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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Philosophie des islamischen Kulturraums



Der Schakal
10.01.09, 13:10
Nach dem wir in dem Bereich der Kurzmitteilungen über Ibn Ruschd (Averroes) und Ghazaly schrieben ist TomBac abi auf die idee gekommen diesem ein Thread zu widmen.

Welches Buch hattest du gelesen TomBac abi?

Steppenwolf
10.01.09, 13:12
Ein sehr interessantes Thema!

TomBac
10.01.09, 13:15
Hier einige Literaturangaben zur Averroes (Ibn Rushd):


Raif Georges Khoury: Averroes (1126–1198) oder der Triumph des Rationalismus. Winter, Heidelberg 2002.
Philosophie und Theologie Averroes. - Weinheim : VCH, Acta Humaniora, 1991
Heidrun Eichner (Hrsg): Averroes. Mittlerer Kommentar zu Aristoteles De generatione et corruptione. Schöningh, Paderborn 2005

TomBac
10.01.09, 13:18
Welches Buch hattest du gelesen TomBac abi?

Mein Einstieg erfolgte über "Philosophie und Theologie Averroes"; gestern habe ich versucht (!), seine Aristoteles-Kommentare zu verstehen. Zum Glück haben die in der UB meines Vertrauens einige Kommentare vorrätig.

Der Schakal
10.01.09, 13:23
Hier einige Literaturangaben zur Averroes (Ibn Rushd):


Raif Georges Khoury: Averroes (1126–1198) oder der Triumph des Rationalismus. Winter, Heidelberg 2002.
Philosophie und Theologie Averroes. - Weinheim : VCH, Acta Humaniora, 1991
Heidrun Eichner (Hrsg): Averroes. Mittlerer Kommentar zu Aristoteles De generatione et corruptione. Schöningh, Paderborn 2005


Akıl - Nakil Çatışması,
İbn Teymiyye
TEVHİD YAYINLARI

İmam İbni Teymiyye bu eserinde sarih nakil ile sarih aklın çatışmayacağını, aklın şeriatı anlamada büyük bir yerinin olduğunu fakat Ali'nin (r.a.) dediği gibi "Din, akıl ve re'y ile olsaydı mestlerin üstünü değil altını meshederdik" asıl olanın sahih nakil olduğunu, Rasulullah'ın (s.a.v.) açıklamalarının tüm insanların açıklamalarından üstün olduğunu, insanların Usuli'd-din hakkında söylediği pekçok sözün Rasulullah'ın getirdiği şeylere muhalif olduğunu, Usuli'd-Din'in bütün meselelerinin Kur'an'da ve sünnet'te tam olarak açıklandığını, akli tezlerin farklılığının zihinlerin farklılığından kaynaklandığını, akıl ile naklin çatışması halinde sahih olan naklin alınması gerektiği delilleriyle açıklanmaktadır, ayrıca Mutezile, Cehmiyye, Felsefeci ve Kelamcıların görüşlerinin batıllığı da ispatlanmaktadır.

Filozofların Tutarsızlığı,
İmam Gazali
AHSEN YAYINLARI

Gazali bu kitabında filozofların başlıca şu konulardaki görüşlerini ele almaktadır: Meselelerin fihristi, filozofların alemin kadim olduğu hakkındaki delilleri, alemin yapıcısının bulunduğunu ispatlamaktan aciz olduklarını açıklamak, filozofların Allah'ın birliğine ve illeti olmayan vücudu vacip iki zatın farzedilmesinin caiz olmadığına delil getirmekten aciz olduklarını açıklamak, ilk varlığın cisim olmadığını ispatlamaktan aciz olduklarını göstermek, tabiiyyat, insan ruhlarının var olduktan sonra yok olmalarının imkansız olup ebedi oldukları hakkındaki iddialarının doğru olmadığını


Gibt es eine deutsche Übersetzung von "Tahafut al-falasifa(Widerlegung der Philosophen)" ?


Außerdem geht Ghazaly in seinem Buch ...

Der Erretter aus dem Irrtum: al-Munqid min ad-dalal (Broschiert)
von Abu Hamid Al-Ghazali
# Broschiert: 211 Seiten
# Verlag: Meiner (1987)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3787306811
# ISBN-13: 978-3787306817

... darauf ein.

TomBac
10.01.09, 13:30
Ich habe nur Sekundärliteratur gefunden:

Al-Ghazālī und seine Widerlegung der griechischen Philosophie (Tahāfut al-Falasitah), Abū-Rīda, Muḥammad ʻAbd-al-Hādī, Madrid, 1952.

TomBac
10.01.09, 13:38
Hier (http://www.muslimphilosophy.com/ir/) eine interessante Seite zu Averroes mit vielen Links und viel Literatur, so z.B. zu Averroes on the Metaphysics of Aristotle.

Der Schakal
10.01.09, 13:40
Ich habe nur eine Sekundärliteratur gefunden:

Al-Ghazālī und seine Widerlegung der griechischen Philosophie (Tahāfut al-Falasitah), Abū-Rīda, Muḥammad ʻAbd-al-Hādī, Madrid, 1952.

Sehr Gut! Gibt es bei uns im AAI-Institut.

yeaaahhhh ...

lynxxx
10.01.09, 16:46
Für den Einstieg ins Thema:

Wolfgang Günter Lerch: Denker des Propheten. Die Philosophie des Islam. Patmos Verlag, Düsseldorf 2000.

Ulrich Rudolph: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 2004.

Im letzteren gibt es folgende Passagen zur "osmanischen" Philosophie:

"Im Osmanischen Reich lässt sich das Aufkommen der Philosophie
ab dem 15. Jahrhundert genauer verfolgen. In dieser Zeit
kam es zu einem enormen Ausbau des Unterrichtswesens (mit
den Zentren Edirne, Bursa und nach 1453 Konstantinopel), der
vor allem von Mehmed II. vorangetrieben wurde. Er hatte zur
Folge, dass sich die Lehrbücher, die wir inzwischen kennen,
auch an den osmanischen Hochschulen verbreiteten. Abharîs
Einführung in die Logik fand also neue Leser; seine Anleitung
durch die Philosophie und Urmawis Erscheinungsorte der Lichter
wurden jetzt auch in Konstantinopel kommentiert.
Daneben entwickelte sich eine eigenständige philosophische
Debatte. Sie kreiste um die Frage, wer in der berühmten Auseinandersetzung
zwischen Ghazâlî und Avicenna (d. h. konkret bei
den zwanzig Fragen, die Ghazâlî in Die Inkohärenz der Philosophen
behandelt hatte; vgl. dazu oben S. 59) im Recht gewesen
sei. Diese Frage galt als brisant. Sie interessierte sogar Mehmed
II. Deswegen setzte er für denjenigen, der die überzeugendste
Antwort formulieren sollte, ein Preisgeld aus. Die Prämie erhielt
schließlich ein Gelehrter namens Khodjazâde (gest. 1488). Sein
Text (der ebenfalls unter dem Titel Die Inkohärenz der Philosophen
erhalten ist) überzeugte die Juroren mehr als ein Beitrag,
den ‛Alâ’addîn at-Tûsî (gest. 1482) eingereicht hatte (Der
Schatz). Damit war die Debatte aber noch nicht beendet. Denn
einige Jahrzehnte später griff Kamälpaschazäde (gest. 1533) zur
Feder und verfasste Glossen, in denen er seine Ansichten zu
Ghazâlîs Inkohärenz und zu den Ausführungen seiner Vorgänger
festhielt."

"Im arabischen Sprachraum (der lange Zeit mehrheitlich zum
Osmanischen Reich gehörte) lässt sich keine vergleichbare Entwicklung beobachten. Hier wurde die Schule von Isfahan kaum
wahrgenommen und auch keine eigene philosophische Bewegung,
die eine ähnliche Ausstrahlung besessen hätte, ausgelöst.
Wenn sich Gelehrte des 18. oder des 19. Jahrhunderts überhaupt
für Philosophie interessierten, geschah das in der Regel im
Rahmen des theologischen Unterrichts, bei der Lektüre von altvertrauten
Kompendien. Ein Beispiel dafür ist der Ägypter
Ibrâhîm al-Bâdjûrî (gest. 1860)."

Ein erwähnenswerter Philosoph ist noch Tâschköprüzâde / Tâşköprüzâde (16. Jahrhundert, Osmanisches Reich)

Hier noch einige Seiten, auch das osm. Reich betreffend:
(STRG + F gleichzeitig drücken und "Ottoman" eingeben, zum schnellen Finden)

Suhrawardi (Stanford Encyclopedia of Philosophy) (http://plato.stanford.edu/entries/suhrawardi/)

Ontological Argument Revisited by Two Ottoman Muslim Scholars (http://www.wakeup.org/anadolu/08/2/ontological.html)

Insgesamt kann sich aber die Philosophie während der osmanischen Herrschaft nicht mit den glänzenden Phasen Jahrhunderte zuvor vergleichen.

Ich komme darauf noch zu sprechen. Übrigens ist das Werk von Ghazali besser mit "[I]Die Inkohärenz der Philosophen" zu übersetzen, statt mit "Die Widerlegung der Philosophen", denn es ging ihm nicht um Widerlegung der gesamten Philosophie, im Gegenteil, viele Teile der Philosophie empfielt er sogar seinen theologischen Zeitgenossen, es ging ihm alleine um Gegenargumente gegen die Physik (4) und Metaphysik (16), also nur diesen Teilbereichen der Philosphie.

Gerade bei der Philosophie sollte man versuchen sprachlich möglichst sauber zu arbeiten.

lynxxx
10.01.09, 17:31
Zu Al Ghazali und eine weitere Leseprobe aus obigen Buch, siehe hier die Posts in diesem Thread:

http://www.politikcity.de/forum/showthread.php?p=566769#post56 6769

TomBac
10.01.09, 18:16
Übrigens ist das Werk von Ghazali besser mit "Die Inkohärenz der Philosophen" zu übersetzen, statt mit "Die Widerlegung der Philosophen", denn es ging ihm nicht um Widerlegung der gesamten Philosophie, im Gegenteil, viele Teile der Philosophie empfielt er sogar seinen theologischen Zeitgenossen, es ging ihm alleine um Gegenargumente gegen die Physik (4) und Metaphysik (16), also nur diesen Teilbereichen der Philosphie.

Gerade bei der Philosophie sollte man versuchen sprachlich möglichst sauber zu arbeiten.

Richtig.
So wie ich das verstanden habe, kritisierte Ghazali insbesondere den islamischen Aristotelismus. Sein Ausgangspunkt ist wohl die 'Kritik der reinen Vernunft', wobei sich hier eine deutliche Parallele zu Kants "Kritik der reinen Vernunft" erkennen läßt. Aufgrund des "Scheiterns der Rationalität" kommt es bei ihm wohl zu einer Hinwendung zur Mystik (?). In diesem Zusammenhang kann ich "Kant and Ghazali. The Idea of Universality of Ethical Norms." empfehlen. Ich habe es noch nicht durchgelesen, arbeite mich aber Schritt-für-Schritt durch.

theinsider
10.01.09, 18:18
ich bin bei dem thema völlig unbeleckt und kann deshalb jeden schlag in den nacken mehr als bergrüssen, aber ist der threadtitel nicht falsch gewählt?

es gibt doch bestimmt philosophen aus dem islamischen kulturkreis, die völlig "barrierefrei" an ihr gebiet herangehen, sprich ohne bezug zum islam zu knüpfen.
oder beschäftigen sich diese frauen/herren nur damit philosohie früherer jahrgänge zu widerlegen, bzw. in ein islamkonformes kostüm zu pressen.

ich würde jetzt, aufgrund meiner unbedarften art, behaupten philosophie und glauben (islam) geht nicht.....

TomBac
10.01.09, 18:35
ich bin bei dem thema völlig unbeleckt und kann deshalb jeden schlag in den nacken mehr als bergrüssen, aber ist der threadtitel nicht falsch gewählt?

es gibt doch bestimmt philosophen aus dem islamischen kulturkreis, die völlig "barrierefrei" an ihr gebiet herangehen, sprich ohne bezug zum islam zu knüpfen.
oder beschäftigen sich diese frauen/herren nur damit philosohie früherer jahrgänge zu widerlegen, bzw. in ein islamkonformes kostüm zu pressen.

ich würde jetzt, aufgrund meiner unbedarften art, behaupten philosophie und glauben (islam) geht nicht.....

Der Begriff "Philosophie des islamischen Kulturraums" ist wohl ein gängiger Begriff, zumindest bin ich sehr oft auf den Begriff im Kontext von Ghazali, Averroes und Avicenna gestoßen.
Diese Philosphie befindet sich u.a. (!) an der Schnittstelle zwischen griechischer Philosophie (Aristoteles, Platon) und islamischen Theologie. Außerdem stammen die Autoren eindeutig aus dem islamischen Kulturkreis.
Insofern ist es nicht falsch, von "Philosophie des islamischen Kulturraums" zu sprechen.

Die Frage, ob Philosophie und Religion "zusammen gehen", ist ein langes und diffiziles Thema. Allerdings ist hier der Begriff "Philosophie" - so wie von LYNXX richtig vorgeschlagen - zu präzisieren. Beispielsweise habe ich gerade jetzt einen Artikel von Averroes vor mir, wo er in seiner "entscheidenden Abhandlung" auf die Harmonie zwischen Religion und Philosophie eingeht. Dies macht er mit einer beeidruckenden logischen Stringenz.

lynxxx
10.01.09, 20:39
theinsider: Hier ist der Threadtitel sogar noch schlauer, bzw. noch differenzierter gewählt, indem von Kulturraum gesprochen wird, statt von "Islamischer Philosophie", was auch ein gängiger Begriff ist. Mit "Islam" wird hier ebenfalls nicht die Religion gemeint, sondern der Kulturraum, indem auch Philosophen jüdischen Glaubens, und christlichen Glaubens wirkten, z.B. "Mauren", aber in der Islamischen Philosophie ihre Heimat fanden.

Übrigens gilt die These überholt, dass nach der Eroberung Spaniens, und nach Al Ghazali, es keine islam. Philosophie mehr gab oder kaum noch gab.

TomBac
10.01.09, 20:54
Übrigens gilt die These überholt, dass nach der Eroberung Spaniens, und nach Al Ghazali, es keine islam. Philosophie mehr gab oder kaum noch gab.

Erst heute habe ich gelesen, dass Averroes als letzter in der Liste nach Al-Farabi, Ibn Sina und al-Ghazali für 'die islamische Philosophie' das Schluss-Bouquet eines intellektuellen Feuerwerks gewesen ist (so oder ähnlich).

Große Wissenslücke meinerseits: lynxxx, wer kam "danach", der so viel Echo ausgelöst hat?

theinsider
10.01.09, 20:58
Beispielsweise habe ich gerade jetzt einen Artikel von Averroes vor mir, wo er in seiner "entscheidenden Abhandlung" auf die Harmonie zwischen Religion und Philosophie eingeht. Dies macht er mit einer beeidruckenden logischen Stringenz.

wo kann ich da auf die schnelle einlesen?

TomBac
10.01.09, 21:01
wo kann ich da auf die schnelle einlesen?

"Leider" habe ich diesen Aufsatz nur als Hardcopy und nicht in virtueller Form. Daher wird es - zumindest soweit ich darauf Einfluß nehmen kann - schwierig, dich kurzfristig mit "Futter" zu versorgen.

theinsider
10.01.09, 21:04
"Leider" habe ich diesen Aufsatz nur als Hardcopy und nicht in virtueller Form. Daher wird es - zumindest soweit ich darauf Einfluß nehmen kann - schwierig, dich kurzfristig mit "Futter" zu versorgen.

titel vielleicht?.....

TomBac
10.01.09, 21:08
titel vielleicht?.....

Philosophie und Theologie von Averroes, VCH, Weinheim 1991, S. 1 ff.

Der Schakal
10.01.09, 21:09
@TomBac


Große Wissenslücke meinerseits: lynxxx, wen kam "danach", der so viel Echo ausgelöst hat?

Ibn Taymiyya kommt zum Beispiel danach ...

Was den lynxxx wohl sehr freuen wird ...

Hier hat sich mal eine Orientalistin (Anke von Kügelgen) zum Thema "Ibn Taymiyyas Kritik an der aristotelischen Logik und sein Gegenentwurf" (S. 167) herangetraut.

Unter dem Link sind noch andere Artikel zu finden ...

http://books.google.de/books?id=mLPHW3xdwFwC&pg=PA173&lpg=PA173&dq=ibn+taymiyya+logik&source=web&ots=5rc4mPFEY2&sig=VJfIzJrt9JDQ0nt3RHpFvnp2PI c&hl=de&sa=X&oi=book_result&resnum=1&ct=result#PPA167,M1


Weiss jemand wie man den Artikel herauskopieren kann?

Außerdem kann sich das auch an lynxxx bezüglich seiner diffamierungen ala "Mythos Salafi" richten ... Ibn Taymiyya wird viel unrecht getan wie wie das schon beobachten konnten ... naja ...

TomBac
10.01.09, 21:22
Ibn Taymiyya kommt zum Beispiel danach ...


Danke, Schakal, aber ich formuliere meine Frage noch einmal anders: Sicherlich gab es zeitlich "nach" den oben aufgeführten großen Denkern auch weitere große Denker im islamischen Kulturkreis. Allerdings - so ist mein erster Eindruck auch nach der Lektüre von lynxxs Beitrag (http://www.politikcity.de/forum/showpost.php?p=581566&postcount=9) - ist der Wirkungskreis dieser Denker auf den islamischen Kulturkreis "beschränkt" geblieben. Diese Aussage sollte deskriptiv und nicht wertend interpretiert werden. Oder habe ich hier einen falschen Eindruck gewonnen?

theinsider
10.01.09, 21:29
"Leider" habe ich diesen Aufsatz nur als Hardcopy und nicht in virtueller Form. Daher wird es - zumindest soweit ich darauf Einfluß nehmen kann - schwierig, dich kurzfristig mit "Futter" zu versorgen.

zumindestens eine ältere englische übersetzung....

http://oll.libertyfund.org/index.php?option=com_staticxt&staticfile=show.php%3Ftitle=77&Itemid=27

lynxxx
10.01.09, 22:00
...Große Wissenslücke meinerseits: lynxxx, wer kam "danach", der so viel Echo ausgelöst hat?

Ich habe nicht die Post zwischen deinem und den anderen gelesen, sondern möchte dir vorab schon einmal antworten mit einem Ausschnit, wieder aus obigem Lit. Tipp von U. Rudolph:

aus dem Vorwort:
"
Denn schließlich
waren sie [die Muslime] es, die das antike Erbe durch die griechisch-arabischen
Übersetzungen (ab dem 8.Jh.) bewahrt hatten und später an
das lateinische Mittelalter weitergaben (vor allem im 13.Jh.).
Diese Perspektive bestimmte das Forschungsinteresse bis in
die Mitte des 20. Jahrhunderts. Es konzentrierte sich folglich
auf den Zeitraum (9.-12.Jh.) und auf die muslimischen Denker
8 Vorwort
(Kindî, Fârâbî, Avicenna und Averroes), von denen man sich
Aufschlüsse über das europäische Mittelalter versprach. Was
danach in der islamischen Welt geschah, war – so gesehen –
irrelevant. Also fand es auch kein wissenschaftliches Interesse.
Viele Forscher vertraten sogar die Ansicht, dass es vom 13. Jahrhundert
an (wegen der Rückeroberung Spaniens durch die
Christen und/oder wegen der kritischen Äußerungen Ghazâlîs)
gar keine Philosophie mehr im islamischen Kulturkreis gegeben
habe.
Diese Auffassung wurde seit der Mitte des 20. Jahrhunderts
zunehmend erschüttert. Federführend war dabei Henry Corbin,
der eine völlige Umwertung der Geschichte der islamischen Philosophie
vornahm. Sie betraf vor allem die Zeit nach 1200. In
ihr sah er keineswegs die Zeichen eines Niedergangs oder eines
Endes. Im Gegenteil: Für ihn war dies die Epoche, in der sich die
islamischen Autoren endlich auf ihre eigentliche Bestimmung
besannen. Jetzt hätten sie sich nämlich von den Fesseln eines
griechisch geprägten Denkens befreit und andere, ihren Zielen
angemessenere Konzepte aufgenommen. Damit meinte Corbin,
dass sich die Philosophie zu einer Weisheitslehre entwickelt
habe, in die Elemente aus der Mystik, dem schiitischen Gedankengut
und einer spezifisch orientalischen Theosophie eingegangen
seien. Der Schauplatz dafür war nach seiner Ansicht
Iran, das ohnehin auf eine alte spekulative Tradition (die er
als prägende Kraft im Hintergrund des schiitischen Denkens
vermutete) zurückblicken konnte. Deswegen habe sich hier eine
spirituelle Geistigkeit herausbilden können, die als die wirkliche
«islamische» Philosophie zu betrachten sei.
Corbins Thesen hatten zur Folge, dass zahlreiche scheinbare
Gewissheiten hinterfragt wurden. Vor allem wiesen sie der Forschung
einen Weg, sich von der herkömmlichen Fixierung auf
die europäische Geistesgeschichte zu befreien. Der Preis für
diese Horizonterweiterung war jedoch hoch. Denn Corbins Ansatz
eröffnete nicht nur neue Perspektiven; er trug auch dazu
bei, den Blick zu verengen. Seine Vision einer spezifisch «islamischen
» Philosophie und Weisheitslehre ersetzte nämlich die alte,
eurozentrierte Sichtweise durch einen anderen, orientalisierenVorwort
9
den Geschichtsmythos und nahm außerdem noch die Preisgabe
eines eindeutigen Begriffs von Philosophie in Kauf.

Die jüngere Forschung geht deswegen erneut andere Wege.
Sie postuliert zwar ebenfalls, dass es nach 1200 eine Philosophie
in der islamischen Welt gegeben habe, meint aber nicht, dass sie
als Bruch mit den früheren Denkern zu verstehen sei. Vieles
spricht vielmehr dafür, dass sich gerade damals anhaltende
Lehrtraditionen, die sich auf ältere Autoren beriefen, herausbildeten.
Sie verstanden die Philosophie nach wie vor als eine
rationale Wissenschaft, die um die Frage nach den allgemeinen
Zusammenhängen des Denkens und des Seins kreist. Für das
13. Jahrhundert ist das bezeugt. Doch auch für die Zeit danach
scheint man eine solche Entwicklung voraussetzen zu können.
Sie dauerte offenkundig über die Jahrhunderte fort und reicht in
bestimmten Regionen der islamischen Welt bis in die Gegenwart.
Wie diese Entwicklung im Einzelnen verlief, ist allerdings bislang
nicht untersucht. Hier steht die Forschung immer noch vor
großen Aufgaben. Sie können nur mit gemeinsamen Anstrengungen
gelöst werden. Das geschieht derzeit beispielsweise in einem
Projekt, das im Zusammenhang mit der Neubearbeitung des
Grundriss der Geschichte der Philosophie von Friedrich Ueberweg
geplant ist. Dort sind drei Bände über die Philosophie in der
islamischen Welt vorgesehen. In ihnen sollen alle Epochen, Regionen
und Traditionen (einschließlich der jüdischen und der
christlichen Autoren, die in der islamischen Welt gewirkt haben)
zur Sprache kommen. Auf diese Weise soll das Material bereitgestellt
werden, auf dem die künftige Forschung aufbauen kann.
"

@Insider: Ich werde nachher mal schauen. ob ich hier eine Zusammenfassung über die islam. Philosophie copy-pasten werde, die nicht sooo ausführlich ist, und auch nicht sooo kompliziert ist. Mal sehen, was meine Lit. so hergibt.

bis denne.

lynxxx
10.01.09, 22:06
theinsider: Als Apetizer zu meinem obigen letzten Satz.

Zur Einführung ins Thema, ohne dass ich es nun genau gelesen habe (ist wohl ein wenig komplizierter ausgedrückt? Braucht Vorkenntnisse?), aus dem Standardwerk Lexikon des Mittelalters. 2000.

(Beim Scannen gingen die diakritischen Zeichen flöten, sind nach der DMG)

v. Ullrich Rudolph der Artikel:

"
Arabische Philosophie:

[1] Allgemeine Charakterisierung: Als arab. Ph. bezeichnet man die Tradition rationaler Seinserklärung, die seit dem 9.*Jh. im islam. Kulturkreis gepflegt worden ist. Ihr Ursprung lag in der Begegnung mit dem griech. Denken. Ihr Ziel war es, eine umfassende philos. Deutung des Diesseits und Jenseits vorzulegen, die mit den Prinzipien der islam. Religion vereinbart werden konnte. Aufgrund dieses universalen Anspruches jedoch und infolge ihrer Verwurzelung in einer als fremd empfundenen Tradition wurde die arab. Ph. nicht in den Kanon der eigtl. islam. Wissenschaften aufgenommen. Sie begleitete, wie schon in der Spätantike, als weltanschaul. Orientierung die Naturwissenschaften, v. a. die Medizin. Aber sie blieb getrennt von den Disziplinen, in denen die religiös inspirierte Metaphysik zum Ausdruck kam (Theologie, Mystik). Erst ab dem 12.*Jh. fand philos. Lehrgut auch hier Eingang, allerdings nur in ausgewählter Form und um den Preis seiner Einordnung in ein bereits festgelegtes gedankl. System.

[2] Etappen der Entwicklung: Die Grundlegung der arab. Ph. erfolgte durch die umfangreiche Übersetzungstätigkeit des 9. und 10.*Jh., in deren Verlauf zahlreiche griech. Werke (oft über die Vermittlung des Syrischen) auf Arabisch zugängl. gemacht worden sind. Im Zentrum des Interesses stand dabei das Corpus Aristotelicum, das nahezu vollständig mitsamt den Komm.en des Peripatos (Alexander v. Aphrodisias, Themistios) und der spätantiken Schulen (v. a. Alexandrias) übertragen worden ist. Platons Schrr. wurden ebenfalls z. T. bekannt, blieben aber mit Ausnahme der polit. Dialoge (Politeia, Nomoi) ohne tiefere Wirkung.
Einflußreich waren dagegen die neuplaton. Autoren, insbes. Plotin und Proklos. Ihre Werke sind im Arab. jedoch nicht in ihrer ursprgl. Form überliefert, sondern in theistisch und kreation. umgedeuteten Paraphrasen (Theologia Aristotelis, Liber de Causis u. a.), die zumeist Aristoteles zugeschrieben wurden. Daß damit Divergenzen im Bild des Stagiriten auftraten, führte bei den Muslimen kaum zu Irritationen, da man die Ph. als universale Weisheit betrachtete und speziell im Falle Platons und Aristoteles' (im Gefolge spätantiker Tradition) von einer prinzipiellen Übereinstimmung ausging.
Der erste islam. Philosoph, al-Kindi (gest. gegen 870), gehört noch in die Frühzeit der Übersetzungsperiode und ist in seinem Denken von der Heterogenität der neuen Eindrücke geprägt. Er verbindet platon. Seelenlehre und Ethik mit elementarer aristotel. Logik und Intellekttheorie (Unterscheidung zw. intellectus in potentia, adeptus, demonstrativus und agens). V. a. aber möchte al-Kindi die philos. Lehren nur als Ergänzung zur geoffenbarten Religion sehen und hält daher in wesentl. Punkten gegen die griech. Tradition an islam. Vorstellungen fest (creatio ex nihilo; Auferstehung des Leibes; Gottes Kenntnis der Partikularia).
Al-Farabi (gest. 950) dagegen, dem die antike Überlieferung bereits in ihrer ganzen Breite vorliegt, versteht die Ph. als systemat. Grundlage aller Wissenschaften (auch der religiösen). Die demonstrative Logik (nach Aristoteles) sichert nach seiner Überzeugung dem philos. Gebildeten einen allgemeingültigen Zugang zur Wahrheit. Alle anderen Menschen bedürfen der Offenbarung, die ihnen dieselbe Wahrheit in bildhafter und symbol. Form (und damit partikular) nahebringt. Verwirklicht wird das wahrheitsgemäße Leben im vollkommenen Staat, den al-Farabi in seinem Hauptwerk (»Die Ansichten der Bürger des vortreffl. Staates«) nach platon. Vorbild konzipiert: Seine Gründung soll auf einen Philosophen-Propheten zurückgehen, seine Führung, wenn möglich, einem Philosophen-Kg. obliegen; sein Gesetz achtet die Vorschriften der Religion, damit jedem Bürger die Anleitung zum rechten Leben garantiert ist.
Die Hinordnung der allegor. gedeuteten Offenbarung auf eine universale, rational demonstrable Wahrheit bleibt fortan ein Grundzug der arab. Ph. Die Priorität des Politischen dagegen wird schon von Ibn Sina (Avicenna; gest. 1037) wieder aufgegeben, der die Ph. im islam. Kontext neu formuliert und in klass. Werken zusammenfaßt (v. a. das »Buch der Heilung«), deren Systematik, Klarheit und sprachl. Anmut seiner Lehre bleibende Wirkung sichern. Von Bedeutung ist Ibn Sinas Ontologie, die das Sein nach den Kategorien der Notwendigkeit und Möglichkeit analysiert und bei den Dingen zw. dem reinen Begriff (essentia), der Existenz in unserer Vorstellung und der konkreten Existenz unterscheidet. Noch einflußreicher dürfte jedoch seine neuplaton. angeregte Psychologie gewesen sein, die dem Individuum Ort und Bestimmung im Universum zuweist. Sie gründet auf einer ausgefeilten Theorie der Erkenntnis (Intellektlehre; Betonung der Intuition) und gipfelt in faszinierenden Beschreibungen über den Abstieg des göttl. Intellekts und den Aufstieg der geläuterten rationalen Seele, der allein Unsterblichkeit verheißen wird.

Ibn Sinas inspirierte Darstellung zentraler metaphys. Themen konnte nicht ohne Reaktionen bleiben. Deren heftigste äußerte der Theologe und Mystiker al-Gazzali (gest. 1111), der die Ph. mit scharfsinnigen skept. Argumenten angreift. Er bezweifelt nicht generell die Möglichkeit rationaler Beweisführung (sondern setzt sich sogar für die Anwendung aristotel. Logik in der islam. Theol. ein). Aber er bestreitet in seinem Werk »Die Inkohärenz der Philosophen«, daß Ibn Sina und dessen Vorgängern tatsächl. ein Beweis ihrer weitreichenden Thesen gelungen sei. Das ganze philos. Lehrgebäude beruhe vielmehr auf Scheinargumenten und inneren Widersprüchen. Außerdem führe es zu häret. Vorstellungen (z. B. der Lehre vom notwendigen Kausalzusammenhang, die al-Gazzali einer berühmten Kritik unterzieht), wenn nicht gar zum offenen Unglauben (bei 3 Thesen: Ewigkeit der Welt; Unsterblichkeit der Seele ohne den Leib; Gottes Kenntnis der Partikularia auf nur allg. Weise).
Andere Reaktionen, diesmal von philos. Seite, kommen aus Spanien. Dort versucht zunächst Ibn Bagga (Avempace, gest. 1138), in der Tradition al-Farabis die Ph. als apodikt. Wissenschaft zu verteidigen. Ibn Tufayl (Abubacer; gest. 1185) bemüht sich dann (in dem Roman »Haiy Ibn Yaqzan«) um eine Synthese zw. Ibn Sina und al-Gazzali, indem er den Weg der Erkenntnis als eine Verbindung von rationalem Begreifen und myst. Schau beschreibt.
Der wichtigste Beitrag stammt jedoch von Ibn Rusd (Averroes, gest. 1198). Er wendet sich sowohl gegen Ibn Sina als auch gegen al-Gazzali und will noch einmal eine streng an Aristoteles orientierte philos. Wissenschaft etablieren. Ibn Sina wirft er u. a. vor, die Regeln log. Demonstration mißachtet zu haben (was die Ph. angreifbar gemacht habe) und von der wahren aristotel. Lehre durch neuplaton. Emanationstheorien und die Auflösung des Substanzbegriffes abgewichen zu sein. Gegen al-Gazzali lautet das Argument (in »Die Inkohärenz der Inkohärenz«), das Sein weise sehr wohl intelligible Strukturen und kausale Zusammenhänge auf, die man mit Begriffen und log. Schlüssen erfassen könne. Dabei entwirft Ibn Rusd scheinbar radikal antireligiöse Thesen wie die berühmte Lehre von der Universalität des materiellen Intellekts, die eine Unsterblichkeit des einzelnen Menschen ausschließt. Aber hinter diesem Konzept steht nicht die Kritik an religiösen Vorstellungen, sondern eher der Versuch, die Möglichkeit objektiver rationaler Erkenntnis durch eine überindividuelle Instanz abzusichern.

[3] Wirkung: Ibn Rusds Werk ist imposant, verfehlt jedoch seine Absicht und kann nicht verhindern, daß die Ph. als eigenständige Wissenschaft im islam. Kulturkreis keine Fortsetzung findet. Sie befruchtet dafür seit dem 12.*Jh. Theologie und Mystik und findet später ihren Widerhall in theosoph. Spekulationen, wobei die Anregungen immer wieder von Ibn Sinas Denken ausgehen.
Ebenfalls im 12. und stärker noch im 13.*Jh. gewinnt die arab. Ph. Bedeutung für das europ. MA, wo sie, ins Lat. übersetzt, als Bewahrerin und Interpretin des griech. Denkens verstanden wird. Hier spielen Ibn Sina und Ibn Rusd die zentrale Rolle, wobei sich ersterer aufgrund seiner neuplaton. Ausrichtung eher mit der augustin. Tradition verbindet, während Ibn Rusd für die Aristotelesauslegung maßgebl. wird. Aber auch die Werke früherer arab. Autoren (etwa zur Intellekttheorie) werden ins Lat. übertragen. Im 14.*Jh. lernt man schließlich die Ph.kritik al-Gazzalis kennen, die offenbar bei Nikolaus v. Autrecourt auf fruchtbaren Boden fällt.
U.*Rudolph"

lynxxx
10.01.09, 23:16
Einführend als Überblick aus dem Brockhaus, der Artikel

islamische Philosophie: Vollmacht und Grenzen der Vernunft

von Prof. Dr. Gerhard Endress (Orientalist)

" Das Gesetz des Islam ist gegründet auf Offenbarung - auf den Koran als den Text der Offenbarung, ergänzt durch überlieferte Weisungen und Handlungen des Propheten, die Sunna. Aber in seiner Ausgestaltung, Systematisierung und Formulierung ist es das Ergebnis geschichtlicher Erfahrung und rationaler Durchdringung. Die Vernunft sucht die Regel im Besonderen des Rechtsfalles; sie sucht Einsicht in die göttliche Vernunft, - hinter dem Unfasslichen der Offenbarung - Theologie. Wo hat die Vernunft die Grenzen ihrer Erkenntnis zu setzen? Über den Anwendungsbereich und universalen Anspruch des rationalen Wissens kam es zwischen Juristen, Theologen und Philosophen zum Konflikt.

In den geistigen Zentren der islamischen Vielvölkergesellschaft bürgerten sich in der Anwendungslehre der offenbarten und überlieferten Rechtsquellen zunächst die Schlussfiguren der Logik ein, wie sie der Hellenismus - die griechische Wissenschaftskultur - der byzantinischen und iranischen Eliten bot und im Dialog einsetzte. In der Verteidigung des Islam und im Dienst der Offenbarung sahen die frühen Theologen die vornehmste Anwendung der Vernunft. Indessen hat die arabische Übertragung der antiken Wissenschaftsquellen eine zweite - philosophische - Bewegung islamischer Wissenslehre vorbereitet. Ihre Grundlage war der arabische Aristoteles: Logik, Wissenschaftslehre, Naturphilosophie und Weltsystem nach der Überlieferung und Deutung der Spätantike. Aristoteles' Werke wurden ergänzt durch Schriften Plotins und seiner Schüler, der »Neuplatoniker«, die die Schöpfung als ewiges »Ausströmen« der ersten Ursache darstellten. Die islamische Philosophie durchschritt drei entscheidende Phasen: Zunächst war sie Ideologie der angewandten Wissenschaften, suchte Harmonie mit der Religionsgemeinschaft; im 10. Jahrhundert wurde sie zur universalen Theorie der Religion und des religiösen Staates entwickelt und schließlich zur Religion für Intellektuelle erhöht.

Der Naturwissenschaftler al-Kindi zeigte im 9. Jahrhundert, dass mit den Argumenten der Philosophie das Bekenntnis des Islam, die Einsheit Gottes, unwiderleglich zu demonstrieren war: Alles, was ist, setzt die eine, erste Ursache voraus. Wie die philosophisch gebildeten Ärzte sah er im Streben nach Wissen das höchste Ziel menschlichen Handelns, den Weg zum wahren Glück. Gegenüber der Philosophie der Praktiker aus Medizin und Mathematik gründete al-Farabi ein Jahrhundert später einen neuen, an der Logik des Aristoteles orientierten Begriff der Philosophie als Beweiswissenschaft. Er stiftete die Philosophie des Islam, indem er Offenbarung und Prophetie in eine umfassende Theorie des Kosmos und der Erkenntnis einbezog: Wie die universelle Logik zur Einzelsprache, so verhält sich die absolute Vernunfterkenntnis zum wahren Symbol der Offenbarung für die Religionsgemeinschaft, die durch den Propheten als Weg zur Wahrheit für alle gegeben ist. Der Philosophenkönig (nach Platons Buch vom Staat neu konzipiert) bewahrt den Staat durch Wissen; ohne Philosophie ist die religiöse Staatsgemeinde auf die Nachfolge des Propheten im Glauben verwiesen, doch durch die Zweifel der Deutung und die Anfechtungen der Irrlehre gefährdet. Ohne Einsicht in die universale Seinsordnung kann das Gemeinwesen, auch unter dem Islam, nicht Bestand haben.

Als Vollender des philosophischen Weltbildes im Islam kann Ibn Sina (Avicenna) gelten; er schrieb zu Beginn des 11. Jahrhunderts die Enzyklopädie des alten Wissenschaftskanons neu und deutete das Wort der heiligen Schrift als Symbol der absoluten Wahrheit in der Begrifflichkeit des Aristotelismus; Avicenna präzisierte den Gottesbeweis mithilfe der Theologie: Alles Zeitlich-Mögliche bedarf einer ersten Ursache, die ewig-notwendig ist; mit seiner ewigen Ursache koexistiert ewig das Weltganze. Aber dem Schöpfungsglauben war seit jeher die Ewigkeit der Welt anstössig; denn sie war unvereinbar mit dem Glauben an einen Gott, dessen Willen und Wort die Schöpfung an den Beginn der Zeit setzt. Wenngleich neu begründet, bleibt diese Lehre auch in Avicennas Philosophie die Zielscheibe theologischer Kritik.

Es war Avicennas Interpretation des philosophischen Weltbildes, die die Philosophie, schließlich auch die Theologie des islamischen Ostens prägte. Aber zunächst formulierte der große Theologe des 11./12. Jahrhunderts al-Ghasali deren maßgebliche Zurückweisung. Zwar stellte er die Logik der Philosophen - ein neutrales Instrument - in den Dienst der religiösen Wissenschaft. Aber nach anfänglicher Annäherung an die Philosophie Avicennas wies er die Kosmologie der Philosophen - die Lehre von der Ewigkeit der Welt - zurück; sein Buch von der »Haltlosigkeit« der Philosophie war ein Signal, das weithin und nachhaltig wirkte. Vor der unermesslichen Weisheit Gottes wies er den absoluten Wissensanspruch der Philosophie in die Schranken. Sie unterwarf den Willen des Allmächtigen den Beschränkungen menschlicher Vernunft und Moral. Eine schwere innere Krise führte Ghasali zur Aufgabe seines Lehramts an der angesehensten Bagdader Rechtsschule und zum radikalen Zweifel an der Gewissheit der Vernunft. Er erkannte den Weg des Heils in der Nachfolge der Sufija, der Mystiker: den Weg der Gottesfurcht, der Enthaltsamkeit und der Meditation.

Die traditionistische Bewegung, die seit dem 11. Jahrhundert um sich griff, und für die auch Ghasali sprach, einigte soziale Schichten, ethnische Gruppen, pragmatische und mystische Frömmigkeit; aber sie beschränkte auch die Vielfalt geistiger Auseinandersetzung. Die Hüter der islamischen Lehrüberlieferung verpflichteten Recht und Staat auf die Beobachtung der Sunna, der von ihnen kodifizierten Prophetentradition, als letzter Instanz, entwickelten subtile Methoden der Analogie und Auslegung und verurteilten die Anmaßung der souveränen Vernunft: Überlieferung wurde hier zum Gegenpol der Vernunft. In der Lehrstätte des orthodoxen Rechts, der Medrese, entstand die Institution dieser Bewegung; stets einer der anerkannten Lehrtraditionen gewidmet und den Weisungen hochgestellter Stifter folgend fungierte sie als religiöses und zugleich politisches Lenkungsinstrument der Führungsschicht. Die islamische Rechtgläubigeit hat nicht in der Dialektik der Theologen (dem Kalam) ihren allgemein gültigen Ausdruck erhalten, sondern in der Auslegung des Rechts. Andererseits hat die Sprache der Philosophie als Instrument der Kritik Ghasalis den Weg zur Hellenisierung der Theologie, und damit zur Scholastik des Islam bereitet. Seine Kritik der Philosophie mit ihren eigenen Mitteln hat auch die Theologie geprägt. Die Philosophie Avicennas und die Kritik Ghasalis führten zur fortwährenden, gegenseitigen Durchdringung von Theologie und Philosophie. Die Theologie musste die Ewigkeit der Welt, den alten Stein des Anstoßes, eliminieren. Erst um dem Preis der Unterordnung im Dienst der Theologie konnte die philosophische Lehre ihren Platz in einem Kanon erringen, der als Lehrstoff der Rechtsschule, der Medrese, gesichert blieb.

Der spanisch-arabische Philosoph Averroes war der letzte Verteidiger des absoluten Anspruchs rationaler Wahrheitsfindung. Seine Verteidigung des philosophischen Weltbildes gegenüber der Kritik des Ghasali und sein leidenschaftliches Plädoyer für die Wesensgleichheit des philosophischen Glaubens mit der offenbarten Religion - »Der Wahrheit widerspricht die Wahrheit nicht!« - begründen seinen Rang als Vollender der Philosophie hellenistischen Erbes im Islam; das monumentale Kommentarwerk zu Aristoteles begründete seinen Nachruhm bei den europäischen Philosophen des Mittelalters: ein groß angelegtes Unternehmen zur Rechtfertigung des Aristoteles gegenüber abweichenden Lehrmeinungen, zur Verteidigung der wahren Philosophie.

Die im Osten des Mittelmeers nie abgerissene Überlieferung des griechischen Erbes bewährte sich demnach als Tradition der rationalen Wissenschaften, die mit den religiösen Wissenschaften des Islams konkurrierten, sich an ihnen abarbeitete und sie durchdrangen, und deren gemeinsame Formen der Vermittlung die aufsteigenden Universitäten des Westens befruchten konnten.

"

Vielleicht ein wenig einfacher zu verstehen, als voriger Text.


Hier ein noch kürzerer Überblick:
http://lexikon.meyers.de/wissen/arabisch-islamische+Philosophie+%28Sach artikel%29

lynxxx
10.01.09, 23:35
...
Weiss jemand wie man den Artikel herauskopieren kann?

Außerdem kann sich das auch an lynxxx bezüglich seiner diffamierungen ala "Mythos Salafi" richten ... Ibn Taymiyya wird viel unrecht getan wie wie das schon beobachten konnten ... naja ...

Schakalcigim,


diffamieren

[lateinisch], jemanden in seinem Ansehen, etwas in seinem Wert herabsetzen, verunglimpfen
(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007

Ich habe Ibn Taimiyya nur da eingeordnet, wo er innerhalb des islamischen Spektrums hingehört. Und dieses habe ich nicht einfach nur so gemacht, indem ich rumlaberte und dieses und jenes unbelegt behauptete, nein, ich habe auch Links und Zitate gebracht, damit jeder sehen und überprüfen kann, was ich gesagt habe.
Ich habe ihn IMHO nicht explizit bewertet, also z.B. nicht gesagt, er wäre ein Lügner, oder seine Lehren sind totaler Quatsch. Seine Analysen bilden nur einen ultra-konservativem Ausschnitt aus dem islamischen Spektrum ab. Wobei es sicherlich auch Bücher von ihm gibt, wo diese erz-konservative Haltung gar nicht zum Vorschein kommt, oder irrelevant ist.

Ein weiterer Beleg für dich und uns:

aus:
Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann und Peter Heine: Islam-Lexikon. Geschichte - Idee - Gestalten. Freiburg, Basel, Wien, Band 1-3, 1991. <--- könnte inzwischen veraltet sein, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Islamismus inzwischen noch viel weiter verbreitet ist, und die ideologischen Wegbereiter dadurch genauer erforscht wurden.

Bd. 2, S. 378
"
Ibn Taimiyya
Zu den bedeutendsten Vorbildern und Vorläufern eines islamischen Fundamentalismus gehört der 1236 in Harran/Syrien geborene und 1328 in Damaskus gestorbene Gelehrte Ibn Taymiyya. Er erhielt eine gründliche traditionelle Ausbildung im Bereich der hanbalitischen Rechtsschule und arbeitete sich daneben in die Lehren der anderen Rechtsschulen, der islamischen Mystik und Philosophie ein und erwarb gute Kenntnisse in der häresiographischen Literatur. Er war ein begabter religiös-politischer Agitator, der von den politischen Kräften seiner Zeit zur Aktivierung der Massen gegen die drohende mongolische Gefahr eingesetzt wurde, durch seine kompromißlose Haltung gegenüber religiösen Minderheiten und von ihm als häretisch eingestuften Gruppen, aber auch zu beträchtlicher politischer Unruhe in Syrien beitrug und dafür mehrfach eingekerkert wurde.
In seinen Schriften versuchte er die drei islamischen Strömungen seiner Zeit, die von dogmatischen Theologen, Traditionalisten und Mystikern vertreten wurden, zu harmonisieren. Im dogmatischen Bereich legte er vor allem Wert auf die Form, in der der Koran Allah beschreibt. Jede Form von »Ta'til« (die Negierung von Attributen Gottes) oder »Tashbih« (Vergleich Gottes mit seinen Geschöpfen) lehnte er als
Form des Polytheismus ab. Ähnlich verhielt er sich zu den anderen beiden Strömungen. Immer dann, wenn er hier den Eindruck hatte, daß die Einheit Gottes in Frage gestellt wurde, machte er seine Kritik deutlich. Im Bereich des täglichen Lebens und des politischen Handelns sah er die Altvorderen des Islams (salaf), vor allem die vier »rechtgeleiteten Khalifen«, Abu Bakr, 'Umar, 'Uthman und 'Ali, als die wichtigsten Vorbilder an. Sie besitzen für ihn mehr Autorität als die Gründer der Rechtsschulen oder andere bedeutende Theologen. Obwohl er der Meinung war, daß die Einheit von Staat und Religion (din wa-daula) für den Muslim unabdingbar sei, forderte er doch keinen einheitlichen islamischen Staat mit einer entsprechenden zentralen Führung, da der Muslim seiner Meinung nach nur Gott und dem Propheten Muhammad folgen dürfe. Die islamische Gemeinschaft kann nach seiner Ansicht aus einer Gemeinschaft von zahlreichen Staaten bestehen. In seiner Staatslehre stellte er fest, daß jeder Führer (imam) Vertreter, Patron, aber auch Partner seiner Untertanen sei. Er müsse dafür sorgen, daß sie die Regeln und Pflichten des Islams verstehen, akzeptieren und befolgen, wobei die jeweiligen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse in Betracht gezogen werden müssen. Jedes Mitglied der islamischen Gemeinde habe das Recht und die Pflicht, seine Glaubensbrüder in allen Bereichen, in denen er
über Kompetenz verfügt, zu beraten und »das Gute zu fördern und das Schlechte zu verhindern« (amr bi-l- ma 'ruf wa nahy 'an al-munkar). Er hat dabei jedoch darauf zu achten, daß die Einheit und Einmütigkeit der Gemeinde gewahrt bleibt. Diese Haltung überrascht angesichts der Praktiken, die Ibn Taimiyya selbst zur Durchsetzung seiner Ideen anwendete.
Auch seine wirtschaftlichen Vorstellungen betonten die Notwendigkeit zur Solidarität unter den Muslimen. Er befürwortete das Privateigentum, stellt aber zugleich fest, daß die Reichen den Armen helfen sollen, und befürwortet, an die Stelle von wirtschaftlicher Konkurrenz die Prinzipien von Kooperation und gegenseitiger Hilfe zu setzen.
Die Realitätsbezogenheit der Überlegungen Ibn Taimiyyas sind wohl die Ursache dafür, daß sie von modernen Muslimen bereitwillig angenommen wurden; denn auch seine Zeit war eine Epoche des Umbruchs, in der die islamische Welt der Gefahr einer Invasion durch die fremde Macht der Mongolen ausgesetzt war. Seine Vorstellungen dienten der Stärkung der islamischen Gesellschaft. Der Gefahr einer zivilisatorischen Invasion sehen sich auch manche gegenwärtige Muslime ausgesetzt. Sie erfahren in den Lehren Ibn Taimiyyas eine Möglichkeit, dieser Herausforderung erfolgreich zu widerstehen. Seine Gedanken bilden heute die Struktur vieler Entwürfe für eine islamische Gesellschaft, wie man sie bei mehr oder weniger radikalen fundamentalistischen Muslimen finden kann. Daher kann man Ibn Taimiyya als den einflußreichsten muslimischen Denker des Mittelalters bezeichnen.

Literatur:
H. LAOUST, Essai sur les doctrines sociales et politiques d'Ibn Taimiyya, Kairo 1939; H. LAOUST, Contribution à une étude de la méthodologie canonique d'Ibn Taymiyya, Kairo 1939; H. LAOUST, Les schismes dans l'Islam, Paris 1965.
P. Heine
"


Schakalcigim, ich mache es bei googlebooks immer so, dass ich screenshots des Bildschirmes erstelle, DRUCK-Taste, vorher ggf. den Text gezoomet hatte, und dann mittels eines OCR-Programmes den Text extrahieren. Fertig.

lynxxx
11.01.09, 00:10
wo kann ich da auf die schnelle einlesen?
aus dem Lexikon des Islam:

"
Averroes
Der berühmteste mittelalterliche Kommentator des Aristoteles, Naturwissenschaftler, Philosoph und Theologe, Ibn Rushd (lat.: Averroes), wurde 1126 in Cordoba geboren und starb 1198 in Marrakesch. Aus einer andalusischen Juristenfamilie stammend erhielt er zunächst eine Ausbildung im islamischen Recht malikitischer Prägung, studierte jedoch auch Medizin. Schon früh wurde ferner sein Interesse für die Philosophie deutlich. Seit 1153 lebte er in Marrakesch, wo er sich zunächst mit Astronomie befaßte. In diesem Zusammenhang kam er wohl zum ersten Mal intensiver mit den Werken des Aristoteles in Berührung. Der Almohadenherrscher Abu Ya'qub Yusuf I. (1163-1184) war es, der den jungen Mann alsbald förderte, indem er ihn zum Qadi und Ober-Qadi in verschiedenen Städten des Almohadenreiches berief, ihn aber zeitweise auch zu seinem Leibarzt machte. Auch unter dem Nachfolger von Abu Ya'qub, Ya'qub al-Mansur (1184-1199), fand er noch eine Zeitlang herrscherliches Wohlwollen. Seine letzten Lebensjahre waren jedoch durch eine Reihe von Verfolgungen verdüstert. Vor allem aus politischen Gründen verlor er die Unterstützung des Herrschers. Seine Lehren wurden für nicht mit dem Islam in Übereinstimmung erklärt und seine Bücher verbrannt. Allerdings erlebte er noch kurz vor seinem Tode seine formelle Rehabilitierung.

Die kaum abschätzbare Bedeutung, die der lateinische Averroes für die Entwicklung der mittelalterlichen europäischen Scholastik hatte, kontrastiert zum Einfluß des arabischen Ibn Rushd auf die islamische Geisteswelt. Hier liegt wohl auch die Ursache dafür, daß die Mehrzahl seiner Werke in lateinischer, zum Teil auch in hebräischer Sprache und nicht in arabischer Sprache, überliefert worden sind. Von grundsätzlicher Bedeutung für die Mehrzahl seiner Arbeiten ist die Tatsache, daß er sich den Werken des Aristoteles nicht über Kommentare und Rezeptionen näherte, sondern direkt auf die Texte selbst zuging. Die problematische Position der Philosophie in der islamischen Geisteswelt hat dazu geführt, daß von manchen westlichen Gelehrten die Meinung vertreten worden ist, daß Ibn Rushd in seinen Aristoteles-Kommentaren unter dem Deckmantel der Wiedergabe aristotelischer Gedanken seine eigenen Vorstellungen zum Ausdruck gebracht habe. Eines seiner zentralen Themen war die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Glauben. Immer wieder versuchte er, mit Hilfe von Koran-Zitaten und anderen Belegen aus den autoritativen Texten des Islams die prinzipielle Übereinstimmung dieser beiden Begriffe im Hinblick auf die Wahrheit zu beweisen. Für ihn besteht kein Gegensatz zwischen der Wahrheit des Glaubens und der der Wissenschaft, auch wenn dies auf den ersten Blick so scheinen mag. Ibn Rushd hat sich mit der Kritik, die von islamischen Rechtsgelehrten an der Philosophie geübt wurde, scharf auseinandergesetzt, ist mit seinen Argumenten jedoch nicht durchgedrungen. Daher ist seine Wirkungsgeschichte im Gegensatz zum Abendland in der islamischen Welt nur sehr gering.

Literatur: R. ARNALDEZ, La pensée religieuse d'Averrroes. 1-3, in: Studia Islamica 8 (1957)-10 (1959); ANKE VON KÜGELGEN, Averroes und die arabische Moderne, Leiden 1994; F. E. PETERS, Aristoteles Arabus, Leiden 1968; S. M. STERN / A. HOURANI (EDS.), Islamic Philosophy and Classical Tradition, London 1972; R. WALZER, Greek into Arabic, Oxford 1962.
P. Heine
"


Wenn ihr in Englisch fit seid, kann ich auch aus der Encyclopaedia of Islam and the Muslim World zitieren.

Der Schakal
11.01.09, 00:21
Im Bereich des täglichen Lebens und des politischen Handelns sah er die Altvorderen des Islams (salaf), vor allem die vier »rechtgeleiteten Khalifen«, Abu Bakr, 'Umar, 'Uthman und 'Ali, als die wichtigsten Vorbilder an. Sie besitzen für ihn mehr Autorität als die Gründer der Rechtsschulen oder andere bedeutende Theologen.

Seine Ansichten sind also genau die wie Imam Abu Hanifa, Imam Schaafi, Imam Malik und Imam Ahmed Hanbel. Danke.
Meine Definition von "Salafiyya" war doch ziemlich gut ... hehehe ...


(din wa-daula)

Ist die Ansicht jedes islamischen Gelehrten.

Die Diskussion diesbezüglich weiterzuführen würde den Thread wohl in andere Bahnen lenken ... daher ... sollten wir das lassen.

Ansonsten ein interessanter und guter Artikel.


@bzgl. Artikel

Kannst du mir den Artikel irgendwie zusammenschustern wie du das beschrieben hast und zuschicken. Ich würde ihn gerne ausdrucken? Meinst du das bringt was (lesetechnisch)? Bitte. Lütfen. Por favor. Please.


Wir treffen uns inshallah im Februar mit TomBac etc. und gehen ein Döner essen und trinken dazu ein Ayran ...

TomBac
11.01.09, 00:23
... und trinken dazu ein Ayran ...

Hey, von Ayran war NIE die Rede!

Pomak
11.01.09, 15:16
Ich habe nicht die Post zwischen deinem und den anderen gelesen, sondern möchte dir vorab schon einmal antworten mit einem Ausschnit, wieder aus obigem Lit. Tipp von U. Rudolph:

aus dem Vorwort:
"
Denn schließlich
waren sie [die Muslime] es, die das antike Erbe durch die griechisch-arabischen
Übersetzungen (ab dem 8.Jh.) bewahrt hatten und später an
das lateinische Mittelalter weitergaben (vor allem im 13.Jh.).
Diese Perspektive bestimmte das Forschungsinteresse bis in
die Mitte des 20. Jahrhunderts. Es konzentrierte sich folglich
auf den Zeitraum (9.-12.Jh.) und auf die muslimischen Denker
8 Vorwort
(Kindî, Fârâbî, Avicenna und Averroes), von denen man sich
Aufschlüsse über das europäische Mittelalter versprach. Was
danach in der islamischen Welt geschah, war – so gesehen –
irrelevant. Also fand es auch kein wissenschaftliches Interesse.
Viele Forscher vertraten sogar die Ansicht, dass es vom 13. Jahrhundert
an (wegen der Rückeroberung Spaniens durch die
Christen und/oder wegen der kritischen Äußerungen Ghazâlîs)
gar keine Philosophie mehr im islamischen Kulturkreis gegeben
habe.
Diese Auffassung wurde seit der Mitte des 20. Jahrhunderts
zunehmend erschüttert. Federführend war dabei Henry Corbin,
der eine völlige Umwertung der Geschichte der islamischen Philosophie
vornahm. Sie betraf vor allem die Zeit nach 1200. In
ihr sah er keineswegs die Zeichen eines Niedergangs oder eines
Endes. Im Gegenteil: Für ihn war dies die Epoche, in der sich die
islamischen Autoren endlich auf ihre eigentliche Bestimmung
besannen. Jetzt hätten sie sich nämlich von den Fesseln eines
griechisch geprägten Denkens befreit und andere, ihren Zielen
angemessenere Konzepte aufgenommen. Damit meinte Corbin,
dass sich die Philosophie zu einer Weisheitslehre entwickelt
habe, in die Elemente aus der Mystik, dem schiitischen Gedankengut
und einer spezifisch orientalischen Theosophie eingegangen
seien. Der Schauplatz dafür war nach seiner Ansicht
Iran, das ohnehin auf eine alte spekulative Tradition (die er
als prägende Kraft im Hintergrund des schiitischen Denkens
vermutete) zurückblicken konnte. Deswegen habe sich hier eine
spirituelle Geistigkeit herausbilden können, die als die wirkliche
«islamische» Philosophie zu betrachten sei.
Corbins Thesen hatten zur Folge, dass zahlreiche scheinbare
Gewissheiten hinterfragt wurden. Vor allem wiesen sie der Forschung
einen Weg, sich von der herkömmlichen Fixierung auf
die europäische Geistesgeschichte zu befreien. Der Preis für
diese Horizonterweiterung war jedoch hoch. Denn Corbins Ansatz
eröffnete nicht nur neue Perspektiven; er trug auch dazu
bei, den Blick zu verengen. Seine Vision einer spezifisch «islamischen
» Philosophie und Weisheitslehre ersetzte nämlich die alte,
eurozentrierte Sichtweise durch einen anderen, orientalisierenVorwort
9
den Geschichtsmythos und nahm außerdem noch die Preisgabe
eines eindeutigen Begriffs von Philosophie in Kauf.

Die jüngere Forschung geht deswegen erneut andere Wege.
Sie postuliert zwar ebenfalls, dass es nach 1200 eine Philosophie
in der islamischen Welt gegeben habe, meint aber nicht, dass sie
als Bruch mit den früheren Denkern zu verstehen sei. Vieles
spricht vielmehr dafür, dass sich gerade damals anhaltende
Lehrtraditionen, die sich auf ältere Autoren beriefen, herausbildeten.
Sie verstanden die Philosophie nach wie vor als eine
rationale Wissenschaft, die um die Frage nach den allgemeinen
Zusammenhängen des Denkens und des Seins kreist. Für das
13. Jahrhundert ist das bezeugt. Doch auch für die Zeit danach
scheint man eine solche Entwicklung voraussetzen zu können.
Sie dauerte offenkundig über die Jahrhunderte fort und reicht in
bestimmten Regionen der islamischen Welt bis in die Gegenwart.
Wie diese Entwicklung im Einzelnen verlief, ist allerdings bislang
nicht untersucht. Hier steht die Forschung immer noch vor
großen Aufgaben. Sie können nur mit gemeinsamen Anstrengungen
gelöst werden. Das geschieht derzeit beispielsweise in einem
Projekt, das im Zusammenhang mit der Neubearbeitung des
Grundriss der Geschichte der Philosophie von Friedrich Ueberweg
geplant ist. Dort sind drei Bände über die Philosophie in der
islamischen Welt vorgesehen. In ihnen sollen alle Epochen, Regionen
und Traditionen (einschließlich der jüdischen und der
christlichen Autoren, die in der islamischen Welt gewirkt haben)
zur Sprache kommen. Auf diese Weise soll das Material bereitgestellt
werden, auf dem die künftige Forschung aufbauen kann.
"

@Insider: Ich werde nachher mal schauen. ob ich hier eine Zusammenfassung über die islam. Philosophie copy-pasten werde, die nicht sooo ausführlich ist, und auch nicht sooo kompliziert ist. Mal sehen, was meine Lit. so hergibt.

bis denne.

Welche alte spekulative Tradition sollen die Iraner denn gehabt haben?? Das Persische diente vor der Islamisierung des Iran eher als Volkssprache und war, was den Wortschatz und abstrakte Begriffe angeht, äußerst beschränkt.
Bei den Achämeniden und Sassaniden hatte die persische Sprache neben dem Elamischen und dem Aramäischen im Grunde kaum Bedeutung.

Erst durch das Einströmen arabischer Wörter wie auch grammatischer Formen bildete sich eine für Philosophie und Wissenschaft geeignete neupersische Sprache heraus, und das erst seit dem 10. Jahrhundert.

Auch ist mir kein "sassanidisches" Werk bekannt, dass sich auch nur im Ansatz mit philosophischen oder verwandten Themen beschäftigt.

lynxxx
11.01.09, 15:58
Wenn eine Sprache zu beschränkt für etwas wie Philosophie ist, dann entlehnt man sich entweder Wörter aus anderen Sprachen oder nimmt die Ursprungssprache gleich zum Philosophieren.

Vorislamische Philosophie:
http://www.iranica.com/newsite/index.isc?Article=http://www.iranica.com/newsite/articles/unicode/v9f2/v9f263.html

AlGhazali
11.01.09, 17:25
Einige Texte zu diesem Themengebiet:

Die Philosophie bei den Osmanen
http://weisheit.over-blog.de/article-23194415.html

Einzug der aristotelischen Logik in die Welt des Islam
http://weisheit.over-blog.de/article-23047846.html

Sağlıklı düşüncenin dindeki yeri (Prof.Dr.Orhan Karmis)
http://weisheit.over-blog.de/article-23194951.html

Imam Ghazali und Europa während des Mittelalters
http://weisheit.over-blog.de/article-23017770.html

Abdurrahman Bedevi, Avrupa ve Müslümanlar
http://weisheit.over-blog.de/article-23017770.html

Die Philosophie des Islam
http://weisheit.over-blog.de/article-22441153.html

Davud-i Kayseri (1258/61-1350)
http://weisheit.over-blog.de/article-22149375.html

Islam und Philosophie nach Herder und Holenstein
http://weisheit.over-blog.de/article-21883026.html

TomBac
11.01.09, 20:39
Welche alte spekulative Tradition sollen die Iraner denn gehabt haben?? Das Persische diente vor der Islamisierung des Iran eher als Volkssprache und war, was den Wortschatz und abstrakte Begriffe angeht, äußerst beschränkt.
Bei den Achämeniden und Sassaniden hatte die persische Sprache neben dem Elamischen und dem Aramäischen im Grunde kaum Bedeutung.

Erst durch das Einströmen arabischer Wörter wie auch grammatischer Formen bildete sich eine für Philosophie und Wissenschaft geeignete neupersische Sprache heraus, und das erst seit dem 10. Jahrhundert.

Auch ist mir kein "sassanidisches" Werk bekannt, dass sich auch nur im Ansatz mit philosophischen oder verwandten Themen beschäftigt.

Ich weiß nicht, aber dies überzeugt mich auf Anhieb nicht wirklich! Ich bezweifle deine grundlegende These, dass man zwecks Formulierung spekulativer Gedankengänge einen bestimmten hochausgebildeten Wortschatz bräuchte. Es kann sich ja um Reflexionen in der Volkssprache handeln. Ich bin kein Kenner historischer Zusammenhänge, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Iraner (s.o.) spekulierten und somit eine alte spekulative Tradition besaßen.

TomBac
13.01.09, 14:02
Ich ziehe für mich persönlich einmal - nach der Durchsicht einiger Bücher (!) - ein Zwischenfazit (kann gern heftig kritisiert werden):

Der Hochflug und die Blütezeit der Philsophie islamischem Kulturraums wurde durch Ghazali unterbrochen. Eine Zäsur bildete Ghazalis Werk "Tahafut al-falasifa" (Destructio philosophorum), womit er den Niedergang quasi einleutete.

Eine Steigerung legte er mit "Der Erretter aus dem Irrtum" vor, wo er explizit Avizenna und al-Farabi der Ketzerei beschuldigte. Aus seiner Kritik an der reinen Vernunft folgte seine Hinwendung zur Orthodoxie. Zwar akzeptierte er die Logik als Wissenschaft, allerdings wollte er das spekulative Denken insgesamt - auch wenn es durch gläubige Muslime betrieben wurde - aus dem muslimischen Denken verbannen.

Mit Ghazali als intellektuelle Autorität nahm damit auch das spekulative Denken ab. Daher blieben solche Gedankenspiele, wie z.B. Avizennas "fliegender Mensch", der damit auf eine nicht-skeptizistische (!) Weise das "Cogito ergo sum" von Descartes vorwegnahm, Geschichten aus vergangenen Tagen.

Eine Zwischen-Höhepunkt fand dieses reaktionäre Sichtweise in Ibn Taimiya. Während Ghazali die Logik für unverfänglich hielt, wollte Ibn Taimiya selbst die Logik aus der islamsichen Geisteswelt verbannen.

Insbesondere Ghazali bleibt für mich eine zwiespältige Persönlichkeit im Kontext der Philosophie islamischem Kulturraums. Zum einen brachte er geniale Ideen, wie z.B. die Unerfahrbarkeit der Kausalität, hervor. Zum anderen war er allzu leichtfertig im Umgang mit seinen Ketzerei-Urteilen, die beispielsweise zumindest geistig die temporäre Verbannung Averroes vorwegnahmen.

AlGhazali
13.01.09, 14:40
Lieber Tombac...was du da zitiertest steht so oder in ähnlicher Art in unzähligen Büchern....jedoch wird etwas nicht wahr nur durch Widerholung oder durch unkritische Übernahme und Verbreitung.

Diejenigen die sowas schrieben kannten sich weder in der islamischen Theologie noch speziell bei Ghazali und Ibnu-Rushd noch in der Philosophie richtig aus.

Es war genau umgekehrt...erst durch Ghazali und Razi und seinesgleichen Theologen wurde überall die arabischen Philosophen bekannt und deren Thesen.

"Der exoterisch so scharf hervorgetretende Gegensatz gegen das Griechentum bezieht sich also nur auf einige Thesen (Anfangslosigkeit der Welt und andere), nicht auf das Wesen des griechischen Denkens. Esoterisch ist dieses vielmehr sogar von den orthodoxen Vertretern des Islam durchaus angenommen. Aus diesem Tatsachen muß man die Wirkung eines Gazali und Razi beurteilen. Eine "Vernichtung" der Philosophie ist also durch die Theologen sowenig eingetreten , daß sie gerade die Verbreiter griechischer Gedanken geworden sind und die Philosophie in ihren Kreisen erst recht heimisch gemacht haben. "
Prof.Dr. Max Horten im Vorwort des "Die spekulative und positive Theologie des Islam" (die Übersetzung des Muhassals des Fahreddin Razi),Leipzig,1912.

Titze de Boer war auch in Philosophie und Orientalistik gebildeter Mensch. Er schrieb auch eine Zusammenfassung des Tahafüt. Auch er schriebt dass Ghazali keinen Anteil daran hatte dass die Philosophie verhindert worden sei.

Man muss gut philosophische Kenntnis haben und auch die islamische Theologie gut kennen um zu verstehen was vor sich ging. Eine Verhinderung der neuplatonisch-aristotelischen Philosophie im islamischem Raum ist - wie es auch gewesen mag- ein Fortschritt, welches die Europäer erst Jahrhunderte später vollzogen mit Francis Bacon und Descartes und weiteren bedeutenden Gestalten ab dem 16.Jh.

Die Sätze die du schriebst kann ich fast alle nicht unterschreiben. Ghazali wollte und konnte das spekulative Denken nicht insgesamt verbannen. Woher diese unerhörte Wort "insgesamt"? Das spekulative Denken gehört zur Natur des Menschen. Ghazali wollte in Tahafut zeigen dass mittels der Vernunft und der eigenen Kriterien des Ibni Sina deren Lehrgebäude nicht zu halten sind. Er führte in diesem Werk keine Naql-Argumentationen aus dem Koran und Hadithen. Das was er als Glaubenslehre verteidigte schrieb er in einem separaten Werk : "el Iktisat fil itikat". Ibni Rushd gibt in vielen Pubkten Ghazali recht jedoch da er Aristoteliker ist im weitem Sinne gab es fundamentale Differenzen. Bestimmte Lehren des Aristoteles und Platons widersprechen die islamischen Glaubenssätze. Diese sind wenige aber dennoch hatte man von ihnen und den Philosophen vieles übernommen, die vereinbar mit dem Islam war bzw. man wies es nicht ab.
Die Kalam-Wissenschaft der Muslime nahm die Philosophie auf und studierte sie ergiebig. In der Kalam gilt auch dass man die Lehre des Anderen ausführlich darstellt und sie durchdringt - was voraussetzt das man Philosophie erforscht- und dann wenn nötig Stellungnahmen gibt pro oder contra.

Es waren nicht "vergangene Tage"...erst Recht hatte Ghazali wie später Descartes das methodische Zweifel in seinem el Munkid durchgegangen. Beide sind im weitem Sinne gleich bei Ghazali und Descartes.Dazu kann ich unter anderem das Buch von Prof.Zakzouk hierüber empfehlen.

Ghazali verketzerte niemand. Ibni Sina und Farabi waren Philosophen die mehr der antiken Philosophen folgten als dem Islam. Das Gottesbild und viele andere Lehren die sie lehrten widersprechen dem islam gänzlich. Diese Herren selber entschieden sich für diesen Weg. Nicht jeder der muslimische Namen hat ist auch ein Muslim. Dennoch haben die Muslime sie nicht verdammt sondern haben aus deren sonstigen vielen Aussagen und Kenntnissen Nutzen gezogen und sie "in Ehren" gehalten ohne dass sie sie zwanghaft Muslim machen wollten.

TomBac
13.01.09, 16:14
Ich meine du unterliegst einem Irrtum, wenn du meinst, dass Ghazali Avizenna und Al Farabi nicht für Ketzer erklärt hätte. Leider habe ich die Original-Quelle nicht zur Hand; allerdings poste ich nachfolgend die Ausführungen Averroes dazu.


If it be maintained that one does not become an unbeliever by ignoring consensus of opinion in interpretation, as no unanimity is possible in it, what shall we say of such Muslim philosophers as Abu Nasr (Al Farabi) and Ibn Sina (Avicenna)? For Abu Hamid (Al Ghazzali) has charged them with positive infidelity in his book: The Refutation of the Philosophers, in regard to three things: The eternity of the world; God’s ignorance of particulars; and the interpretation concerning the resurrection of bodies and the state of the Day of Judgment. Quelle (http://oll.libertyfund.org/index.php?option=com_staticxt&staticfile=show.php%3Ftitle=77&layout=html)

Deswegen spielt Ghazali eine zwiespältige Rolle für mich. Man kann die spekulative Philosophie in Form des modifizierten Aristotelismus und Platonismus kritisieren. Dies gehört zum philosophischen Diskus dazu. Man kann diesem Zweig der Philosophie auch den "Todesstoß" (im positivsten Sinn des Wortes) geben.
Man darf aber nicht diejenigen, die deduktiv argumentieren und bestimmte Ausschnitte von Aristoteles übernommen haben, der Ketzerei beschuldigen.
Dies sind zwei Paar Schuhe. Wie am Beispiel von Averroes deutlich wird, kann man Aristotelianer und gleichzeitig gläubiger Muslim sein. Bei Avizenna wird es ähnlich sein.
Und mit dem Ketzerei-Urteil hat sich Ghazali (aus meiner Perspektive) schuldig gemacht. Denn er hat damit jenen reaktionären Kräften einen argumentativen Unterbau geliefert.

Deine Aussagen bezüglich Bacon und Descartes müssen relativiert werden. Aber ich habe jetzt nicht mehr die Zeit dazu.

AlGhazali
13.01.09, 16:37
Ich meinte dass allgemein bekannt war dass Ibni Sina und Farabi vom Islam abgewichen waren. Nicht durch Ghazali kam das in die Welt. Ghazali schreibt namentlich diese Herren dass sie den Islam verlassen haben. Denn die Ewigkeit der Welt steht im krassen Widerspruch zur Schöpfung aus dem Nichts. und noch weitere zwei Punkte (eine Leugnung der Allmacht und Allwissenheit Gottes) kann man mit Islam nicht vereinbaren.
Auch vor Ghazali kannten die Muslime die Ansichten des Ibni Sina und Farabi. Nur Ghazali widmete sich diesem Thema viel mehr und schrieb ausführlich dazu.
Es gibt die naive Ansicht dass weil Ghazali schrieb Farabi und Ibni Sina seien Kafir dass deswegen Farabi und Ibni Sina nicht gelesen wurden. Diejenigen die das sagen schulden uns den Beweis dazu. Umgekehrt Ibni Sina war immer aktuell unter dne Muslimen. Noch im 18.Jh. hat man Aristoteles Werke übersetzt. Wer Razi, Dawwani, und viele andere nach Ghazali kommenden Theologen kennt weiss wie Ibni Sina noch kommentiert und studiert worden war. Ebenso bei Muslihiddin Hodschazade und Ali Tusi und Karabagi. und vielen mehr... (Die Ansichten von Ignaz Goldziher wurden von Prof.Dimitri Gutas in seinem "GReek thought and Arabic Culture" korrigiert.)

TomBac
13.01.09, 18:18
Wie sollte ich einen vollständigen Beweis erbringen können? War mir doch vor einer Woche der Philosoph Averroes kein Begriff, was zu gewissem Gelächter bei "Ibrahim." führte. :) Deswegen gibt es auch diesen Thread. Und meine Aussagen sind immer vor diesem Hintergrund zu verstehen. Ich muss auch darauf hinweisen, dass Averroes selber die Aussage bezüglich Ghazali in gewissen Zügen an anderer Stelle relativiert - kann zumindest so interpretiert werden.

Es führt bei mir nur zu einem befremdlichen Gefühl, dass ein so große Denker wie Avizenna, der sich selbst als Moslem bezeichnete, des Unglaubens beschuldigt wurde und immer noch beschuldigt wird. Es gibt auch Gründe, die für die Argumente Avizennas sprechen.
Siehe beispielsweise die Ausführungen von Averroes.


That is quite evident to anyone with insight. But with this we see that Abu Hamid (Al Ghazzali) has made a mistake in ascribing to the Peripatetic Philosophers the opinion that God has no knowledge of particulars. They are only of opinion that the knowledge of God about particulars is quite different from ours. For our knowledge is the effect of the existence of a thing. Such knowledge is produced by the existence of a thing, and changes with changes in the thing. On the other hand the knowledge of God is the cause of an existent thing. Thus one who compares these two kinds of knowledge ascribes the same characteristics to two quite different things — and that is extreme ignorance. When applied both to eternal and to transitory things the word knowledge is used only in a formal fashion, just as we use many other words for objects essentially different. For instance the word Jalal is applied both to great and small; and sarim to light and darkness. We have no definition which can embrace both these kinds of knowledge, as some of the Mutakallimun of our times have thought. We have treated this question separately at the request of some of our friends. How can it be supposed that the Peripatetic Philosophers say that God has no knowledge of particulars when they are of opinion that man is sometimes warned of the coming vicissitudes of the future through visions, and that he gets these admonitions in sleep, through a great and powerful Director, who directs everything? These philosophers are not only of opinion that God has no knowledge of details such as we have but they also believe that He is ignorant of universals. For all known universals with us are also the effect of the existence of a thing, while God’s knowledge is quite other than this. From these arguments it is concluded that God’s knowledge is far higher than that it should be called universal or particular. There is therefore no difference of opinion concerning the proposition, that is, whether they are called infidel or not.
Quelle (http://oll.libertyfund.org/index.php?option=com_staticxt&staticfile=show.php%3Ftitle=77&layout=html)

Und dann frage ich mich: Wie kann man bei der Beschränktheit unseres persönlichen Wissens und Intellekts einen anderen Menschen, der sich selbst als Gläubigen bezeichnet, der Ketzerei beschuldigen?

AlGhazali
13.01.09, 19:13
Lieber Tombac

In dem Auszug welches du hier plaziert hast geht es darum, dass die peripatischen Philosophen also die Aristoteliker von Ibni Rushd dargestellt werden. Auf sie wird bezogen. Doch Ibni Sina war Neuplatoniker. Die Neuplatoniker versuchten Platon und Aristoteles zu vereinen. Ibni Rushd will Aristotelist sein. Es ist überhaupt nicht so dass Ibni Rushd Ibni Sina durchweg verteidigt. Auch er kritisiert ihn hart. Ghazali bezieht sich auf IBni Sina nicht auf Aristoteles oder Platon direkt.
Nach Ibni Sina kennt Gott nur das Allgemeine, das ewige Wesen, die Gatunngen und Arten. Nicht die Einzelheiten. Ibni Sina glaubte dass Gott nur Intelligiles erkenne und die Materie würde das Wissen hindern (auch bei Gott).

Vgl. und mehr dazu in "Die Widersprüche der Philosophie nach Al-Ghazzali und ihr Ausgleich durch Ibn Rosd", Dr. Tjitze de Boer, STrassburg, 1894, S.57 ff.

Ibn Rushd kritisierte Ibn Sina und die anderen Neuplatoniker, dass sie die ursprüngliche Aristotelismus nicht rein gehalten hätten. Er selbst war noch teilweise unter neuplatonischem Einfluss. Erst später erkannte man dass einige Werke, die Aristoteles zugeschrieben wurden nicht von ihm stammen können.

Nur wenn man genaues weiss und wenn die Grundlagen bzw Grund-Glaubenssätze verletzt werden kann man erklären diese oder jene differiere von der Glaubenslehre. Es ist gar nicht schlimm zu sagen dass ein Protestant kein Katholik ist oder dass ein Buddist kein Christ ist oder dass jemand der nnicht an die Glaubenssätze des Islams glaubt kein Muslim ist. Welche Kriterien Ghazali bezüglich Irrlehren hat schildert er in "Faysal".

http://www.ghazali.org/

lynxxx
13.01.09, 19:31
kurze Frage (ohne eure Post bis auf die Jahresangaben gelesen zu haben):

Was zitiert ihr hier eigentlich 100 Jahre alte und noch ältere Bücher?

Ist seitdem das Wissen stehengeblieben? Ist euer Kenntnisstand bzgl. Philosophie von 1900?

Vielleicht bringt der kurze Ausschnitt zu Ghazali aus dem Rudolph Buch von 2004 , den ich hier verlinkte, zu einem anderen Thread hin, eure beiden Positionen zusammen?

EDIT: Hier der Link:
http://www.politikcity.de/forum/showthread.php?p=566769#post56 6769

TomBac
13.01.09, 19:38
kurze Frage (ohne eure Post bis auf die Jahresangaben gelesen zu haben):

Was zitiert ihr hier eigentlich 100 Jahre alte und noch ältere Bücher?

Ist seitdem das Wissen stehengeblieben? Ist euer Kenntnisstand bzgl. Philosophie von 1900?

Vielleicht bringt der kurze Ausschnitt zu Ghazali aus dem Rudolph Buch von 2004 , den ich hier verlinkte, zu einem anderen Thread hin, eure beiden Positionen zusammen?

EDIT: Hier der Link:
http://www.politikcity.de/forum/showthread.php?p=566769#post56 6769

Du must nachsichtig mit mir sein; ist alles ziemlich neu für mich.

AlGhazali
13.01.09, 19:54
Theologie oder Philosophie sind nicht wie Technik die mit der zeit sich unbedingt sich entwickeln. Ich habe ältere Bücher gelesen die viel richtiger waren als neuere. Umgekehrt kann es auch geben. Man kann nicht per se sagen dass 100 Jahre alte Werke Mülltonnenreif sind. Vor allem in Orientalistik und Philosophie nicht.

So Mitte des 19.Jh setzt jemand ein Missverständnis in die Welt und viele geben das wieder ei nige Jahrzehnte später wird diese Sicht korrigiert durch einen anderen Forscher. So jetzt müsste man meinen dass der Spätere sich durchgesetzt hat. Dem ist nicht immer so. Auch im 20.Jh wurden die Aussagen der ersteren Autor stets widergegeben. Der Zweite wurde kaum beachtet. Oder in neueren

TomBac
13.01.09, 20:23
AlGhaz., Danke, aber jetzt bringst du mich etwas durcheinander: Ich habe bisher immer gelesen, dass Avicenna maßgeblich u.a. durch Aristoteles beeinflußt wurde. Ich hätte ihn bisher zu den so genannten Peripatetikern zugeordnet.

Selbst wenn er kein Peripatetiker gewesen ist, war ein Vorwurf gegenüber Avicenna und ein vermeintlicher Beleg für seine angebliche Ketzerei, dass er davon ausging, Gott kenne die Universalien, aber nicht die Partikularien. Ich habe diesen Ausschnitt von Averroes Argumentation dorthin kopiert, weil Averroes dort jenen Gedanken bezüglich der Kenntnis von Universalien aufgreift und zeigt, wie man dieses vermeintliche Problem auflösen kann.

Natürlich ist es nicht schlimm zu sagen, dass ein Protestant kein Katholik ist. Darüber brauchen wir nicht zu reden. Aber es ist schon sehr problematisch, einem bekennenden Moslem vorzuwerfen, er sei kein Moslem.

Dies wird umso problematischer, je komplexer die Materie ist. Was glaubst du, warum ich genau diesen Punkt oben explizit genannt habe und Averroes Argumentation gepostet habe? Ich habe es deswegen gemacht, weil die Materie eine erhebliche Komplexität aufweist und ich bezweifle, dass die Mehrheit jener, die Avicenna und Averroes (später) der Ketzerei bezichtigt haben, diese Gedanken intellektuell nachvollziehen konnten. Das meinte ich oben mit intellektuellen Restriktionen. Selbst wenn man die Kapazität besitzt, die geschilderten Punkte nachzuvollziehen, gibt es - wie Averroes dort zeigt - immer einen dritten Weg, der zur Auflösung des Problems führen kann. Nicht nur, aber vor allem vor diesem Hintergrund sind "Ketzer-Urteile" äußerst bedenklich!

Der Schakal
13.01.09, 21:29
Man darf aber nicht diejenigen, die deduktiv argumentieren und bestimmte Ausschnitte von Aristoteles übernommen haben, der Ketzerei beschuldigen.

Doch das kann er. Und genau da besteht anscheinend dein Problem.
Übrigens hat Ghazali alles was er widerlegt hat studiert und dargelegt bevor er ihre "Vernichtung" schrieb. Und wenn jemand die Fundamente leugnet ist er ein "Ketzer".

Der Schakal
13.01.09, 21:48
Während Ghazali die Logik für unverfänglich hielt, wollte Ibn Taimiya selbst die Logik aus der islamsichen Geisteswelt verbannen.

Wo hast du den das her? Allein durch mein ersten Post hättest du zu einer anderen Schlussfolgerung kommen müssen.

TomBac
13.01.09, 21:52
Wo hast du den das her? Allein durch mein ersten Post hättest du zu einer anderen Schlussfolgerung kommen müssen.

Ich habe von Strohmaier, G.: Avicenna. Seite suche ich gern raus... hilf mir, woran hätte ich es sehen sollen.

Der Schakal
13.01.09, 21:57
Sevgili abicim,


Ich habe von Strohmaier, G.: Avicenna. Seite suche ich gern raus... hilf mir, woran hätte ich es sehen sollen.



Akıl - Nakil Çatışması,
İbn Teymiyye
TEVHİD YAYINLARI

İmam İbni Teymiyye bu eserinde sarih nakil ile sarih aklın çatışmayacağını, aklın şeriatı anlamada büyük bir yerinin olduğunu fakat Ali'nin (r.a.) dediği gibi "Din, akıl ve re'y ile olsaydı mestlerin üstünü değil altını meshederdik" asıl olanın sahih nakil olduğunu, Rasulullah'ın (s.a.v.) açıklamalarının tüm insanların açıklamalarından üstün olduğunu, insanların Usuli'd-din hakkında söylediği pekçok sözün Rasulullah'ın getirdiği şeylere muhalif olduğunu, Usuli'd-Din'in bütün meselelerinin Kur'an'da ve sünnet'te tam olarak açıklandığını, akli tezlerin farklılığının zihinlerin farklılığından kaynaklandığını, akıl ile naklin çatışması halinde sahih olan naklin alınması gerektiği delilleriyle açıklanmaktadır, ayrıca Mutezile, Cehmiyye, Felsefeci ve Kelamcıların görüşlerinin batıllığı da ispatlanmaktadır.

Logik spielte schon bei Imam Abu Hanifa eine wichtige Rolle. Dazu muss man sich nur mit der hanefitischen Fiqh auseiandersetzen. Die hanbelitische Rechtschule hat allerdings, soweit mir bekannt ist, ein Teilproblem mit dem Kiyas.

Saygilarimla

TomBac
13.01.09, 21:57
Doch das kann er. Und genau da besteht anscheinend dein Problem.
Übrigens hat Ghazali alles was er widerlegt hat studiert und dargelegt bevor er ihre "Vernichtung" schrieb. Und wenn jemand die Fundamente leugnet ist er ein "Ketzer".

Mein Problem ist mit allzu "leichen" Ketzer-Urteilen. Dies habe ich versucht, in den letzten Postings darzulegen.

Der Schakal
13.01.09, 22:01
Mein Problem ist mit allzu "leichen" Ketzer-Urteilen. Dies habe ich versucht, in den letzten Postings darzulegen.

Dann habe ich dich falsch verstanden. Aber Imam Gazali hat dieses Urteil keinesfalls leichtfertig gefällt. Es geht darum das jemand Fundamente leugnet. Diesbezüglich kann es auch keine diskussionen geben.

AlGhazali
13.01.09, 22:15
Farabi war ein echter Philosoph und blieb darin sich treu. Ibni Sina unternahm etwas was eine völlige Herausforderung gegen die Theologen darstellte. Er wollte die Religion in der Philosophie "auflösen", dass heisst nach den Kriterien seiner spezifischen Neuplatonismus den Islam messen und möglichst seiner Philosophie bequem deuten. Das führte darauf hinaus, dass vieles was zur elementaren Glaubenslehre zählte er via metaphorische Deutung dort sine Philosophie wieder entdecken wollte. So wurde der Prophet zu einer Art "Seher" und das Prophetentum nicht das wie wir es kennen. Neben Gott gebe es noch weitere Dinge die ewig seien. Er steht in einer neuplatonischen Tradition die verschiedene Religionen synkretistisch einverleiben wollte. Iamblichos hatte vor ihn es versucht.
Man kann wirklich nicht Islam mit Neuplatonismus nicht gänzlich harmonisieren. Der Neuplatonismus ist exklusivitistisch. Es hat den Alleinanspruch auf Wahrheit. (Und auch der Aristotelismus).Und überhaupt den Neuplatonismus kritisieren heisst nicht die Philosophie an sich zu kritisieren. Damals wenn "Philosoph" gemeint war meinte man meist die arabischen Neuplatoniker, weil deren arabische Werke im Umlauf waren. In El Munkid weist Ghazali daraufhin dass nicht alles was die Philosophie vorweist von sich zu weisen ist. Der spekulative Denken wird nicht bliend eingezwängt wie es in der christlichen Tradition üblich war. Man hatte den Mysterium benutzt um zu zeigen dass man die Trinität nicht rational erklären könne und weitere fundamentale Dogmen. Der Verstand wurde ein Riegel vorgeschoben. Im Islam gibt es sowas nicht. Der Verstand solle in seinem Gebiet worin es Zugänge hat zur Geltung kommen. Die religiösen Dinge dürfen der Vernunft nicht widersprechen (Ghazali in el iktisat). Der Verstand sei wie das Auge und die Offenbarung wie das Licht. Das Licht korrumpiert den Verstand nicht. Dort wo der Verstand kein Zugang hat von seinem Natur her, dass man sagt, er solle seine Grenzen nicht überschreiten, heisst nicht, dass man den Verstand geringschätzt. Der Prophet hatte es verboten über das Wesen Gottes nachzudenken. Eben weil der Verstand dort kein Zugang hat. Oder ein Teil der offenbarten Glaubensinhalte wie Existenz des Paradieses. Der Verstand alleine kann es nicht ausfindig machen aber die Möglichkeit dessen zugeben und die Tatsächlichkeit ergibt sich aus der Offenbarung.
Man muss nicht zwanghaft verschidenes was gar nicht zueinander passt zwanghaft versuchen passend zu machen. Das führt zu nichts und geht nach hinten los. Ich glaube dass deswegen Ibni Sina und Ibn Rushd ihre Philosophien nicht ans Volk und Gelehrten bringen konnten. Sie hätten die Religion nicht überrumpeln sollen. Sie hätten ja ihre Philosophien als solche dem Volk präsentieren können und dabei belassen.
Ich sehe es nicht als Problem an wenn Philosophie und Religion sich nicht in allem passen. Und eine Lösung ist es sicherlich nicht die Religion zurechtzubiegen. Jeder soll eifern im Guten den Menschen dienlich zu sein.

lynxxx
14.01.09, 20:58
Welche alte spekulative Tradition sollen die Iraner denn gehabt haben?? ...
Auch ist mir kein "sassanidisches" Werk bekannt, dass sich auch nur im Ansatz mit philosophischen oder verwandten Themen beschäftigt.

Falls du des englischen nicht so mächtig bist, hier noch ein Zitat, was einen Hinweis darauf geben könnte, was oben gemeint war.

aus : W. G. Lerch: Muhammads Erben. 1999.

"
Neben Ägypten war vor allem Syrien eines der Zentren dieser Vermittlung, besonders die obermesopotamische Stadt Harran; dazu das persische Gundischahpur, dessen Hochschule im Jahre 555 nach Christus von dem König Chosrau Anuschirwan gegründet worden war. Die Schule von Gundischahpur, getragen weitgehend von nestorianischen Christen, die aus Byzanz geflohen waren, war bekannt für ihre Studien des hellenistischen Wissens und der Medizin. Wir werden sehen, welchen Rang gerade die Medizin als Basiswissenschaft für viele islamische Denker einnahm."

Philosophie ist keine Naturwissenschaft oder Technik, richtig, dennoch entwickelt sie sich weiter, und ist es nicht hilfreich zu wissen, was der aktuelle Kenntnisstand ist, bevor man alte Schinken liest, um deren Erkenntnisse zu lesen, zu verstehen, und ggf. zu vergleichen?




Einige Ausschnitte aus U. Rudolph: Islam. Philosophie. 2004:


Ibn Taimîya


"Andere Autoren ließen sich erst gar nicht auf diese sondierende Form der Kritik ein. Sie meinten vielmehr, dass man die Philosophie insgesamt (d. h. einschließlich der Logik) ablehnen müsse. Das markanteste Beispiel für diese Haltung ist wohl Ibn Taimîya (gest. 1328). Er war zwar ein eifriger (und kluger) Leser philosophischer Texte, zog aus ihnen aber Schlüsse, die den Intentionen der Philosophen diametral entgegenstanden. Am auffälligsten geschieht das in einem Text, der unter dem Titel Die Widerlegung der Logiker bekannt wurde. Dort versucht Ibn Taimîya in aller Ausführlichkeit zu zeigen, dass die aristotelische Logik ein unbrauchbares, auf falschen Annahmen beruhendes Argumentationssystem sei (wobei die Einwände detaillierter sind als bei Suhrawardî). Aber damit nicht genug. Darüber hinaus möchte er offen legen, welch gravierende Folgen das Studium des Organons nach sich gezogen habe. Es soll nämlich den größten Teil der islamischen Gelehrten in die Irre geführt haben: die Philosophen ohnehin; aber leider auch viele von der Philosophie verwirrte Theologen; außerdem all jene Vertreter des Sufismus, die meinten, sich Ibn al-‛Arabîs Lehre von der Ein(s)heit des Seins anschließen zu müssen."
"Ibn Taimîya bekämpfte also nicht nur die Philosophie. Er bekämpfte vor allem den Einfluss der Philosophen. Insofern ist seine harsche und weit ausholende Kritik ein deutliches Indiz dafür, wie groß deren Wirkungsradius inzwischen gewesen sein muss. Die Zahlen bestätigen das auch. Gerade im 13. und 14. Jahrhundert entstanden – neben den Traktaten zur Logik –
eine Fülle von Schriften zur Physik und zur Metaphysik. Sie belegen eindrücklich, dass die Philosophie nicht nur in den Reflexionen der Theologen oder der Sufis weiterlebte, sondern nach wie vor eine eigene intellektuelle Disziplin war."


Ibn Sina:

"Also stellt sich die Frage nach dem Grund ihres Seins, die Avicenna zu seiner nächsten Überlegung, einem Beweis für die Existenz Gottes, führt."

"Folglich gibt es den Notwendig-Seienden (wâdjib al-wudjûd), der alles andere hervorbringt und der in der religiösen Sprache Gott genannt wird."

"Die Dinge, die von ihm hervorgebracht werden, müssen folglich gleichzeitig mit ihm existieren (weil notwendige Wirkungen von ihrer Ursache nicht zu trennen sind). Gott existiert aber von Ewigkeit her, denn er ist ja, wie wir gerade gesehen haben, der Notwendig-Seiende. Also besteht auch die Welt
schon immer, da ihr Sein von Ewigkeit her von ihm bewirkt wird.
Diese Folgerung hat Avicenna heftige Kritik eingetragen. Man warf ihm vor, den Aussagen des Korans zu widersprechen und den grundsätzlichen Unterschied zwischen Gott und der Schöpfung zu relativieren. Genau das war jedoch nicht seine Absicht. Seine Überlegungen zielten eher darauf, die ontologische Differenz zwischen Gott und den Geschöpfen herauszuarbeiten und begrifflich schärfer, als das zuvor geschehen war, zu markieren. Gott ist nach Avicennas Auffassung das einzige Seiende, das notwendigerweise existiert."

"Indem Avicenna dieser Frage nachgeht, entwickelt er eine Unterscheidung, die Aristoteles nicht kannte. ... Sie ruht nicht mehr allein auf Vorstellungen, die Aristoteles (und die Neuplatoniker) entwickelt hatten. Vielmehr verbindet sie die traditionelle Seinsanalyse mit konzeptionellen Vorgaben (vor allem der Kontingenzerfahrung und einer theozentrischen Orientierung), die von der islamischen Theologie formuliert worden sind."

"Denn Avicenna will nicht nur nachweisen, dass wir eine Seele besitzen, sondern auch Auskunft darüber geben, wie sie beschaffen ist."

"Avicenna hat den Weg der Seele zur vollkommenen Erkenntnis in eindringlichen, teilweise an Kontemplation und mystische Erfahrung gemahnenden Worten beschrieben (insbesondere am Ende der Hinweise und Mahnungen). Deswegen wurde ihm von einigen modernen Interpreten unterstellt, zwei verschiedene Lehren vertreten zu haben: eine rationale, an Aristoteles orientierte Philosophie, deren Kulminationspunkt in Die Heilung erreicht gewesen sei, und eine «höhere», von Mystik und unmittelbarer Einsicht inspirierte Weisheitslehre, die aufgrund einer späteren Schrift (Die Östlichen; der Text ist zum Großteil verloren) als «Östliche Philosophie» bezeichnet wird. Diese Interpretation dürfte inzwischen als überholt gelten."

"Das Konzept der Intuition erlaubt Avicenna zudem eine weitere Differenzierung. Sie betrifft das Prophetentum, das in der islamischen Gesellschaft ja ebenfalls als Erkenntnisweg anerkannt war und deswegen in einer Epistemologie, die allen Formen des Wissens Rechnung tragen wollte, Berücksichtigung finden musste."
"Das Beispiel zeigt sehr schön, wie Avicenna auf die verschiedenen Erwartungen und (religiösen, theologischen, philosophischen) Denkansätze, die er vorfand, eingeht."
"Sie [die Philosopie] bleibt für religiöse Anliegen und theologische Fragestellungen offen. Das ließe sich – von der Prophetie abgesehen – noch an einer Reihe von weiteren Themen nachweisen (Gebet, Traum usw.). Am anschaulichsten dürfte es jedoch sein, wenn man betrachtet, wie sich diese Haltung beim Umgang mit dem Koran bewährt."

"Mit Avicennas Entwurf war ein neuer Diskussionsstand erreicht ... "
Weiter im Text, Rezeption Ibn Sinas, und zu Al Ghazali:
http://www.politikcity.de/forum/showthread.php?p=566769#post56 6769



Ibn Ruschd


Statt den Post noch länger zu machen, verzichte ich mal auf weitere Zitate, sondern hänge sie als Anhang an, und werde den Anhang in Kürze wieder löschen.

Mersi und byebye


.

Der Schakal
14.01.09, 21:05
Ibn Taimîya

"Andere Autoren ließen sich erst gar nicht auf diese sondierende Form der Kritik ein. Sie meinten vielmehr, dass man die Philosophie insgesamt (d. h. einschließlich der Logik) ablehnen müsse. Das markanteste Beispiel für diese Haltung ist wohl Ibn Taimîya (gest. 1328). Er war zwar ein eifriger (und kluger) Leser philosophischer Texte, zog aus ihnen aber Schlüsse, die den Intentionen der Philosophen diametral entgegenstanden.

Ich lese mir seine Werke lieber selber durch anstatt die Ansichten der Orientalisten zu folgen. Zumal die Aussage schwammig ist. Soweit mir bekannt ist hat er 3 Werke dazu geschrieben. Habe eines in türkischer Übersetzung gefunden. Mal sehen ob die anderen auch übersetzt wurden ... Diesbezüglich müsste man sich aber auch mit dem Kiyas auseinandersetzen.

lynxxx
14.01.09, 21:14
Dazu müsstest du aber auch Ibn Sina, al Arabi, usw. durchgelesen und VERSTANDEN haben, um urteilen zu können, ob Ibn Taimiya da was falsch verstanden hatte oder falsch verstehen wollte.

Ich dachte eigentlich, du studierst hauptberuflich Geschichte, nicht Philosophie und hängst eh schon zuviel hier im Forum rum? :D

AlGhazali
14.01.09, 21:42
Seneler evvel nice yillar evvel...bir gün Ibrahim Efendi demisti bana : "ilim ögrenmek kilden testi yapmaga benzer. Kilde az bucuk dengesizlik veya az da olsa hava giderse veya sobada sicaklik ayni derece her yandan isitmaz ise o kil patlar catlar. Ilim ögrenmek usulune göre olur. Öyle baglantisiz kova kova su tasiyip havuzda biriktirmek gibi degil." Hersey yerli yerinde baglantili sistematik ve adabina göre. Dinimiz derki bir Hadisde "En iyi insan alimdir (peygamberler ve ashab haric) en kötüsüde kötü alimdir." Saga sola bilgi aktarmak ile bir konuyu iyice bilmeden ortaya birseyler dökmek ile olmuyor. Öyle cok insan yanlis yollara kaydi.
ilimin sartlarindan birisi edeb. Edebin en genis tarifi : insanin kendi haddini bilmesidir.
Sözüm meclisden disari...kimse kendine bu sözleri cekmesin.

"Für einen wissenschaftsgläubigen Menschen ist das Schlimmste , daß die Philosophie gar keine allgemeingültigen Ergebnisse hat, etwas, das man wissen und damit besitzen kann. Während die Wissenschaften auf ihren Gebieten zwingend gewisse und allgemein anerkannte Erkenntnisse gewonnen haben, hat die Philosophie dies trotz der Bemühungen der Jahrtausende nicht erreicht. Es ist nicht zu leugnen: in der Philosophie gibt es keine Einmütigkeit des endgültig Erkannten. Was aus zwingenden Gründen von jedermann anerkannt wird, das ist damit eine wissenschaftliche Erkenntnis geworden, ist nicht mehr Philosophie, sondern bezieht sich auf ein besonderes Gebiet des Erkennbaren. Das philosophische Denken hat auch nicht , wie die Wissenschaften , den Charakter eines Fortschrittsprozesses. [...]." Prof.Dr.Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie, 1953,München,S.9.

Der Schakal
14.01.09, 22:27
Dazu müsstest du aber auch Ibn Sina, al Arabi, usw. durchgelesen und VERSTANDEN haben, um urteilen zu können, ob Ibn Taimiya da was falsch verstanden hatte oder falsch verstehen wollte.

Ich dachte eigentlich, du studierst hauptberuflich Geschichte, nicht Philosophie und hängst eh schon zuviel hier im Forum rum? :D

Es ging mir darum Ibn Taymiyyahs Stellung von ihm selbst zu erfahren. Mit Ibn Sina etc. hat das wenig zu tun. Die Angelegenheiten bzgl. der Philosophie (besonders der islamischen Einstellung diesbezüglich) sind mir durch das Studium des politischen Denkens gekommen. Die nächsten 2 Wochen (ab morgen) werde ich wohl intensiver für meine Klausuren lernen. Dann sehen und schreiben wir uns wieder ...

TomBac
14.01.09, 22:47
Seneler evvel nice yillar evvel...bir gün Ibrahim Efendi demisti bana : "ilim ögrenmek kilden testi yapmaga benzer. Kilde az bucuk dengesizlik veya az da olsa hava giderse veya sobada sicaklik ayni derece her yandan isitmaz ise o kil patlar catlar. Ilim ögrenmek usulune göre olur. Öyle baglantisiz kova kova su tasiyip havuzda biriktirmek gibi degil." Hersey yerli yerinde baglantili sistematik ve adabina göre. Dinimiz derki bir Hadisde "En iyi insan alimdir (peygamberler ve ashab haric) en kötüsüde kötü alimdir." Saga sola bilgi aktarmak ile bir konuyu iyice bilmeden ortaya birseyler dökmek ile olmuyor. Öyle cok insan yanlis yollara kaydi.
ilimin sartlarindan birisi edeb. Edebin en genis tarifi : insanin kendi haddini bilmesidir.
Sözüm meclisden disari...kimse kendine bu sözleri cekmesin.


Acikcasi, anlatmak istedigini anlayamadim, AlGhazali.



"Für einen wissenschaftsgläubigen Menschen ist das Schlimmste , daß die Philosophie gar keine allgemeingültigen Ergebnisse hat, etwas, das man wissen und damit besitzen kann. Während die Wissenschaften auf ihren Gebieten zwingend gewisse und allgemein anerkannte Erkenntnisse gewonnen haben, hat die Philosophie dies trotz der Bemühungen der Jahrtausende nicht erreicht. Es ist nicht zu leugnen: in der Philosophie gibt es keine Einmütigkeit des endgültig Erkannten. Was aus zwingenden Gründen von jedermann anerkannt wird, das ist damit eine wissenschaftliche Erkenntnis geworden, ist nicht mehr Philosophie, sondern bezieht sich auf ein besonderes Gebiet des Erkennbaren. Das philosophische Denken hat auch nicht , wie die Wissenschaften , den Charakter eines Fortschrittsprozesses. [...]." Prof.Dr.Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie, 1953,München,S.9.Obgleich ich Jaspers durchaus sympathisch finde, ist diese Einschätzung von Philosophie und Objektwissenschaft ad acta gelegt und längst überholt. Ich habe einmal 1 Jahr lang die "Bunte" bestellt und kenne mich deswegen etwas in analytischer Philosophie und Wissenschaftstheorie aus (du mußt mir glauben, dass ich mich damit einige Zeit beschäftigt habe). Es gibt innerhalb der Philosophie durchaus Fortschrittsprozesse und für die Objektwissenschaften wurde der faustische Erkenntnisanspruch (zumindest aus wissenschaftstheoretischer Perspektive) längst aufgegeben.

TomBac
14.01.09, 22:52
Die nächsten 2 Wochen (ab morgen) werde ich wohl intensiver für meine Klausuren lernen. Dann sehen und schreiben wir uns wieder ...

Ich werde offiziell bei den Beteibern dieses Forums die Sperrung deines Accounts für die nächsten zwei Wochen beantragen.

Der Schakal
14.01.09, 22:54
Ich werde offiziell bei den Beteibern dieses Forums die Sperrung deines Accounts für die nächsten zwei Wochen beantragen.

Ganz Ehrlich. Daran dachte ich auch schon.

polatinum
14.01.09, 22:58
Ganz Ehrlich. Daran dachte ich auch schon.

Beleidige doch einfach einen Mod dann kriegste Sperre für paar Wochen.

Der Schakal
14.01.09, 23:11
Ab Morgen bin ich nicht mehr da inshallah bis Ende Januar.

lynxxx
15.01.09, 01:09
Es ging mir darum Ibn Taymiyyahs Stellung von ihm selbst zu erfahren. Mit Ibn Sina etc. hat das wenig zu tun....

Tja, wenn er aber in seinen Werken sich auf (z.T. falsch verstandene) Thesen von Ibn Sina, Ibn Ruschd, Al Ghazali beruft, und du nicht diese Werke der Gelehrten auch liest, wie willst du erkennen, worauf er anspielt, wovon er ausgeht, wie er seine "Beweisführung" vornimmt?

Du bist doch bei den Armeniern immer so kritisch, wo bleibt hier deine historische Ausbildung? Das wäre ja so, als wenn du nur Lepsius lesen würdest, und nur aufgrund dessen die tragischen Ereignisse zu rekonstruieren versuchen würdest? ;)

Viel Erfolg bei deinen Prüfungen, kardesim! :)

Komiker
15.01.09, 08:37
ich bin voll drauf reingefallen TomBac.....

wenn die Suchtis mit Gewalt vom Internet gekappt werden müssen ist schon schlimm....

viel Erfolg bei deinen Klausuren Schakal.....wenn eine Frage hast, schau mal vorbei....:)

omar
28.02.09, 02:51
gibt es eine vom islam unabhänige türkische philosophie?

Nettelbeck
28.02.09, 11:52
Es geht darum das jemand Fundamente leugnet. Diesbezüglich kann es auch keine diskussionen geben.

Wenn ich sowas lese, schwillt mir der Kamm. Über alles muß geredet werden können. Wer fundamentale Richtungsentscheidungen, die ihn al la longue auf's Abstellgleis der Geschichte führen, nicht in Frage stellen und revidieren kann, ist verdammt, dort zu bleiben.

AlGhazali
28.02.09, 12:39
Nettelbeck ...du hast eine komische Seite auf jeden Fall. Man kümmere nicht darum was gemeint ist sondern was man selbst verstehen will nicht wahr ? Bei ihnen ist der Wille auf die Mütze des Muslims zu hauen so gross dass sie auch dann zuschlagen wenn es auch so aussieht als würde der Muslim Streit-Geschütz ausfahren.

Auf Türkisch klingeln zwei Begriffe fast gleich mit auf ein Konsonant : Dayi = Onkel. Ayi = Bär (auch als Schimpfwort benutzt). Sagt nun jemand "Dayi" willst du "Ayi" hören, weil sie es hören willst oder Erwartung sehr hoch ist sowas zu hören.

Zum Thema...damit sie auch gaaanz richtig verstehen, muss man wohl Beispiele geben aus Dingen und Themen, die ihnen vertrauter ist.

Wenn ein Katholik die Dreifaltigkeit oder die Hypostase Jesu leugnet gilt er nicht mehr als Katholik. Nicht nur das man würde ihm das Christsein absprechen. Da dies sicher ist will der Schakal sagen, das dies nicht diiskutabel ist im Sinne von "fest". Natürlich kann man über alles reden oder denken aber ist diese Selbstverständlichkeit in allem und in jeder Gelegenheit zu nennen?

lynxxx
28.02.09, 13:52
gibt es eine vom islam unabhänige türkische philosophie?
Nicht das ich wüsste. Wenn, dann wohl erst in den letzten Jahrzehnten, aber international bekannter wurden philosophische Ansätze innerhalb des Islams, nicht ausserhalb.

Nettelbeck
28.02.09, 16:02
Nettelbeck ...du hast eine komische Seite auf jeden Fall.

Ich lese, daß das "Fundament" nicht in Frage gestellt oder diskutiert werden dürfe, und höre dabei "Fundamentalismus" heraus. Was ist daran komisch?


Natürlich kann man über alles reden oder denken aber ist diese Selbstverständlichkeit in allem und in jeder Gelegenheit zu nennen?

Wenn diese Selbstverständlichkeit bedroht wird, ist es für mich selbstverständlich, dazu nicht zu schweigen.

omar
29.04.09, 01:08
Richtig.
So wie ich das verstanden habe, kritisierte Ghazali insbesondere den islamischen Aristotelismus. Sein Ausgangspunkt ist wohl die 'Kritik der reinen Vernunft', wobei sich hier eine deutliche Parallele zu Kants "Kritik der reinen Vernunft" erkennen läßt. Aufgrund des "Scheiterns der Rationalität" kommt es bei ihm wohl zu einer Hinwendung zur Mystik (?). In diesem Zusammenhang kann ich "Kant and Ghazali. The Idea of Universality of Ethical Norms." empfehlen. Ich habe es noch nicht durchgelesen, arbeite mich aber Schritt-für-Schritt durch.
das verstehe ich nicht.
kant gilt doch als zerstörer dieser spekulativen metaphysik. ghazalis ist aber genau so einer, oder nicht?

Administrator
01.04.12, 03:50
fyi & push

Maha
01.04.12, 23:20
wow, was für ein tolles Thema und wie aktiv man hier diskutiert hat.

admin
01.04.12, 23:27
benutze mal die Suchfunktion & | Similar-Threads / Ähnliche-Beiträge (ganz unten vom letzten Beitrag eines jeden Threads) und du wirst dich wundern!
was es alles gab und gibt hier auf PC ;)

dann wirst du verstehen, warum alle uns zerstören wollen respektive uns bekämpfen mit allen mitteln!