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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Vural Öger: Mein Deutschland, meine Türkei



DeLaHoya
23.02.05, 09:25
Seite 56:

Man muss bedenken, dass Atatürk 1923 noch kein gereifter, durch Erfahrungen... gegangener Staatenlenker sein konnte. Wie groß auch seine Neugier auf alles war, wie stark und freiheitlich sein Patriotismus, so war er doch erst einmal Offizier, der jetzt daran ging, die Fundamente des gesellschaftlichen Lebens neu zu legen.



Seite 63-65:

Es scheint dem westlichen Betrachter vielleicht ein nur geringer Beleg für seine (Atatürks) radikale Entschiedenheit, dass er... die arabische Schrift durch die lateinische ersetzte... Lesen und schreiben konnte bis dahin nur die Oberschicht, die Zahl der Analphabeten belief sich auf 96 Prozent. Doch diese erlesenen vier Prozent brauchten im Durchschnitt zwölf Jahre, um sich in der Orthographie des mittelalterlichen Arabisch zurechtzufinden... Und der verkrampfte Griff Tausender von Vokabeln aus dem Persischen und Arabischen auf die türkische Sprache, das steife Gerüst von Literaturen und Denkmustern, mit dem sich die Oberschicht des Landes krass vom gewöhnlichen Volk abgegrenzt hatte, schwanden... Atatürk ließ in großer Fülle Lehnwörter entfernen und durch türkische Ausdrücke ersetzen, durch ein Türkisch, das teils halb vergessen, teils als ungebildet gemieden worden war...

Nicht zu vergessen ist, dass dadurch auch große Teile des Landes, besonders im Osten, erstmals zu Gehör kamen. Sie konnten jetzt mitreden, die neue Einheit der Nation entstand über die Sprache.



Seite 151:

Wir legten in einer geteilten Stadt, und niemand konnte mir weismachen, die Mauer sei durch die Schuld des Kapitalismus entstanden und die Menschen, die von uns durch die Mauer abgesperrt waren, lebten in paradiesischen Zuständen entgegen. Oft genug war ich selbst in Ostberlin gewesen, und nichts dort hatte mich davon überzeugen können. Die meisten linken Studenten, nach meinem Empfinden, umgingen das Thema des realen Kommunismus geflissentlich oder erzählten schlicht Unsinn darüber.



Seite 182-186:

Die Türkei war überhaupt nicht scharf darauf, ihre qualifizierten Facharbeiter zu entsenden... Die... Kandidaten... waren keineswegs Teil einer eher ungebildeten Arbeiterschaft... Sie waren vielmehr sorgfältig ausgewählt, streng gesiebt... Nedim... stammte aus Izmir... <Wir hatten doch alle diese Fotos gesehen, Türke steht vor seinem Auto, Türke neben blonder Frau. Manche von uns haben gedacht, wir bleiben vier oder fünf Jahre... aber dann kommen wir als Millionäre zurück. Ja, wir hatten Arbeitsverträge. Aber wer hat die schon verstanden? ... Doch dann gab es den ersten Lohn, und sie wurden wild. Sie wussten nicht, was Bruttolohn bedeutet und dass ihnen alles Mögliche abgezogen wird, die Steuern, die Sozialversicherung... Sie glauben nicht, welchen Unsinn wir unterwegs geschwatzt haben. Was für Illusionen wir hatten! Wir hatten alle verdammt viel Respekt vor Deutschland... Doch die meisten von uns kamen in Wohnheime, und da war der Traum aus.<



Seite 189-191:

<Du hättest uns sehen sollen<, brüstete sich Ahmet, <als wir da vorfuhren. Ich besuchte meine Familie im Dorf...<... Sie hätten es schwer gehabt, von der Misere der Wohnheime, vom Anpfiff am Arbeitsplatz, von den Hauptbahnhöfen zu erzählen. Das wäre vollkommen das Gegenteil des Bildes gewesen, an dem sie selbst gebastelt hatten, mit ihren Briefen und den schönen Ansichtskarten... Viele lagen ohne Schlaf in der Nacht und dachten darüber nach, wie auch sie nach Deutschland kommen konnten. Und sie kamen. <Sie kamen durch unsere Lügen<, sagte mir Ahmet.



Seite 201:

Es wäre ein Fehler, der das Verständnis auch für die Türkei von heute verstellte, das Handeln des türkischen Militärs mit dem gleichzusetzen, was sich in manchen lateinamerikanischen Ländern oder im Nahen Osten äußerlich ähnlich abgespielt hat. Auch wenn nach radikaler Intervention der Militärs die Demokratie vorübergehend außer Kraft gesetzt wurde, so haben sie doch als <Hüter der Verfassung< stets versucht, das Land wieder zu stabilisieren... Entwicklungsgeschichtlich gibt es einen bedeutsamen Unterschied zu europäischen Ländern: Während es etwa in Großbritannien und Frankreich zuerst die Nation gab, die ihre Armeen formte, verlief der Prozess in der Türkei umgekehrt. Hier gab es zuerst die Armee, dann die Nation, und es waren Offiziere, die aus der Vielfalt der Osmanen die Einheit der Türkei formten... Ohne Atatürk gäbe es, ein wenig überspitzt gesagt, keine einheitliche türkische Nation und keine Türken.



Seite 204-206:

Die Konflikte politischer Fanatiker, die zur Machtergreifung durch das Militär 1980 geführt haben... waren eine Gefahr für die Republik... Ich sah diese jungen Männer, die ihren Schnauzbart nach Art Stalins frisierten und behaupteten, das Paradies läge in Moskau... Im rechten Lager... hörte ich mit nicht weniger Unbehagen die Parolen von Nationalisten... Hysterische Stimmen von Islamisten mengten sich zusätzlich in diesen schrillen Chor des um sich greifenden Chaos... Auch ich empfand mithin das Eingreifen des Militärs als die richtige Antwort.

Dennoch ging mir und allen Demokraten entschieden zu weit, was dann folgte...

Jenseits aller Kritik an General Evren... musste ich zugestehen, dass in der Türkei die Entwicklung nicht so verlaufen konnte wie in einer gewachsenen Demokratie. Verglichen mit meinen eigenen Erfahrungen mit Studentenrevolutionen und der Polizeibrutalität in Berlin... war das, was sich in Ankara oder Istanbul vor dem Coup abgespielt hatte, unendlich wilder und blutiger verlaufen als alles, was man in Deutschland linken Revolutionären hatte anlasten können... Einzig die Terrorakte der <Roten Armee Fraktion<... kommen dem nahe, was die Türkei tausendfach erlebte.



Seite 211:

Özal, der Technokrat, machte, wie ich meine, zudem den Fehler... auch den Laizismus auszuhöhlen... So ließ er die Gründung von Tausenden von Koranschulen zu, in die Geld aus Saudi-Arabien floss. Auch der politische Islam gewann an Einfluss.



Seite 251:

Dennoch glaube ich, dass er (Helmut Kohl) die Frage der Immigranten nie verstanden hat. Als er später in Istanbul der Hochzeit seines Sohnes mit einer Türkin beiwohnte, zeigte er sich vom glanzvollen Ambiente und der Gastfreundlichkeit zutiefst beeindruckt und formulierte sogar Worte des Bedauerns für seine frühere Haltung... Warum nur hat er die moderne Türkei so lange nicht wahrgenommen?... War er, wie viele andere auch, nur oberflächlich fixiert auf die Arbeiterheere, die aus Ostanatolien nach Deutschland gekommen waren?



Seite 289:

... war ich zu einer türkischen Hochzeit... geladen... Der Bräutigam war ein Zahnarzt... und er war ein Deutscher... Die Braut... hatte vier Schwestern... Sie studierten Jura, Politologie, Sozialwissenschaften und Geschichte. Die Braut... war Ärztin. Ja, alle blieben in Deutschland, sicher, und zwei seien bereits verlobt, und zwar mit Deutschen... und neben dem türkisch gegrillten Fisch und Fleisch fanden sich Berge von Bratwürsten, Sauerkraut und Backkartoffeln.