PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Peter Arnett „Unter Einsatz des Lebens“ (Kapitel über Zypern 1974)



DeLaHoya
07.08.05, 23:42
Peter Arnett „Unter Einsatz des Lebens“

Kapitel: Unterwegs

Seiten 377-388



Der Krieg in Vietnam hat viele Journalisten, die dort gearbeitet haben, dauerhaft gezeichnet, ihr Leben und ihr berufliches Selbstverständnis verändert. Für einige waren die Erfahrungen so tiefgreifend, daß sie Schwierigkeiten hatten, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Viele zogen sich ganz aus dem Nachrichtengeschäft zurück oder nahmen Routinejobs in den Agenturen an. Einige Fernsehkorrespondenten gelangten zu Ruhm, die meisten verschwanden in der Versenkung. Andere wiederum, Halberstam etwa oder Sheehan und Frances Fitzgerald, schrieben brillante Bücher über Vietnam und wandten sich anschließend neuen Themen zu. Einige wenige, zum Beispiel Gloria Emerson, kamen von Vietnam nie mehr los. Auch ihnen gebührt ein Platz im Gewissen der amerikanischen Nation.



Joseph Alsop prophezeite, daß viele Amerikaner der Presse und ihrer kritischen Berichterstattung die Schuld an der Niederlage in die Schuhe schieben würden. Dabei sparte Alsop nicht mit Selbstkritik. Die Debatte über die Art und Weise der Berichterstattung wurde innerhalb der Branche ebenso schonungslos geführt wie außerhalb. Ich hatte den Krieg von Anfang bis Ende von einem journalistischen Standpunkt aus betrachtet und mich geweigert, mich vor den Karren irgendeiner Seite spannen zu lassen. Ich war der Überzeugung, daß die Suche nach Informationen eine lohnende Aufgabe war und Wahrheit das höchste Ziel, das ich anstreben konnte. Wir Reporter arbeiteten stets unter den strengen Blicken der Öffentlichkeit, von der Kontroverse über das Diem-Regime unter Kennedy bis zum Fall Saigons unter Präsident Ford.



Unsere Artikel wurden bis ins kleinste Detail auseinandergenommen. Waren wir tatsächlich so unverantwortlich gewesen, wie unsere Kritiker in diesen dreizehn Jahren behaupteten, so hätte sich das zumindest im nach hinein bestätigen müssen. Wir hatten die zahllosen Untersuchungen überlebt, die von den Regierungen unter Kennedy, Johnson und Nixon angestrengt worden waren und allesamt das Ziel verfolgt hatten, die Presse schlecht zu machen und Einfluß auf die Vietnam-Berichterstattung zu nehmen. Um das zu erreichen, waren sie nicht einmal davor zurückgeschreckt, FBI und CIA einzuschalten. Ich persönlich hatte mich erst nach einiger Zeit David Halberstams Auffassung angeschlossen, daß dies der falsche Krieg am falschen Ort und zur falschen Zeit war.



Die aufgeheizte Atmosphäre und die Schuldzuweisungen, die die Auseinandersetzung über den Vietnamkrieg bestimmten, schadeten dem Ansehen der Soldaten ebenso wie dem der Kriegsberichterstatter. Freunde empfahlen mir, mich einem anderen journalistischen Aufgabenbereich zuzuwenden, doch schon bald begann ich zu begreifen, daß die Berichterstattung aus Krisengebieten mein Beruf war, ein Beruf, den ich nicht nur in Vietnam, sondern überall ausüben konnte. Diese Erfahrung machte ich 1974 auf Zypern. Am späten Abend des 20. Juli - es war ein Samstag - rief Wes Gallagher an und bat mich, das AP-Team auf der Mittelmeerinsel zu verstärken. Nach dem Putsch der griechisch beherrschten zypriotischen Nationalgarde am 15. Juli hatten sich im türkischen Norden die Befürchtungen vor einem drohenden Anschluß an Griechenland verstärkt und schließlich am 20. Juli zu der Entsendung türkischer Truppen durch Ankara geführt. Vordergründig ging es zwar nur darum, die Interessen der türkischen Minderheit auf Zypern zu schützen. Doch die eigentliche Brisanz des Konflikts lag darin, daß er die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den benachbarten Nato-Mitgliedern Türkei und Griechenland heraufbeschwor. Reporter und Fotografen, die auf den Hügeln über der Stadt Kyrenia und der Bucht von Morphou standen, schickten dramatische Berichte und Bilder von den Kampfhandlungen. Zypern war auf dem Luftweg nicht mehr zu erreichen, und in der Hauptstadt Nikosia wurde ebenfalls geschossen. Mein Einwand, es könnte einige Zeit dauern, bis ich auf die Insel gelangen würde, tat Galligere mit der knappen Bemerkung ab: >>Mieten Sie sich ein Schiff!<< dann legte er auf.



Am späten Montagnachmittag landete ich auf dem Flughafen von Beirut war drückend heiß, und die hinter der Stadt aufragenden Berge schimmerten bläulich durch die flirrende Luft. Ich nahm ein Taxi in die Stadt. Die palmengesäumte Schnellstraße führte an endlosen Reihen von Wohnhäusern vorbei, die in jüngster Zeit mit dem Geld arabischer Ölspekulanten aus dem Boden gestampft worden waren, und dann durch das pulsierende Geschäftsviertel der Stadt. Ich stieg im Luxushotel Phoenica im Hafenviertel ab. Von meinem Zimmer im 10. Stock konnte ich das Mittelmeer sehen, das die untergehende Sonne in ein sanftes Licht tauchte. Irgendwo hinter dem Horizont mußte Zypern liegen.



In der Lobby traf ich eine Gruppe von Amerikanern, die am Tag zuvor aus Zypern evakuiert worden waren. Ich interviewte fünf junge, in Bermuda-Shorts und ärmellose Blusen gekleidete Studentinnen, die als Mitglieder eines Archäologenteams mit Ausgrabungsarbeiten am Amphitheater von Salamis beschäftigt waren. Sie hatten gerade einen Ausflug nach Famagusta unternommen und waren die Hauptstraße hinuntergeschlendert, als türkische Düsenjäger im Tiefflug über die Stadt donnerten. Zwei Tage lang verbargen sie sich hinter den dicken Mauern eines Klos auf dem Bauernhof griechischer Zyprioten, bevor sie es wagten, sich zum benachbarten britischen Militärstützpunkt Dhekelia durchzuschlagen, auf dem viele Amerikaner und Westeuropäer Zuflucht gesucht hatten. Kurz darauf wurden sie von Hubschraubern der US-Marine abgeholt und zu einer Fregatte der 6. Flotte geflogen, die sie dann nach Beirut brachte. Sie lobten die amerikanische Rettungsaktion, äußerten sich aber voller Verachtung über die griechisch-zypriotischen Soldaten, die beim ersten Luftangriff in heilloser Panik davongerannt seien.



Am nächsten Morgen ging ich in aller Frühe zum Hafen hinunter, um ein Schnellboot zu mieten. Vergeblich. Die britische Marine hatte die Häfen an der zypriotischen Südküste bis zum Ende der Krise sperren lassen.



Mit Hilfe des Beiruter AP-Büros gelang es mir schließlich, eine Überfahrt auf der Paphos Star, einem in Limassol liegenden Seelenverkäufer, zu bekommen. Der Kapitän hatte sich bereit erklärt, im Schutz der Nacht die Blockade zu durchbrechen. Ich suchte mir einen Sitzplatz an Deck, und am frühen Abend legte das Schiff mit Kurs auf Larnaka ab. Die Gespräche und Gedanken meiner Mitreisenden drehten sich ausschließlich um die Krise. Hin und wieder erhitzten sich ihre Gemüter, und es kam zu lauten Wortwechseln, während sich unser alter Kahn durch das dunkle Wasser des östlichen Mittelmeers pflügte.



In den frühen Morgenstunden gab der Kapitän Befehl, die Positionslampen zu löschen. Wenn die Briten ihn erwischten, würden sie sein Schiff konfiszieren. Aber kurz nach der Morgendämmerung kam die zypriotische Küste in Sicht, ohne daß auch nur ein einziges britisches Patrouillenschiff unseren Kurs gekreuzt hätte, und gegen Mittag liefen wir in den Hafen von Larnaka ein.



Niemand interessierte sich für uns, kein einziger Einwanderungs- oder Zollbeamter ließ sich blicken. Larnaka war eine von der Sonne verwöhnte Touristenstadt, aber jetzt lagen die Strände verlassen da, und die meisten Läden waren geschlossen. Eine Untergangsstimmung hing über der Stadt. Ich spürte das Verlangen, näher ans Zentrum des Geschehens heranzukommen. Ein anderes Land und ein anderer Krieg, aber meine Reaktionen waren dieselben wie in Vietnam.



Ich hatte Schwierigkeiten, ein Taxi nach Nikosia aufzutreiben. Schließlich nahmen mich zwei Studenten mit, die ebenfalls mit der Paphos Star nach Larnaka gekommen waren. Die braune, steinige Landschaft stand in krassem Gegensatz zu dem wuchernden Grün des südostasiatischen Dschungels. Aber es lag eine tiefe Schönheit in den mit blaßrosa Blüten von Herbstzeitlosen gesprenkelten Feldern, den einsamen Zypressen, die über sonnenbeschienenen Hängen und schattigen Tälern wachten, und den Zitronen- und Orangenbäumen, die sich schützend um die steinernen Bauernhäuser drängten.



Am späten Nachmittag erreichten wir Nikosia. In der Stadt war es relativ ruhig, nur ein paar Soldaten patrouillierten auf den Straßen. Ich stieg am Hilton aus, dem Treffpunkt der ausländischen Journalisten. In der Lobby traf ich Joe Fried von der New York Daily News, einen alten Bekannten aus Saigon. Joe warnte mich, daß die Einheimischen nicht gut auf Reporter zu sprechen seien: »Hier ist es noch schlimmer als in Saigon.« Typisch Joe, dachte ich noch bei mir, immer leicht gereizt, aber dann hörte ich von der Rezeption her Geschrei, sah Fäuste und kurze Zeit später ein paar Schuhe fliegen und schließlich zwei Männer, die sich am Boden wälzten und miteinander rangen. Einer der beiden war Paul Roque, ein junger AP-Fotograf aus Paris. Die Hotelbediensteten rührten keinen Finger. Schließlich ging Max Nash, ein anderer AP-Kollege aus Saigoner Zeiten, dazwischen und trennte die beiden Kampfhähne. Später erzählte mir Roque, daß der Angreifer ein griechisch-zypriotischer Soldat war, der seit Tagen in der Hotelbar herumgehangen hatte.



Am nächsten Abend kam der rechtsradikale Politiker Nikos Sampson herein, setzte sich auf einen Barhocker und warf, in der einen Hand einen Scotch, in der anderen eine 45er, den versammelten Journalisten finstere Blicke zu. Sampson war von der internationalen Presse heftig kritisiert worden und just an diesem Tag, nachdem er erst eine Woche zuvor auf dem Präsidentenstuhl Platz genommen hatte, wieder abgesetzt worden. Keiner von uns legte besonderen Wert darauf, ihn nach seiner Meinung zur gegenwärtigen Entwicklung zu fragen. Dieselbe Verbitterung war auf den Straßen der Hauptstadt und auf dem Land zu spüren. Volksgruppen, die seit Jahrhunderten friedlich zusammengelebt hatten, begannen von einem Tag auf den anderen, sich gegenseitig abzuschlachten. In Vietnam hatte die perverse Logik des Kalten Krieges den Konflikt eskalieren lassen, auf Zypern waren es die in der Geschichte verwurzelten ethnischen und religiösen Unterschiede, nicht der Machthunger der Supermächte. Ich wußte nicht viel über die Hintergründe dieses Krieges und beschloß, genauso wie in Vietnam vorzugehen: Nur über das zu schreiben, was ich mit eigenen Augen sah. Und es gab viel zu sehen. Das Drama entfaltete sich vor einem atemberaubenden Hintergrund. Zypern war in der Antike häufig umkämpftes Bindeglied zwischen Europa und dem Orient gewesen, und die Armeen der Eroberer hatten überall ihre Spuren hinterlassen - von den griechischen und römischen Amphitheatern und Viadukten bis hin zu den byzantinischen Kirchen und gotischen Kathedralen. Einmal fuhren Roque und ich durch das Tor der alten venezianischen Festungsmauern aus dem mittelalterlichen Nikosia an die türkische Linie und weiter über die Ebene von Messaria, auf der 1191 Richard Löwenherz seine Verlobte Berenn, den Fängen des zypriotischen Herrschers Isaak Komnenos entrissen hatte. Wir stiegen zu den legendären fünf Fingern des Pentadaktylos hinauf, wo auf einem Felsvorsprung die Kreuzritterburg von St. Hilarion thronte. Von dort aus folgten wir der Straße hinunter bis ans Meer und gelangten in die von den Griechen im 10. Jahrhundert v. Chr. gegründete und seitdem unzählige Male eroberte Hafenstadt Kyrenia.

DeLaHoya
07.08.05, 23:43
Die Straßen der Stadt quollen über von den jüngsten Eroberern, den türkischen Soldaten. Viele Läden waren geplündert, die Schaufenster zerschlagen, die Türen aus den Angeln gerissen. Eine Bergstraße verband die Invasoren mit der türkischen Bevölkerung in der Hauptstadt, und alles deutete darauf hin, daß sie hier rasch vollendete Tatsachen schaffen wollten. Die griechisch-zypriotische Bevölkerung war zusammengetrieben und in den Hotels eingesperrt worden. In der im 12. Jahrhundert erbauten Abtei von Bellapais, in deren mit Kopfsteinen gepflastertem Innenhof wenige Tage zuvor noch Touristen Kaffee und Cognac getrunken hatten, wurden jetzt Frauen und Kinder gefangengehalten, jeweils vierzig in einem Zimmer. Ein türkischer Offizier versicherte mir, daß man sie mit allem Notwendigen versorge. »Wir wollen ihnen keinen Schaden zufügen.« Der Großteil der Insel wurde immer noch von griechischen Zyprioten kontrolliert, und der dort lebenden türkischen Bevölkerung erging es kaum besser. Als ich ein paar Tage später an endlosen Oliven- und Orangenhainen vorbeifuhr und schließlich in das an der Straße nach Nikosia liegende Dorf Alaminos kam, sah ich in einem ausgetrockneten Bachbett die Leiche eines Mannes liegen. Ich hielt an, und aus einem Haus kam eine Frau herbeigeeilt und verscheuchte die Krähen, die an dem Toten pickten. Sie sagte, sie heiße Feysal Arif und warte auf den moslemischen Geistlichen. Er solle ihrem Mann auf der Anhöhe hinter dem Dorfplatz ein ordentliches Begräbnis geben, neben den frischen Gräbern dreizehn anderer Moslems. Ich fragte, was es mit den Gräbern auf sich habe, und ein alter, buckliger Mann führte mich zu einer mit Einschußlöchern übersäten Mauer. Hier, so berichtete er, hätten griechische Soldaten als Vergeltung für zwei unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommene griechische Zyprioten dreizehn türkische Dorfbewohner hingerichtet. Die einheimische Bevölkerung stand traditionell allen Fremden ablehnend gegenüber und mißtraute insbesondere der Presse. Aber seit Zypern ins Blickfeld der Vereinten Nationen gerückt war, wollten alle ihre Geschichte loswerden. Ich sah, wie die Dorfbewohner in den Kaffeehäusern über Kurzwellenempfänger gebeugt saßen und gespannt die Meldungen von BBC oder der Stimme Amerikas verfolgten. Roque und ich fuhren fast jeden Morgen von Nikosia aus auf schlaglochübersäten Straßen durch den Nordwesten der Insel, wo die Türken versuchten, ihr Einflußgebiet auszudehnen. Da wir nie so recht wußten, ob wir uns gerade auf türkischem oder griechischem Territorium befanden, hatten wir an unserem Jeep eine weiße Fahne befestigt. An manchen Tagen kreuzten wir die feindlichen Linien ein halbes dutzendmal. Unser bevorzugter Ausguck war Lapithos, ein Gewirr aus Orangen- und Zitronenhainen, alten Kirchen, Moscheen und Häusern aus dem 18. Jahrhundert, das sich an den Vorbergen der Kyrenia-Kette hochzieht. Die letzte griechische Bastion an der Nordküste lag auf einer Felsnadel, die sich bei Lapithos aus dem Meer erhob. Von dort oben konnte man die gesamte Nordküste überschauen, an der die Türken immer mehr Truppen anlandeten. Am 2. August sahen wir zu, wie die ersten türkischen Infanterieeinheiten in die Außenbezirke von Lapithos einrückten. Ich interviewte die Offiziere und kehrte dann nach Nikosia zurück.



Als wir am nächsten Tag an der Küste entlangfuhren, hörten wir Geschützfeuer. Kleine Gruppen griechisch-zypriotischer Soldaten zogen sich über die Felsküste zurück. Andere kamen aus den sonnenversengten Vorbergen heruntergerannt, umarmten ihre Kameraden neben der Straße und warteten, bis ein zufällig vorbeikommender Jeep oder Lastwagen sie mitnahm. Ein junger Offizier der griechisch-zypriotischen Armee sah zu uns herüber, schüttelte die Faust und hielt ein altes einschüssiges Gewehr tschechischer Herkunft in die Höhe. »Wir fliehen, weil uns nichts anderes übrigbleibt«, rief er. »Seht her, womit wir gegen die türkische Artillerie kämpfen sollen.«



Ihre Offiziere hatten sich schon zurückgezogen. Die Griechen gaben die gesamte, mit Hotels und Badeorten gesäumte Nordküste auf.



Am selben Abend teilte mir Paul Roque mit, daß er am nächsten Tag ein von den Türken belagertes Waisenhaus in den Bergen an der Nordküste besuchen wolle. Ich mahnte ihn zur Vorsicht, da die militärische Lage in der Region immer unübersichtlicher wurde.



Als ich am nächsten Tag über die menschenleere Ebene von Messaria fuhr, überholte mich ein Taxi, in dem ein paar Pressekollegen saßen. Kurz darauf wurde ich von einem weiteren Auto überholt, dessen Fahrer mir bedeutete, anzuhalten. Die Insassen, eine Gruppe französischer Fotografen, berichteten mir, Paul sei am frühen Morgen schwerverletzt und zur Behandlung nach Nikosia gebracht worden.



Ich fand Paul in der überfüllten Intensivstation des öffentlichen Krankenhauses. Die Betten standen dicht an dicht, ein paar Patienten lagen sogar auf den Fluren. Paul trug einen dicken Kopfverband. Mit stockender Stimme erzählte er mir, was passiert war. Sie waren mit vier Presseautos auf der Straße in die Berge unterwegs gewesen, als die BBC-Crew im ersten Fahrzeug plötzlich Angst wegen Landminen bekam. Die Briten hielten an und stiegen aus. Der BBC-Tontechniker Ted Stoddard trat auf eine Mine. Er war auf der Stelle tot, und sein Kollege Simon Dring lag verletzt neben ihm auf der Straße. Mit größter Vorsicht arbeitete sich Paul zu den beiden vor. Dann trat er selbst auf eine Mine. Die Explosion trieb Metallsplitter in seinen linken Fuß, sein Knie und seine Schulter, doch am schlimmsten erwischte es ihn im Gesicht. Als Folge der Verwundung verlor er später sein linkes Auge. Paul wurde noch am selben Nachmittag in ein Krankenhaus auf dem britischen Stützpunkt Akrotiri verlegt und am nächsten Tag mit einem von AP gecharterten Flugzeug nach Paris geflogen.



Die Situation eskalierte zusehends, und die Vereinten Nationen hatten keine Möglichkeit, einzugreifen. Es war offensichtlich, daß die Türken auf Landgewinn aus waren. Allmählich verstand ich, daß dieser Krieg die europäischen AP-Kunden mehr interessierte als die amerikanischen. In Amerika nahm man von diesem fernen Krieg kaum Notiz.



Nach langen Tagen und schlaflosen Nächten war ich restlos ausgepumpt und hatte das Gefühl, eine kurze Ruhepause verdient zu haben. Trotz heftiger Proteste des ständigen Zypern-Korrespondenten Alex Eftyvoulou packte ich meine Sachen und fuhr in ein Strandhotel an der Bucht von Amathus bei Limassol. Ich ließ mir ein Zimmer geben, bekam ein vorzügliches Essen aufgetischt und trank viel zuviel Wein. Um fünf Uhr morgens klingelte das Telefon. Im Halbschlaf erkannte ich die Stimme von Donald Wise, einem langjährigen Freund, der für den London Daily Mirror arbeitete und Gerüchten zufolge über erstklassige Kontakte zum britischen Geheimdienst verfügte. Wise rügte mich wegen meiner Disziplinlosigkeit und empfahl mir, mich sofort aus dem Bett zu schwingen und nach Nikosia zurückzukehren. »Die Türken kommen«, sagte er. »Und sie meinen es verdammt ernst.« Bei Sonnenaufgang erwartete er die ersten Luftangriffe.



Ich raste mit meinem gemieteten Jeep durch die Nacht und passierte Kontrollposten, deren Besatzungen friedlich schliefen. Der Morgen dämmerte bereits, als ich die Küstenberge hinter mir gelassen hatte. Als ich die Ebene von Messaria erreichte, ging hinter den Bergen im Osten die Sonne auf. Und mit der Sonne kamen die Türken. Vier Düsenjäger vom Typ Supersaber jagten im Tiefflug über den Flughafen von Nikosia hinweg und klinkten ihre Bomben über der schlafenden Stadt aus. Weitere Angriffe folgten, und bald schon stieg schwarzer Rauch aus brennenden Bürohäusern in den Himmel. An der Fassade des Hilton hingen mit roten Kreuzen bemalte Laken, und die Lobby quoll über vor Menschen, die nach Angehörigen riefen und versuchten, im Luftschutzkeller Zuflucht zu finden. In der Halle lief ich Joe Fried in die Arme. »Wir sind hier nicht in Vietnam«, warnte er mich. Ich sei neu hier und müsse aufpassen.



Ich nickte ihm zu und ging hinaus. Er hatte recht: Zypern war nicht Vietnam. Hier war es viel einfacher, sich zurechtzufinden und das Geschehen zu überblicken. Ich fuhr an verlassenen Kontrollposten vorbei zum Flughafen. Die türkische Luftwaffe nahm jetzt andere Stadtbezirke unter Beschuß. Ich hörte das vertraute Donnern explodierender Granaten und fuhr in die Richtung, aus der es kam. Ich hielt erst an, als unmittelbar vor mir ein griechischer Offizier auf der Suche nach Deckung in den Straßengraben sprang.



Es war erst sieben Uhr, aber die Sonne brannte schon heiß vom Himmel. Ich stieg aus und rannte zu den Soldaten hinüber, die unter der Betontreppe eines Fabrikneubaus neben dem Flughafen Zuflucht gesucht hatten. Sie sagten, die Türken stünden hundert Meter vor uns und rückten im Schutz von Panzern weiter vor. »Die Arkadi-Bar haben wir schon verloren«, jammerte einer. Die Bar war ein beliebter Treffpunkt junger Zyprioten an der Straße zum Flughafen gewesen.



Ich kehrte ins Hilton zurück und gab einen Bericht an die Zentrale durch. Dann setzte ich mich wieder in den Wagen und verblieb die Stadt durch das alte Famagusta-Portal. Nach einer Irrfahrt durch enge Gäßchen und Landstraßen gelangte ich auf einen Bergrücken. Von dort oben konnte ich sehen, wie die türkischen Truppen auf einer Front von mehreren Kilometern Breite zügig in meine Richtung vorrückten. Die Panzer wirbelten Staubwolken auf und beschossen Bauernhäuser und versprengte Gruppen flüchtender griechisch-zypriotischer Soldaten. Eine dichte Wand aus schwarzem und gelbem Rauch verhüllte den Blick auf die hinter Nikosia aufsteigenden Kyrenischen Berge.



Ich folgte der alten Straße nach Famagusta. Nach knapp zwei Kilometern wurde ich von einem schwitzenden griechischen Offizier in einem Jeep angehalten, hinter dem eine Kolonne mobiler Flugabwehrgeschütze und gepanzerter Truppentransporter wartete. »Ist die Straße nach Nikosia noch frei?« rief er mir zu. Ich versicherte ihm, daß die Schnellstraße noch frei sei, wendete und folgte der Einheit zurück in die Hauptstadt. Die Straßen waren leer, die Häuser verrammelt und das Hilton noch überfüllter als zuvor. In der Lobby waren behelfsmäßige Tische aufgestellt worden, auf denen Essen serviert wurde. Bis zum Abend des 7. August hatten die Türken die griechischen Zyprioten aus fast einem Drittel der Insel vertrieben. Die von Norden vorstoßenden Einheiten planten offensichtlich, über die Ebene von Messaria weiter bis zur türkischen Enklave in Famagusta im Osten vorzustoßen. Zusammen mit Spartaco Bodini, der als Ersatzmann für Roque eingeflogen worden war, fuhr ich am nächsten Morgen nach Famagusta. Wir brauchten eine Ewigkeit. Die Straßen waren mit PKW und Lastwagen verstopft. Die griechisch-zypriotischen Bewohner Nikosias flohen an die relativ sichere Südküste.



Am frühen Nachmittag erreichten wir den britischen Militärstützpunkt Dhekelia, auf dem mehrere Tausend verängstigte Flüchtlinge kampierten. Von Dhekelia aus fuhren wir weiter zu einem vorgeschobenen Posten der britischen Armee, von dem man über ein flaches Tal hinweg nach Famagusta und Varosha sehen konnte. Am Meer entlang reihten sich die weißen, von der Nachmittagssonne in gleißendes Licht getauchten Strandhotels von Varosha. Bodini und ich unterhielten uns gerade mit den Soldaten, als plötzlich in unmittelbarer Nähe mehrere Granaten explodierten. Knapp drei Kilometer vor uns waren mehrere türkische Sherman-Panzer aufgetaucht und hatten das Feuer auf unsere Stellung eröffnet. Doch genauso unvermittelt, wie der Angriff begonnen hatte, wurde er auch wieder abgebrochen. Die Panzer drehten ab und nahmen Kurs auf Famagusta.



Die Kulisse war so atemberaubend, daß man das Gefühl nicht unterdrücken konnte, im Kino zu sitzen und einen Kriegsfilm zu sehen. Ich mußte nach Famagusta. Aber wie? Da sah ich, daß die Straße nach Famagusta talabwärts ein Stück weit außerhalb der Sichtweite der türkischen Panzer verlief. Aufgeregt wandte ich mich an Bodini und sagte zu ihm, daß wir es schaffen könnten, die Stadt vor den Türken zu erreichen. Er erklärte mich für verrückt und winkte ab, also machte ich mich ohne ihn auf den Weg.



Ich raste die abschüssige Straße hinunter. Ungefähr einen Kilometer zu meiner Linken sah ich drei Panzerkolonnen, die mit hoher Geschwindigkeit parallel zur Straße über das offene Gelände fuhren. Plötzlich schwenkten sie und hielten auf die Straße zu. Da ich nicht scharf darauf war, von einem Panzer überrollt zu werden, bog ich in eine kleine Seitenstraße ein. Ich gelangte in ein Wohngebiet am Stadtrand von Famagusta, und als ich um die nächste Ecke bog, hätte ich beinahe ein knappes Dutzend griechisch-zypriotischer Soldaten überfahren. Sie reckten ihre Hände in die Luft und wollten sich ergeben - und zwar mir. Ich stieg aus und lachte erst einmal herzlich, bevor ich ihnen erzählte, daß sie auf dem Weg, den ich gekommen war, unbehelligt Dhekelia erreichen konnten.



Die Türken ließen den modernen, griechischen Teil der Stadt links liegen und waren bis zum Abend durch das Nordtor in die mittelalterliche Festung von Famagusta vorgedrungen, in der elftausend türkische Zyprioten lebten. Noch vor Einbruch der Nacht verließen die griechischstämmigen Einwohner ihre Häuser und die Stadt. Während ich eine blinde Frau einsteigen ließ, die mich darum gebeten hatte, sie an den Stadtrand zu bringen, fuhren zwanzig vollbesetzte Mannschaftswagen der griechisch-zypriotischen Polizei an uns vorbei aus der Stadt.



Nach Einbruch der Dunkelheit hatte sich der moderne Teil Famagustas in eine Geisterstadt verwandelt. Auf der Suche nach einem Schlafplatz traf ich zwei britische Korrespondenten, Will Jones von der Sunday Times und Colin Smith vom Observer, und gemeinsam inspizierten wir die Luxushotels am Varosha-Strand. Unsere Wahl fiel schließlich auf das Markos, ein Hotelhochhaus mit einer gutbestückten Bar und einem fantastischen Blick über die Stadt. Das Markos war, wie die anderen Hotels auch, menschenleer, aber es gab Strom, und auch die Aufzüge funktionierten noch. Wir suchten uns die besten Zimmer aus, dann ging ich zur Bar und steckte ein halbes Dutzend Bierflaschen ein. Die Betten in meinem Zimmer waren frisch bezogen, im Bad lagen Handtuch und Seife bereit, und das Wasser, das aus der Dusche kam, war wohlig heiß. Allerdings gelang es mir nicht, die Telefonanlage des Hotels zu bedienen, und so mußte ich in die Schule auf der gegenüberliegenden Straßenseite einsteigen und von dort meinen Bericht durchgeben.



Bei Tagesanbruch sah ich, daß die türkischen Soldaten in den griechischen Stadtteil vorrückten. Vorsichtig und mit schußbereiten Waffen huschten sie von Hauseingang zu Hauseingang. Ich mußte unbedingt Kontakt zu den siegreichen Truppen aufnehmen und ihren Kommandeur interviewen. Nur wußte ich nicht, wie ich das bewerkstelligen sollte. Von Smith und Jones war nichts zu sehen. Schließlich beschloß ich, nach der Devise »Frechheit siegt« zu handeln, und fuhr in die Stadt. Ich stellte das Auto an der Hauptstraße ab, betrat ein verlassenes Straßencafe, öffnete eine Flasche Cognac und setzte mich an einen der Tische auf dem Gehweg. Das Rasseln von Panzerketten und das Klirren zersplitternder Schaufenster kündigten das Kommen der Türken an. Plötzlich bog ein Sherman-Panzer um die Ecke. Sein Geschützrohr schwenkte hin und her und nahm mich ins Visier. Mir wurde ziemlich mulmig zumute, doch ich sagte mir, daß kein auch nur halbwegs disziplinierter Kanonier eine 85-mm-Granate an einen einzelnen Zivilisten verschwenden würde.



Ich hatte richtig vermutet. Der Panzer rollte an mir vorbei, gefolgt von einer Gruppe Infanteristen, die mein Anblick nicht im geringsten zu über-raschen schien. Ich fragte einen Offizier nach dem Truppenkommandeur. Er deutete auf das Südtor der Festung. Ich fuhr bis zu einer hölzernen Straßenbarrikade, stieg aus und ging den Rest zu Fuß. Sicherheitshalber hielt ich einen Holzstock mit einem weißen Tuch in die Höhe. Vor dem Festungstor nahm ein Polizist meinen Presseausweis entgegen und reichte ihn an einen Offizier weiter, der daraufhin verschwand, ein paar Minuten später zurückkam und mir den Zutritt verweigerte - der Ausweis war am Tag zuvor abgelaufen.

DeLaHoya
07.08.05, 23:44
Auf der Rückfahrt nach Nikosia hatte ich die Straße ganz für mich alleine. Bodini war untröstlich: New York verlangte Fotos von der Besetzung Famagustas und wollte wissen, warum er mich nicht begleitet hatte.



Ein paar Tage später rief mich Wes Gallagher an und teilte mir mit, daß ich zurückkommen solle. Die Krise hatte ihren Höhepunkt überschritten, die Vereinten Nationen hatten einen Waffenstillstand ausgehandelt. Ich buchte eine Überfahrt nach Athen und wollte gerade meine Kajüte beziehen, als der Zahlmeister des Schiffs mir eine Nachricht von AP in die Hand drückte. Ich sollte auf der Stelle nach Nikosia zurückkehren. Der US-Botschafter Rodger P Davies war während einer antiamerikanischen Demonstration vor der Botschaft mit mehreren Schüssen aus einer automatischen Waffe getötet worden. Ich blieb noch eine Woche in Nikosia. Die Krise war noch lange nicht ausgestanden. Seit dem Eingreifen der UNO hatten sich die Gemüter zwar etwas abgekühlt, aber die Souveränitätsfrage war nach wie vor ungelöst. Ich hatte hier nichts mehr zu tun, aber ich war bereit, jederzeit zurückzukehren, falls erneut Feindseligkeiten ausbrechen sollten.



Zypern hatte mir gezeigt, daß ich ein Talent zum Kriegsberichterstatter hatte, daß Vietnam nicht das Ende meiner Arbeit auf den Schlachtfeldern dieser Welt gewesen war, sondern erst der Anfang. Ich hatte Frau und Kinder. Ich war gerade vierzig geworden, aber ich fühlte mich körperlich topfit und war überzeugt, daß ich eine wichtige Arbeit leistete.

DeLaHoya
07.08.05, 23:48
Am nächsten Abend kam der rechtsradikale Politiker Nikos Sampson herein, setzte sich auf einen Barhocker und warf, in der einen Hand einen Scotch, in der anderen eine 45er, den versammelten Journalisten finstere Blicke zu.

Es wäre interessant zu wissen, warum Sampson nicht bei den griechischen Truppen war und gegen die Türken gekämpft hat?

Immerhin hatte er die größte Klappe gehabt, wenn es um das Abschlachten von wehrlosen türkischen Dorfbewohnern ging aber vor türkischen Soldaten versteckt er sich in einem Hotel und trinkt Scotch.

Feiger Xxxx!

Trojaner
08.08.05, 21:15
Danke für den sehr interessanten Bericht.
Hast du das online oder aus einem Buch gescannt?

DeLaHoya
08.08.05, 21:33
Danke für den sehr interessanten Bericht.
Hast du das online oder aus einem Buch gescannt?

Ähm... das habe ich... ähm... abgetippt!