DeLaHoya
08.08.05, 21:55
Türkei will sich erst im Oktober mit Religionsfreiheit befassen
Die Türkei will sich erst nach der geplanten Aufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen im Oktober mit der von Brüssel geforderten Religionsfreiheit befassen. Die EU-Kommission verlangt einen gesetzlichen Rahmen, der die Glaubensfreiheit in der Praxis gewährleistet. Die Regierung in Ankara wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Respektierung der Minderheitenrechte zu den Verpflichtungen eines EU-Kandidatenlandes gehört.
Bei seiner Türkei-Visite im Mai hatte der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder betont, dass "die Sicherung der Religionsfreiheit Teil der EU-Agenda ist". Zudem hatte der deutsche Regierungschef demonstrativ den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. im Phanar in Istanbul besucht.
Dem türkischen Ministerpräsidenten Recep T. Erdogan hatte Schörder zu verstehen gegeben, dass die Türkei in ihrem Streben nach EU-Mitgliedschaft nicht daran vorbeikommen werde, den religiösen Minderheiten die gleichen Rechte einzuräumen, die von Muslimen in EU-Staaten in Anspruch genommen werden.
Anhaltende Beschlagnahme kirchlichen Besitzes
Der Vorsitzende des Aussenpolitischen Ausschusses des Europäischen Parlaments, Elmar Brok, und weitere Europaabgeordnete haben beanstandet, dass das geplante türkische Gesetz über religiöse Stiftungen nicht europäischen Standards genüge. Zugleich drückten sie tiefe Besorgnis über die fortdauernde Beschlagnahmung kirchlichen Besitzes ausgedrückt. Die Forderung nach Wiedereröffnung der 1971 geschlossenen weltberühmten orthodoxen Theologischen Fakultät auf der Insel Halki sei noch immer nicht erfüllt.
Neue Probleme zeichnen sich für Ende November ab: Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat Papst Benedikt XVI. zum Andreas-Fest - dem Patronatsfest der Kirche von Konstantinopel - in die Türkei eingeladen. Es wäre der dritte Besuch eines Papstes im Phanar nach jenen von Paul VI. bei Athenagoras I. 1967 und von Johannes Paul II. bei Dimitrios I. im Jahr 1979. Die Bestätigung eines offiziellen Termins steht jedoch aus, weil bisher keine Einladung des türkischen Staates vorliegt.
Erinnerung an Auflösung des Osmanischen Reiches
Im inoffiziellen Gespräch wird von türkischer Seite eingeräumt, dass hinter der Weigerung, den religiösen Minderheiten entsprechende Rechte einzuräumen, die Erinnerung an die traumatischen Erfahrungen der Auflösung des Osmanischen Reiches an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert steht.
Offiziell ist in der neuen kemalistischen Türkei zwar alles "zu 99 Prozent" türkisch und islamisch-sunnitisch; unter der gleichförmigen Oberfläche schlummert aber - einmal ganz abgesehen vom kurdischen Problem - trotz der Spruchbänder mit der programmatischen Aufschrift "Es ist so schön, Türke zu sein" die alte Vielfalt.
An der Schwarzmeerküste gibt es etwa in Lazistan eine kräftige Bewegung der Besinnung auf die alte Identität (die lazische Sprache gehört zu den kaukasischen Sprachen und ist mit dem Georgischen verwandt).
Grösste Aufregung herrschte vor wenigen Jahren, als im Gebiet von Trapezunt einige Dörfer entdeckt wurden, in denen zu Hause griechisch gesprochen wird, obwohl 1923 auch alle Pontus-Griechen abgeschoben wurden. Auch an der ägäischen Küste bewirkt der Empfang des griechischen Fernsehens, dass die hier angesiedelten Nachfahren von Muslimen aus Hellas sich ihrer Wurzeln besinnen. Und wie die realen Verhältnisse in gewissen Bereichen des östlichen Anatolien (etwa zwischen dem Van-See und der armenischen Grenze) sind, weiss niemand.
Nur kosmetische Einförmigkeit
Die ab 1928 von Heerscharen türkischer Ministerialbeamter in Ankara erfundenen zehntausenden neuen Ortsnamen und topografischen Bezeichnungen haben nur kosmetische Einförmigkeit bewirkt. Damals wurde etwa der türkische Name der Nachfolgesiedlung von Ephesos - Ayasoluk (eine vertürkte Form des griechischen Hagios Theologos) - in das künstliche Selcuk verändert.
http://www.jesus.ch/index.php/D/article/152/25522/
Die Türkei will sich erst nach der geplanten Aufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen im Oktober mit der von Brüssel geforderten Religionsfreiheit befassen. Die EU-Kommission verlangt einen gesetzlichen Rahmen, der die Glaubensfreiheit in der Praxis gewährleistet. Die Regierung in Ankara wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Respektierung der Minderheitenrechte zu den Verpflichtungen eines EU-Kandidatenlandes gehört.
Bei seiner Türkei-Visite im Mai hatte der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder betont, dass "die Sicherung der Religionsfreiheit Teil der EU-Agenda ist". Zudem hatte der deutsche Regierungschef demonstrativ den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. im Phanar in Istanbul besucht.
Dem türkischen Ministerpräsidenten Recep T. Erdogan hatte Schörder zu verstehen gegeben, dass die Türkei in ihrem Streben nach EU-Mitgliedschaft nicht daran vorbeikommen werde, den religiösen Minderheiten die gleichen Rechte einzuräumen, die von Muslimen in EU-Staaten in Anspruch genommen werden.
Anhaltende Beschlagnahme kirchlichen Besitzes
Der Vorsitzende des Aussenpolitischen Ausschusses des Europäischen Parlaments, Elmar Brok, und weitere Europaabgeordnete haben beanstandet, dass das geplante türkische Gesetz über religiöse Stiftungen nicht europäischen Standards genüge. Zugleich drückten sie tiefe Besorgnis über die fortdauernde Beschlagnahmung kirchlichen Besitzes ausgedrückt. Die Forderung nach Wiedereröffnung der 1971 geschlossenen weltberühmten orthodoxen Theologischen Fakultät auf der Insel Halki sei noch immer nicht erfüllt.
Neue Probleme zeichnen sich für Ende November ab: Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat Papst Benedikt XVI. zum Andreas-Fest - dem Patronatsfest der Kirche von Konstantinopel - in die Türkei eingeladen. Es wäre der dritte Besuch eines Papstes im Phanar nach jenen von Paul VI. bei Athenagoras I. 1967 und von Johannes Paul II. bei Dimitrios I. im Jahr 1979. Die Bestätigung eines offiziellen Termins steht jedoch aus, weil bisher keine Einladung des türkischen Staates vorliegt.
Erinnerung an Auflösung des Osmanischen Reiches
Im inoffiziellen Gespräch wird von türkischer Seite eingeräumt, dass hinter der Weigerung, den religiösen Minderheiten entsprechende Rechte einzuräumen, die Erinnerung an die traumatischen Erfahrungen der Auflösung des Osmanischen Reiches an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert steht.
Offiziell ist in der neuen kemalistischen Türkei zwar alles "zu 99 Prozent" türkisch und islamisch-sunnitisch; unter der gleichförmigen Oberfläche schlummert aber - einmal ganz abgesehen vom kurdischen Problem - trotz der Spruchbänder mit der programmatischen Aufschrift "Es ist so schön, Türke zu sein" die alte Vielfalt.
An der Schwarzmeerküste gibt es etwa in Lazistan eine kräftige Bewegung der Besinnung auf die alte Identität (die lazische Sprache gehört zu den kaukasischen Sprachen und ist mit dem Georgischen verwandt).
Grösste Aufregung herrschte vor wenigen Jahren, als im Gebiet von Trapezunt einige Dörfer entdeckt wurden, in denen zu Hause griechisch gesprochen wird, obwohl 1923 auch alle Pontus-Griechen abgeschoben wurden. Auch an der ägäischen Küste bewirkt der Empfang des griechischen Fernsehens, dass die hier angesiedelten Nachfahren von Muslimen aus Hellas sich ihrer Wurzeln besinnen. Und wie die realen Verhältnisse in gewissen Bereichen des östlichen Anatolien (etwa zwischen dem Van-See und der armenischen Grenze) sind, weiss niemand.
Nur kosmetische Einförmigkeit
Die ab 1928 von Heerscharen türkischer Ministerialbeamter in Ankara erfundenen zehntausenden neuen Ortsnamen und topografischen Bezeichnungen haben nur kosmetische Einförmigkeit bewirkt. Damals wurde etwa der türkische Name der Nachfolgesiedlung von Ephesos - Ayasoluk (eine vertürkte Form des griechischen Hagios Theologos) - in das künstliche Selcuk verändert.
http://www.jesus.ch/index.php/D/article/152/25522/