DeLaHoya
25.07.05, 11:32
"Ein Terroranschlag in Berlin ist nur eine Frage der Zeit"
Burhan Kesici von der Islamischen Föderation und der CDU-Verfassungsschutzexperte Andreas Gram diskutieren über die Sicherheit in der Hauptstadt
Herr Gram, der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) und auch die Berliner CDU sprechen sich nach den Terroranschlägen von London für eine flächendeckende Überwachung der Moscheen durch den Verfassungsschutz aus. Was soll das bringen?
Andreas Gram: Ich verwende diesen Begriff nicht, sondern spreche mich für eine verstärkte und vertiefte Überwachung der Moscheen durch den Verfassungsschutz aus. Unser Ziel muss es sein, Informationen zu sammeln, ob sich dort Zirkel von gewaltbereiten Fundamentalisten bilden. Wir wollen die Gläubigen nicht stören, sondern die Religionsfreiheit achten.
Burhan Kesici: Ich halte die Absicht für sehr gefährlich, weil damit alle Muslime unter Generalverdacht gestellt werden. Es wird suggeriert, dass in allen Moscheen Hass gepredigt und zu Gewalt aufgerufen wird. Die Fundamentalisten sind ohnehin nicht in den Moscheen, sondern treffen sich an anderen Orten.
Gram: Das stimmt. Aber wenn sich der Verfassungsschutz stärker um die Moscheen kümmert, wird er auch Hinweise auf die Fundamentalisten bekommen. Wir wollen doch den Schutz der friedliebenden Muslime. Ich habe aber die große Sorge, dass die Menschen draußen irgendwann nicht mehr zwischen den Muslimen insgesamt und den Gewalttätern differenzieren.
Hat der Verfassungsschutz die extremistischen Islamisten in Berlin nicht genügend überwacht?
Gram: Meiner Meinung nach hätte im Bereich des gewaltbereiten Islamismus mehr getan werden müssen. Der Senat hätte dem Verfassungsschutz dafür mehr Mittel zur Verfügung stellen müssen. Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, die Kontrollen zu verstärken.
Kesici: Wir sind uns im Klaren, dass auch heute schon einige Moscheen überwacht werden. Dies geht ja aus den Berichten des Verfassungsschutzes hervor. Selbstverständlich muss der Staat alles machen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Dies nutzt uns ja auch, wenn wir bescheinigt bekommen, von welchen Moscheen keine Gefahr ausgeht.
Herr Kesici, müssen die muslimischen Gemeinden und Organisationen selbst noch mehr tun? Also sich deutlicher von Terroranschlägen und Morden distanzieren? Es ist zwar ganz klar, dass Muslime nicht generell Terroristen sind, aber die Terroristen in der jüngsten Vergangenheit waren alle Muslime...
Kesici: Ich glaube, die islamischen Gemeinden und Verbände haben in den letzten Jahren schon sehr viel getan und den Terror klipp und klar verurteilt. Terror hat im Islam nichts zu suchen, die Terroristen können sich nicht auf den Islam beziehen.
Gram: Ich erwarte von den friedliebenden Muslimen, dass sie sich ganz klar von den Terroranschlägen distanzieren. Beispielsweise auch im Islamkunde-Unterricht. Unser gemeinsames Ziel ist doch, den Terror zu verhindern. Unsere Gegner sind also nicht die Muslime, sondern die Terroristen. Stellen Sie sich nur einmal vor, es würde einen Bombenanschlag in Berlin geben und später findet man heraus, dieser wurde in einer Berliner Moschee vorbereitet. Dann stellt sich doch sofort die Frage, warum dieser Anschlag nicht verhindert werden konnte, warum wir mit dem Verfassungsschutz, mit V-Leuten nicht dort waren. Deshalb bin ich dafür, die Überwachung zu verstärken und die Erfahrungen aus den USA und England zu nutzen. Wer den Erfahrungsvorsprung nicht nutzen will, dem ist nicht zu helfen.
Nochmals die Frage an Herrn Kesici: Die Terroristen beziehen sich doch auf den Islam, die Attentate in London wurden mit Verweis auf die Beteiligung Englands am Irak-Krieg begründet ...
Kesici: Aber das hat nichts mit Religion zu tun, sondern mit Politik.
Gram: Aber an manchen Koranschulen wie in Pakistan wird doch gerade dies gelehrt und zur "Heiligen Explosion" - von Selbstmordattentaten wird ja nicht gesprochen - und zum Heiligen Krieg aufgerufen. Der Islam wird dabei als Legitimation für die Attentate benutzt. Das muss man doch zur Kenntnis nehmen. Es wäre deshalb sehr hilfreich, wenn führende Muslime gemeinsam auftreten und sagen würden, dass all diese Terrortaten vom Islam nicht gedeckt sind. Nur so kann man Gegendruck aufbauen und Entschuldigungen der Terroristen gar nicht erst ermöglichen.
Kesici: Ich muss Sie korrigieren. In keiner einzigen Stelle im Koran werden Selbstmordattentate legitimiert.
Gram: Aber in einigen Koranschulen.
Kesici: Wir reden aber über die Grundlagen des Islam, nicht über die Koranschulen, in den Fundamentalisten ausgebildet werden. Dort wird der Islam für politische Zwecke missbraucht. Deshalb versuchen wir als islamische Gemeinden ja auch, mehr zu machen. Wir haben zum Beispiel eine Bildungsinitiative in unseren Gemeinden gestartet, weil wir gesehen haben, dass der Bildungsstand vieler Muslime in Deutschland relativ gering ist. Viele unterscheiden nicht zwischen Religion und Tradition und fallen dann auch auf fundamentalistische Laienprediger herein. Wir fordern unsere Muslime auch auf, mehr zu lesen und mehr nachzudenken.
Gram: Dafür haben Sie unsere volle Unterstützung.
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat nach den jüngsten Anschlägen gesagt, mit allen noch so guten Sicherheitsmaßnahmen sei der Terrorismus nicht zu besiegen. Wichtig sei der Kampf um das, was in den Köpfen geschieht. Richtig?
Kesici: Ja, da hat Innensenator Körting Recht. Wir werden den islamistischen Terrorismus nur besiegen, wenn die Fundamentalisten keine anderen Menschen mehr beeinflussen können. Die Politik kann uns in dieser Richtung auch unterstützen. Die Menschen müssen besser integriert werden und dürfen nicht als Ausländer diffamiert werden. Zum Beispiel muss akzeptiert werden, dass ein Türke, der die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, dann auch wirklich ein Deutscher ist.
Gram: Integration ist keine Einbahnstraße. Es ist aber von politischer Seite in den vergangenen Jahren nicht genug getan worden. Deswegen plädiere ich ja dafür, sich unabhängig von der parteipolitischen Ausrichtung zusammenzusetzen und gemeinsam zu überlegen, was man tun kann. Wir müssen verhindern, dass die Parallelgesellschaften, so wie es sie in Berlin schon gibt, weiterhin bestehen. Das ist ja auch die gefährliche Botschaft von London: Die Bomben wurden von jungen Pakistanis gezündet, die in England aufgewachsen sind und dort gelebt haben.
In London fanden innerhalb von zwei Wochen nun schon zwei Mal Bombenattentate statt. Wie gefährdet ist Berlin?
Gram: Deutlich gefährdet.
Kesici: Man kann da keine Einschätzung abgeben, weil der Terrorismus inzwischen keine Grenzen mehr kennt und heute überall auftreten kann.
Gram: Aber wir müssen doch die Sache beim Namen benennen. Innensenator Körting hat sicherlich Recht, wenn er sagt, im Moment gebe es keine aktuellen Hinweise auf einen Terroranschlag. Aber das heißt doch nicht, dass Berlin nicht gefährdet ist. Berlin als deutsche Hauptstadt befindet sich im oberen Gefährdungsbereich.
Ein Terroranschlag in Berlin ist also nur noch eine Frage der Zeit?
Gram: Ja, es ist eine Frage der Zeit. Das muss man den Leuten auch sagen.
Kesici: Da kann ich nicht widersprechen. Ein Terroranschlag passiert überall und deshalb kann man das nicht ausschließen.
Gram: In dieser Frage sind wir uns in Berlin doch über die Parteigrenzen hinweg einig: Unsere Gegner sind die islamistischen Terroristen. Aber wir müssen die Menschen vorbereiten: Wir sind nicht weniger gefährdet als andere Metropolen auch.
Kesici: Wir sollten aber jetzt keine Panik verbreiten. Ich hoffe sehr, dass es nicht zu einer Spaltung zwischen den Muslimen und den anderen Menschen kommt.
Das Gespräch moderierte Christine Richter.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/468661.html
Burhan Kesici von der Islamischen Föderation und der CDU-Verfassungsschutzexperte Andreas Gram diskutieren über die Sicherheit in der Hauptstadt
Herr Gram, der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) und auch die Berliner CDU sprechen sich nach den Terroranschlägen von London für eine flächendeckende Überwachung der Moscheen durch den Verfassungsschutz aus. Was soll das bringen?
Andreas Gram: Ich verwende diesen Begriff nicht, sondern spreche mich für eine verstärkte und vertiefte Überwachung der Moscheen durch den Verfassungsschutz aus. Unser Ziel muss es sein, Informationen zu sammeln, ob sich dort Zirkel von gewaltbereiten Fundamentalisten bilden. Wir wollen die Gläubigen nicht stören, sondern die Religionsfreiheit achten.
Burhan Kesici: Ich halte die Absicht für sehr gefährlich, weil damit alle Muslime unter Generalverdacht gestellt werden. Es wird suggeriert, dass in allen Moscheen Hass gepredigt und zu Gewalt aufgerufen wird. Die Fundamentalisten sind ohnehin nicht in den Moscheen, sondern treffen sich an anderen Orten.
Gram: Das stimmt. Aber wenn sich der Verfassungsschutz stärker um die Moscheen kümmert, wird er auch Hinweise auf die Fundamentalisten bekommen. Wir wollen doch den Schutz der friedliebenden Muslime. Ich habe aber die große Sorge, dass die Menschen draußen irgendwann nicht mehr zwischen den Muslimen insgesamt und den Gewalttätern differenzieren.
Hat der Verfassungsschutz die extremistischen Islamisten in Berlin nicht genügend überwacht?
Gram: Meiner Meinung nach hätte im Bereich des gewaltbereiten Islamismus mehr getan werden müssen. Der Senat hätte dem Verfassungsschutz dafür mehr Mittel zur Verfügung stellen müssen. Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, die Kontrollen zu verstärken.
Kesici: Wir sind uns im Klaren, dass auch heute schon einige Moscheen überwacht werden. Dies geht ja aus den Berichten des Verfassungsschutzes hervor. Selbstverständlich muss der Staat alles machen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Dies nutzt uns ja auch, wenn wir bescheinigt bekommen, von welchen Moscheen keine Gefahr ausgeht.
Herr Kesici, müssen die muslimischen Gemeinden und Organisationen selbst noch mehr tun? Also sich deutlicher von Terroranschlägen und Morden distanzieren? Es ist zwar ganz klar, dass Muslime nicht generell Terroristen sind, aber die Terroristen in der jüngsten Vergangenheit waren alle Muslime...
Kesici: Ich glaube, die islamischen Gemeinden und Verbände haben in den letzten Jahren schon sehr viel getan und den Terror klipp und klar verurteilt. Terror hat im Islam nichts zu suchen, die Terroristen können sich nicht auf den Islam beziehen.
Gram: Ich erwarte von den friedliebenden Muslimen, dass sie sich ganz klar von den Terroranschlägen distanzieren. Beispielsweise auch im Islamkunde-Unterricht. Unser gemeinsames Ziel ist doch, den Terror zu verhindern. Unsere Gegner sind also nicht die Muslime, sondern die Terroristen. Stellen Sie sich nur einmal vor, es würde einen Bombenanschlag in Berlin geben und später findet man heraus, dieser wurde in einer Berliner Moschee vorbereitet. Dann stellt sich doch sofort die Frage, warum dieser Anschlag nicht verhindert werden konnte, warum wir mit dem Verfassungsschutz, mit V-Leuten nicht dort waren. Deshalb bin ich dafür, die Überwachung zu verstärken und die Erfahrungen aus den USA und England zu nutzen. Wer den Erfahrungsvorsprung nicht nutzen will, dem ist nicht zu helfen.
Nochmals die Frage an Herrn Kesici: Die Terroristen beziehen sich doch auf den Islam, die Attentate in London wurden mit Verweis auf die Beteiligung Englands am Irak-Krieg begründet ...
Kesici: Aber das hat nichts mit Religion zu tun, sondern mit Politik.
Gram: Aber an manchen Koranschulen wie in Pakistan wird doch gerade dies gelehrt und zur "Heiligen Explosion" - von Selbstmordattentaten wird ja nicht gesprochen - und zum Heiligen Krieg aufgerufen. Der Islam wird dabei als Legitimation für die Attentate benutzt. Das muss man doch zur Kenntnis nehmen. Es wäre deshalb sehr hilfreich, wenn führende Muslime gemeinsam auftreten und sagen würden, dass all diese Terrortaten vom Islam nicht gedeckt sind. Nur so kann man Gegendruck aufbauen und Entschuldigungen der Terroristen gar nicht erst ermöglichen.
Kesici: Ich muss Sie korrigieren. In keiner einzigen Stelle im Koran werden Selbstmordattentate legitimiert.
Gram: Aber in einigen Koranschulen.
Kesici: Wir reden aber über die Grundlagen des Islam, nicht über die Koranschulen, in den Fundamentalisten ausgebildet werden. Dort wird der Islam für politische Zwecke missbraucht. Deshalb versuchen wir als islamische Gemeinden ja auch, mehr zu machen. Wir haben zum Beispiel eine Bildungsinitiative in unseren Gemeinden gestartet, weil wir gesehen haben, dass der Bildungsstand vieler Muslime in Deutschland relativ gering ist. Viele unterscheiden nicht zwischen Religion und Tradition und fallen dann auch auf fundamentalistische Laienprediger herein. Wir fordern unsere Muslime auch auf, mehr zu lesen und mehr nachzudenken.
Gram: Dafür haben Sie unsere volle Unterstützung.
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat nach den jüngsten Anschlägen gesagt, mit allen noch so guten Sicherheitsmaßnahmen sei der Terrorismus nicht zu besiegen. Wichtig sei der Kampf um das, was in den Köpfen geschieht. Richtig?
Kesici: Ja, da hat Innensenator Körting Recht. Wir werden den islamistischen Terrorismus nur besiegen, wenn die Fundamentalisten keine anderen Menschen mehr beeinflussen können. Die Politik kann uns in dieser Richtung auch unterstützen. Die Menschen müssen besser integriert werden und dürfen nicht als Ausländer diffamiert werden. Zum Beispiel muss akzeptiert werden, dass ein Türke, der die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, dann auch wirklich ein Deutscher ist.
Gram: Integration ist keine Einbahnstraße. Es ist aber von politischer Seite in den vergangenen Jahren nicht genug getan worden. Deswegen plädiere ich ja dafür, sich unabhängig von der parteipolitischen Ausrichtung zusammenzusetzen und gemeinsam zu überlegen, was man tun kann. Wir müssen verhindern, dass die Parallelgesellschaften, so wie es sie in Berlin schon gibt, weiterhin bestehen. Das ist ja auch die gefährliche Botschaft von London: Die Bomben wurden von jungen Pakistanis gezündet, die in England aufgewachsen sind und dort gelebt haben.
In London fanden innerhalb von zwei Wochen nun schon zwei Mal Bombenattentate statt. Wie gefährdet ist Berlin?
Gram: Deutlich gefährdet.
Kesici: Man kann da keine Einschätzung abgeben, weil der Terrorismus inzwischen keine Grenzen mehr kennt und heute überall auftreten kann.
Gram: Aber wir müssen doch die Sache beim Namen benennen. Innensenator Körting hat sicherlich Recht, wenn er sagt, im Moment gebe es keine aktuellen Hinweise auf einen Terroranschlag. Aber das heißt doch nicht, dass Berlin nicht gefährdet ist. Berlin als deutsche Hauptstadt befindet sich im oberen Gefährdungsbereich.
Ein Terroranschlag in Berlin ist also nur noch eine Frage der Zeit?
Gram: Ja, es ist eine Frage der Zeit. Das muss man den Leuten auch sagen.
Kesici: Da kann ich nicht widersprechen. Ein Terroranschlag passiert überall und deshalb kann man das nicht ausschließen.
Gram: In dieser Frage sind wir uns in Berlin doch über die Parteigrenzen hinweg einig: Unsere Gegner sind die islamistischen Terroristen. Aber wir müssen die Menschen vorbereiten: Wir sind nicht weniger gefährdet als andere Metropolen auch.
Kesici: Wir sollten aber jetzt keine Panik verbreiten. Ich hoffe sehr, dass es nicht zu einer Spaltung zwischen den Muslimen und den anderen Menschen kommt.
Das Gespräch moderierte Christine Richter.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/468661.html