DeLaHoya
07.08.05, 23:42
Peter Arnett „Unter Einsatz des Lebens“
Kapitel: Unterwegs
Seiten 377-388
Der Krieg in Vietnam hat viele Journalisten, die dort gearbeitet haben, dauerhaft gezeichnet, ihr Leben und ihr berufliches Selbstverständnis verändert. Für einige waren die Erfahrungen so tiefgreifend, daß sie Schwierigkeiten hatten, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Viele zogen sich ganz aus dem Nachrichtengeschäft zurück oder nahmen Routinejobs in den Agenturen an. Einige Fernsehkorrespondenten gelangten zu Ruhm, die meisten verschwanden in der Versenkung. Andere wiederum, Halberstam etwa oder Sheehan und Frances Fitzgerald, schrieben brillante Bücher über Vietnam und wandten sich anschließend neuen Themen zu. Einige wenige, zum Beispiel Gloria Emerson, kamen von Vietnam nie mehr los. Auch ihnen gebührt ein Platz im Gewissen der amerikanischen Nation.
Joseph Alsop prophezeite, daß viele Amerikaner der Presse und ihrer kritischen Berichterstattung die Schuld an der Niederlage in die Schuhe schieben würden. Dabei sparte Alsop nicht mit Selbstkritik. Die Debatte über die Art und Weise der Berichterstattung wurde innerhalb der Branche ebenso schonungslos geführt wie außerhalb. Ich hatte den Krieg von Anfang bis Ende von einem journalistischen Standpunkt aus betrachtet und mich geweigert, mich vor den Karren irgendeiner Seite spannen zu lassen. Ich war der Überzeugung, daß die Suche nach Informationen eine lohnende Aufgabe war und Wahrheit das höchste Ziel, das ich anstreben konnte. Wir Reporter arbeiteten stets unter den strengen Blicken der Öffentlichkeit, von der Kontroverse über das Diem-Regime unter Kennedy bis zum Fall Saigons unter Präsident Ford.
Unsere Artikel wurden bis ins kleinste Detail auseinandergenommen. Waren wir tatsächlich so unverantwortlich gewesen, wie unsere Kritiker in diesen dreizehn Jahren behaupteten, so hätte sich das zumindest im nach hinein bestätigen müssen. Wir hatten die zahllosen Untersuchungen überlebt, die von den Regierungen unter Kennedy, Johnson und Nixon angestrengt worden waren und allesamt das Ziel verfolgt hatten, die Presse schlecht zu machen und Einfluß auf die Vietnam-Berichterstattung zu nehmen. Um das zu erreichen, waren sie nicht einmal davor zurückgeschreckt, FBI und CIA einzuschalten. Ich persönlich hatte mich erst nach einiger Zeit David Halberstams Auffassung angeschlossen, daß dies der falsche Krieg am falschen Ort und zur falschen Zeit war.
Die aufgeheizte Atmosphäre und die Schuldzuweisungen, die die Auseinandersetzung über den Vietnamkrieg bestimmten, schadeten dem Ansehen der Soldaten ebenso wie dem der Kriegsberichterstatter. Freunde empfahlen mir, mich einem anderen journalistischen Aufgabenbereich zuzuwenden, doch schon bald begann ich zu begreifen, daß die Berichterstattung aus Krisengebieten mein Beruf war, ein Beruf, den ich nicht nur in Vietnam, sondern überall ausüben konnte. Diese Erfahrung machte ich 1974 auf Zypern. Am späten Abend des 20. Juli - es war ein Samstag - rief Wes Gallagher an und bat mich, das AP-Team auf der Mittelmeerinsel zu verstärken. Nach dem Putsch der griechisch beherrschten zypriotischen Nationalgarde am 15. Juli hatten sich im türkischen Norden die Befürchtungen vor einem drohenden Anschluß an Griechenland verstärkt und schließlich am 20. Juli zu der Entsendung türkischer Truppen durch Ankara geführt. Vordergründig ging es zwar nur darum, die Interessen der türkischen Minderheit auf Zypern zu schützen. Doch die eigentliche Brisanz des Konflikts lag darin, daß er die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den benachbarten Nato-Mitgliedern Türkei und Griechenland heraufbeschwor. Reporter und Fotografen, die auf den Hügeln über der Stadt Kyrenia und der Bucht von Morphou standen, schickten dramatische Berichte und Bilder von den Kampfhandlungen. Zypern war auf dem Luftweg nicht mehr zu erreichen, und in der Hauptstadt Nikosia wurde ebenfalls geschossen. Mein Einwand, es könnte einige Zeit dauern, bis ich auf die Insel gelangen würde, tat Galligere mit der knappen Bemerkung ab: >>Mieten Sie sich ein Schiff!<< dann legte er auf.
Am späten Montagnachmittag landete ich auf dem Flughafen von Beirut war drückend heiß, und die hinter der Stadt aufragenden Berge schimmerten bläulich durch die flirrende Luft. Ich nahm ein Taxi in die Stadt. Die palmengesäumte Schnellstraße führte an endlosen Reihen von Wohnhäusern vorbei, die in jüngster Zeit mit dem Geld arabischer Ölspekulanten aus dem Boden gestampft worden waren, und dann durch das pulsierende Geschäftsviertel der Stadt. Ich stieg im Luxushotel Phoenica im Hafenviertel ab. Von meinem Zimmer im 10. Stock konnte ich das Mittelmeer sehen, das die untergehende Sonne in ein sanftes Licht tauchte. Irgendwo hinter dem Horizont mußte Zypern liegen.
In der Lobby traf ich eine Gruppe von Amerikanern, die am Tag zuvor aus Zypern evakuiert worden waren. Ich interviewte fünf junge, in Bermuda-Shorts und ärmellose Blusen gekleidete Studentinnen, die als Mitglieder eines Archäologenteams mit Ausgrabungsarbeiten am Amphitheater von Salamis beschäftigt waren. Sie hatten gerade einen Ausflug nach Famagusta unternommen und waren die Hauptstraße hinuntergeschlendert, als türkische Düsenjäger im Tiefflug über die Stadt donnerten. Zwei Tage lang verbargen sie sich hinter den dicken Mauern eines Klos auf dem Bauernhof griechischer Zyprioten, bevor sie es wagten, sich zum benachbarten britischen Militärstützpunkt Dhekelia durchzuschlagen, auf dem viele Amerikaner und Westeuropäer Zuflucht gesucht hatten. Kurz darauf wurden sie von Hubschraubern der US-Marine abgeholt und zu einer Fregatte der 6. Flotte geflogen, die sie dann nach Beirut brachte. Sie lobten die amerikanische Rettungsaktion, äußerten sich aber voller Verachtung über die griechisch-zypriotischen Soldaten, die beim ersten Luftangriff in heilloser Panik davongerannt seien.
Am nächsten Morgen ging ich in aller Frühe zum Hafen hinunter, um ein Schnellboot zu mieten. Vergeblich. Die britische Marine hatte die Häfen an der zypriotischen Südküste bis zum Ende der Krise sperren lassen.
Mit Hilfe des Beiruter AP-Büros gelang es mir schließlich, eine Überfahrt auf der Paphos Star, einem in Limassol liegenden Seelenverkäufer, zu bekommen. Der Kapitän hatte sich bereit erklärt, im Schutz der Nacht die Blockade zu durchbrechen. Ich suchte mir einen Sitzplatz an Deck, und am frühen Abend legte das Schiff mit Kurs auf Larnaka ab. Die Gespräche und Gedanken meiner Mitreisenden drehten sich ausschließlich um die Krise. Hin und wieder erhitzten sich ihre Gemüter, und es kam zu lauten Wortwechseln, während sich unser alter Kahn durch das dunkle Wasser des östlichen Mittelmeers pflügte.
In den frühen Morgenstunden gab der Kapitän Befehl, die Positionslampen zu löschen. Wenn die Briten ihn erwischten, würden sie sein Schiff konfiszieren. Aber kurz nach der Morgendämmerung kam die zypriotische Küste in Sicht, ohne daß auch nur ein einziges britisches Patrouillenschiff unseren Kurs gekreuzt hätte, und gegen Mittag liefen wir in den Hafen von Larnaka ein.
Niemand interessierte sich für uns, kein einziger Einwanderungs- oder Zollbeamter ließ sich blicken. Larnaka war eine von der Sonne verwöhnte Touristenstadt, aber jetzt lagen die Strände verlassen da, und die meisten Läden waren geschlossen. Eine Untergangsstimmung hing über der Stadt. Ich spürte das Verlangen, näher ans Zentrum des Geschehens heranzukommen. Ein anderes Land und ein anderer Krieg, aber meine Reaktionen waren dieselben wie in Vietnam.
Ich hatte Schwierigkeiten, ein Taxi nach Nikosia aufzutreiben. Schließlich nahmen mich zwei Studenten mit, die ebenfalls mit der Paphos Star nach Larnaka gekommen waren. Die braune, steinige Landschaft stand in krassem Gegensatz zu dem wuchernden Grün des südostasiatischen Dschungels. Aber es lag eine tiefe Schönheit in den mit blaßrosa Blüten von Herbstzeitlosen gesprenkelten Feldern, den einsamen Zypressen, die über sonnenbeschienenen Hängen und schattigen Tälern wachten, und den Zitronen- und Orangenbäumen, die sich schützend um die steinernen Bauernhäuser drängten.
Am späten Nachmittag erreichten wir Nikosia. In der Stadt war es relativ ruhig, nur ein paar Soldaten patrouillierten auf den Straßen. Ich stieg am Hilton aus, dem Treffpunkt der ausländischen Journalisten. In der Lobby traf ich Joe Fried von der New York Daily News, einen alten Bekannten aus Saigon. Joe warnte mich, daß die Einheimischen nicht gut auf Reporter zu sprechen seien: »Hier ist es noch schlimmer als in Saigon.« Typisch Joe, dachte ich noch bei mir, immer leicht gereizt, aber dann hörte ich von der Rezeption her Geschrei, sah Fäuste und kurze Zeit später ein paar Schuhe fliegen und schließlich zwei Männer, die sich am Boden wälzten und miteinander rangen. Einer der beiden war Paul Roque, ein junger AP-Fotograf aus Paris. Die Hotelbediensteten rührten keinen Finger. Schließlich ging Max Nash, ein anderer AP-Kollege aus Saigoner Zeiten, dazwischen und trennte die beiden Kampfhähne. Später erzählte mir Roque, daß der Angreifer ein griechisch-zypriotischer Soldat war, der seit Tagen in der Hotelbar herumgehangen hatte.
Am nächsten Abend kam der rechtsradikale Politiker Nikos Sampson herein, setzte sich auf einen Barhocker und warf, in der einen Hand einen Scotch, in der anderen eine 45er, den versammelten Journalisten finstere Blicke zu. Sampson war von der internationalen Presse heftig kritisiert worden und just an diesem Tag, nachdem er erst eine Woche zuvor auf dem Präsidentenstuhl Platz genommen hatte, wieder abgesetzt worden. Keiner von uns legte besonderen Wert darauf, ihn nach seiner Meinung zur gegenwärtigen Entwicklung zu fragen. Dieselbe Verbitterung war auf den Straßen der Hauptstadt und auf dem Land zu spüren. Volksgruppen, die seit Jahrhunderten friedlich zusammengelebt hatten, begannen von einem Tag auf den anderen, sich gegenseitig abzuschlachten. In Vietnam hatte die perverse Logik des Kalten Krieges den Konflikt eskalieren lassen, auf Zypern waren es die in der Geschichte verwurzelten ethnischen und religiösen Unterschiede, nicht der Machthunger der Supermächte. Ich wußte nicht viel über die Hintergründe dieses Krieges und beschloß, genauso wie in Vietnam vorzugehen: Nur über das zu schreiben, was ich mit eigenen Augen sah. Und es gab viel zu sehen. Das Drama entfaltete sich vor einem atemberaubenden Hintergrund. Zypern war in der Antike häufig umkämpftes Bindeglied zwischen Europa und dem Orient gewesen, und die Armeen der Eroberer hatten überall ihre Spuren hinterlassen - von den griechischen und römischen Amphitheatern und Viadukten bis hin zu den byzantinischen Kirchen und gotischen Kathedralen. Einmal fuhren Roque und ich durch das Tor der alten venezianischen Festungsmauern aus dem mittelalterlichen Nikosia an die türkische Linie und weiter über die Ebene von Messaria, auf der 1191 Richard Löwenherz seine Verlobte Berenn, den Fängen des zypriotischen Herrschers Isaak Komnenos entrissen hatte. Wir stiegen zu den legendären fünf Fingern des Pentadaktylos hinauf, wo auf einem Felsvorsprung die Kreuzritterburg von St. Hilarion thronte. Von dort aus folgten wir der Straße hinunter bis ans Meer und gelangten in die von den Griechen im 10. Jahrhundert v. Chr. gegründete und seitdem unzählige Male eroberte Hafenstadt Kyrenia.
Kapitel: Unterwegs
Seiten 377-388
Der Krieg in Vietnam hat viele Journalisten, die dort gearbeitet haben, dauerhaft gezeichnet, ihr Leben und ihr berufliches Selbstverständnis verändert. Für einige waren die Erfahrungen so tiefgreifend, daß sie Schwierigkeiten hatten, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Viele zogen sich ganz aus dem Nachrichtengeschäft zurück oder nahmen Routinejobs in den Agenturen an. Einige Fernsehkorrespondenten gelangten zu Ruhm, die meisten verschwanden in der Versenkung. Andere wiederum, Halberstam etwa oder Sheehan und Frances Fitzgerald, schrieben brillante Bücher über Vietnam und wandten sich anschließend neuen Themen zu. Einige wenige, zum Beispiel Gloria Emerson, kamen von Vietnam nie mehr los. Auch ihnen gebührt ein Platz im Gewissen der amerikanischen Nation.
Joseph Alsop prophezeite, daß viele Amerikaner der Presse und ihrer kritischen Berichterstattung die Schuld an der Niederlage in die Schuhe schieben würden. Dabei sparte Alsop nicht mit Selbstkritik. Die Debatte über die Art und Weise der Berichterstattung wurde innerhalb der Branche ebenso schonungslos geführt wie außerhalb. Ich hatte den Krieg von Anfang bis Ende von einem journalistischen Standpunkt aus betrachtet und mich geweigert, mich vor den Karren irgendeiner Seite spannen zu lassen. Ich war der Überzeugung, daß die Suche nach Informationen eine lohnende Aufgabe war und Wahrheit das höchste Ziel, das ich anstreben konnte. Wir Reporter arbeiteten stets unter den strengen Blicken der Öffentlichkeit, von der Kontroverse über das Diem-Regime unter Kennedy bis zum Fall Saigons unter Präsident Ford.
Unsere Artikel wurden bis ins kleinste Detail auseinandergenommen. Waren wir tatsächlich so unverantwortlich gewesen, wie unsere Kritiker in diesen dreizehn Jahren behaupteten, so hätte sich das zumindest im nach hinein bestätigen müssen. Wir hatten die zahllosen Untersuchungen überlebt, die von den Regierungen unter Kennedy, Johnson und Nixon angestrengt worden waren und allesamt das Ziel verfolgt hatten, die Presse schlecht zu machen und Einfluß auf die Vietnam-Berichterstattung zu nehmen. Um das zu erreichen, waren sie nicht einmal davor zurückgeschreckt, FBI und CIA einzuschalten. Ich persönlich hatte mich erst nach einiger Zeit David Halberstams Auffassung angeschlossen, daß dies der falsche Krieg am falschen Ort und zur falschen Zeit war.
Die aufgeheizte Atmosphäre und die Schuldzuweisungen, die die Auseinandersetzung über den Vietnamkrieg bestimmten, schadeten dem Ansehen der Soldaten ebenso wie dem der Kriegsberichterstatter. Freunde empfahlen mir, mich einem anderen journalistischen Aufgabenbereich zuzuwenden, doch schon bald begann ich zu begreifen, daß die Berichterstattung aus Krisengebieten mein Beruf war, ein Beruf, den ich nicht nur in Vietnam, sondern überall ausüben konnte. Diese Erfahrung machte ich 1974 auf Zypern. Am späten Abend des 20. Juli - es war ein Samstag - rief Wes Gallagher an und bat mich, das AP-Team auf der Mittelmeerinsel zu verstärken. Nach dem Putsch der griechisch beherrschten zypriotischen Nationalgarde am 15. Juli hatten sich im türkischen Norden die Befürchtungen vor einem drohenden Anschluß an Griechenland verstärkt und schließlich am 20. Juli zu der Entsendung türkischer Truppen durch Ankara geführt. Vordergründig ging es zwar nur darum, die Interessen der türkischen Minderheit auf Zypern zu schützen. Doch die eigentliche Brisanz des Konflikts lag darin, daß er die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den benachbarten Nato-Mitgliedern Türkei und Griechenland heraufbeschwor. Reporter und Fotografen, die auf den Hügeln über der Stadt Kyrenia und der Bucht von Morphou standen, schickten dramatische Berichte und Bilder von den Kampfhandlungen. Zypern war auf dem Luftweg nicht mehr zu erreichen, und in der Hauptstadt Nikosia wurde ebenfalls geschossen. Mein Einwand, es könnte einige Zeit dauern, bis ich auf die Insel gelangen würde, tat Galligere mit der knappen Bemerkung ab: >>Mieten Sie sich ein Schiff!<< dann legte er auf.
Am späten Montagnachmittag landete ich auf dem Flughafen von Beirut war drückend heiß, und die hinter der Stadt aufragenden Berge schimmerten bläulich durch die flirrende Luft. Ich nahm ein Taxi in die Stadt. Die palmengesäumte Schnellstraße führte an endlosen Reihen von Wohnhäusern vorbei, die in jüngster Zeit mit dem Geld arabischer Ölspekulanten aus dem Boden gestampft worden waren, und dann durch das pulsierende Geschäftsviertel der Stadt. Ich stieg im Luxushotel Phoenica im Hafenviertel ab. Von meinem Zimmer im 10. Stock konnte ich das Mittelmeer sehen, das die untergehende Sonne in ein sanftes Licht tauchte. Irgendwo hinter dem Horizont mußte Zypern liegen.
In der Lobby traf ich eine Gruppe von Amerikanern, die am Tag zuvor aus Zypern evakuiert worden waren. Ich interviewte fünf junge, in Bermuda-Shorts und ärmellose Blusen gekleidete Studentinnen, die als Mitglieder eines Archäologenteams mit Ausgrabungsarbeiten am Amphitheater von Salamis beschäftigt waren. Sie hatten gerade einen Ausflug nach Famagusta unternommen und waren die Hauptstraße hinuntergeschlendert, als türkische Düsenjäger im Tiefflug über die Stadt donnerten. Zwei Tage lang verbargen sie sich hinter den dicken Mauern eines Klos auf dem Bauernhof griechischer Zyprioten, bevor sie es wagten, sich zum benachbarten britischen Militärstützpunkt Dhekelia durchzuschlagen, auf dem viele Amerikaner und Westeuropäer Zuflucht gesucht hatten. Kurz darauf wurden sie von Hubschraubern der US-Marine abgeholt und zu einer Fregatte der 6. Flotte geflogen, die sie dann nach Beirut brachte. Sie lobten die amerikanische Rettungsaktion, äußerten sich aber voller Verachtung über die griechisch-zypriotischen Soldaten, die beim ersten Luftangriff in heilloser Panik davongerannt seien.
Am nächsten Morgen ging ich in aller Frühe zum Hafen hinunter, um ein Schnellboot zu mieten. Vergeblich. Die britische Marine hatte die Häfen an der zypriotischen Südküste bis zum Ende der Krise sperren lassen.
Mit Hilfe des Beiruter AP-Büros gelang es mir schließlich, eine Überfahrt auf der Paphos Star, einem in Limassol liegenden Seelenverkäufer, zu bekommen. Der Kapitän hatte sich bereit erklärt, im Schutz der Nacht die Blockade zu durchbrechen. Ich suchte mir einen Sitzplatz an Deck, und am frühen Abend legte das Schiff mit Kurs auf Larnaka ab. Die Gespräche und Gedanken meiner Mitreisenden drehten sich ausschließlich um die Krise. Hin und wieder erhitzten sich ihre Gemüter, und es kam zu lauten Wortwechseln, während sich unser alter Kahn durch das dunkle Wasser des östlichen Mittelmeers pflügte.
In den frühen Morgenstunden gab der Kapitän Befehl, die Positionslampen zu löschen. Wenn die Briten ihn erwischten, würden sie sein Schiff konfiszieren. Aber kurz nach der Morgendämmerung kam die zypriotische Küste in Sicht, ohne daß auch nur ein einziges britisches Patrouillenschiff unseren Kurs gekreuzt hätte, und gegen Mittag liefen wir in den Hafen von Larnaka ein.
Niemand interessierte sich für uns, kein einziger Einwanderungs- oder Zollbeamter ließ sich blicken. Larnaka war eine von der Sonne verwöhnte Touristenstadt, aber jetzt lagen die Strände verlassen da, und die meisten Läden waren geschlossen. Eine Untergangsstimmung hing über der Stadt. Ich spürte das Verlangen, näher ans Zentrum des Geschehens heranzukommen. Ein anderes Land und ein anderer Krieg, aber meine Reaktionen waren dieselben wie in Vietnam.
Ich hatte Schwierigkeiten, ein Taxi nach Nikosia aufzutreiben. Schließlich nahmen mich zwei Studenten mit, die ebenfalls mit der Paphos Star nach Larnaka gekommen waren. Die braune, steinige Landschaft stand in krassem Gegensatz zu dem wuchernden Grün des südostasiatischen Dschungels. Aber es lag eine tiefe Schönheit in den mit blaßrosa Blüten von Herbstzeitlosen gesprenkelten Feldern, den einsamen Zypressen, die über sonnenbeschienenen Hängen und schattigen Tälern wachten, und den Zitronen- und Orangenbäumen, die sich schützend um die steinernen Bauernhäuser drängten.
Am späten Nachmittag erreichten wir Nikosia. In der Stadt war es relativ ruhig, nur ein paar Soldaten patrouillierten auf den Straßen. Ich stieg am Hilton aus, dem Treffpunkt der ausländischen Journalisten. In der Lobby traf ich Joe Fried von der New York Daily News, einen alten Bekannten aus Saigon. Joe warnte mich, daß die Einheimischen nicht gut auf Reporter zu sprechen seien: »Hier ist es noch schlimmer als in Saigon.« Typisch Joe, dachte ich noch bei mir, immer leicht gereizt, aber dann hörte ich von der Rezeption her Geschrei, sah Fäuste und kurze Zeit später ein paar Schuhe fliegen und schließlich zwei Männer, die sich am Boden wälzten und miteinander rangen. Einer der beiden war Paul Roque, ein junger AP-Fotograf aus Paris. Die Hotelbediensteten rührten keinen Finger. Schließlich ging Max Nash, ein anderer AP-Kollege aus Saigoner Zeiten, dazwischen und trennte die beiden Kampfhähne. Später erzählte mir Roque, daß der Angreifer ein griechisch-zypriotischer Soldat war, der seit Tagen in der Hotelbar herumgehangen hatte.
Am nächsten Abend kam der rechtsradikale Politiker Nikos Sampson herein, setzte sich auf einen Barhocker und warf, in der einen Hand einen Scotch, in der anderen eine 45er, den versammelten Journalisten finstere Blicke zu. Sampson war von der internationalen Presse heftig kritisiert worden und just an diesem Tag, nachdem er erst eine Woche zuvor auf dem Präsidentenstuhl Platz genommen hatte, wieder abgesetzt worden. Keiner von uns legte besonderen Wert darauf, ihn nach seiner Meinung zur gegenwärtigen Entwicklung zu fragen. Dieselbe Verbitterung war auf den Straßen der Hauptstadt und auf dem Land zu spüren. Volksgruppen, die seit Jahrhunderten friedlich zusammengelebt hatten, begannen von einem Tag auf den anderen, sich gegenseitig abzuschlachten. In Vietnam hatte die perverse Logik des Kalten Krieges den Konflikt eskalieren lassen, auf Zypern waren es die in der Geschichte verwurzelten ethnischen und religiösen Unterschiede, nicht der Machthunger der Supermächte. Ich wußte nicht viel über die Hintergründe dieses Krieges und beschloß, genauso wie in Vietnam vorzugehen: Nur über das zu schreiben, was ich mit eigenen Augen sah. Und es gab viel zu sehen. Das Drama entfaltete sich vor einem atemberaubenden Hintergrund. Zypern war in der Antike häufig umkämpftes Bindeglied zwischen Europa und dem Orient gewesen, und die Armeen der Eroberer hatten überall ihre Spuren hinterlassen - von den griechischen und römischen Amphitheatern und Viadukten bis hin zu den byzantinischen Kirchen und gotischen Kathedralen. Einmal fuhren Roque und ich durch das Tor der alten venezianischen Festungsmauern aus dem mittelalterlichen Nikosia an die türkische Linie und weiter über die Ebene von Messaria, auf der 1191 Richard Löwenherz seine Verlobte Berenn, den Fängen des zypriotischen Herrschers Isaak Komnenos entrissen hatte. Wir stiegen zu den legendären fünf Fingern des Pentadaktylos hinauf, wo auf einem Felsvorsprung die Kreuzritterburg von St. Hilarion thronte. Von dort aus folgten wir der Straße hinunter bis ans Meer und gelangten in die von den Griechen im 10. Jahrhundert v. Chr. gegründete und seitdem unzählige Male eroberte Hafenstadt Kyrenia.