DeLaHoya
27.07.05, 21:11
Hungerstreik
Irans letzter Held
Kalkulierte Übertretung: Warum der Regimekritiker Akbar Ganji sich zu Tode hungert.
Von Katajun Amirpur
„Wir brauchen dich nicht als toten Helden, wir wollen dich lebend“, haben ihm seine politischen Mitstreiter in einem offenen Brief geschrieben. Doch Akbar Ganji lässt sich nicht abbringen von seinem Entschluss: Er will sich zu Tode hungern – aus Protest gegen seine Haftstrafe und gegen die politische Repression in der Islamischen Republik Iran.
Er hat seit 34 Tagen nichts gegessen, 24 Kilo abgenommen und liegt seit zwei Tagen im Koma. Im Internet kursieren Bilder, die sein Siechtum dokumentieren.
Akbar Ganji will sich selbst töten. Das ist außergewöhnlich. Zwar setzen Muslime heutzutage Selbstmord als Waffe ein, aber in der Regel tun sie dies, um damit möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen.
Grundsätzlich jedoch ist es Muslimen strengstens verboten, sich selbst zu töten. Denn über Leben und Tod entscheidet nur Gott. Akbar Ganji ist strenggläubig. Was also bringt ihn dazu, dieses Gebot zu missachten?
Immerhin wurde der Hungerstreik als politisches Instrument von strenggläubigen Muslimen fast nie eingesetzt. Warum entschloss sich Akbar Ganji zu diesem Schritt?
Gadamer in Teheran
Wie viele andere heutige Reformer war auch der Soziologe Ganji einst ein feuriger Revolutionär und stieg nach der Revolution rasch in die höheren Ränge der Revolutionsgarden auf.
Doch wie vielen anderen missfiel auch ihm die Entwicklung, die sein Land nahm. Für Gerechtigkeit und Freiheit hatte er gekämpft, nicht für einen totalitären Staat, in dem die Menschenrechte im Namen einer konservativen Islamdeutung mit Füßen getreten werden.
Vor neun Jahren, 1996, arbeitete Akbar Ganji in der Redaktion der Zeitschrift Kiyan. Dieses Blatt, das inzwischen verboten ist, war Forum einer Bewegung, die sich selbst als religiöse Aufklärer bezeichneten.
Anfang der neunziger Jahre wurden hier Debatten geführt über die Vereinbarkeit von Islam und Moderne, Islam und Demokratie, Islam und Frauenrechten.
Die Zeitschrift – deren Titel auf Deutsch Horizont, Firmament bedeutet – galt als Hauspostille von Abdolkarim Sorusch, dem herausragendsten iranischen Reformtheoretiker.
Als Ganji damals das Zimmer betrat, drehte sich das Gespräch mit seinem Chefredakteur gerade darum, ob dieser Iran für einen totalitären Staat halte.
Er sagte: „Fragen Sie doch unseren Soziologen.“ Und Ganji bemerkte nur: „Kommen Sie, wir gehen einkaufen.“ – Einkaufen? – „Ja, Bücher. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Enghelab, die Revolution.“ Enghelab heißt Revolution auf Persisch, aber es ist eben auch der Name der Straße, in der sich vor der Universität Teheran die meisten und wichtigsten Buchläden der Stadt befinden.
Er hatte Recht: Irgendwie war es eine Revolution, die sich dort abspielte, wenn auch eine unerwartete. Akbar Ganji wies auf Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ oder „Macht und Gewalt“ und Karl Poppers „Die offene Gesellschaft“.
„Sofies Welt“ lag aus, ein Buch über westliche Philosophie, geschrieben für Anfänger, dazu Bücher von Gadamer, Schleiermacher, Küng, Tillich. „Glauben Sie, dass man einen Staat, in dem all das übersetzt wird, totalitär nennen kann?“, fragte er. – Nein, wohl nicht... – Da lachte er mit einem breiten Grinsen und sagte: „Sie haben Recht und auch nicht. Die wollen, dass es ein totalitärer Staat ist, aber sie schaffen es nicht. Sie kommen nicht an gegen dieses Volk von Ideologie-Verweigern. Und darum wird das nichts mit einem totalitären Iran.“
Beim nächsten Treffen, im Februar 1998, hatte er gerade eine mehrmonatige Haftstrafe hinter sich. Er hatte in einer Rede ausgeführt, dass in Iran religiöser Faschismus herrschte.
Eine Formulierung übrigens, die der noch amtierende Staatspräsident irgendwann von Ganji übernahm. Trotz der Haftstrafe ging es ihm gut, er schöpfte Hoffnung.
Der moderate Geistliche Mohammad Chatami war gerade gewählt worden, und Ganji hatte eine Lizenz bekommen für seine Wochenzeitschrift: Rah-e nou, der neue Weg. Auch diese Zeitschrift wurde zu einem Forum für Kritik, für intellektuelle Debatten, die die Islamische Republik nicht kannte.
Als er damals das Konzept seiner Zeitschrift erklärte, sprach Hoffnung aus seinen Worten: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Zukunft unseres Landes die Demokratie ist, ich habe keinen Zweifel daran, dass die Zukunft unseres Landes die zivile Gesellschaft ist“, sagte er.
„Vielleicht müssen wir ein, zwei, drei oder auch viele Jahre kämpfen, aber letztendlich gibt es keinen anderen Weg.“
Rah-e nou wurde, wie die meisten kritischen Zeitungen, verboten. Ganji begann daraufhin für die Zeitung Sobh-e emruz, Neuer Morgen, zu schreiben.
Hier hatte er sein großes Coming-out. „Die rote Eminenz“ hieß der mit Fußnoten gespickte Aufsatz, der im Januar 2000 erschien und wie eine Bombe einschlug.
In dem Text machte Ganji den ehemaligen Staatspräsidenten Rafsandschani für insgesamt achtzig Morde an Dissidenten, Schriftstellern und Vertretern der religiösen Minderheiten verantwortlich, die der Geheimdienst während seiner Präsidentschaft begangen hatte.
Später schrieb Ganji darüber das Buch „Das Verließ der Gespenster“, in dem er die Verstrickungen Rafsandschanis in den Staatsterror der Islamischen Republik im Ausland beschrieb, beispielsweise für das Attentat im Berliner Restaurant Mykonos.
Diese Enthüllungen dürften der wahre Grund sein, warum Akbar Ganji seit April 2000 im Gefängnis sitzt, und nicht, wie offiziell behauptet wird, seine Teilnahme an einer Konferenz der Heinrich-Böll Stiftung.
Sie töten die Hoffnung
Offiziell heißt es in diesen Tagen, ihm fehle nichts, außer einem Meniskusriss, wegen dem er am Wochenende ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Seine Anwältin, die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi, darf nicht zu ihm.
Seiner Frau jedoch wurde ein Besuch gewährt. Ihren Angaben zufolge ist er am Sonntag ins Koma gefallen. Sollte er sterben, verliert Iran einen seiner größten Helden.
Und weil er das weiß, weil er um den Aufschrei weiß, den dies auslösen würde, missachtet er das Gebot seines Gottes: Du sollst nicht töten – weder dich noch einen anderen. Wenn du einen Menschen tötest, tötest du die ganze Menschheit, heißt es im Koran.
Akbar Ganji hat einmal gesagt, das iranische Regime tue Schlimmeres als dies. Es töte nicht nur die Menschen, sondern auch die Hoffnung.
http://www.sueddeutsche.de/,trt2m1/kultur/artikel/497/57440/
Irans letzter Held
Kalkulierte Übertretung: Warum der Regimekritiker Akbar Ganji sich zu Tode hungert.
Von Katajun Amirpur
„Wir brauchen dich nicht als toten Helden, wir wollen dich lebend“, haben ihm seine politischen Mitstreiter in einem offenen Brief geschrieben. Doch Akbar Ganji lässt sich nicht abbringen von seinem Entschluss: Er will sich zu Tode hungern – aus Protest gegen seine Haftstrafe und gegen die politische Repression in der Islamischen Republik Iran.
Er hat seit 34 Tagen nichts gegessen, 24 Kilo abgenommen und liegt seit zwei Tagen im Koma. Im Internet kursieren Bilder, die sein Siechtum dokumentieren.
Akbar Ganji will sich selbst töten. Das ist außergewöhnlich. Zwar setzen Muslime heutzutage Selbstmord als Waffe ein, aber in der Regel tun sie dies, um damit möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen.
Grundsätzlich jedoch ist es Muslimen strengstens verboten, sich selbst zu töten. Denn über Leben und Tod entscheidet nur Gott. Akbar Ganji ist strenggläubig. Was also bringt ihn dazu, dieses Gebot zu missachten?
Immerhin wurde der Hungerstreik als politisches Instrument von strenggläubigen Muslimen fast nie eingesetzt. Warum entschloss sich Akbar Ganji zu diesem Schritt?
Gadamer in Teheran
Wie viele andere heutige Reformer war auch der Soziologe Ganji einst ein feuriger Revolutionär und stieg nach der Revolution rasch in die höheren Ränge der Revolutionsgarden auf.
Doch wie vielen anderen missfiel auch ihm die Entwicklung, die sein Land nahm. Für Gerechtigkeit und Freiheit hatte er gekämpft, nicht für einen totalitären Staat, in dem die Menschenrechte im Namen einer konservativen Islamdeutung mit Füßen getreten werden.
Vor neun Jahren, 1996, arbeitete Akbar Ganji in der Redaktion der Zeitschrift Kiyan. Dieses Blatt, das inzwischen verboten ist, war Forum einer Bewegung, die sich selbst als religiöse Aufklärer bezeichneten.
Anfang der neunziger Jahre wurden hier Debatten geführt über die Vereinbarkeit von Islam und Moderne, Islam und Demokratie, Islam und Frauenrechten.
Die Zeitschrift – deren Titel auf Deutsch Horizont, Firmament bedeutet – galt als Hauspostille von Abdolkarim Sorusch, dem herausragendsten iranischen Reformtheoretiker.
Als Ganji damals das Zimmer betrat, drehte sich das Gespräch mit seinem Chefredakteur gerade darum, ob dieser Iran für einen totalitären Staat halte.
Er sagte: „Fragen Sie doch unseren Soziologen.“ Und Ganji bemerkte nur: „Kommen Sie, wir gehen einkaufen.“ – Einkaufen? – „Ja, Bücher. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Enghelab, die Revolution.“ Enghelab heißt Revolution auf Persisch, aber es ist eben auch der Name der Straße, in der sich vor der Universität Teheran die meisten und wichtigsten Buchläden der Stadt befinden.
Er hatte Recht: Irgendwie war es eine Revolution, die sich dort abspielte, wenn auch eine unerwartete. Akbar Ganji wies auf Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ oder „Macht und Gewalt“ und Karl Poppers „Die offene Gesellschaft“.
„Sofies Welt“ lag aus, ein Buch über westliche Philosophie, geschrieben für Anfänger, dazu Bücher von Gadamer, Schleiermacher, Küng, Tillich. „Glauben Sie, dass man einen Staat, in dem all das übersetzt wird, totalitär nennen kann?“, fragte er. – Nein, wohl nicht... – Da lachte er mit einem breiten Grinsen und sagte: „Sie haben Recht und auch nicht. Die wollen, dass es ein totalitärer Staat ist, aber sie schaffen es nicht. Sie kommen nicht an gegen dieses Volk von Ideologie-Verweigern. Und darum wird das nichts mit einem totalitären Iran.“
Beim nächsten Treffen, im Februar 1998, hatte er gerade eine mehrmonatige Haftstrafe hinter sich. Er hatte in einer Rede ausgeführt, dass in Iran religiöser Faschismus herrschte.
Eine Formulierung übrigens, die der noch amtierende Staatspräsident irgendwann von Ganji übernahm. Trotz der Haftstrafe ging es ihm gut, er schöpfte Hoffnung.
Der moderate Geistliche Mohammad Chatami war gerade gewählt worden, und Ganji hatte eine Lizenz bekommen für seine Wochenzeitschrift: Rah-e nou, der neue Weg. Auch diese Zeitschrift wurde zu einem Forum für Kritik, für intellektuelle Debatten, die die Islamische Republik nicht kannte.
Als er damals das Konzept seiner Zeitschrift erklärte, sprach Hoffnung aus seinen Worten: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Zukunft unseres Landes die Demokratie ist, ich habe keinen Zweifel daran, dass die Zukunft unseres Landes die zivile Gesellschaft ist“, sagte er.
„Vielleicht müssen wir ein, zwei, drei oder auch viele Jahre kämpfen, aber letztendlich gibt es keinen anderen Weg.“
Rah-e nou wurde, wie die meisten kritischen Zeitungen, verboten. Ganji begann daraufhin für die Zeitung Sobh-e emruz, Neuer Morgen, zu schreiben.
Hier hatte er sein großes Coming-out. „Die rote Eminenz“ hieß der mit Fußnoten gespickte Aufsatz, der im Januar 2000 erschien und wie eine Bombe einschlug.
In dem Text machte Ganji den ehemaligen Staatspräsidenten Rafsandschani für insgesamt achtzig Morde an Dissidenten, Schriftstellern und Vertretern der religiösen Minderheiten verantwortlich, die der Geheimdienst während seiner Präsidentschaft begangen hatte.
Später schrieb Ganji darüber das Buch „Das Verließ der Gespenster“, in dem er die Verstrickungen Rafsandschanis in den Staatsterror der Islamischen Republik im Ausland beschrieb, beispielsweise für das Attentat im Berliner Restaurant Mykonos.
Diese Enthüllungen dürften der wahre Grund sein, warum Akbar Ganji seit April 2000 im Gefängnis sitzt, und nicht, wie offiziell behauptet wird, seine Teilnahme an einer Konferenz der Heinrich-Böll Stiftung.
Sie töten die Hoffnung
Offiziell heißt es in diesen Tagen, ihm fehle nichts, außer einem Meniskusriss, wegen dem er am Wochenende ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Seine Anwältin, die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi, darf nicht zu ihm.
Seiner Frau jedoch wurde ein Besuch gewährt. Ihren Angaben zufolge ist er am Sonntag ins Koma gefallen. Sollte er sterben, verliert Iran einen seiner größten Helden.
Und weil er das weiß, weil er um den Aufschrei weiß, den dies auslösen würde, missachtet er das Gebot seines Gottes: Du sollst nicht töten – weder dich noch einen anderen. Wenn du einen Menschen tötest, tötest du die ganze Menschheit, heißt es im Koran.
Akbar Ganji hat einmal gesagt, das iranische Regime tue Schlimmeres als dies. Es töte nicht nur die Menschen, sondern auch die Hoffnung.
http://www.sueddeutsche.de/,trt2m1/kultur/artikel/497/57440/