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Europäische Türkei? - Türkisches Europa?
DT vom 06.08.2005
Die Europäische Union geht davon aus, dass es so etwas wie eine europäische Identität gibt, denn sie knüpft die Mitgliedschaft an zwei Bedingungen: an die Zugehörigkeit des Bewerberstaates zu Europa und an dessen Bekenntnis zu den Werten der EU. In diesem Sinn heißt es auch in der Europäischen Verfassung: "Die Union steht allen europäischen Staaten offen, die ihre Werte achten und sich verpflichten, ihnen gemeinsam Geltung zu verschaffen." Zwei Fragen sind deshalb an den umstrittensten Beitrittskandidaten zu stellen: Ist die Türkei ein europäischer Staat, ein Teil der Identität Europas? Und, falls dies der Fall ist: Achtet sie die Werte Europas? Beim Versuch der Türkei, Mitglied der EG und später der EU zu werden, hat man - fatalerweise - die erste Frage ignoriert und sich auf die zweite konzentriert. Der Auftrag an die Kommission war ab 1999, die Türkei an denselben Maßstäben und Kritierien zu messen, an denen auch mitteleuropäische Kandidatenländer gemessen wurden: "Als Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union muss der Beitrittskandidat eine institutionelle Stabilität als Garantie für demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, für die Wahrung der Menschenrechte sowie die Achtung und den Schutz von Minderheiten verwirklicht haben." Ob und wie weit dies für die Türkei zutrifft, hatte die Kommission zu prüfen. Statt sich zunächst die Frage zu stellen, ob die Türkei überhaupt ein europäisches Land - ein Teil der Identität Europas - ist, versuchte man die Unmöglichkeit eines türkischen Beitritts an der Verwirklichung konkreter Werte, an der Menschenrechtslage und der Minderheitenproblematik festzumachen. Das hatte fatale Folgen: Die EU wurde dadurch unglaubwürdig, weil sie zwar von der Türkei eine Respektierung der kurdischen Minderheit fordert, aber alte EU-Mitglieder wie Frankreich oder Griechenland die Existenz von Minderheiten auf ihrem Staatsgebiet einfach leugnen. Die EU machte sich zum permanenten Kritiker der türkischen Politik und der türkischen Gesellschaft, was für ein gutnachbarschaftliches Verhältnis abträglich ist. Und die EU weckte die Erwartungshaltung, dass sie die Türkei als Beitrittskandidat und als Mitglied akzeptieren müsse, wenn alle Forderungen erfüllt sind. Der türkische Premier Yilmaz meinte 1997: "Unser Wertesystem entspricht dem Westeuropas!" Er dachte dabei an die Werte der Aufklärung und der Französischen Revolution. Tatsächlich aber war es Atatürks Ideologie des Nationalismus, die einem Volksgruppenrecht für die Kurden im Weg stand; war es Atatürks Ideologie des Säkularismus und Laizismus, die einer wirklichen Religionsfreiheit im Weg stand; war es Atatürks Ideologie des Etatismus, die einem Kompromiss in der Zypernfrage im Weg stand. Leichter als seinen kemalistischen Vorgängern fällt es dem frommen Muslim Erdogan, auf Wunsch der EU von den Atatürkschen Prinzipien abzurücken. Die islamfreundliche AKP-Regierung konnte viele der von der EU geforderten Gesetzesreformen umsetzen, die Todesstrafe abschaffen, die Folter verbieten, den Kurden mehr Minderheitenrechte geben, in der Zypern-Frage Flexibilität beweisen. Nicht die westlich-säkularen Erben Atatürks, sondern der Muslim Erdogan brach den Widerstand und erreichte nach großen Reformanstrengungen, dass die Kommission im Oktober 2004 Beitrittsverhandlungen empfahl, und der EU-Gipfel im Dezember beschloss, diese am 3. Oktober 2005 zu beginnen. Folgendes sind die pragmatischen Argumente der Befürworter eines türkischen EU-Beitritts: Erstens: Man könne nicht von dem Ziel abrücken, das man der Türkei jahrzehntelang vor Augen gehalten habe. Deshalb sei nur die Vollmitgliedschaft ein anständiges Angebot. - Aber: Die einst in Aussicht gestellte EWR-Mitgliedschaft ist durch die Zollunion weitgehend erfüllt; die heutige Europäische Union ist etwas wesentlich anderes als die EWG von 1964. Zweitens: Die Türkei habe riesige Reformen geschafft, insbesondere in den vergangenen zwei Jahren. Dieser Kurs werde unter dem wachsamen Auge der EU-Kommission fortgesetzt, bis die Türkei politisch, rechtlich und gesellschaftlich volles Europa- Niveau erreicht. - Aber: Wenn die Perspektive der EU-Mitgliedschaft tatsächlich zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit führt, warum lösen wir dann nicht so den israelisch-palästinensischen Konflikt, warum demokratisieren wir nicht durch Beitrittsperspektiven den Nahen und Mittleren Osten? Drittens: Es gebe keine "systematische Folter" mehr. Ankara gehe gegen folternde Polizisten mit einer "Politik der Null-Toleranz" vor. - Aber: Auch nicht-systematische Folter ist ein Problem. Es geht nicht nur um die Gesetzeslage, sondern auch um die Rechtspraxis. Viertens: Die Mitgliedschaft sei geostrategisch wichtig: Im "Kalten Krieg" habe sich die Türkei als verlässlicher NATO-Partner der Vereinigten Staaten, als Freund Israels und als Wirtschaftspartner Europas erwiesen. Heute sei die Türkei ein stabilisierender Faktor inmitten der Krisenherde des Balkan, des Nahen Ostens und der Kaukasus- Region. - Aber: Eine Mitgliedschaft Ankaras in der Europäischen Union bekehrt keinen arabischen Diktator, sondern macht die Türkei dem arabischen Raum nur noch fremder. Fünftens: Eine Ablehnung der Türkei würde dieses Land in die Hände der islamischen Fundamentalisten treiben. So wirbt etwa Jörg Haider für den Beitritt: "Eine Türkei, die von Europa zurückgewiesen wird, würde ein fundamentalistisch-islamischer Staat werden." Auch Kommissar Verheugen ist überzeugt, dass ein Zurückweisen der Türkei alle Reformen zunichte machen und einen Rückfall in finstere Zeiten bewirken würde. - Aber: Wenn das Eis wirklich so dünn ist, dürfen wir die Türkei keinesfalls beitreten lassen! Das türkische Militär, das im Nationalen Sicherheitsrat eine bedenklich dominante Stellung einnimmt, sieht sich als Hüter des Kemalismus und putschte mehrfach gegen demokratisch gewählte Regierungen, um diese Ideologie (und vermeintliche Westorientierung) zu schützen. Der Nahost-Experte Peter Scholl- Latour meint deshalb, dass mit dem EU- Beitritt und der dafür nötigen Demokratisierung eine Re-Islamisierung einhergehen würde: "Denn die westliche Orientierung des Landes beruht nicht auf der Aufklärung, sondern auf der Macht der Armee. Es ist die Armee, die den Kemalismus, also die laizistische Ordnung der Türkei garantiert." Sechstens: Die unterentwickelte Türkei gilt als wachsender Zukunftsmarkt und als ökonomische Brücke zu anderen Staaten des Mittleren Ostens. Tatsache ist, dass an der europäisch-türkischen Zollunion bisher vor allem die Europäer verdienten. - Aber: Die Türkei wäre das größte, einwohnerstärkste Land der EU und zugleich das ärmste, wirtschaftlich schwächste. Es hätte das größte Stadt-Land-Gefälle, die größten sozialen Spannungen, die höchste Inflations- und Arbeitslosenrate, das niedrigste Pro- Kopf-Einkommen. Da 35 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig sind, würde ein Beitritt der Türkei nach heutigem Agrarsystem die EU mehr kosten als die zehn Beitritte des Jahres 2004. Die Mitgliedschaft der Türkei würde zum Kollaps der gemeinschaftlichen Agrarpolitik führen. Siebtens: Die Migration sei eine Chance, meinen manche Experten: Die Türkei habe jene Jugend, die dem vergreisten Europa fehle. Das demographische Defizit in Europa fordere den Beitritt der Türkei und die baldige Freizügigkeit für die Türken. Die Migration führe vor allem in jene Länder, wo bereits viele Türken leben: also nach Deutschland. - Aber: Verkraftet Deutschland einen Zuzug von fünf bis zehn Millionen Türken? Ist die Türkei schon ein europäisches Land, wenn sie wie ein solches funktioniert? Geht es nicht mehr um die Identität Europas, sondern nurmehr um die formale Erfüllung von "Beitrittskriterien"? Die Übernahme italienischer, deutscher und Schweizer Handels- oder Strafgesetze (wie unter Atatürk) oder die Übernahme von EU-Richtlinien (wie unter Erdogan) schafft noch keinen Raum des Gemeinwohls, der Gerechtigkeit und der Rechtsstaatlichkeit. Voraussetzung dafür wäre ein gesellschaftliches Bewusstsein, das sich nicht per Verordnung herstellen lässt. Die bloße Übernahme des gemeinschaftlichen Rechtsbestands der EU garantiert noch keine Rechtsstaatlichkeit. Die EU kann zwar einem Kandidatenland ihre Verordnungen und Bedingungen aufzwingen, doch ab dem Beitritt ist jedes Land ein gleichberechtigter Mitgestalter in der EU. Wird die Türkei EU-Mitglied, dann wäre sie mit einer Fläche von 780 000 Quadratkilometern das größte, und mit heute 71,4 Millionen Einwohnern und einem Bevölkerungswachstum von 1,6 Prozent rasch das einwohnerstärkste Land der EU. Der Islam, dem heute etwa 20 Millionen Menschen in der Europäischen Union anhängen, würde zur zweitgrößten Glaubensgemeinschaft im vereinten Europa. Die Europäische Union selbst würde sich dadurch radikal wandeln: Während in den zurückliegenden Jahren die Türkei angeblich "europäischer" wurde, würde Europa dann "türkischer". Innerhalb der EU müsste man künftig entweder stärker den Weg Atatürks gehen, indem man den in den Verträgen festgeschriebenen Wertekanon auch dann umsetzt, wenn ein großer Teil der Bevölkerung dies nicht versteht, nicht akzeptiert und nicht annimmt (etwa die Geschlechtergleichstellung in Anatolien). Oder man bleibt wirklich demokratisch und nimmt in Kauf, dass die Mentalität, Kultur, Rechtsauffassung und Rechtspraxis der türkischen Bevölkerung die Europäische Union insgesamt prägen und verändern. Unbestreitbar war die Türkei mit Europa geschichtlich in einem meist konfrontativen, teils auch bereichernden Austausch. Dass sie heute bessere Beitrittschancen hat als viele zweifelsfrei europäische Staaten, die lange unter osmanischem Joch litten - Serbien, Albanien, Bosnien, Makedonien - hat für diese Länder auch eine tragische Komponente. Europa, das keine natürliche Grenze im Osten besitzt, würde mit der Türkei bis weit nach Asien hineinreichen. Eine EU, die die Türkei aufnähme, hätte eine ebenso gefährliche wie einst willkürlich gezogene Ostgrenze zu Georgien, Armenien, Syrien, Iran und Irak zu sichern. Sie würde sich nicht nur die Probleme der Kurden, die diesseits und jenseits der türkischen Ostgrenze leben, importieren, sondern auch die höchst komplexen Beziehungen Ankaras zu den turkstämmigen muslimischen Nachfolgestaaten der einstigen Sowjetunion in Zentralasien. War die gemeinschaftliche Sicherung der EU-Außengrenzen schon bisher ein Thema, an das sich die Regierungen kaum herangetraut haben, dann dürfte die logische Idee, in einem Europa ohne Grenzkontrollen die Außengrenzen gemeinschaftlich zu schützen, mit dem Beitritt der Türkei endgültig fallen. Holländische Zöllner an der türkisch- syrischen Grenze? Schwedische Polizisten im grenzüberschreitenden Kurdengebiet? Deutscher Bundesgrenzschutz an Irans Nordwestgrenze? Durch den Beitritt der Türkei würde das vereinte Europa eine Fülle außenpolitischer Schwierigkeiten importieren, für die es - wie im Irak-Krieg demonstriert - weder die notwendige Einigkeit noch ein Konzept hat. Weder für die 30 Millionen Kurden, die in mindestens vier Staaten des Nahen Ostens siedeln, noch für das Palästinenser-Problem noch für eine Nachbarschaftspolitik gegenüber Syrien, Irak und Iran, Armenien und Georgien gibt es in Brüssel plausible Konzepte. Ein vereintes Europa ohne Frankreich oder Deutschland ist undenkbar; ein vereintes Europa ohne die Türkei ist denkbar. Die Türkei ist kein notwendiger, konstitutiver Teil der europäischen Identität. Sie hat als Erbe eines großen Reiches und einer großen Geschichte eine eigene, türkische Identität, die - wie jene Europas - seit hundert Jahren stark im Wandel ist. Ob diese Identität mit der europäischen kompatibel ist, ist mindestens fraglich, jedenfalls ein schwer kalkulierbares Risiko. Die inneren Spannungen in der Türkei sind durch Atatürks Reformen nicht beseitigt, sondern verschärft worden. Wir haben hier einerseits eine säkulare Rechtsordnung in einem laizistischen Staat und andererseits eine zutiefst islamische Gesellschaft. Die Konfrontation läuft heute nicht zwischen Freunden und Gegnern der Türkei, wie es noch vor wenigen Jahren beim Streit um die türkisch-europäische Zollunion war. Es geht vielmehr um die Frage, ob die EU eine Vollmitgliedschaft der Türkei wollen und verkraften kann. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre es Ankara gegenüber anständiger und ehrlicher, eine solide Partnerschaft jenseits der Mitgliedschaft zu suchen, statt einen utopischen EU-Beitritt in Aussicht zu stellen.Autor: VON STEPHAN BAIER
Quelle tagespost (http://www.die-tagespost.de/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=16319)
Was ist das für ein Schrott! Der Mann hat wohl vergessen, das die Türkei frühestens in 10 Jahren mit einem Beitritt rechnen kann. Wenn man bedenkt wie sich z. b China in 10 Jahren verändert hat ist es doch Schwachsinn die heutigen Wirtschafts-Verhältnisse auf den Beitrittstag zu Projizieren!! Denn Rest braucht man gar nicht kommentieren!
Denn Rest braucht man gar nicht kommentieren!
Weshalb nicht?
Weshalb nicht?
Das war eine Floskel :)
..und ich hab gedacht, du lügst mich an, weil die Wahrheit zu hart wäre. :rolleyes:
..und ich hab gedacht, du lügst mich an, weil die Wahrheit zu hart wäre. :rolleyes:
Wie soll ich das verstehen? Ich bin kein Experte, meine Meinung hat nicht viel gewicht. Du brauchst sie nicht ernst nehmen. Und mein Zitat fand ich später selber nicht so gescheit deswegen benutz ich ihn nicht. Ich könnte schwören das ich dich kenne :D
Ich schwöre selten, fand jedoch, dass der Beitrag der EU ganz schön auf den Zahn fühlt. Deswegen setzte ich den Beitrag rein.
Ich schwöre selten, fand jedoch, dass der Beitrag der EU ganz schön auf den Zahn fühlt. Deswegen setzte ich den Beitrag rein.
In diesem Bericht werden Dinge angesprochen die sich nach den Reformen erübrigen werden. Aber sie an zu Sprechen und hinerfragen ist nicht Falsch. Wie ich sagte war es nur eine Floskel zu sagen” den Rest braucht man nicht kommentieren” Du Scheint’s dafür das du neu bist dich hier gut aus zu kennen. Dein Sarkasmus ist unverwechselbar! :D
Carlito
Ich finde, die EU blufft. Sitzt selbst auf einem Berg ungelöster Probleme, tut so, als ob es eine Ehre wäre, in die EU zu kommen. Eigentlich aber geht es aus der Sicht der EU um Kohle, um Märkte, auch im Falle der Türkei. Meinte man zumindest. Jetzt stellt man fest, dass da noch VIELES mehr dazu kommt.
Genauso könnte es der Türkei gehen. EU-Truppen an der türkisch-irakischen Grenze zum Schutze gegen Kurden? Kommt das gut?
Carlito
Ich finde, die EU blufft. Sitzt selbst auf einem Berg ungelöster Probleme, tut so, als ob es eine Ehre wäre, in die EU zu kommen. Eigentlich aber geht es aus der Sicht der EU um Kohle, um Märkte, auch im Falle der Türkei. Meinte man zumindest. Jetzt stellt man fest, dass da noch VIELES mehr dazu kommt.
Das macht mich die ganze Zeit auch stutzig. Ich habe Fischer sagen hören “Wir” brauchen die Türkei. Uns ist klar das die Europäer uns nicht wegen der nächsten Liebe wollen, sie Rechnen sich einen Wirtschaftlichen Vorteil dabei heraus. Aber die Frage ist wie sieht es für uns aus? Es ist doch bekannt das wir nicht mal unseren Immensen Reichtum an Bodenschätzen nutzen können. Wie bisher kann es doch nicht weiter gehen. Was wäre die Alternative zur EU und wie Realistisch wäre sie?
Genauso könnte es der Türkei gehen. EU-Truppen an der türkisch-irakischen Grenze zum Schutze gegen Kurden? Kommt das gut?
Ich glaube das die Kurden Sache sowieso von Europa gesteuert wird. Das was sie uns eingebrockt haben sollen sie Ruhig mit Ausbaden. Die EU würde bei weiterer Unterstützung der PKK ins eigene Fleisch schneiden. Oder siehst du eine Gefahr? Im Moment fällt mir nämlich nichts ein warum das die Situation Verschlechtern würde.
Es ist doch bekannt das wir nicht mal unseren Immensen Reichtum an Bodenschätzen nutzen können
Was ändert sich daran, wenn ein EU-Beitritt erfolgt? Wer wird dann die Bodenschätze gewinnbringend nutzen? Türkische Firmen, europäische Konzerne? Da bin ich mir nicht sicher. Wie ist es mit der Osterweiterung? Wer führt dort den Cash ab?
Ich glaube das die Kurden Sache sowieso von Europa gesteuert wird. Das was sie uns eingebrockt haben sollen sie Ruhig mit Ausbaden. Die EU würde bei weiterer Unterstützung der PKK ins eigene Fleisch schneiden. Oder siehst du eine Gefahr? Im Moment fällt mir nämlich nichts ein warum das die Situation Verschlechtern würde.
Europa hat in der Kurdenfrage viele Fehler gemacht. Mit einem EU-Beitritt der Türkei wäre also die EU in die Lösung eingebunden. Die Türkei aber auch.
Ich dachte mehr an eine andere Realität: Multinationale Truppen auf türkischem Boden zur Sicherung der EU-Aussengrenze. Denkbar?
Was ändert sich daran, wenn ein EU-Beitritt erfolgt? Wer wird dann die Bodenschätze gewinnbringend nutzen? Türkische Firmen, europäische Konzerne? Da bin ich mir nicht sicher. Wie ist es mit der Osterweiterung? Wer führt dort den Cash ab??
Ja die Sache ist echt Kompliziert. Wer seine Interessen dann durch Setzen wird ist echt eine gute Frage. Ich bin mir im klaren das die EU eine Kolonisierung auf Wirtschaftlicher Ebene betreibt. Sie werden den Türkischen Arbeiter ausbeuten. Aber man muss auch den Türkischen Arbeiter fragen was er lieber will. Hungern oder sich von Europa ausbeuten lassen und Satt sein. Im Grunde geht’s uns doch nicht anders. Ich habe meinen Vater mal Spaßes halber Industrie Roboter genant. Der hätte mich fast verprügelt (yoksa Cook sakin biri ) Was Türkei auf jeden Fall tun muss ist die Bildung als Nationale Aufgabe ausrufen. Bildung ist alles!! Ich warte noch 1-3 Jahre ab wie sich die Reformen auf die Türkische Lage auswirken. Wenn es eine steigende Verbesserung gibt hat man was richtig gemacht.
Europa hat in der Kurdenfrage viele Fehler gemacht. Mit einem EU-Beitritt der Türkei wäre also die EU in die Lösung eingebunden. Die Türkei aber auch.
Ich dachte mehr an eine andere Realität: Multinationale Truppen auf türkischem Boden zur Sicherung der EU-Aussengrenze. Denkbar?
Es muss sich in dieser Sache was tun. Warum wird die Türkei in dieser Sache allein gelassen? Wahrscheinlich gibt es Kriterien dafür ab wann ein Land Multinationale Unterstützung von der UNO zu gesteht bekommt.
Aber wir brauch das alles nicht wenn wir schaffen uns mit unseren Kurdischen Brüdern zu einigen. Mann kann nichts mit Gewalt lösen. Schon gar nicht Herzen gewinnen.
:p ein vielfältiges Thema. Ich versuche mal, einen neuen Ansatz zum Grundsätzlichen einzuschmuggeln. Die Eingabemaske will aber die Hälfte wegkürzen, wg. Überlänge. Dem fallen dann leider auch die Literaturangaben zum Opfer.
hpg
Zur geographischen Position der Türkei
Hans-Peter Geissen
I.
Istanbul – die Stadt auf zwei Kontinenten. – ist einzigartig. Keine andere Stadt der Welt liegt auf zwei Kontinenten. Schon der Gedanke ist faszinierend. Kein Wunder, das dieser Umstand ein fester Bestandteil der türkischen Tourismuswerbung geworden ist.
Die Türkei – ein Staat, der zu neunzig Prozent in Asien liegt. Also ein asiatischer, kein europäischer Staat. Das sagen die Gegner eines Beitritts der Türkei zur Europäischen Union.
Aber was ist ein asiatischer Staat? Indien, Japan, Saudi-Arabien, Israel, die Philippinen? Kann man sich größere Gegensätze vorstellen?
Anders gefragt: Kann man einen Kontinent durch Kultur, Sprache, Rasse, Religion oder Politik definieren? Nicht Asien, soviel ist klar. Sind andererseits Neuseeland, Bolivien oder Malawi Europa (weil christlich und/oder „Weiß“), Haiti und die Bronx Afrika, Ungarn oder Berlin-Kreuzberg (sprachlich bedingt) Asien? Die Antwort ist in allen Fällen offensichtlich negativ.
Bleibt der Bosporus und mit ihm Istanbul, das auf seinen beiden Ufern liegt. Nun ist aber kein Zweifel, dass Hamburg auf beiden Ufern der Elbe liegt, ohne dass üblicherweise davon gesprochen würde, Hamburg sei zwei verschiedenen Kontinenten zuzurechnen. Auch meine Heimatstadt Koblenz liegt auf beiden Ufern des Rheins, und die Tourismuswerbung macht davon reichlich Gebrauch. Hier verlief einmal die Grenze der Römischen Reiches und seiner Kultur.
Macht Salzwasser, das heute das alte Flusstal zwischen Anatolien und Thrakien ausfüllt, den entscheidenden Unterschied? Lägen dann also Dänemark und Schweden, zwischen denen sehr viel mehr Salzwasser zu finden ist, auf verschiedenen Kontinenten?
Oder könnte man die Natur als Kriterium heranziehen? Von Natur aus wäre Anatolien überwiegend von Wäldern und Savannen bedeckt, vorwiegend von verschiedenen Eichen- und Kiefernarten, vielerorts aber auch von Tannen, Fichten, Buchen, Hainbuchen, Linden, Eschen, Erlen, Zedern, Wacholdern, Platanen, Edelkastanien, Ahornen, Walnussbäumen, Birken, Almrosen, Weiden, Pappeln, Ulmen, Holunder-, Flieder-, Buchsbaum-, Schwarz- und Weißdorngebüschen, Ebereschen, vielerlei Wildobstbäumen, Zypressen oder anderen mediterranen Gehölzen der Küstenregionen. Daneben etwas Steppe, alpine Matten und Felsfluren, Sümpfe und Flussauen, Weiderasen, ein paar Küstendünen und Salzfluren. Ein Klein-Europa also viel eher als „Kleinasien“, mit einer dementsprechenden Vogelwelt usw. ...
II.
Das alte Assur war womöglich eine syrisch-semitische Gründung im Osten, wie jedenfalls die Benennung (assu = Sonnenaufgang) nahelegt. Von dort ging man „ereb“ (Richtung Sonnenuntergang) zu den Karum genannten assyrischen Handelsstützpunkten in Anatolien, deren bekannteste Kanes bei Nesa war. Die letztere Stadt wiederum war das erste Zentrum der Hethiter - der „Nesili“ sprechenden Herrscherschicht des Hethiterreiches. Die erste Großmacht von „Ereb“ war demnach das zentralanatolische Hethiterreich.
„Assu“ und „Ereb“ sind ursprünglich also Richtungsbegriffe, und damit geographische Begriffe. Die Bedeutung ist bereits spätestens vor 5.000 Jahren die gleiche wie „Morgen“- und „Abendland“, „Orient“ und „Okzident“, „Ost“ und „West“. Allerdings hätte kein Assyrer daran gedacht, den „Osten“ mit dem Kommunismus, den „Orient“ mit dem Islam, das „Abendland“ mit Karl dem Großen oder „Ereb“ mit den alten Griechen in Verbindung zu bringen – die Erfindung des Griechentums (und damit auch die des sprachlich nichtgriechischen „Barbaren“) lag noch in ferner Zukunft. Im Hethiterreich benutze man ganz offiziell zwei verschiedene Schriften und mehrere Sprachen.
Als der in einen Stier verwandelte Wettergott (ein uralter anatolischer -hurritisch-hethitischer- topos) „Europa“ mythologisch nach Griechenland „entführte“, wurde der Bezugspunkt der ursprünglichen Richtungsbegriffe verändert. „Ereb“ war nun westlich, „Asis/Asia“ östlich der Ägäis. Im römischen Reich hingegen wurde Griechenland Teil des östlichen (orientalischen) Provinzen. Die Teilung des römischen Reiches und später die Kirchenspaltung behielten diese Teilung in Oriens (Ostrom, Orthodoxie) und Occidens (Westrom, Katholizismus) bei. Bald darauf erreichte der Islam von Südwesten her, auf der Iberischen Halbinsel, das Gebiet, das heute als „Europa“ bezeichnet wird.
In den folgenden Jahrhunderten entwickelt sich um Ärmelkanal und südliche Nordsee „der Westen“, der in britischer Vorstellung etwas „nordatlantischer“ und protestantischer, in französischer etwas „mediterraner“ und katholischer gedacht wird. Zum „Osten“ wird nun Russland, während „der Orient“ vom expandierenden Osmanischen Reich eingenommen wird. „Der Orient“ ist nun also mehr islamisch als orthodox, „der Okzident“ bleibt vorwiegend katholisch, „der Westen“ wird protestantisch und „bourgeois“, und schließlich wird „der Osten“ „rot“ und umfasst auch China (aber nicht den „Orient“). In der „Mitte“ liegt erst das „Heilige Römische Reich“, später Deutschland (je nach Zeitpunkt und Perspektive auch Ungarn, Polen, Österreich-Ungarn u.a.), während im „Kalten Krieg“ „Mitteleuropa“ „verschwindet“ und durch den „Ost-West-Gegensatz“ ersetzt wird. Weitgehend im „Westen“ werden dann die „Europäischen Gemeinschaften“ (Euratom, EGKS, EWG) gebildet. Dann aber wird ein Stück ehemaligen „Oriens“ (Griechenland) in die „Europäische Gemeinschaft“ einbezogen; und schließlich gibt es begrifflich ein „Osteuropa“, ein recht witziges Wort, wie wir gesehen haben, bedeutet es doch soviel wie „östlicher Sonnenuntergang“. Von „dort“ kehren nach Ende des Kalten Krieges einige Staaten „nach Europa zurück“, ohne dass sich allerdings ihre geographische Lage in messbarer Weise in Richtung Westen verschoben hätte.
Hier stellen sich ernste Fragen. Träumt Europa von einer innerkontinentalen Kontinentalverschiebung? Befinden wir uns in einem durch Drogen verursachten Delirium? Die zunehmend und oft auch falsch mit religiösen, ideologischen und sozialen Inhalten verquirlten Richtungsbegriffe richten ein heilloses Wirrwarr an, in dem wir nun verzweifelt versuchen, eine Definition für „Europa“ zu finden. Die kombinierten Folgewirkungen knapp dreier Jahrtausende Ideologiegeschichte mögen durchaus mit der Wirkung einer halluzinogenen Droge vergleichbar sein. Dann brauchen wir ein Gegenmittel, das uns hilft, die Orientierung wiederzufinden.
Einen Anhaltspunkt bietet, das sei hier vorweggenommen, die an sich doch merkwürdige West- und schließlich Nordwanderung und östliche Erweiterung von „Ereb/Europa“.
III.
Versuchen wir es mal mit dem Begriff „Kontinent“. Das lateinische Wort „continens“ bedeutet „zusammenhängend“, „kohärent“. Eine „terra continens“ ist eine Landmasse, die zusammenhängt, aber von anderen ebensolchen Landmassen getrennt ist. Wie ist es dann zu erklären, dass Europa und Asien verschiedene Kontinente sein sollen, da sie doch zusammen nur eine einzige „terra continens“ bilden. Offensichtlich ist diese Teilung Eurasiens in zwei Kontinente begrifflicher und sachlicher Unsinn. Aber wie kommt er zustande?
Die Antwort findet sich bei den griechischen Ioniern, einer an der anatolischen Ägäisküste lebenden Bevölkerung. Schon im 6. Jahrhundert vor Christus hatten sie weite Teile des Schwarzen und des Mittelmeeres befahren und Karten gezeichnet. Selbst die weit im Westen gelegene Meerenge von Gibraltar war ihnen bekannt. Sie unterschieden zwei Erdteile, die durch ein zusammenhängendes Meer getrennt waren: Europa und Asien. Was wir heute als afrikanischen Kontinent bezeichnen, gehörte demnach zu Asien – die Ionier konnten noch nicht wissen, wie unbedeutend die Landverbindung zwischen diesen beiden Landmassen im Vergleich zum trennenden Indischen Ozean war. Auf der anderen Seite glaubten sie, das Schwarze Meer (bzw. das Asowsche) würde weiter nach Norden (bis zum „Rand der Welt“) reichen und Europa auch im Norden von Asien trennen. Es ist dieser etwa 2.500 Jahre alte Fehlschluss, den wir uns noch heute zu eigen machen, wenn wir vom „Kontinent Europa“ sprechen. Dabei war den altgriechischen Seefahrern bereits wenige Jahrzehnte später der gesamte Küstenverlauf des Schwarzen Meeres bekannt. Der alte Fehler aber hatte bereits den Sprung vom Seefahrer zur Fachliteratur geschafft, in eine ganz andere Kultur also, in der das Abschreiben großgeschrieben wird.
Um es begrifflich eindeutig festzuhalten: Einen Kontinent Europa (oder Asien) im Sinne der Geomorphologie (der Lehre von der Gestalt der Erdoberfläche) gibt es nicht.
Das zumindest sollte bedenken, wer die Türkei deshalb nicht zu Europa zählen möchte, weil sie größtenteils zur „asiatischen Landmasse“ gehört. Man könnte glauben, er oder sie habe noch nie einen Globus gesehen oder in einen geographischen Atlas geschaut.
IV.
Spätestens Alexander von Humboldt hatte in den 4oer Jahren des 19. Jahrhunderts auf seiner westsibirischen Forschungsreise jegliche Unklarheit beseitigt. Ein Jahrhundert später fragte sich der Münchner Geograph Herbert Louis, warum dieser falsche Begriff eines „europäischen Kontinents“ trotz aller Gegenbeweise ein derart zähes Weiterleben zeigt. Louis hatte viele Jahre auf dem Balkan und in Anatolien geographisch geforscht, unter Einschluss der Randgebiete, dabei und in folgenden Jahren in Köln und München aber auch einen gewissen Überblick über die vielschichtigen räumlichen Zusammenhänge auf der Erdoberfläche behalten. Er glaubte, dass der Zählebigkeit eines offenbar falschen Begriffes irgendetwas reales zugrundeliegen müsse.
Nach dem oben gesagten kann man sich ein paar Vorstellungen machen, wie dieses Reale beschaffen sein müsste.
1. Es muss mit einem Richtungsbegriff zusammenhängen. Das ist nach alledem sehr einfach: Der Westen des geomorphologischen Kontinents Eurasien.
2. Es sollte objektiv einigermaßen bestimmbar und abgrenzbar sein. Das genau ist die Fragestellung.
3. Dazu muss es in historischen Zeiträumen (nicht unbedingt geologischen) einigermaßen konstant erscheinen. Das bedeutet, es beinhaltet vermutlich eine naturräumliche Dimension.
4. Es muss auf Menschen einen nachhaltigen Eindruck machen, ja vermutlich von fundamentaler Bedeutung für sie sein, ohne aber unmittelbar, beim bloßen Anschauen vor Ort, seine „kontinentale“ Dimension zu verraten (sonst gäbe es kein Problem). Hier beginnt eine spezielle Teildisziplin, die Geographie des Menschen (Anthropo-Geographie).
5. Es muss im Lauf der Geschichte eine Veränderung erfahren, die ebenfalls eine räumliche Dimension besitzt. Diese Forderung steht in bedingtem Widerspruch zu Forderung 3. Hier geht es vermutlich um einen kulturräumlichen Aspekt.
6. Der Begriff eines Kontinents sollte erfüllt werden, wenn auch in einem nicht geomorphologischen Sinne. Das heißt, es muss ein räumlich zusammenhängendes Gebilde sein, das nicht etwa teilweise auf ganz anderen geomorphologischen Kontinenten liegt.
Jedem ist freigestellt, sich auf die Suche nach einem solchen „Ding“ zu begeben. An dieser Stelle aber soll es um die Antwort von Herbert Louis gehen.
V.
Die abstrakte Kurzfassung seines Kriteriums ist: Räumliche Struktur und Dichte menschlicher Besiedlung.
Für Europa: Eine gegenüber dem angrenzenden „Asien“ relativ hohe und zugleich relativ gleichmäßige sowie auch zusammenhängende menschliche Siedlungsdichte kennzeichnet Europa.
Da hier ein Stück Eurasiens als eigenständiges Gebilde definiert wird, kann man dem (Europa) nicht umstandslos ganz „Asien“ gegenüberstellen. Tatsächlich lassen sich zwei weitere „Kontinente“ mit dem gleichen Kriterium unterscheiden: 1. Ostasien mit dem Zentrum China und 2. der Subkontinent Indien.
Das zwischen diesen Gebieten gelegene Asien weist eine sehr viel geringere und auch sehr viel ungleichmäßigere menschliche Besiedlung auf. Da es ebenfalls räumlich zusammenhängt, kann es auch wie die vorigen als anthropo-geographischer Kontinent bezeichnet werden. Louis nennt dies den geographischen Orient.
Die drei primären Kontinente China, Europa und Indien sind einer gleichmäßigen und dichten Besiedlung relativ günstig, da sie fast überall produktive Landbewirtschaftung durch Ackerbau ermöglichen, außerdem auch Vieh- und Geflügelhaltung. Voraussetzung dafür ist ein Verhältnis von Niederschlägen zur Wasserverdunstung (i.w.S.), das einen für Ackerpflanzen ausreichenden Wasservorrat im Boden produziert. (Darüber hinaus gibt es nach Norden hin und in Hochgebirgen eine Kältegrenze, die hier nicht diskutiert werden muss.)
Ackerbau ermöglicht und erzwingt eine weitgehend sesshafte Lebensweise. Diese ist wiederum Vorraussetzung für bestimmte Tierhaltungen wie Geflügel- und Fischzucht und in heißeren Gebieten auch für Schweinehaltung. Daneben kann es aber auch halbnomadische Bevölkerungsgruppen im gleichen Gebiet geben, die transhumante Weidewirtschaft, Wanderfeldbau, Handel oder Gewerbe betreiben.
Im geographischen Orient ist ein solches Verhältnis nicht großflächig gegeben. Ackerbau und damit dichte und sesshafte Besiedlung ist in breiteren Küstenstreifen, schmaler bandförmig entlang von Flüssen und regenreicheren Gebirgen sowie an punktförmigen Oasen gegeben. Hier kann die Siedlungsdichte extrem hoch sein. Die überwiegenden Flächen sind entweder nur durch nomadische Viehzucht (Trockensteppe) oder aber gar nicht (Wüste) agrarisch nutzbar. Dort ist die Siedlungsdichte sehr niedrig oder Besiedlung fehlt ganz. Eine spezielle Bedeutung hat der geographische Orient als Transitraum zwischen den drei primären „Kontinenten“ Eurasiens.
Dementsprechend lassen sich die potentiellen Gebiete der primären Kontinente menschlicher Besiedlung auch dann bestimmen, wenn sie aus historischen Gründen nicht dicht besiedelt sind; und zwar an der natürlichen Vegetation. Insbesondere Laub- und Mischwälder, Savannen und die feuchteren Typen der Steppen bezeichnen potentielle Ackergebiete.
VI.
Beides, die tatsächliche dichte Besiedlung und die entsprechende natürliche Vegetation, lässt sich kartographisch erfassen. Auch Niederschlags- und Temperaturkarten können dementsprechend ausgewertet werden. Soweit die Gebiete im Westen Eurasiens liegen und großflächig zusammenhängen, gehören sie zum geographischen Europa. Von Menschen leicht zu überwindende oder zu umgehende Hindernisse wie Flüsse, Binnenseen oder Gebirgskämme können nicht als Unterbrechung des Zusammenhangs der Besiedlung gewertet werden. Anthropogeographische Kontinente ohne entsprechende Gewässer sind nicht einmal theoretisch vorstellbar.
Wo andererseits Gebiete dichter Besiedlung streifen- und punktförmig zwischen Trockensteppen, Wüsten und/oder dem Meer liegen, gehören sie zum geographischen Orient.
Das kartographisch skizzierte Ergebnis findet sich in LOUIS 1954 (s.u.). Im Osten erreicht ein zwischen nördlicher Temperatur- und südlicher Trockengrenze allmählich schmaler werdender Ausläufer Europas das Gebiet um Krasnojarsk am oberen Jenissej (westliches Mittelsibirien). Er umfasst staatlich gesehen noch einige Gebiete im Norden Kasachstans. Der überwiegende Flächenanteil Russlands (und mehr noch Kasachstans) liegt demnach außerhalb des geographischen Europas, während aber die Bevölkerung (jedenfalls Russlands) weit überwiegend innerhalb Europas lebt. Im Südosten sind sowohl Transkaukasien (Georgien, Armenien und Aserbeidschan) als auch Anatolien dem Besiedlungscharakter nach europäisch, und der Gesamtraum hängt sowohl im Kaukasusgebiet als auch in der Nordwesttürkei mit dem übrigen Europa zusammen. Ähnlich wie die Ostsee ist das Schwarze Meer ein europäisches Binnenmeer – auch historisch. In der Antike war es ein „griechisches“, vom Mittelalter bis ins 19. Jh. ein „osmanisches“ Meer.
Ein Grenzfall in jeder Beziehung ist die Provinz Hakkari im äußersten Südosten der Türkei, die eine quasi orientalische Siedlungsstruktur aufweist. Es handelt sich um praktisch reines Hochgebirge, relativ trocken, aber mit tiefen und schmalen, agrarisch kaum nutzbaren Fluss- und Bachtälern. Andererseits hängt ein zwar schmaler, aber siedlungsgeographisch europäischer Streifen Nordwestsyriens ( mit dem Hauptort Halab/Aleppo) mit dem ähnlich strukturierten Südostanatolien zusammen. Ähnliches gilt für das nordwestiranische Gebiet um die Stadt Täbris, das an Armenien, Aserbeidschan und die Osttürkei grenzt.
Die östlichen Grenzen des geographischen Europa stimmen also nirgends völlig exakt mit politischen Staatsgrenzen überein, aber auch nirgends so genau wie im Fall der Südostgrenzen der Türkei. Den letzten geographisch prädestinierten Erweiterungsraum des politischen (EU-) Europa stellen die Republiken Georgien, Armenien und Aserbeidschan im Nordosten der Türkei dar - falls sich die „feindlichen Brüder“ zur nötigen gemeinschaftlichen Initiative zusammenraufen können. Letzteres wäre schon für sich allein ein großer Gewinn an innerer und äußerer Sicherheit für Europa.
VII.
Zur historischen „Wanderung Europas“ muss hier eine kurze Skizze genügen.
manchmal sitzt man ja auf der leitung; aber ich musste mal kaffee holen. Teil 2:
Die Siedlungsdichte und deren Kohärenz ist nicht nur von den klima- und biogeographischen Bedingungen, sondern auch von der Entwicklung der Landbewirtschaftung abhängig. Insofern ist sie nicht nur ein geographisches, sondern auch ein historisches Faktum.
Mit hoher Sicherheit wurden Weizen, Kichererbse und Schwein im heutigen Südost-Anatolien domestiziert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gilt das für viele weitere Nutzpflanzen und –tiere zumindest teilweise (Schaf, Rind, Ziege, Erbse, Linse, Ackerbohne, Saatplatterbse, Roggen, Lein, Salat). In Anatolien/Transkaukasien genutzt und gepflanzt, aber nicht weiter domestiziert wurden Nüsse (i.w.S.) wie v.a. Wal- und Haselnuss, Edelkastanie, Mandel und Pistazien. Andere Gehölzfrüchte (Aprikose, Apfel, Birne, Feige, Olive, div. Kirsch- bzw. Pflaumenarten, Weinrebe) gehören möglicherweise zu diesem Spektrum. Ihre wilden Vertreter wurden hier jedenfalls von Menschen verzehrt und ihre Samen in Siedlungsnähe verbreitet. Weitere Arten wurden hier erstmals für Europa aus anderen Kulturzentren (Indien, China, Ägypten/Palästina, Arabien) importiert (Melonen, Gurken, Gerste, Baumwolle, Sesam, Reis, Pfirsich, Maulbeerbaum, Esel, Kamel, Seidenraupe).
Wie überall in Europa entwickelten sich in Westanatolien Fischerkulturen im sogenannten Mesolithikum, vor ca. 10-12.000 Jahren. Hier gab es nur ganz lokal höhere Siedlungsdichten, v.a. an Küsten, Seen und Flüssen. Mit der neolithischen Acker- und Viehwirtschaft, die sich allseitig ausbreitete - jedoch schneller in Richtung Süden - stieg diese Dichte, v.a. in der Nähe des Mittelmeeres. Die Hochländer Anatoliens und des Balkans, allgemein die dichtbewaldeten Gebiete des Nordens, entwickelten sich langsamer als der südliche Orient (Irak, Palästina), Ägypten und Indien. Die Altsiedlungsgebiete behielten einen kulturellen Vorsprung für Jahrtausende. Dabei konnte sich eine Metallurgie nur dort entwickeln, wo Erz- und Energievorkommen (Holz) nahe beieinanderlagen, und zugleich in kurzer Entfernung ein gewisser Überschuss an landwirtschaftlichen Produkten erwirtschaftet werden konnte. Das war in südlichen Gebirgsregionen der Fall, besonders in Anatolien.
In der Kupfer- und der Bronzezeit war Anatolien das einzige hochentwickelte Gebiet Europas, aber die Ägäis holte auf, ebenso Italien. In der Eisenzeit verschob sich das Zentrum der höheren Siedlungsdichte/Kultur allmählich nach Griechenland, in der klassischen Antike nach Italien. Römerzeitlich wurde Westeuropa von Spanien bis England, im Mittelalter Mitteleuropa mit dem Ostseeraum intensiv erschlossen und verkehrsmäßig angebunden. Immer verschob sich dabei auch das Zentrum der gut erschlossenen Handelswege, eine Voraussetzung auch für machtpolitische Veränderungen. In der frühen Neuzeit wurde Westeuropa zum Zentrum eines überseeischen Welthandels und des Kolonialismus, und damit zum Begründer einer neuen, globalen Ära.
Zwischenzeitlich war Anatolien zuerst durch eine persische Invasion mit einem nicht ganz „dreißigjährigen“ Krieg (Sassaniden, 8. Jh.), dann durch arabisch-islamische Raubzüge (9.-11. Jh.) besonders in seinem Zentrum und Osten weithin zerstört, im 11.-13. Jh. aber hauptsächlich von Turkstämmen erobert worden. Den mit den Zerstörungen und Raubzügen des 8.-11. Jhs. verbundenen Absturz der Siedlungsdichte und Siedlungskohärenz in Zentralanatolien kann man als Herausbrechen Anatoliens aus Europa betrachten. Mit der Niederlassung der Turkstämme begann ein Wiederaufbau.
Warum „brauchte“ Anatolien anscheinend die Türken? Südostanatolien war ein Gegenbeispiel. Armenier, Syrer und Kurden hatten hier im Schutz der Oberherrschaft des Kalifats die alten Siedlungsstrukturen aufrechterhalten. Diese Oberherrschaft hatte sich auch durch punktuelle Niederlassungen arabischer Krieger manifestiert. Es gab weder sinnlose Zerstörungswut noch umfangreiche Zwangsbekehrungen im arabisch-islamischen Kalifat.
Dieses kämpfte jedoch um seine (bzw. die islamische) Oberherrschaft. Zentralanatolien war jedoch schon vor dem Aufkommen des Islams weithin entvölkert, insbesondere durch die Sassanidenkriege. Andererseits mieden auch die arabischen Stämme, wie alle militärisch siegreichen Südländer vor ihnen, das winterkalte und schneereiche anatolische Hochland. Eine Ansiedlung arabischer Stämme fand hier auch nach Siegen nicht statt. Die Oberherrschaft blieb somit beim christlichen Ostrom. Diese Kombination von Umständen begünstigte die Entstehung einer permanenten Kriegszone. Das Kalifat betrieb hier keine aktive Eroberungs- oder Kriegspolitik, sondern „lizensierte“ Vasallen und „verbrauchte“ damit wohl auch potentielle Unruhestifter/Abenteurer aus dem eigenen Herrschaftsbereich.
Die Türken hatten hingegen als Nordländer keine Probleme mit der Ansiedlung. Diese bedeutete zugleich eine islamische Oberherrschaft (der Rum-Seldschuken) und damit das Ende der Kriegszone. Die Besiedlung hatte zwei Hauptkomponenten: Zum einen nomadische Viehzüchter, die dank der in vorangegangen Jahrtausenden fortgeschrittenen Entwaldung Anatoliens gute Bedingungen vorfanden; zum anderen eine niedergelassene Bevölkerung im Gefolge der seldschukischen Dynastie, die die Errungenschaften islamischer bzw. türkisch-persischer Hochkulturen mitbrachte. Beide Gruppierungen verschmolzen mehr oder weniger mit Teilen der schon vorher ansässigen Bevölkerung, die in Bezug auf Gesamtanatolien weiterhin die große Mehrheit stellten. Die regionale Dominanz nomadischer Gruppen bedeutete allerdings ein permanentes Sicherheitsproblem, vor allem in Ostanatolien.
Trotzdem entstand im Raum Westanatolien/Ostbalkan einer der langlebigsten Staaten Europas, das Osmanische Reich. Die osmanische Dynastie jedenfalls ist insofern nie übertroffen worden, auch nicht im Weltmaßstab. Das Reich setzte in gewisser Weise die oströmische („byzantinische“) Tradition fort, und gründete sich auf die gleichen Kerngebiete; allerdings mit verstärkten orientalischen Einflüssen. Es beherrschte schließlich den gesamten Südosten Europas, das Schwarze und das Mittelmeer und den angrenzenden Orient mit Ausnahme Persiens.
Abseits des neuen globalen Zentrums in Westeuropa „verschlief“ es jedoch wesentliche Entwicklungen in Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, Verwaltung, Militär und Ideologien. Erst allmählich, schließlich katastrophal brach das Osmanische Reich zusammen, obwohl es seit dem frühen 19. Jh. eine Adaptation versucht hatte. Im schließlichen Zusammenbruch rettete Mustafa Kemal Pasha, deshalb auch „Atatürk“ genannt, ziemlich genau die Südostecke Europas für die Türken. Oder besser gesagt für eine osmanisch-türkische Restbevölkerung, die neben ethnischen Türken auch Kurden, Tscherkessen, Krimtataren, Bosnier, Armenier, Lasen, Griechen, Juden, Albaner, Altsyrer, Araber und andere kleine Volksgruppen enthält. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.
VIII.
Die merkwürdig erscheinende permanente „Verlagerung“ des Westens Eurasiens (unter den gleichbedeutenden Namen Okzident, Abendland, Europa, und bedingt auch „der Westen“) ist also in ihrer materiellen Basis ebenfalls mit Louis’ geographischer Definition erklärbar, wie auch manch andere historische Entwicklung.
Zu den Implikationen gehört, dass die „Vereinigung Europas“ –erklärtes Ziel der Europäischen Gemeinschaften von Anfang an- ohne die Beteiligung der Türkei schlicht unmöglich ist. „Am Anfang war Anatolien“, wie ein Bericht in der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ zu den Ausgrabungen am Göbekli Tepe bei Sanliurfa überschrieben war; gerade auch am Anfang Europas. Ein Verzicht seitens der Türkei wäre eine Niederlage, ein Verzicht seitens der EU eine Kapitulations- und Bankrotterklärung der europäischen Einigungsbewegung.
Und Istanbul liegt ebensowenig wie das alte KonSTANtinoPOLis auf zwei Kontinenten. Wie schade. Trotzdem ist seine Lage an einem im Meer versunkenen Flusstal etwas Besonderes.
Lit.
LOUIS, Herbert (1954): Über den geographischen Europabegriff. - Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in München 39: 73-93. München.
Sonstiges Material (Auswahl):
folgt
Europäische Türkei? - Türkisches Europa?
DT vom 06.08.2005
Die Europäische Union geht davon aus, dass es so etwas wie eine europäische Identität gibt, denn sie knüpft die Mitgliedschaft an zwei Bedingungen: an die Zugehörigkeit des Bewerberstaates zu Europa und an dessen Bekenntnis zu den Werten der EU. In diesem Sinn heißt es auch in der Europäischen Verfassung: "Die Union steht allen europäischen Staaten offen, die ihre Werte achten und sich verpflichten, ihnen gemeinsam Geltung zu verschaffen." Zwei Fragen sind deshalb an den umstrittensten Beitrittskandidaten zu stellen: Ist die Türkei ein europäischer Staat, ein Teil der Identität Europas? Und, falls dies der Fall ist: Achtet sie die Werte Europas? Beim Versuch der Türkei, Mitglied der EG und später der EU zu werden, hat man - fatalerweise - die erste Frage ignoriert und sich auf die zweite konzentriert. Der Auftrag an die Kommission war ab 1999, die Türkei an denselben Maßstäben und Kritierien zu messen, an denen auch mitteleuropäische Kandidatenländer gemessen wurden: "Als Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union muss der Beitrittskandidat eine institutionelle Stabilität als Garantie für demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, für die Wahrung der Menschenrechte sowie die Achtung und den Schutz von Minderheiten verwirklicht haben." Ob und wie weit dies für die Türkei zutrifft, hatte die Kommission zu prüfen. Statt sich zunächst die Frage zu stellen, ob die Türkei überhaupt ein europäisches Land - ein Teil der Identität Europas - ist, versuchte man die Unmöglichkeit eines türkischen Beitritts an der Verwirklichung konkreter Werte, an der Menschenrechtslage und der Minderheitenproblematik festzumachen. Das hatte fatale Folgen: Die EU wurde dadurch unglaubwürdig, weil sie zwar von der Türkei eine Respektierung der kurdischen Minderheit fordert, aber alte EU-Mitglieder wie Frankreich oder Griechenland die Existenz von Minderheiten auf ihrem Staatsgebiet einfach leugnen. Die EU machte sich zum permanenten Kritiker der türkischen Politik und der türkischen Gesellschaft, was für ein gutnachbarschaftliches Verhältnis abträglich ist. Und die EU weckte die Erwartungshaltung, dass sie die Türkei als Beitrittskandidat und als Mitglied akzeptieren müsse, wenn alle Forderungen erfüllt sind. Der türkische Premier Yilmaz meinte 1997: "Unser Wertesystem entspricht dem Westeuropas!" Er dachte dabei an die Werte der Aufklärung und der Französischen Revolution. Tatsächlich aber war es Atatürks Ideologie des Nationalismus, die einem Volksgruppenrecht für die Kurden im Weg stand; war es Atatürks Ideologie des Säkularismus und Laizismus, die einer wirklichen Religionsfreiheit im Weg stand; war es Atatürks Ideologie des Etatismus, die einem Kompromiss in der Zypernfrage im Weg stand. Leichter als seinen kemalistischen Vorgängern fällt es dem frommen Muslim Erdogan, auf Wunsch der EU von den Atatürkschen Prinzipien abzurücken. Die islamfreundliche AKP-Regierung konnte viele der von der EU geforderten Gesetzesreformen umsetzen, die Todesstrafe abschaffen, die Folter verbieten, den Kurden mehr Minderheitenrechte geben, in der Zypern-Frage Flexibilität beweisen. Nicht die westlich-säkularen Erben Atatürks, sondern der Muslim Erdogan brach den Widerstand und erreichte nach großen Reformanstrengungen, dass die Kommission im Oktober 2004 Beitrittsverhandlungen empfahl, und der EU-Gipfel im Dezember beschloss, diese am 3. Oktober 2005 zu beginnen. Folgendes sind die pragmatischen Argumente der Befürworter eines türkischen EU-Beitritts: Erstens: Man könne nicht von dem Ziel abrücken, das man der Türkei jahrzehntelang vor Augen gehalten habe. Deshalb sei nur die Vollmitgliedschaft ein anständiges Angebot. - Aber: Die einst in Aussicht gestellte EWR-Mitgliedschaft ist durch die Zollunion weitgehend erfüllt; die heutige Europäische Union ist etwas wesentlich anderes als die EWG von 1964. Zweitens: Die Türkei habe riesige Reformen geschafft, insbesondere in den vergangenen zwei Jahren. Dieser Kurs werde unter dem wachsamen Auge der EU-Kommission fortgesetzt, bis die Türkei politisch, rechtlich und gesellschaftlich volles Europa- Niveau erreicht. - Aber: Wenn die Perspektive der EU-Mitgliedschaft tatsächlich zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit führt, warum lösen wir dann nicht so den israelisch-palästinensischen Konflikt, warum demokratisieren wir nicht durch Beitrittsperspektiven den Nahen und Mittleren Osten? Drittens: Es gebe keine "systematische Folter" mehr. Ankara gehe gegen folternde Polizisten mit einer "Politik der Null-Toleranz" vor. - Aber: Auch nicht-systematische Folter ist ein Problem. Es geht nicht nur um die Gesetzeslage, sondern auch um die Rechtspraxis. Viertens: Die Mitgliedschaft sei geostrategisch wichtig: Im "Kalten Krieg" habe sich die Türkei als verlässlicher NATO-Partner der Vereinigten Staaten, als Freund Israels und als Wirtschaftspartner Europas erwiesen. Heute sei die Türkei ein stabilisierender Faktor inmitten der Krisenherde des Balkan, des Nahen Ostens und der Kaukasus- Region. - Aber: Eine Mitgliedschaft Ankaras in der Europäischen Union bekehrt keinen arabischen Diktator, sondern macht die Türkei dem arabischen Raum nur noch fremder. Fünftens: Eine Ablehnung der Türkei würde dieses Land in die Hände der islamischen Fundamentalisten treiben. So wirbt etwa Jörg Haider für den Beitritt: "Eine Türkei, die von Europa zurückgewiesen wird, würde ein fundamentalistisch-islamischer Staat werden." Auch Kommissar Verheugen ist überzeugt, dass ein Zurückweisen der Türkei alle Reformen zunichte machen und einen Rückfall in finstere Zeiten bewirken würde. - Aber: Wenn das Eis wirklich so dünn ist, dürfen wir die Türkei keinesfalls beitreten lassen! Das türkische Militär, das im Nationalen Sicherheitsrat eine bedenklich dominante Stellung einnimmt, sieht sich als Hüter des Kemalismus und putschte mehrfach gegen demokratisch gewählte Regierungen, um diese Ideologie (und vermeintliche Westorientierung) zu schützen. Der Nahost-Experte Peter Scholl- Latour meint deshalb, dass mit dem EU- Beitritt und der dafür nötigen Demokratisierung eine Re-Islamisierung einhergehen würde: "Denn die westliche Orientierung des Landes beruht nicht auf der Aufklärung, sondern auf der Macht der Armee. Es ist die Armee, die den Kemalismus, also die laizistische Ordnung der Türkei garantiert." Sechstens: Die unterentwickelte Türkei gilt als wachsender Zukunftsmarkt und als ökonomische Brücke zu anderen Staaten des Mittleren Ostens. Tatsache ist, dass an der europäisch-türkischen Zollunion bisher vor allem die Europäer verdienten. - Aber: Die Türkei wäre das größte, einwohnerstärkste Land der EU und zugleich das ärmste, wirtschaftlich schwächste. Es hätte das größte Stadt-Land-Gefälle, die größten sozialen Spannungen, die höchste Inflations- und Arbeitslosenrate, das niedrigste Pro- Kopf-Einkommen. Da 35 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig sind, würde ein Beitritt der Türkei nach heutigem Agrarsystem die EU mehr kosten als die zehn Beitritte des Jahres 2004. Die Mitgliedschaft der Türkei würde zum Kollaps der gemeinschaftlichen Agrarpolitik führen. Siebtens: Die Migration sei eine Chance, meinen manche Experten: Die Türkei habe jene Jugend, die dem vergreisten Europa fehle. Das demographische Defizit in Europa fordere den Beitritt der Türkei und die baldige Freizügigkeit für die Türken. Die Migration führe vor allem in jene Länder, wo bereits viele Türken leben: also nach Deutschland. - Aber: Verkraftet Deutschland einen Zuzug von fünf bis zehn Millionen Türken? Ist die Türkei schon ein europäisches Land, wenn sie wie ein solches funktioniert? Geht es nicht mehr um die Identität Europas, sondern nurmehr um die formale Erfüllung von "Beitrittskriterien"? Die Übernahme italienischer, deutscher und Schweizer Handels- oder Strafgesetze (wie unter Atatürk) oder die Übernahme von EU-Richtlinien (wie unter Erdogan) schafft noch keinen Raum des Gemeinwohls, der Gerechtigkeit und der Rechtsstaatlichkeit. Voraussetzung dafür wäre ein gesellschaftliches Bewusstsein, das sich nicht per Verordnung herstellen lässt. Die bloße Übernahme des gemeinschaftlichen Rechtsbestands der EU garantiert noch keine Rechtsstaatlichkeit. Die EU kann zwar einem Kandidatenland ihre Verordnungen und Bedingungen aufzwingen, doch ab dem Beitritt ist jedes Land ein gleichberechtigter Mitgestalter in der EU. Wird die Türkei EU-Mitglied, dann wäre sie mit einer Fläche von 780 000 Quadratkilometern das größte, und mit heute 71,4 Millionen Einwohnern und einem Bevölkerungswachstum von 1,6 Prozent rasch das einwohnerstärkste Land der EU. Der Islam, dem heute etwa 20 Millionen Menschen in der Europäischen Union anhängen, würde zur zweitgrößten Glaubensgemeinschaft im vereinten Europa. Die Europäische Union selbst würde sich dadurch radikal wandeln: Während in den zurückliegenden Jahren die Türkei angeblich "europäischer" wurde, würde Europa dann "türkischer". Innerhalb der EU müsste man künftig entweder stärker den Weg Atatürks gehen, indem man den in den Verträgen festgeschriebenen Wertekanon auch dann umsetzt, wenn ein großer Teil der Bevölkerung dies nicht versteht, nicht akzeptiert und nicht annimmt (etwa die Geschlechtergleichstellung in Anatolien). Oder man bleibt wirklich demokratisch und nimmt in Kauf, dass die Mentalität, Kultur, Rechtsauffassung und Rechtspraxis der türkischen Bevölkerung die Europäische Union insgesamt prägen und verändern. Unbestreitbar war die Türkei mit Europa geschichtlich in einem meist konfrontativen, teils auch bereichernden Austausch. Dass sie heute bessere Beitrittschancen hat als viele zweifelsfrei europäische Staaten, die lange unter osmanischem Joch litten - Serbien, Albanien, Bosnien, Makedonien - hat für diese Länder auch eine tragische Komponente. Europa, das keine natürliche Grenze im Osten besitzt, würde mit der Türkei bis weit nach Asien hineinreichen. Eine EU, die die Türkei aufnähme, hätte eine ebenso gefährliche wie einst willkürlich gezogene Ostgrenze zu Georgien, Armenien, Syrien, Iran und Irak zu sichern. Sie würde sich nicht nur die Probleme der Kurden, die diesseits und jenseits der türkischen Ostgrenze leben, importieren, sondern auch die höchst komplexen Beziehungen Ankaras zu den turkstämmigen muslimischen Nachfolgestaaten der einstigen Sowjetunion in Zentralasien. War die gemeinschaftliche Sicherung der EU-Außengrenzen schon bisher ein Thema, an das sich die Regierungen kaum herangetraut haben, dann dürfte die logische Idee, in einem Europa ohne Grenzkontrollen die Außengrenzen gemeinschaftlich zu schützen, mit dem Beitritt der Türkei endgültig fallen. Holländische Zöllner an der türkisch- syrischen Grenze? Schwedische Polizisten im grenzüberschreitenden Kurdengebiet? Deutscher Bundesgrenzschutz an Irans Nordwestgrenze? Durch den Beitritt der Türkei würde das vereinte Europa eine Fülle außenpolitischer Schwierigkeiten importieren, für die es - wie im Irak-Krieg demonstriert - weder die notwendige Einigkeit noch ein Konzept hat. Weder für die 30 Millionen Kurden, die in mindestens vier Staaten des Nahen Ostens siedeln, noch für das Palästinenser-Problem noch für eine Nachbarschaftspolitik gegenüber Syrien, Irak und Iran, Armenien und Georgien gibt es in Brüssel plausible Konzepte. Ein vereintes Europa ohne Frankreich oder Deutschland ist undenkbar; ein vereintes Europa ohne die Türkei ist denkbar. Die Türkei ist kein notwendiger, konstitutiver Teil der europäischen Identität. Sie hat als Erbe eines großen Reiches und einer großen Geschichte eine eigene, türkische Identität, die - wie jene Europas - seit hundert Jahren stark im Wandel ist. Ob diese Identität mit der europäischen kompatibel ist, ist mindestens fraglich, jedenfalls ein schwer kalkulierbares Risiko. Die inneren Spannungen in der Türkei sind durch Atatürks Reformen nicht beseitigt, sondern verschärft worden. Wir haben hier einerseits eine säkulare Rechtsordnung in einem laizistischen Staat und andererseits eine zutiefst islamische Gesellschaft. Die Konfrontation läuft heute nicht zwischen Freunden und Gegnern der Türkei, wie es noch vor wenigen Jahren beim Streit um die türkisch-europäische Zollunion war. Es geht vielmehr um die Frage, ob die EU eine Vollmitgliedschaft der Türkei wollen und verkraften kann. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre es Ankara gegenüber anständiger und ehrlicher, eine solide Partnerschaft jenseits der Mitgliedschaft zu suchen, statt einen utopischen EU-Beitritt in Aussicht zu stellen.Autor: VON STEPHAN BAIER
Quelle tagespost (http://www.die-tagespost.de/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=16319)
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KIEL, Machiel (1991): Zur Gründung und Frühgeschichte der Stadt Trjavna in Bulgarien. Unbenützte osmanische administrative Quellen aus den Archiven von Istanbul, Ankara und Sofia über Gründung und Entwicklung Trjavnas, 1565-1702. Ein Beitrag zur Entmythologisierung der Geschichte Bulgariens. – Münchner Zeitschrift für Balkankunde 7/8: 191-218. München.
KIEL, Machiel (1991): Anatolia transplanted? Patterns of demographic, religious and ethnic changes in the district of Tozluk (N.E. Bulgaria) 1479-1873. – Anatolica 17: 1-29. Leiden.
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KIEL, Machiel (1990): Studies on the Ottoman architecture of the Balkans: a legacy in stone. – 366 S., Aldershot, Hampshire and Brookfiel, Vermont (Variorum reprints) (Aufsätze separat paginiert nach den Originalen; Register; 80 Tafeln).
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TAESCHNER, Franz (1979): Die Futuwwa als Ordnungsprinzip der Zünfte, vornehmlich auf dem Boden des Osmanischen Reiches. – 403-590 in: TAESCHNER, F.: Zünfte und Bruderschaften im Islam. Texte zur Geschichte der Futuwwa.. – 672 S., Zürich, München (Artemis)
Was ist das für ein Schrott! Der Mann hat wohl vergessen, das die Türkei frühestens in 10 Jahren mit einem Beitritt rechnen kann. Wenn man bedenkt wie sich z. b China in 10 Jahren verändert hat ist es doch Schwachsinn die heutigen Wirtschafts-Verhältnisse auf den Beitrittstag zu Projizieren!! Denn Rest braucht man gar nicht kommentieren!
Der schreibt doch nur Müll. Er sagt, das die Türkei in 10 Jahren das einwohnerstärkste Land wäre. Wie kommt er darauf? 70 Mio von heute dürften bei dem jährlichen Wachstum von heute auf vielleicht max 77 Mio kommen. Deutschland wird bei 80-82 sein.
Dann schreibt er im gleichen Satz, das die Türkei dann zugleich das ärmste Land sein würde. Rumänien und Bulgarien haben heute ein BSP pro Kopf von 2000 USD, die Türkei hat einen von 4500 USD. Wer sagt ihm bloß, das in 10 Jahren Bulgarien und Rumänien die Türkei überholen werden?
Ach, wenns nur das wäre. Ich habe wirklich sehr selten soviel Mist in solch einem kurzen Artikel gelesen.
Der schreibt doch nur Müll. Er sagt, das die Türkei in 10 Jahren das einwohnerstärkste Land wäre. Wie kommt er darauf? 70 Mio von heute dürften bei dem jährlichen Wachstum von heute auf vielleicht max 77 Mio kommen. Deutschland wird bei 80-82 sein.
Dann schreibt er im gleichen Satz, das die Türkei dann zugleich das ärmste Land sein würde. Rumänien und Bulgarien haben heute ein BSP pro Kopf von 2000 USD, die Türkei hat einen von 4500 USD. Wer sagt ihm bloß, das in 10 Jahren Bulgarien und Rumänien die Türkei überholen werden?
Ach, wenns nur das wäre. Ich habe wirklich sehr selten soviel Mist in solch einem kurzen Artikel gelesen.
Je mehr Leute den EU Beitritt schlecht reden, desto wärmer wird mir der gedanke den Beitritt der Türkei zu befürworten. Oben im Text ist die rede von Rasse!!!!!!! das stinkt gewaltig!!
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