mit ihr stets Evaluation und Normierungen verbunden sind, auf 1. außerlinguistischem Gebiet (Aufhebung sozialspezifisch bedingter
Sprachbarrieren), 2. halblinguistischem Gebiet (Einführung einer neuen
Orthographie), 3. linguistischem Gebiet (Abschaffung der arabischen und
persischen Grammatikbestandteile, Substitution der Arabismen, Farsismen und anderer Fremdelemente im Lexikon, die dem Türken etymologisch nicht erfaßbar waren).

Durch diese drei Vorgänge sollte eine Modernisierung erreicht werden, die man zu trennen hat in eine innersprachliche (durch das Abwerfen des als
konservativen Ballast empfundenen arabischen und persischen Wortguts) und eine außersprachliche (durch eine Modernisierung der wissenschaftlichen, insbesondere der naturwissenschaftlichen Terminologie, die den wissenschaftlichen Anschluß an Europa sichern sollte).

Auch der fast über achtzigprozentige Analphabetismus der Bevölkerung war auf das arabische Alphabet zurückzuführen, das u.a. wegen seiner geringen Zahl von Vokalen für einen Türkischsprachigen äußerst schwer zu erlernen war: "Die Ursache dafür, daß viele in der Bevölkerung Analphabeten sind, sind die arabischen Buchstaben"(Atatürk; vgl. Korkmaz,1992:34). "Die türkische Sprache benötigte acht Vokale, die arabische Schrift aber verfügte nur über drei Vokale. Die arabische Schrift war nämlich für das Türkische nicht geeignet und hinderte es an seiner Entwicklung"(vgl. ebda.: 29). Dies hatte unter der Bevölkerung ein sprachliches Chaos verursacht, welches unmöglich machte, eine von allen Bevölkerungsschichten benutzbare Grammatik der türkischen Sprache herauszugeben (Coar,Ö.S; vgl. ebda.: 163).

Die Einführung der Lateinschrift bildete den Auftakt zu den in der Folgezeit
einsetzenden Bestrebungen, eine Reformierung der türkischen Sprache an Haupt und Gliedern herbeizuführen. Es war gerade eine empfindliche Zeit, in der man nach der Gründung der neuen Republik gegenüber den oppositionellen Reformgegnern eine stabile Basis für den Europäisierungsprozeß zu schaffen versuchte und die deshalb teilweise auch ein radikales Vorgehen nötig machte. Aus diesem Grunde u.a. sollte die türkische Sprache nach Atatürks Vorstellung keine Evolution durchlaufen, sondern so rasch wie möglich geändert werden9. Innerhalb von fünf Monaten erarbeitete ein hierfür eingesetztes Komitee ein den phonetischen Bedürfnissen der türkischen Sprache angemessenes Alphabet, welches sofort vom Parlament angenommen wurde.

gleich geht es weiter...

Quelle (http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=959627820&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=959627820.pdf)

TomBac
01.11.07, 23:57
Nach all diesen Versuchen (vgl. Scharlipp 1978:20) stellte sich die Standardisierung des neuen türkischen Lexikons als äußerst schwierig dar. Während sich die Abschaffung persischer und arabischer grammatischer Elemente wegen vorhandener türkischer Alternativen problemlos gestaltete, war die lexikalische Substitution mit Schwierigkeiten verbunden. Inzwischen hatte (vgl. Steuerwald, 1963) sich bei den Sprachreformern mittlerweile ein ziemlich tiefgehender Riß zwischen den Gemäßigten und dem zahlenmäßig kleineren, dafür aber umso aktivistischeren radikalen Flügel vollzogen. Waren die gemäßigten Reformer der Auffassung, daß alle diejenigen Wörter als Türkisch zu betrachten seien, die jedem Türken geläufig sind, gleichgültig aus welcher Quelle sie stammen mögen, so versuchten die radikalen Sprachreformer der 30er Jahre jede Entlehnung auszumerzen, ohne Rücksicht darauf, ob eine solche im Türkischen noch als fremdes Element empfunden wurde oder nicht.

Dies brachte auch die Leitung der Türkischen Sprachgesellschaft, die ursprünglich das Ziel einer gemäßigten Reform verfolgt hatte, in große Schwierigkeiten. Denn das Programm der Gemäßigten war nicht radikal genug und paßte daher nicht recht in den Rahmen der übrigen kemalistischen Umwälzungen. Aus dem Grunde ist es durchaus verständlich, daß Atatürk den Bestrebungen der radikalen Reformer keinerlei Zügel anlegte, ihnen vielmehr die Möglichkeit freier Entfaltung ließ und sie - jedenfalls bis zu einem bestimmtem Zeitpunkt - sogar aktiv förderte (vgl. Steuerwald 1963: 18). Nach der Veröffentlichung des "Tarama Dergisi" (Scharlipp 1963:22ff) wandte sich die TDK nach dem 2. Sprachkongreß im August 1934 an die Öffentlichkeit, um die besten Substitutionen zu ermitteln. Von März bis Mai 1935 wurden noch einmal Wortlisten in den Tageszeitungen publiziert. Die Ergebnisse lagen der Öffentlichkeit im Herbst desselben Jahres im "Osmanl_cadan Türkçeye Cep K_lavuzu" (Taschenwörterbuch bzw.-führer - Osmanisch/Türkisch) vor, nach dessen Erscheinen eine Welle der Enttäuschung einsetzte.

Zum einen mußte man erkennen, daß zahlreiche Wörter nicht ohne weiteres zu ersetzen waren und zum anderen ließ die Schaffensfreude türkischer Literaten eine Sprachanarchie entstehen, die der Kommunikation in keiner Weise dienlich war.

Für Atatürk (vgl. Steuerwald 1963:21), der aufgrund des radikalen Charakters anderer Reformen konsequent dem klar umrissenen Programm der Radikalen und ihrem von Zaudern unbelasteten Vorgehen an und für sich mehr Sympathien entgegenbringen mußte, war diese Situation ein Grund, sich deutlich von den Radikalreformern zu distanzieren. Die Rettung aus diesem Dilemma war die Sonnensprachtheorie10(vgl. Scharlipp 1978:21), nach der die türkische Sprache Ursprache aller Sprachen ist und somit alle Wörter von ihr ableitbar sind. Einen wissenschaftlichen Wert hatte diese Theorie, die auch von 1936 bis 1938 im Fachbereich Sprache/Geschichte und Geographie der Universität Ankara als Pflichtfach gelehrt wurde, für Atatürk sowie viele Fachleute (Steuerwald 1963:21) nicht; sondern sie war ein pragmatisch empfundenes Instrument, durch welches man eine legitime Basis im türkischen Wortschatz schuf u.a. für (a) die arabischen und persischen Wörter, deren Substitution schwierig war (b) die westlichen Wörter - besonders die internationalen Fachausdrücke -, die für das Türkische zu erwarten waren, um die durch die Substitution zahlreicher arabischer und persischer Wörter in der türkischen Lexik entstandene Lücke auszufüllen.

Der Tod Atatürks (November 1938) war das Ende des von ihm seit 1935 eingeschlagenen gemäßigten Weges, dessen er sich vor allem beim Lösen des noch bevorstehenden Problems wissenschaftlicher Terminologien bedient hätte (vgl. Korkmaz, 1992:324). Im Jahre 1941 (Steuerwald 1963:39-40) setzten die radikalen Reformbestrebungen erneut ein. Sie wurden eingeleitet durch den Aufruf des Staatspräsidenten Ismet Inönü, der wieder verstärkt für eine Returkisierung der Sprache eintrat. Die neue radikale Strömung zeigte sich besonders in der neuen Terminologie für Philosophie und Grammatik. Die stärkste Opposition fand man bei den Wissenschaftlern der Universität Istanbul, da diese sich strikt für eine internationale Terminologie einsetzten.

Der überraschende Sieg der Demokratischen Partei (Mai 1950) schuf (vgl. Steuerwald 1963:45-46) in der Sprachreform neue Voraussetzungen. Auf einem außerordentlichen Sprachkongreß (Februar 1951) wurden die Statuten der Türkischen Sprachgesellschaft und ihre Einkünfte durch Streichung der Staatssubvention fast auf die Hälfte reduziert. So verlor sie auch noch ihren offiziösen Status. Die zuerst angestrebte Umwandlung in einen wissenschaftlichen Verein, eine Art Sprachakademie, unterblieb zwar, da Atatürk die Türkische Sprachgesellschaft nicht als wissenschaftliche Institution, sondern als ein Gremium geplant hatte, dem Vertreter aller an der Sprache interessierten Volksschichten angehören sollten. Trotzdem wurde der stärkere wissenschaftliche Charakter der neuen Türkischen Sprachgesellschaft und ihre Herauslösung aus dem politischen Geschehen dadurch dokumentiert, daß linguistisch unzureichend qualifizierte Politiker aus der Gesellschaft ausschieden, während Lehrkräfte der verschiedensten Schularten wie auch Publizisten in erhöhter Zahl aufgenommen wurden. Die neue Richtung der Türkischen Sprachgesellschaft wurde im Laufe des Jahres 1951 ausgearbeitet. Man bekannte sich jetzt zu einer mittleren Linie der Sprachreform. Neuerungen sollten möglichst auf der lebenden Sprache basieren.Neologismen sollten leicht verständlich sein und das Sprachgefühl nicht verletzen. Die türkische Sprache sollte möglichst homogen werden und weder unter östlicher noch unter westlicher Vorherrschaft stehen.
Quelle (http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=959627820&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=959627820.pdf)

lynxxx
25.11.07, 01:34
Sprachen sind in erster Linie geschaffen, um sich von anderen abzugrenzen.


Es kann durchaus Regierungen, Kommissionen, Behörden, Monarchen, Diktatoren, Sultane, Kaiser, etc. geben, die Abgrenzungen versuchen, indem sie Einfluss auf die Sprache versuchen zu gewinnen. Es ist aber in der Geschichte immer ein Sisyphus-Kampf gewesen, weil Sprache eben grenzüberschreitend ist und sich nicht gefangen nehmen läßt.

Sprache wird letztlich von den Menschen gesprochen und ist immer Veränderungen ausgesetzt.

Dabei ist zu beobachten, dass meistens die Sprache der überlegeneren Kultur angenommen wird, oder der Kultur, die als die überlegenere angesehen wurde, wobei sie durchaus auch verachtet werden konnte. Dennoch war der Sog der Nachahmung des Menschen immer größer, als die Verachtung. Und bei Bewunderung der "höheren" Kultur ging es natürlich noch schneller.

Das war so bei den Türken, die in Persien einwanderten und zahlreiche persische Elemente aufnahmen, dann gleichzeitig das Arabische aufnahmen, später auch einige griechische Elemente, dann eine Kultur bildeten, die sich z.B. unter den Osmanen weiter entwickelte und ihrerseits eine Hochkultur formte, die andere Sprachen beeinflussten, z.B. die slawischen Sprachen des Balkans, oder wiederum das Griechische.
Später, ab dem 18. Jahrhundert verstärkt und in immer größerer Geschwindigkeit, wurde dann von den europäischen Sprachen Teile übernommen, vom franz., italienischen, engl., deutschen, usw. und dann in der Fachsprache des 19.-20. Jahrhunderts letztlich die weltweit gebräuchlichen lateinischen und griechischen Fachtermini übernommen. Daran konnte bislang noch jede Kommission, Sultan oder Behörde wenig ändern, selbst wenn sie versuchte, diese Ausdrücke durch Neuschöpfungen von Wörtern, oder durch Ableitungen von vermeintlich "reinen" türkischen Wörtern zu ersetzen. (Viel besser gelungen ist es ihr allerdings von den auch bei den einfachen Menschen als rückständig geltenden arab.-persischen Wörtern durch die atatürksche Sprachreform).

Und diese Entwicklung einer dynamischen Sprache, orientiert an einer (vermeintlich) höheren Kultur, lässt sich überall feststellen, so haben die mittelalterlichen europäischen Sprachen, besonders auch in Spanien, von dem Arabischen zur Zeit der arab. Hochblüte zahlreiche Wörter entlehnt, oder die Deutsche Sprache hat zur Zeit Napoleons zahlreiches Französisches entlehnt, oder heutzutage, wo das Englische (erst wegen dem British Empire, dann wegen der USA) in der ganzen Welt von den Menschen übernommen wird, oder die wissenschaftliche Fachsprache weltweit vom abendländischen Griechisch-Lateinischem geprägt wird.

Da kann auch die jetzige französische Behörde tun was sie will, um die Anglisierung aufzuhalten, der Sog des Englischen ist zu stark, um rückläufig gemacht zu werden. (Zumindest bei den (jungen) Menschen selber - in den Medien, Zeitungen, etc. mag es kurzfristige (durch Gesetze erzwungene) Erfolge geben. Und die jungen Menschen von heute, sind die prägende Generation in 20 Jahren...)

Kurz und gut, Sprachen sind durch den Menschen immer dynamisch und durchdringen sich im Laufe der Zeit, egal was die Obrigkeit auch verfügt.

was zum Weiterlesen:

Musa Yaşar Sağlam:

Ein geschichtlicher Überblick über das fremde Wortgut im Türkischen (http://www.edebiyatdergisi.hacettepe. edu.tr/2000172MusaYasarSaglam.pdf)

Eine lexikologische wortschatzuntersuchung des einsprachigen türkischen wörterbuches türkçe sözlük aus dem jahre 1945 (http://www.edebiyatdergisi.hacettepe. edu.tr/2003201MusaYasarSaglam.pdf)

( Das ist auch recht interessant, wenn auch veraltet:
Einiges über denprozess des sprachwechsels von Turkischen migrantenfamilien in der Bundesrepublik Deutschland (http://www.edebiyatdergisi.hacettepe. edu.tr/198852MusaYasarSaglam.pdf) )



Das selbe gilt übrigens auch für andere Kulturbereiche, z.B. die Musik, das Essen, die Kunst, die Mode, speziell die Militärmode, die sich auch meistens nach der überlegenen Kultur ausrichtete oder zumindest anreicherte. So hat z.B. selbst der Iran, der ja die USA als Erzfeind ansieht, westliche Uniformen übernommen, zu die sie keiner gezwungen hat, um nur ein Beispiel für den Sog der Kulturdrift zu bringen.



"Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische."
Mustafa Kemal Atatürk.

^^ weiser Mann... :)

LG lynxxx

EDIT:

Noch ein Tipp zu den Links von oben:
Man kann hier Artikel der Hacettepe Üniversitesi Edebiyat Dergisi herunterladen, in türkisch, englisch und deutsch, in vielen Fachgebieten, von Archäologie, Geschichte, Philosophie, Linguistik, usw...

Nach Themen geordnet:
http://www.edebiyatdergisi.hacettepe. edu.tr/konu.asp
Nach Jahrgang geordnet:
http://www.edebiyatdergisi.hacettepe. edu.tr/sayilar.asp
und so weiter, schaut selber:
http://www.edebiyatdergisi.hacettepe. edu.tr/

Zerd
25.11.07, 01:52
Das war so bei den Türken, die in Persien einwanderten und zahlreiche persische Elemente aufnahmen, dann gleichzeitig das Arabische aufnahmen, später auch einige griechische Elemente, dann eine Kultur bildeten, die sich z.B. unter den Osmanen weiter entwickelte und ihrerseits eine Hochkultur formte, die andere Sprachen beeinflussten, z.B. die slawischen Sprachen des Balkans, oder wiederum das Griechische.
Später, ab dem 18. Jahrhundert verstärkt und in immer größerer Geschwindigkeit, wurde dann von den europäischen Sprachen Teile übernommen, vom franz., italienischen, engl., deutschen, usw. und dann in der Fachsprache des 19.-20. Jahrhunderts letztlich die weltweit gebräuchlichen lateinischen und griechischen Fachtermini übernommen. Daran konnte bislang noch jede Kommission, Sultan oder Behörde wenig ändern, selbst wenn sie versuchte, diese Ausdrücke durch Neuschöpfungen von Wörtern, oder durch Ableitungen von vermeintlich "reinen" türkischen Wörtern zu ersetzen. (Viel besser gelungen ist es ihr allerdings von den auch bei den einfachen Menschen als rückständig geltenden arab.-persischen Wörtern durch die atatürksche Sprachreform).


lynxxx, ich habe mal gelesen (ich glaube, es war ein Buch von D. Ceyhun), dass im Osmanischen Reich der Türke und die Türkische Sprache ziemlich diskriminiert wurden. Im Gegensatz zur persisch-arabisch geprägten osmanischen Sprache, die im Palast gepflegt und kultiviert wurde, soll die Türkische Sprache als Sprache des einfachen Mannes von der Strasse verpönt gewesen und auf wissenschaftlichem und litarischem Gebiet fast ein Jahrtausend vernachlässigt worden sein, sodass bei der Sprachreform nach Republikgründung ein grosser Teil des heute gängigen türkischen Wortschatzes quasi neu erfunden werden musste. Würdest Du das bestätigen? Was habe ich davon zu halten?

lynxxx
28.11.07, 17:53
Es geht um die Verschandelung der türkischen Orthographie und Aussprache zugleich. ...

Dabei fällt mir ein Dokument, eine Chronologie, ein, welches ich letztens mal gelesen habe:


Chronologie wichtiger Ereignisse im Verlauf der türkischen Sprachreform
– Von den Anfängen bis 1983 – (http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/1833/pdf/Laut_Chronologie_wichtiger_Ere ignisse.pdf)


wirklich teilweise peinlich und kurios, wie da durchaus auch Laien stümperhaft und politisiert an der türkischen Sprache herumgepfuscht haben....

Zumindest bis die Einsicht ab 1948 einsetzte... danach hat man langsam erkannt, was man verbockt hatte...


bye, LG lynxxx

tseke
17.04.08, 22:55
Atahan, "balkan" besteht aus zwei wörtern, einmal "bal"=Honig, und "kan"=blut.
diese beidn wörter deuten darauf hin dasss es für die osmanen früher dort "schöne" und auch nicht so "schöne" sachen gab.
bal, oder honig, steht natürlich für die schönen dinge(neue gebiete, der daraus resultierende reichtum etc.) und kan=blut für z.B. die verluste die es dort an osm. Soldaten gab usw.

Mit freundlichen Grüssen

bosnakoglu
Ich will dir nicht nahe treten, aber für mich klingt das nicht sehr Plausibel. Ausserdem darf oder kann man mit dem heutigen türkisch nicht alte Namen deuten. Es gab eine Sprachreform, wie man weiss.
Beispiel Bulgarien. Bulg ist ein türkisches Wort, das „gemischt“ bedeutet. Heute sagen wir nur karisik.

Mit der heutigen Verwendung vom Wort "gemischt" im türkischen hätte man keine türkische Herkunft von Bulgar ableiten können.

Coyote
04.08.08, 19:00
Die türkische Sprachreform - Ein katastrophaler Erfolg

Vor einhundert Jahren war Türkisch eine Sprache mit einem gewaltigen Wortschatz – übertroffen vielleicht nur noch vom englischen. Mindestens zur Hälfte bestand dieser Wortschatz aus Lehnwörtern aus dem Arabischen und dem Persischen. Das osmanische Türkisch war eine kosmopolitische Hof- und Hochsprache.

Mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs kam auch für sie das Ende. Den ethnischen Säuberungen vor Gründung der Republik im Jahr 1923 folgte in der Republik die Sprachsäuberung. Das Türkische sollte vereinfacht werden. 1928 wurde die lateinische Schrift eingeführt, 1931 das Institut für Türkische Sprache und Geschichte eingerichtet. Es hatte die Aufgabe, arabische und persische Wörter durch türkische (oder erfundene, aber türkisch anmutende) zu ersetzen. Zeitungen und Verlage beschäftigten Übersetzer, die neue, aber weiter in osmanischem Türkisch abgefaßte Texte ins Neutürkische übertrugen.

Auch Mustafa Kemal Atatürk gebrauchte in seinen Texten weiter die ihm vertrauten arabischen und persischen Wörter; Lektoren ersetzten sie dann durch Neologismen des Sprachinstituts. Bei einem Empfang im Jahr 1934 konnte Atatürk eine von ihm geschriebene und anschließend ins Neutürkische übertragene Rede selbst nicht mehr verstehen. Von da an soll er der Sprachreform mißtraut haben.

Gleichwohl ging sie weiter. Heute sind Atatürks frühe, vor der Reform entstandenen Texte selbst Universitätsabsolventen nicht mehr verständlich. Schon Klassiker der türkischen Literatur aus den dreißiger Jahren müssen ins Neutürkische übertragen werden und sind, wenn die Übertragung sich nicht lohnt, überhaupt nicht mehr erhältlich. „Bis in die achtziger Jahre“, schreibt Günter Seufert in der Berliner Zeitung, „klammerte sich die muslimisch-konservative Mehrheit an das sprachliche Erbe der Osmanen […] Gegen die staatliche Schule hatten die alten Begriffe freilich keine Überlebenschance. Die Massenmedien taten – wie überall – das Ihre zur Verflachung der Sprache. Heute ist die Ausdrucksvielfalt des Türkischen dahin. Professoren beklagen, daß der aktive Wortschatz von Gymnasiasten bei dreihundert Wörtern liege“. Die türkische Sprachreform war, wie der englische Turkologe Geoffrey Lewis in einem sehr lesenswerten Vortrag meint, „a catastrophic success“ (große pdf-Datei, englisch).

Quelle: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=95


Sprachbereinigung in Türkisch - ein großer Misserfolg

Das TDK (Türk Dil Kurumu, Türkisches Sprachinstitut), was von Atatürk mitgegründet wurde, setzt sich seit der Republiksgründung dafür ein, Lehnwörter, die sich seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in Türkisch eingebürgert haben, zu bereinigen. Mit großer Hoffnung hat man Wörter, die im Alltagsleben der Türken nicht wegzudenken waren, durch Vokabeln aus den zentralasiatischen Türksprachen ersetzt, um eine reine türkische Sprache zu erzeugen. Doch die Illusion der reinen türkischen Sprache ist heute geplatzt geworden, Etymologen haben bei vielen vermeintlichen türkischen Wörtern bewiesen, dass auch sie fremden Ursprungs sind.

So hat man vor einigen Jahrzehnten neben dem persischen "şehir" (Stadt) aus Zentralasien das "kent" importiert. Dabei hat man nicht gewusst, dass auch dies ein iranisches Lehnwort darstellt:

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...DE&Kelime=kent

Selbst in der früheren Zeit haben die iranischen Völker wie Sogdier, die in Zentralasien beheimatet waren, die Türken erheblich beeinflusst. In nächster Zeit wird man sicher auf weitere interessante etymologische Funde stoßen.

Für das arabische "aff+etemek" (vergeben) hat man gedacht, dass das bağış aus Aserbaidschanisch eine Lösung sein könnte. Doch denkste, auch diesmal handelt es sich um ein iranisches Lehnwort:

http://www.nisanyansozluk.com/search...ba%F0%FD%FEla-

Bei dem arabischstämmigen Wort ecnebi was Fremder bedeutet, hat man versucht, yabancı in der Medienlandschaft durchzusetzen. Was entdecken wir? Es entpumpt sich als ein Pidgin-Wort, was aus dem iranischen yaban und dem türkischen ci besteht:

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...E&Kelime=yaban

Statt dem arabischen "hedef" (Ziel) hat man vermehrt "amaç" bevorzugt. Aber auch das ist leider iranisch:

http://www.nisanyansozluk.com/search...ama%E7&x=0&y=0

Es wurde vermieden das arabisches mecbur (notwendig, zwangsläufig) zu benutzen, zorunlu, wieder ein Pidgin-Wort, wurde verbreitet. Auch das ist iranisch:

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...CDE&Kelime=zor

Arabisches müsamaha, was für Toleranz steht, wurde durch eine Neukreation hoşgörü ersetzt. Dabei ist das hoş wieder iranischen Ursprungs:

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...elime=ho%c5%9f

Das arabische Wort rutubet, was die Bedeutung Feuchtigkeit besitzt, wurde durch das iranische nem ersetzt:

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...CDE&Kelime=nem

Arabisches seyyare (Wagen, Auto) wurde durch das ebenfalls arabische araba ersetzt:

http://www.nisanyansozluk.com/search...=araba&x=0&y=0

Türkische Nihal Atsiz Rassisten haben sich auch eine Sprache, die sie von dem Rest der Bevölkerung abheben soll und sie türkischer erscheinen lassen soll, angeeignet. Sie benutzen sogenannte "Öztürkce-"-Wörter, die in Wirklichkeit - Pech für sie - iranisch sind.

Beispiele:

şad (fröhlich):

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...elime=%c5%9fad

Und zu guterletzt esen (bequem) statt arabisch rahat, esenlikler ("hallo", Neologie) statt arabischem merhaba und selam:

http://www.nisanyansozluk.com/search.asp?w=esen&x=0&y=0

Weitere interessante Lehnwörter aus Iranisch, die den meisten noch unbekannt sind:

kâğıt (Papier):
http://www.nisanyansozluk.com/search...F0%FDt&x=0&y=0
http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...2%c4%9f%c4%b1t

akşam (Abend):

http://www.nisanyansozluk.com/search...k%FEam&x=0&y=0

köy (Dorf):

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...elime=k%c3%b6y

ateş (Feuer):

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...lime=ate%c5%9f

rüzgar (Wind):

http://www.tdk.org.tr/TR/SozBul.aspx...lime=ate%c5%9f

kadın (Frau):

http://nisanyansozluk.com/search.asp?w=kad%FDn&x=0&y=0

hatun (Frau):

http://nisanyansozluk.com/search.asp?w=hatun&x=0&y=0

Wir sehen, dass das TDK bei einem Großteil der Sachen im Prinzip arabisch durch iranisch ersetzt hat. Eine wirkliche Sprachbereinigung gab es nur selten und selbst in diesen Fällen, hat das für Türkische Nachteile gebracht und die Reichtum der Sprache vermindert. Türkisch wurde durch neue iranische Wörter umgeformt. Die Nationalisten müssen sich wohl auch in nächster Zeit damit abfinden, dass Türkisch weiter eine große Mischsprache (was nichts schlimmes bedeuten muss) bleiben wird.

Quelle: http://forum.politik.de/forum/showthread.php?t=204048