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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Geschichter eines schweizer Gurbetçi: Wie ein Vogel in einem Käfig



DeLaHoya
25.07.05, 22:59
Gesellschaft
21.07.2005
Wie ein Vogel in einem Käfig

Ahmet Akbulut kam vor 34 Jahren als Hilfsarbeiter in die Schweiz. Bald werden er und seine Frau in die Heimat Türkei zurückkehren. Seine Integration sei letztendlich gescheitert.

Von Barbara Bürer

Miyrem Akbulut wedelt mit zwei Blatt Papier. Es ist ihre Umzugsliste, eine vorläufige, in türkischer Sprache. Auf jeder Linie steht eine Zahl, die mit Leuchtstift markiert ist. Frau Akbulut zeigt das ehemalige Kinderzimmer, wo sich die Schachteln stapeln, angeschrieben mit diesen Zahlen.

Dennoch ist die Wohnung alles andere als leer. In all den Jahren hat sich viel angesammelt. Tochter Özlem sagt: «Einst kam der Vater mit einem Koffer in die Schweiz, nun benötigen die Eltern für den Umzug einen Sattelschlepper.»

Bis es so weit ist, bleibt noch etwas Zeit. Am 8. Oktober kehren Vater und Mutter Akbulut in ihre Heimat zurück, die er vor 34 Jahren verlassen hat. Ahmet Akbulut, bald 57, kam am 24. Juni 1971 mit dem Zug in Buchs an, wo ihn eine Frau mit seinem Dossier in der Hand in Empfang nahm. Er, zum ersten Mal überhaupt im Ausland, verständigte sich mit ihr «tarsanisch», was heisst: mit Händen und Füssen.

Dass er an jenem Junitag Schweizer Boden betrat, war ein Zufall: Ein Freund, der hier Arbeit hatte, vermittelte ihm in der Psychiatrischen Klinik Rheinau einen Hilfsarbeiterjob. Akbulut, der studierte Landwirtschaftstechniker, hatte schon lange den Wunsch, für «etwa fünf Jahre» ins Ausland zu gehen, in die Schweiz, in «ein demokratisches Land», um sich «weiterzubilden und das Wissen zu vergrössern».

Viele Gründe, heimzugehen

Er sitzt in der Stube im blauen Polster, abends um neun beginnt seine Nachtschicht. Akbulut ist Psychiatriepfleger in der Klinik Hard in Embrach. Er trinkt Tee aus einem Glas, das ihm seine Frau stetig nachfüllt. Tochter und Sohn sind auf Besuch; sie sind hier geboren und aufgewachsen, Özlem, 26, Studentin, verheiratet, Ümit, 32, Projektmanager, verlobt. Sie werden die Eltern mit einem «weinenden Auge» ziehen lassen, aber, sagt Ümit, der Vater brauche jetzt Ruhe, «du hast genug und hart gearbeitet».

Für die Akbuluts gibt es viele Gründe, «heimzugehen», in den Ort Ayvalik nahe Izmir; und Ahmet Akbulut holt Fotos von seinem Haus, Villa Alinteri (übersetzt: Arbeitsschweiss), das er gebaut hat, einen Steinwurf vom Meer entfernt. Für ihn ist es eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Ebenso «muss ich irgendwann einen Punkt machen», sonst würde er sich «selbst belügen», weil doch immer klar war, «retour zu gehen». Sohn Ümit mischt sich ein, der Vater solle auch den andern Grund erwähnen: dass sich sein Umfeld in den letzten Jahren verändert habe, «sag, dass du immer wieder mit unterschwelligem Rassismus konfrontiert wirst».

Ahmet Akbulut nickt. Irgendwie tut es ihm weh, am Gastland Kritik zu üben. Doch wird er das Gefühl nicht los, manchmal (und vor allem in den vergangenen Jahren) wie ein Asylbewerber behandelt zu werden; als «Mensch zweiter Klasse». Das mag auch daran liegen, dass die Akbuluts (wie alle Türken) ein Visum brauchen, wenn sie ins Ausland reisen möchten. Er empfindet das als Demütigung, weil er so lange schon hier lebt, völlig unauffällig. Sohn Ümit sagt: «Jetzt hat der Vater so lange dem Kanton gedient, aber das wird im Umgang mit ihm, ob von öffentlichen oder privaten Stellen, nicht einbezogen.»

Keine «gute alte Schweiz» mehr

Es hat sich viel verändert in all den Jahren. Die Kopftuchdebatte (oder die Diskussion, ob muslimische Schulkinder nicht turnen und schwimmen dürfen) hat sich auch auf das Leben türkischer Einwanderer ausgewirkt. «Der Türke», sagt Ahmet Akbulut, «bekam in der Schweiz plötzlich einen andern Status.» Früher sei man ihm (als Arbeitskraft) mit «Hochachtung» begegnet. Und heute, ergänzt Sohn Ümit, «ist alles, was in der Nähe des Bosporus liegt, suspekt».

Akbuluts wohnen in einem hohen Wohnblock, dem Personalhaus der Klinik Hard. Vom Balkon aus sieht man auf einen Flachbau, der eingezäunt ist. Dort leben die Asyl Suchenden; es sind vor allem Schwarze – die Akbuluts haben «nichts gegen Ausländer», doch diese, die Unwillkommenen, die ohne Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung einfach ins Land kämen, verschärften das Klima für jene, die hier Tag für Tag einer geregelten Arbeit nachgingen.

Er, der Gastarbeiter, der bei der Einreise diesen einen kleinen Koffer dabeihatte, mit ein paar Kleidern und dem Toilettenbeutel drin. Der viel arbeiten musste, um das Essen auf den Tisch zu bringen. Die Asylbewerber, sagt er, «haben alles» und erhielten viel. Er vermisst die «gute alte Schweiz», die er kennen gelernt hatte. Jene «korrekten» und «hilfsbereiten» Menschen, jenes offene Klima, in dem 1974 James Schwarzenbachs Überfremdungsinitiative keine Chance hatte.

Akbuluts wirken, wie man so schön sagt, gut integriert. Sie sprechen Deutsch, die Mutter etwas holprig, die Kinder Dialekt. Sie hielten sich an Regeln und an Schweizer Gepflogenheiten – Mama zauberte schnell einmal (auch) die Schweizer Küche auf den Tisch; oder wie sie, die sich an anderes gewöhnt waren, Ruhezeiten ab 22 Uhr strikte einhielten: «Das muss man akzeptieren.» Ahmet Akbulut sagt, er habe 34 Jahre lang gelebt «wie ein Schweizer, und das war nicht immer einfach».

Akbuluts Vorwärtsstrategie

Der erste Arbeitstag in der Klinik muss schlimm gewesen sein. Noch jetzt füllen sich seine Augen mit Tränen: Ihm wurden Eimer und Schrubber in die Hand gedrückt, er sollte, da ein Gewitter den Keller überschwemmt hatte, das Wasser abschöpfen. «Ich habe geweint. In der Türkei, beim Ministerium für Landwirtschaft, hatte ich ein eigenes Büro, war Vorgesetzter – und jetzt bin ich Putzmann.»

Doch Akbulut sprach in solch schwierigen Situationen mit sich selbst: «Du hast das so gewählt. Du wolltest fort. Niemand hat für dich den roten Teppich ausgerollt. Jetzt musst du es nehmen, wie es ist» – mit einem Kämpferherz: «Man muss ja nicht dort verharren, sondern vorwärts gehen!» Für ihn hiess das, sich unbedingt die deutsche Sprache aneignen. Er setzte sich bei der Arbeit oder im Wirtshaus an Tische, wo Schweizerdeutsch gesprochen wurde. Er besuchte Deutschkurse.

Zur Vorwärtsstrategie gehörte, möglichst schnell zu zeigen, dass in ihm mehr steckte als ein Putzmann. Seine Kontaktfreudigkeit, seine soziale Ader wurden entdeckt. An Wochenenden durfte er als Pflegehilfe einspringen. Nach sechs weiteren Monaten wurde er zum Hilfspfleger befördert. Bald darauf ging er an die Krankenpflegeschule, die er zuerst mangels Deutschkenntnissen abbrechen musste, im Herbst 1977 jedoch mit der Note 5,3 abschloss. Stolz zeigt er das Diplom.

Schicksal und Zukunft

Davor hatte er «Madame» geheiratet, wie er seine Frau charmant nennt. Er lernte sie kennen, als er einmal ihre Eltern besuchte, die verwandtschaftlich verbandelt sind. Sie hat ihm sofort gefallen, er ihr – Miyrem Akbulut, 53, lächelt: nicht gleich auf den ersten Blick! Sie lebte in Ankara, war Damenschneiderin, träumte davon, auch nach Deutschland zu gehen, «so wie meine Freundinnen», und sich vielleicht dort zu vermählen. Stattdessen kam sie mit ihm in die Schweiz. Sie erinnert sich an den ersten Morgen, als sie in seinem engen Zimmer Tee gekocht habe: Irgendwie war es schrecklich! So weit weg plötzlich.

Es war Schicksal. Und Zukunft. Der Sohn wurde geboren, später die Tochter. Sie lebten in einem Zweifamilienhaus, das der Schweizer Familie G. gehörte. Die, sagen sie wie aus einem Mund, «waren ein absoluter Glücksfall». Akbuluts arbeiteten Vollzeit (sie als Putzfrau und Hilfsschwester), Frau und Herr G. übernahmen die Betreuung der Kinder. Sie wurden zur «Pflegefamilie», zu «Mami» und «Papi», wie sie Ümit und Özlem noch heute nennen. Ümit sagt: «Wir haben unheimlich profitiert. Sind in zwei kulturell verschiedenen Familien aufgewachsen. Haben von da das eine, von dort das andere mitgenommen.»

Wenn Ümit erklären soll, als was er sich fühlt, sagt er: «Ich bin ein Gummibaum.» Die Wurzeln seien türkisch, der muslimische Glauben, der Sinn für Familienbande. Alles andere, besonders das Denkverhalten, sei schweizerisch. «Ich bin eigentlich ein richtiger Bünzli!»

Özlem bewegt sich auch zwischen den beiden Kulturen. Zwischen türkischer Tradition (zu heiraten, wenn man mit dem Freund zusammenleben will) und schweizerischen Freiheiten (als Gymi-Lehrerin zu arbeiten, wenn sie das Studium abgeschlossen hat). Özlem wurde von ihren Eltern genauso gefördert wie ihr Bruder. Sie hat sich als Einzige der Familie einbürgern lassen, um an deutschen Universitäten Seminare besuchen zu können, ohne ständig einem Visum nachrennen zu müssen. Sie bezahlte (als Studentin) für den roten Pass 1000 Franken. Ümit hat ausgerechnet, was ihn die Einbürgerung kosten würde: 28 000 Franken, das ist ihm zu viel.

Integration gescheitert

Den Akbuluts war immer wichtig, beides zu leben. Sich integrieren, aber nicht assimilieren. Also nicht zu vergessen, woher sie kommen. Das Eigene (Kultur und Sitten) zu pflegen. Vater Akbulut war während 20 Jahren Präsident des türkischen Schul- und Elternvereins von Embrach und Umgebung. Sah sich als Brückenbauer zwischen Heimat und Gastland, war ein Vermittler, wenn es Probleme gab.

Und trotzdem ist jetzt Schluss. Ahmet Akbulut hat seine Stelle gekündigt. Er sagt, die Integration sei auf eine Art gescheitert. Obwohl er viel dafür getan habe. Er fühlt sich in der Schweiz «wie ein Vogel in einem Käfig». Er will endlich frei sein. Ob er das in der Türkei sein wird? Er nickt. Und Miyrem Akbulut macht sich jetzt wieder ans Schachtelnpacken.


http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/leben/gesellschaft/520671.html

DeLaHoya
25.07.05, 23:00
Diese Lebensgeschichte ist typisch, schade nur, dass man nicht mehr erfährt.

TOZKOPARAN
25.07.05, 23:18
Mein Vater wartet auf seine Rente. Noch 2-3 Jahre dann kann er in Rente gehen und dann wieder in die Heimat. In deutschland ist es nicht anders. Mein Vater erzählte mir viel über den Ausländerhass in der Firma. Das er als Türke immer rumkommandiert worden ist und imme die drecksarbeit machen musste. Als er sich dann mit 59 Jahren alter und 35 Jahren in der Firma sich dann beschwert hat wurde er fristlos entlassen.
Als Ausländer ist man in Deutschland mensch zweiter klasse. Ich werde hier auch nicht mehr als nötig bleiben. Bis ich meinen Doktor der Naturwissenschaften habe und dann heisst es auch für mich.
DEUTSCHLAND AUF NIMMERWIEDERSEHEN!!