DeLaHoya
02.08.05, 20:24
Islam und Demokratie
Alfred Payrleitner über die Chance, jenseits der Phrasen Araber zu verstehen
Nichts ist so lehrreich wie die Wirklichkeit. Beim Aufspüren der Attentäter von London sollen Fotos aus Überwachungskameras und auffällig massierte Handy-Gespräche eine wichtige Rolle gespielt haben. Alle Kritiker, die vor dem "Großen Bruder" warnen, haben im Prinzip zwar Recht. Doch aktuell und konkret scheint man diese Hilfsmittel zu brauchen.
Gegen die Bedrohung in den Köpfen nützt Technik freilich nur wenig. Sie braucht Aufklärung – überall. Wie die Moslems in Österreich (wo sie die zweitgrößte Religionsgemeinschaft stellen) denken, versucht eine eben begonnene KURIER-Serie zu schildern. Umgekehrt ist es höchste Zeit, dass man sich im Westen näher über die innere Lage in den arabischen Ländern informiert.
Wer kennt zum Beispiel Taha Husain? So hieß ein ägyptischer Koran-Kenner und Aufklärer des 20. Jahrhunderts. Als "Kollaborateur des französischen Denkens" wurde er verurteilt und eingesperrt, ist aber bei der intellektuellen Jugend Arabiens bekannt und beliebt. Taha Husain starb 1972. Über seine Bedeutung und die anderer bodenständiger und dennoch moderner Denker hat Fatima Mernissi, Soziologin an der Universität von Rabat, ein faszinierendes Buch "Islam und Demokratie"(deutsch bei Herder, 2002) geschrieben. Darin liefert sie eine glasklare Analyse des traditionalistisch-nationalistischen arabischen Fehlverhaltens.
Das ist wichtig, denn von der Auslegung alter Texte aller drei Offenbarungsreligionen sollten westliche Laien besser die Finger lassen. Schließlich entstanden diese zu Zeiten der Landnahme im Kampf gegen heidnische Götzenkulte, unter teilweise noch steinzeitlichen Bedingungen. Nur einige Zitate Mernissis: "Die Muslime leiden vor allem unter der kulturellen Amputation, dem abgeschnittenen Zugang zu den bedeutendsten Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte, insbesondere der Toleranz als Prinzip und Praxis."
Die – mühsam erkämpften – humanistischen Ideen (Freiheit des Denkens, Selbstbestimmung, Recht auf Initiative) würden im Westen schon durch die weltlichen, staatlichen Schulen vermittelt. Der moderne muslimische Staat hingegen habe sich, mit wenigen Ausnahmen (Türkei), niemals als weltlich bezeichnet, habe nie das Geringste investiert, um im Volk die Lehre der individuellen Initiative zu verbreiten. Den Bruch mit dem mittelalterlichen Staat, der "das Göttliche benutzt, um die Willkür zu legitimieren", habe es in der arabischen Welt nie gegeben. Die Leute leben in der Moderne, ohne ihre Grundlagen und ihre zentralen Begriffe zu kennen.
Fatalerweise wurde die Abwehr des Kolonialismus auch mit der Abwehr der Aufklärung verbunden.
Wer nun merkt, wie die Grundlagen der eigenen religiösen Identität zu bröckeln beginnen, kann in Krisen geraten. Das zu verstehen wäre ebenso wichtig, wie im Nahen Osten Sonne zu tanken und Geschäfte zu machen.
Artikel vom 01.08.2005 |KURIER-Printausgabe
http://www.kurier.at/oesterreich/1066071.php#print
Alfred Payrleitner über die Chance, jenseits der Phrasen Araber zu verstehen
Nichts ist so lehrreich wie die Wirklichkeit. Beim Aufspüren der Attentäter von London sollen Fotos aus Überwachungskameras und auffällig massierte Handy-Gespräche eine wichtige Rolle gespielt haben. Alle Kritiker, die vor dem "Großen Bruder" warnen, haben im Prinzip zwar Recht. Doch aktuell und konkret scheint man diese Hilfsmittel zu brauchen.
Gegen die Bedrohung in den Köpfen nützt Technik freilich nur wenig. Sie braucht Aufklärung – überall. Wie die Moslems in Österreich (wo sie die zweitgrößte Religionsgemeinschaft stellen) denken, versucht eine eben begonnene KURIER-Serie zu schildern. Umgekehrt ist es höchste Zeit, dass man sich im Westen näher über die innere Lage in den arabischen Ländern informiert.
Wer kennt zum Beispiel Taha Husain? So hieß ein ägyptischer Koran-Kenner und Aufklärer des 20. Jahrhunderts. Als "Kollaborateur des französischen Denkens" wurde er verurteilt und eingesperrt, ist aber bei der intellektuellen Jugend Arabiens bekannt und beliebt. Taha Husain starb 1972. Über seine Bedeutung und die anderer bodenständiger und dennoch moderner Denker hat Fatima Mernissi, Soziologin an der Universität von Rabat, ein faszinierendes Buch "Islam und Demokratie"(deutsch bei Herder, 2002) geschrieben. Darin liefert sie eine glasklare Analyse des traditionalistisch-nationalistischen arabischen Fehlverhaltens.
Das ist wichtig, denn von der Auslegung alter Texte aller drei Offenbarungsreligionen sollten westliche Laien besser die Finger lassen. Schließlich entstanden diese zu Zeiten der Landnahme im Kampf gegen heidnische Götzenkulte, unter teilweise noch steinzeitlichen Bedingungen. Nur einige Zitate Mernissis: "Die Muslime leiden vor allem unter der kulturellen Amputation, dem abgeschnittenen Zugang zu den bedeutendsten Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte, insbesondere der Toleranz als Prinzip und Praxis."
Die – mühsam erkämpften – humanistischen Ideen (Freiheit des Denkens, Selbstbestimmung, Recht auf Initiative) würden im Westen schon durch die weltlichen, staatlichen Schulen vermittelt. Der moderne muslimische Staat hingegen habe sich, mit wenigen Ausnahmen (Türkei), niemals als weltlich bezeichnet, habe nie das Geringste investiert, um im Volk die Lehre der individuellen Initiative zu verbreiten. Den Bruch mit dem mittelalterlichen Staat, der "das Göttliche benutzt, um die Willkür zu legitimieren", habe es in der arabischen Welt nie gegeben. Die Leute leben in der Moderne, ohne ihre Grundlagen und ihre zentralen Begriffe zu kennen.
Fatalerweise wurde die Abwehr des Kolonialismus auch mit der Abwehr der Aufklärung verbunden.
Wer nun merkt, wie die Grundlagen der eigenen religiösen Identität zu bröckeln beginnen, kann in Krisen geraten. Das zu verstehen wäre ebenso wichtig, wie im Nahen Osten Sonne zu tanken und Geschäfte zu machen.
Artikel vom 01.08.2005 |KURIER-Printausgabe
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