DeLaHoya
02.08.05, 08:08
Wenn Väter töten
Mentalität als Erklärungsmuster: Arte-Themenabend zu "Morden im Namen der Ehre"
von Cosima Lutz
Es gibt Sätze, deren absurde Trostlosigkeit nur noch von den Taten übertroffen wird, von denen sie handeln. "Steinigungen finden in der Türkei nur noch selten statt. Heute werden Frauen eher zu Selbstmord gezwungen", heißt es in der Dokumentation "Mein Vater will mich umbringen - Frauen auf der Flucht vor Ehrenmorden". Kadriye Acars und Valentin Thurns Film bildet den Auftakt zum heutigen Arte-Themenabend "Morden im Namen der Ehre".
5000 Mädchen und Frauen werden einer Uno-Studie zufolge jährlich von Familienangehörigen ermordet. Nicht alle Tötungen finden in islamisch dominierten Ländern statt, sondern immer häufiger auch in deutschen und französischen Migrantenmilieus; andere ereignen sich in christlichen Gemeinden: In "Blutrache auf Sardinien" etwa, der anschließenden Dokumentation, verfolgen Ernst-August Zurborn und Gabriella Angheleddu die Spur von mehr als 50 Morden seit den fünfziger Jahren. Diese Morde begannen, als sich die Welt und die Werte der Hirten im Umbruch befanden. Welcher Umbruch in der westlichen Gesellschaft ist es, der die archaischen "Ehrenmorde" aus ihrer Mitte hervorgehen läßt?
Die Frage drängt: Seit dem Mord an der 23jährigen Berlinerin Hatun Sürücü, die im Februar von ihrem jüngsten Bruder auf offener Straße erschossen worden ist - der sechste "Ehrenmord" innerhalb weniger Monate in Berlin -, sind diese Taten hierzulande in den öffentlichen Blick geraten.
Acar und Thurn lassen nun jene Frauen zu Wort kommen, die sich in anonymen Plattenbauten und Frauenhäusern verstecken müssen. Überall in Europa sind sie auf der Flucht: in Istanbul ebenso wie in Neukölln, in der Schwäbischen Alb wie in den Industrie-Vororten von Paris. Sie haben türkische, kurdische, kosovarische Eltern, und sie fliehen vor ihren Vätern, Brüdern und Cousins. Die Männer streiten vor laufender Kamera solche Drohungen und Taten entweder ab oder verteidigen sie - oder beides im selben Atemzug. Den Frauen werfen sie vor, die "Ehre" der Familie beschmutzt zu haben, durch die Trennung vom gewalttätigen Ehemann, Berufstätigkeit oder auch den Umstand, von einem impotenten Gatten nicht schwanger werden zu können. "Du hast meine Ehre kaputtgemacht, ich werde dich kaputtmachen", ließ ein türkischer Vater in Deutschland seine Tochter wissen, nachdem sie sich von ihrem zwangsweise angetrauten Prügel-Cousin getrennt hatte.
Über die Abscheulichkeit der Taten herrscht in der westlichen Gesellschaft Konsens und kaum Erklärungsnot: Der Täter, der sich oft auf den Islam beruft, fühle sich aufgrund äußeren Drucks gezwungen, die "Ehre" wiederherzustellen, erklärt ein Psychologe. "In der Fremde ist die Ehre das Einzige, was die Gemeinschaft zusammenhält", sagen die Autoren, und: "Das höchste Gut ist nicht das Leben des Einzelnen, sondern die Ehre der Familie". Das hat man schon mal gehört. Und weiter?
Hellhörig machen die Bemühungen der französischen Hilfsorganisation "El ele", über die notwendigen Strafen hinaus langfristig "Bewegung in die Mentalitäten" zu bringen: durch Erziehung in der Schule und zu Hause. Doch bevor der Zuschauer erfahren würde, wie genau die Migrantenkinder daran gehindert werden sollen, "die Mörder ihrer Schwestern zu werden", kommt schon das nächste Beispiel. Die in Deutschland aufgewachsene Fatma etwa kehrt nach Jahren zu den Eltern ins kurdische Heimatdorf zurück. Während der Off-Text erklärt, daß der fast lebenslange Kampf gegen die morddrohende Familie eine Leere in ihr hinterlassen habe, sieht man Fatma freudig ihre Eltern umarmen. Der Vater sei nun "milder" gestimmt - weil sich die 40jährige von ihrem deutschen Mann getrennt habe. Ihre "Unschuld" indes bleibt geschändet: "Es wäre besser gewesen, wenn der Ex-Mann meine Tochter getötet hätte", sagt der Vater, sie sitzt daneben und schluckt. Von der Seltsamkeit dieser Annäherung hätte man gerne mehr erfahren. Doch anstatt Fragen Raum zu geben, wird mit dem Hinweis auf die unstillbare Sehnsucht nach der Geborgenheit in der Großfamilie in den Tonfall halbgarer Versöhnlichkeit eingestimmt.
Die kulturelle Vielfalt dieses europaweit praktizierten Wahns in eine knappe Stunde so zu packen, daß über den Grundkonsens der Empörung hinaus Perspektiven eröffnet werden, mag zu viel verlangt sein. Doch Acars und Thurns Dokumentation bleibt ratlos in ihrer Umkreisung bestürzender Beispiele, die durch noch so oft wiederholte Beschwörungen des Sippen- und Individuum-Konflikts nicht begreiflicher werden.
Arte, heute, ab 20.50 Uhr
http://www.welt.de/data/2005/08/02/753957.html
Mentalität als Erklärungsmuster: Arte-Themenabend zu "Morden im Namen der Ehre"
von Cosima Lutz
Es gibt Sätze, deren absurde Trostlosigkeit nur noch von den Taten übertroffen wird, von denen sie handeln. "Steinigungen finden in der Türkei nur noch selten statt. Heute werden Frauen eher zu Selbstmord gezwungen", heißt es in der Dokumentation "Mein Vater will mich umbringen - Frauen auf der Flucht vor Ehrenmorden". Kadriye Acars und Valentin Thurns Film bildet den Auftakt zum heutigen Arte-Themenabend "Morden im Namen der Ehre".
5000 Mädchen und Frauen werden einer Uno-Studie zufolge jährlich von Familienangehörigen ermordet. Nicht alle Tötungen finden in islamisch dominierten Ländern statt, sondern immer häufiger auch in deutschen und französischen Migrantenmilieus; andere ereignen sich in christlichen Gemeinden: In "Blutrache auf Sardinien" etwa, der anschließenden Dokumentation, verfolgen Ernst-August Zurborn und Gabriella Angheleddu die Spur von mehr als 50 Morden seit den fünfziger Jahren. Diese Morde begannen, als sich die Welt und die Werte der Hirten im Umbruch befanden. Welcher Umbruch in der westlichen Gesellschaft ist es, der die archaischen "Ehrenmorde" aus ihrer Mitte hervorgehen läßt?
Die Frage drängt: Seit dem Mord an der 23jährigen Berlinerin Hatun Sürücü, die im Februar von ihrem jüngsten Bruder auf offener Straße erschossen worden ist - der sechste "Ehrenmord" innerhalb weniger Monate in Berlin -, sind diese Taten hierzulande in den öffentlichen Blick geraten.
Acar und Thurn lassen nun jene Frauen zu Wort kommen, die sich in anonymen Plattenbauten und Frauenhäusern verstecken müssen. Überall in Europa sind sie auf der Flucht: in Istanbul ebenso wie in Neukölln, in der Schwäbischen Alb wie in den Industrie-Vororten von Paris. Sie haben türkische, kurdische, kosovarische Eltern, und sie fliehen vor ihren Vätern, Brüdern und Cousins. Die Männer streiten vor laufender Kamera solche Drohungen und Taten entweder ab oder verteidigen sie - oder beides im selben Atemzug. Den Frauen werfen sie vor, die "Ehre" der Familie beschmutzt zu haben, durch die Trennung vom gewalttätigen Ehemann, Berufstätigkeit oder auch den Umstand, von einem impotenten Gatten nicht schwanger werden zu können. "Du hast meine Ehre kaputtgemacht, ich werde dich kaputtmachen", ließ ein türkischer Vater in Deutschland seine Tochter wissen, nachdem sie sich von ihrem zwangsweise angetrauten Prügel-Cousin getrennt hatte.
Über die Abscheulichkeit der Taten herrscht in der westlichen Gesellschaft Konsens und kaum Erklärungsnot: Der Täter, der sich oft auf den Islam beruft, fühle sich aufgrund äußeren Drucks gezwungen, die "Ehre" wiederherzustellen, erklärt ein Psychologe. "In der Fremde ist die Ehre das Einzige, was die Gemeinschaft zusammenhält", sagen die Autoren, und: "Das höchste Gut ist nicht das Leben des Einzelnen, sondern die Ehre der Familie". Das hat man schon mal gehört. Und weiter?
Hellhörig machen die Bemühungen der französischen Hilfsorganisation "El ele", über die notwendigen Strafen hinaus langfristig "Bewegung in die Mentalitäten" zu bringen: durch Erziehung in der Schule und zu Hause. Doch bevor der Zuschauer erfahren würde, wie genau die Migrantenkinder daran gehindert werden sollen, "die Mörder ihrer Schwestern zu werden", kommt schon das nächste Beispiel. Die in Deutschland aufgewachsene Fatma etwa kehrt nach Jahren zu den Eltern ins kurdische Heimatdorf zurück. Während der Off-Text erklärt, daß der fast lebenslange Kampf gegen die morddrohende Familie eine Leere in ihr hinterlassen habe, sieht man Fatma freudig ihre Eltern umarmen. Der Vater sei nun "milder" gestimmt - weil sich die 40jährige von ihrem deutschen Mann getrennt habe. Ihre "Unschuld" indes bleibt geschändet: "Es wäre besser gewesen, wenn der Ex-Mann meine Tochter getötet hätte", sagt der Vater, sie sitzt daneben und schluckt. Von der Seltsamkeit dieser Annäherung hätte man gerne mehr erfahren. Doch anstatt Fragen Raum zu geben, wird mit dem Hinweis auf die unstillbare Sehnsucht nach der Geborgenheit in der Großfamilie in den Tonfall halbgarer Versöhnlichkeit eingestimmt.
Die kulturelle Vielfalt dieses europaweit praktizierten Wahns in eine knappe Stunde so zu packen, daß über den Grundkonsens der Empörung hinaus Perspektiven eröffnet werden, mag zu viel verlangt sein. Doch Acars und Thurns Dokumentation bleibt ratlos in ihrer Umkreisung bestürzender Beispiele, die durch noch so oft wiederholte Beschwörungen des Sippen- und Individuum-Konflikts nicht begreiflicher werden.
Arte, heute, ab 20.50 Uhr
http://www.welt.de/data/2005/08/02/753957.html