TIC-Redaktion
06.08.05, 00:02
Ihre Sendung "mein ausland: Das Kreuz mit den Minderheiten – Die Türkei und die Armenierfrage" von Stephan Hallmann, ZDF-Studio Istanbul, auf PHOENIX vom 24.07.2005 bzw. 31.07.2005
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Bestürzung, aber auch zeitweilig schmunzelnd, habe ich Ihre Dokumentation "Mein Ausland: Das Kreuz mit den Minderheiten" angesehen. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, möchte ich bemerken, dass eine derartig schlecht recherchierte und unerträglich emotional aufbereitete "Dokumentationen" eher zu den Revolversendern (oder laut Harald Schmidt "Unterschichtenfernsehen") passen würde als zu einem Sender, der sich solide journalistische Arbeit auf die Fahne geschrieben hat und den ich durch meine GEZ-Gebühren mitfinanziere.
In den ersten Minuten war ich noch positiv überrascht, dass Sie die türkische Sichtweise (gewaltsamer Aufstand der Armenier zwecks Abspaltung vom Osmanischen Reich) nicht nur erwähnen, sondern noch die Möglichkeit von internationaler Forcierung in den Raum stellen. Interessanterweise ziehen Sie diese Sichtweise im Laufe der Sendung - ohne dies jedoch zu begründen oder zu belegen - ins Lächerliche und stellen die Türken als gefühllose Ungeheuer dar, welche "kein Wort des Bedauerns" aussprechen und "alles verleugnen" würden. Besonders die einfachen Dorfbewohner in Kars bezeichnen Sie – bevor sie überhaupt zu Wort kommen – vorsorglich als Lügner und Opfer der "Staatspropaganda".
Ein grober Patzer – der meines Erachtens noch gravierender ist als Ihre abenteuerliche und ohne Zeitbezug zwei Mal geäußerte Behauptung, dass im Osmanischen Reich 2,5 Millionen Armenier lebten - war der an den Haaren herbeigezogene Kausalzusammenhang zwischen der Gründung der Türkischen Republik und der Umsiedlung der Armenier. Ein Blick in ein handelsübliches Geschichtsbuch hätte genügt, um festzustellen, dass dieser Kausalzusammenhang unmöglich ist. 1915 bestand das Osmanische Reich noch und befand sich an der Seite des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Bis zur Gründung der Türkischen Republik musste das Osmanische Reich
- besiegt werden (1918),
- von den Siegermächten durch das Diktat von Sèvres geteilt werden (1918-1919),
- einen Befreiungskrieg zwischen den Widerstandsgruppen um Atatürk und der von den Siegermächten unterstützten Kalifatsarmee und den Besatzungsmächten (1920-1922) geführt
- sowie anschließend eine Republik ausgerufen werden (1923).
Ein Kausalzusammenhang erschließt sich mir beim besten Willen nicht.
Als Sie dazu übergegangen sind, die These der bewaffneten Armenieraufstände ins Lächerliche ziehen, berichten Sie über ein armenisches Dorf, welches der anrückenden türkischen Gendarmerie tagelang erbitterten Widerstand geleistet haben soll. Ich finde dies angesichts der Behauptung, die Armenier seien nur unbewaffnete Zivilisten gewesen, eine erstaunliche und schwer nachzuvollziehende Leistung. Umso erstaunlicher ist, dass Sie behaupten, dass die Armenier staatstreu dem osmanischen Herr gedient hätten, wohl wissend, dass Christen im Osmanischen Reich durch Zahlung einer Steuer vom Militärdienst befreit waren und der Erste Weltkrieg die erste Generalmobilmachung überhabt war, welche jedoch besonders durch das Desertieren der Armenier und Griechen gekennzeichnet war.
Ab der Mitte der Sendung wurde es unerträglich polemisch und emotional, die Stimme und Mimik Herrn Hallmanns samt der theatralischen Musikuntermalung hätte eher in eine Vormittags-Talkshow gepasst. Da wird sich über eine weiße Plastiktüte, welche sich in 50 cm Tiefe, aber sichtlich über einem Massengrab befindet, lächerlich gemacht und von "angeblichen türkischen Toten" und "angeblich ermordeten Türken" gesprochen obwohl Herr Hallmann Prof. Dr. Halaçoğlu – dem Leiter der Ausgrabung - interviewt und ihn auch auf die Plastiktüte angesprochen hat. Ihm wurde erklärt, dass man zuerst Stichproben entnimmt, bevor man ein ganzes Grab aushebt. Stößt man auf Knochen, werden diese zur weiteren Untersuchung entnommen und in das Loch beispielsweise eine Plastiktüte gelegt und selbiges zum Schutz wieder zugeschüttet. Herr Halaçoğlu hat Herrn Hallmann demnach persönlich erklärt, dass das Ausgrabungsteam die Plastiktüte in das Grab gelegt hat. Diese Stellungnahme haben Sie unter den Teppich gekehrt doch die konkludente Implizierung, man hätte ein "Massengrab gefälscht", geht auch Ihnen zu weit. Ausgesprochen haben Sie es nicht.
Gewundert habe ich mich über Ihre Diskreditierung des Wiener Professors Dr. Erich Feigl. Wenn Sie jemandem die Glaubwürdigkeit absprechen, dann setzen Sie sich doch bitte mit seinen Thesen auseinander. Prof. Dr. Erich Feigl ist keineswegs der einzige Historiker, der die armenische Sichtweise für falsch und maßlos übertrieben hält. Es gesellen sich zu diesem Wissenschaftlerkreis noch andere namhafte Historiker wie Prof. Dr. Justin McCarthy, Prof. Dr. Andrew Mango, Prof. Dr. Heath Lowry, Prof. Dr. Bernhard Lewis, Prof. Dr. Stanford Shaw.
Erstaunlich ist, dass Herr Hallmann aus der Türkei berichtet, aber trotzdem nicht bemerkt zu haben scheint, dass der Historiker-Kongress zur Armenischen Frage nicht von der Regierung sondern von den Veranstaltern abgesagt wurde und dass nur Vertreter der Genozid-These eingeladen waren und diese "unter sich diskutieren" wollten anstatt sich anderen Historikern wie beispielsweise dem von Herr Hallmann verunglimpften Prof. Dr. Halaçoğlu zu stellen. Die mehr als berechtigte Kritik, welcher sich die Veranstalter aus besagtem Grunde stellen mussten, war ein willkommener Anlass für eine medienwirksame Absage, mit der man wieder einmal auf das Vortrefflichste das Klischee einer in dieser Frage vermeintlich repressiven Staatsmacht bedienen konnte.
Ferner verwundert es, dass Herr Hallmann berichtet, dass die Schändung der türkischen Flagge am "kurdischen Neujahresfest" stattfand, obwohl Nevruz in der gesamten schiitischen Welt und in Zentralasien gefeiert wird. Ein "kurdisches Nevruz" gibt es genauso wenig wie ein "deutsches Weihnachten".
Die Behauptung, man würde in der Türkei Schweinefleisch verbieten wollen, ist unhaltbar und schlicht falsch. Schweinefleisch kann man beispielsweise in Großmärken zwischen den Kühlregalen für Fleisch in einem eigens eingerichteten Bereich, welcher komplett für Schweinefleisch reserviert und auch dementsprechend gekennzeichnet ist, beziehen. Sie finden dort von original Thüringer Rostbratwurst bis zum Schweineschnitzel alles und müssen nicht einen griechischen Schweinemetzger aufsuchen.
Ein weiterer Punkt meiner Beanstandung ist Ihre Interpretation der Schließung des Priesterseminars auf der Insel Heybeliada. Zuerst ist zu erwähnen, dass es sich bei Heybeliada um eines der teuersten Gebiete Istanbuls handelt. Es gibt demnach noch andere Gründe als einen reinen "Rückzug", sich auf diesem Gebiet niederzulassen. Des Weiteren hätte das Priesterseminar seit langen wiedereröffnet sein können, wenn sich das Patriarchat kooperativer zeigen würde, denn es besteht darauf, dass das Priesterseminar autonom zu sein habe. In der Türkei ist jedoch eine theologische Ausbildung - und dies betrifft besonders Korankurse und Imamausbildungen - außerhalb staatlicher Universitäten und theologischer Fakultäten strikt untersagt. Die türkischen Regierungen haben dem Patriarchen etliche Male erläutert, dass sie unmöglich der Orthodoxie private Theologenausbildung gestatten, gleiches Recht aber Muslimen weiterhin vorenthalten können und angeboten, das Priesterseminar an die theologische Fakultät der Universität Istanbul anzugliedern. Es ist demnach das Patriarchat, das diese pragmatische Lösung konsequent ablehnt und rigoros auf Sonderrechten beharrt.
Weiter meinen Sie, dass die Türkei Christen durch die Zahl "31" im Pass gesondert – und wieder ohne es ausdrücklich auszusprechen - wie die Juden im Dritten Reich kennzeichnen würde. Jeder türkische Staatsbürger hat in seinem Personalausweis einen Eintrag der Religionszugehörigkeit und muss seinen Pass nicht bei sich zu führen. Dieser wird wie in Deutschland nur für Auslandsreisen benötigt und selbst wenn man es mit Behörden zu tun hat nur nach dem Personalausweis verlangt. So zu tun, als ob ein versteckter Erkennungscode im Pass eingetragen sei, obwohl die Religionszugehörigkeit aus dem Personalausweis hervorgeht, ist völlig absurd bzw. kennzeichnend für die gesamte "Dokumentation".
Ihre Parteilichkeit und Tatsachenverdrehung beim Bevölkerungsaustausch Türkei/Griechenland ist als nächstes zu benennen. Die Türken haben nach Herrn Hallmanns Auffassung ein Problem mit Minderheiten, welches sich in der Zwangsausweisung griechischer Mitbürger äußere, "auch wenn eine geringe Zahl Türkischstämmige aus Griechenland ausgewiesen wurden". Die Tatsache, dass der friedliche Bevölkerungsaustausch im Vertrag von Lausanne von beiden Seiten vereinbart wurde, lassen Sie diskret unter den Tisch fallen. Es wurde des Weiteren nicht "eine geringe Zahl Türken" aufgenommen sondern ca. 500.000. Wenn man bedenkt, dass laut Ihrer Sendung 1,2 Millionen Griechen "ausgetauscht, einer anderen Art der Vertreibung unterzogen" wurden, ist das beinahe die Hälfe, aber für Herrn Hallmann immer noch "eine geringe Zahl".
Als letzter meiner Hauptbeanstandungspunkte ist mir die Wahl Ihrer Interviewpartner unangenehm aufgefallen. Sie fragen den einfachen Mann auf der Straße nach geschichtlich komplizierten Ereignissen und zeigen eine aufgebrachte nationalistische Meute, als wäre diese stellvertretend für die ganze Türkei wie beispielsweise ein Naziaufmarsch in Ostdeutschland. Wenn das Recherche sein soll, finde ich in Bayern oder Berlin-Marzahn genug Gesprächspartner, die vor laufender Kamera bereitwillig von der der "Tatsache", dass "Unter Hitler nicht alles schlecht war" erzählen. Dies würde ich aber – im Gegensatz zu Ihnen – nicht als seriösen Journalismus bezeichnen und erst recht nicht im Ausland senden.
Um nicht missverstanden zu werden, sage ich es deutlich: Ich bin keineswegs mit allem, was die türkische Regierungen machen einverstanden und auch ich kritisiere mein Land oft und viel. Es geht mir ausschließlich um Ihre bewusst oder unbewusst eingefärbten Interpretationen und selektive Berichterstattung. Stellen Sie sich bitte selber die Frage, ob das Ihre Vorstellung von journalistischer Arbeit ist.
Ich freue mich auf Ihre Antwort zu den von mir aufgeführten Punkten.
Hochachtungsvoll
Çağdas Binbaşıoğlu
Türkische Internet Community
05.08.2005
www.turkcom.org (http://www.turkcom.org/)
http://www.turkcom.org/content.php?article.90
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Bestürzung, aber auch zeitweilig schmunzelnd, habe ich Ihre Dokumentation "Mein Ausland: Das Kreuz mit den Minderheiten" angesehen. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, möchte ich bemerken, dass eine derartig schlecht recherchierte und unerträglich emotional aufbereitete "Dokumentationen" eher zu den Revolversendern (oder laut Harald Schmidt "Unterschichtenfernsehen") passen würde als zu einem Sender, der sich solide journalistische Arbeit auf die Fahne geschrieben hat und den ich durch meine GEZ-Gebühren mitfinanziere.
In den ersten Minuten war ich noch positiv überrascht, dass Sie die türkische Sichtweise (gewaltsamer Aufstand der Armenier zwecks Abspaltung vom Osmanischen Reich) nicht nur erwähnen, sondern noch die Möglichkeit von internationaler Forcierung in den Raum stellen. Interessanterweise ziehen Sie diese Sichtweise im Laufe der Sendung - ohne dies jedoch zu begründen oder zu belegen - ins Lächerliche und stellen die Türken als gefühllose Ungeheuer dar, welche "kein Wort des Bedauerns" aussprechen und "alles verleugnen" würden. Besonders die einfachen Dorfbewohner in Kars bezeichnen Sie – bevor sie überhaupt zu Wort kommen – vorsorglich als Lügner und Opfer der "Staatspropaganda".
Ein grober Patzer – der meines Erachtens noch gravierender ist als Ihre abenteuerliche und ohne Zeitbezug zwei Mal geäußerte Behauptung, dass im Osmanischen Reich 2,5 Millionen Armenier lebten - war der an den Haaren herbeigezogene Kausalzusammenhang zwischen der Gründung der Türkischen Republik und der Umsiedlung der Armenier. Ein Blick in ein handelsübliches Geschichtsbuch hätte genügt, um festzustellen, dass dieser Kausalzusammenhang unmöglich ist. 1915 bestand das Osmanische Reich noch und befand sich an der Seite des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Bis zur Gründung der Türkischen Republik musste das Osmanische Reich
- besiegt werden (1918),
- von den Siegermächten durch das Diktat von Sèvres geteilt werden (1918-1919),
- einen Befreiungskrieg zwischen den Widerstandsgruppen um Atatürk und der von den Siegermächten unterstützten Kalifatsarmee und den Besatzungsmächten (1920-1922) geführt
- sowie anschließend eine Republik ausgerufen werden (1923).
Ein Kausalzusammenhang erschließt sich mir beim besten Willen nicht.
Als Sie dazu übergegangen sind, die These der bewaffneten Armenieraufstände ins Lächerliche ziehen, berichten Sie über ein armenisches Dorf, welches der anrückenden türkischen Gendarmerie tagelang erbitterten Widerstand geleistet haben soll. Ich finde dies angesichts der Behauptung, die Armenier seien nur unbewaffnete Zivilisten gewesen, eine erstaunliche und schwer nachzuvollziehende Leistung. Umso erstaunlicher ist, dass Sie behaupten, dass die Armenier staatstreu dem osmanischen Herr gedient hätten, wohl wissend, dass Christen im Osmanischen Reich durch Zahlung einer Steuer vom Militärdienst befreit waren und der Erste Weltkrieg die erste Generalmobilmachung überhabt war, welche jedoch besonders durch das Desertieren der Armenier und Griechen gekennzeichnet war.
Ab der Mitte der Sendung wurde es unerträglich polemisch und emotional, die Stimme und Mimik Herrn Hallmanns samt der theatralischen Musikuntermalung hätte eher in eine Vormittags-Talkshow gepasst. Da wird sich über eine weiße Plastiktüte, welche sich in 50 cm Tiefe, aber sichtlich über einem Massengrab befindet, lächerlich gemacht und von "angeblichen türkischen Toten" und "angeblich ermordeten Türken" gesprochen obwohl Herr Hallmann Prof. Dr. Halaçoğlu – dem Leiter der Ausgrabung - interviewt und ihn auch auf die Plastiktüte angesprochen hat. Ihm wurde erklärt, dass man zuerst Stichproben entnimmt, bevor man ein ganzes Grab aushebt. Stößt man auf Knochen, werden diese zur weiteren Untersuchung entnommen und in das Loch beispielsweise eine Plastiktüte gelegt und selbiges zum Schutz wieder zugeschüttet. Herr Halaçoğlu hat Herrn Hallmann demnach persönlich erklärt, dass das Ausgrabungsteam die Plastiktüte in das Grab gelegt hat. Diese Stellungnahme haben Sie unter den Teppich gekehrt doch die konkludente Implizierung, man hätte ein "Massengrab gefälscht", geht auch Ihnen zu weit. Ausgesprochen haben Sie es nicht.
Gewundert habe ich mich über Ihre Diskreditierung des Wiener Professors Dr. Erich Feigl. Wenn Sie jemandem die Glaubwürdigkeit absprechen, dann setzen Sie sich doch bitte mit seinen Thesen auseinander. Prof. Dr. Erich Feigl ist keineswegs der einzige Historiker, der die armenische Sichtweise für falsch und maßlos übertrieben hält. Es gesellen sich zu diesem Wissenschaftlerkreis noch andere namhafte Historiker wie Prof. Dr. Justin McCarthy, Prof. Dr. Andrew Mango, Prof. Dr. Heath Lowry, Prof. Dr. Bernhard Lewis, Prof. Dr. Stanford Shaw.
Erstaunlich ist, dass Herr Hallmann aus der Türkei berichtet, aber trotzdem nicht bemerkt zu haben scheint, dass der Historiker-Kongress zur Armenischen Frage nicht von der Regierung sondern von den Veranstaltern abgesagt wurde und dass nur Vertreter der Genozid-These eingeladen waren und diese "unter sich diskutieren" wollten anstatt sich anderen Historikern wie beispielsweise dem von Herr Hallmann verunglimpften Prof. Dr. Halaçoğlu zu stellen. Die mehr als berechtigte Kritik, welcher sich die Veranstalter aus besagtem Grunde stellen mussten, war ein willkommener Anlass für eine medienwirksame Absage, mit der man wieder einmal auf das Vortrefflichste das Klischee einer in dieser Frage vermeintlich repressiven Staatsmacht bedienen konnte.
Ferner verwundert es, dass Herr Hallmann berichtet, dass die Schändung der türkischen Flagge am "kurdischen Neujahresfest" stattfand, obwohl Nevruz in der gesamten schiitischen Welt und in Zentralasien gefeiert wird. Ein "kurdisches Nevruz" gibt es genauso wenig wie ein "deutsches Weihnachten".
Die Behauptung, man würde in der Türkei Schweinefleisch verbieten wollen, ist unhaltbar und schlicht falsch. Schweinefleisch kann man beispielsweise in Großmärken zwischen den Kühlregalen für Fleisch in einem eigens eingerichteten Bereich, welcher komplett für Schweinefleisch reserviert und auch dementsprechend gekennzeichnet ist, beziehen. Sie finden dort von original Thüringer Rostbratwurst bis zum Schweineschnitzel alles und müssen nicht einen griechischen Schweinemetzger aufsuchen.
Ein weiterer Punkt meiner Beanstandung ist Ihre Interpretation der Schließung des Priesterseminars auf der Insel Heybeliada. Zuerst ist zu erwähnen, dass es sich bei Heybeliada um eines der teuersten Gebiete Istanbuls handelt. Es gibt demnach noch andere Gründe als einen reinen "Rückzug", sich auf diesem Gebiet niederzulassen. Des Weiteren hätte das Priesterseminar seit langen wiedereröffnet sein können, wenn sich das Patriarchat kooperativer zeigen würde, denn es besteht darauf, dass das Priesterseminar autonom zu sein habe. In der Türkei ist jedoch eine theologische Ausbildung - und dies betrifft besonders Korankurse und Imamausbildungen - außerhalb staatlicher Universitäten und theologischer Fakultäten strikt untersagt. Die türkischen Regierungen haben dem Patriarchen etliche Male erläutert, dass sie unmöglich der Orthodoxie private Theologenausbildung gestatten, gleiches Recht aber Muslimen weiterhin vorenthalten können und angeboten, das Priesterseminar an die theologische Fakultät der Universität Istanbul anzugliedern. Es ist demnach das Patriarchat, das diese pragmatische Lösung konsequent ablehnt und rigoros auf Sonderrechten beharrt.
Weiter meinen Sie, dass die Türkei Christen durch die Zahl "31" im Pass gesondert – und wieder ohne es ausdrücklich auszusprechen - wie die Juden im Dritten Reich kennzeichnen würde. Jeder türkische Staatsbürger hat in seinem Personalausweis einen Eintrag der Religionszugehörigkeit und muss seinen Pass nicht bei sich zu führen. Dieser wird wie in Deutschland nur für Auslandsreisen benötigt und selbst wenn man es mit Behörden zu tun hat nur nach dem Personalausweis verlangt. So zu tun, als ob ein versteckter Erkennungscode im Pass eingetragen sei, obwohl die Religionszugehörigkeit aus dem Personalausweis hervorgeht, ist völlig absurd bzw. kennzeichnend für die gesamte "Dokumentation".
Ihre Parteilichkeit und Tatsachenverdrehung beim Bevölkerungsaustausch Türkei/Griechenland ist als nächstes zu benennen. Die Türken haben nach Herrn Hallmanns Auffassung ein Problem mit Minderheiten, welches sich in der Zwangsausweisung griechischer Mitbürger äußere, "auch wenn eine geringe Zahl Türkischstämmige aus Griechenland ausgewiesen wurden". Die Tatsache, dass der friedliche Bevölkerungsaustausch im Vertrag von Lausanne von beiden Seiten vereinbart wurde, lassen Sie diskret unter den Tisch fallen. Es wurde des Weiteren nicht "eine geringe Zahl Türken" aufgenommen sondern ca. 500.000. Wenn man bedenkt, dass laut Ihrer Sendung 1,2 Millionen Griechen "ausgetauscht, einer anderen Art der Vertreibung unterzogen" wurden, ist das beinahe die Hälfe, aber für Herrn Hallmann immer noch "eine geringe Zahl".
Als letzter meiner Hauptbeanstandungspunkte ist mir die Wahl Ihrer Interviewpartner unangenehm aufgefallen. Sie fragen den einfachen Mann auf der Straße nach geschichtlich komplizierten Ereignissen und zeigen eine aufgebrachte nationalistische Meute, als wäre diese stellvertretend für die ganze Türkei wie beispielsweise ein Naziaufmarsch in Ostdeutschland. Wenn das Recherche sein soll, finde ich in Bayern oder Berlin-Marzahn genug Gesprächspartner, die vor laufender Kamera bereitwillig von der der "Tatsache", dass "Unter Hitler nicht alles schlecht war" erzählen. Dies würde ich aber – im Gegensatz zu Ihnen – nicht als seriösen Journalismus bezeichnen und erst recht nicht im Ausland senden.
Um nicht missverstanden zu werden, sage ich es deutlich: Ich bin keineswegs mit allem, was die türkische Regierungen machen einverstanden und auch ich kritisiere mein Land oft und viel. Es geht mir ausschließlich um Ihre bewusst oder unbewusst eingefärbten Interpretationen und selektive Berichterstattung. Stellen Sie sich bitte selber die Frage, ob das Ihre Vorstellung von journalistischer Arbeit ist.
Ich freue mich auf Ihre Antwort zu den von mir aufgeführten Punkten.
Hochachtungsvoll
Çağdas Binbaşıoğlu
Türkische Internet Community
05.08.2005
www.turkcom.org (http://www.turkcom.org/)
http://www.turkcom.org/content.php?article.90