DeLaHoya
16.08.05, 14:48
Das Imperium der Wölfehttp://film-dienst.kim-info.de/kritikenimages/37196.jpgWie fühlt es sich an, seinen eigenen Mann, mit dem man acht Jahre zusammen lebt, nicht mehr zu erkennen? Was empfindet man, wenn man wichtige Erlebnisse wie erste Rendezvous langsam aus dem Blickfeld verliert und Freunden nicht mehr erzählen kann, wann man sich das erste Mal verliebt hat? Die Ärzte sind ratlos angesichts von Annas schubweisen Amnesien und flüchten sich in immer aufwändigere Tests. Die wohlhabende Gattin eines Beamten plagen zudem unerklärliche Albträume, die auch in den Alltag übergreifen, weshalb sie fürchtet, langsam wahnsinnig zu werden. Die Psychologin, an die sie sich ohne Wissen ihres Mannes wendet, stößt auf ein undurchsichtiges Persönlichkeitsgeflecht. Der Gedächtnisverlust scheint dabei gar nicht das Hauptproblem zu sein, denn es tauchen weit grundlegendere Fragen auf, beispielsweise, ob Anna wirklich diejenige ist, die sie zu sein glaubt, oder auch, ob ihre Ehe überhaupt existiert?
Chris Nahons Adaption von Jean-Christoph Grangés Bestseller „Das Imperium der Wölfe“ beginnt ebenso rätselhaft wie furios. Der Look erinnert an eine andere Grangé-Verfilmung „Die purpurnen Flüsse“ (fd 34 788). Nahon versteht sich auf die gelackte Welt der Werbefotografie; mit großer Tiefenschärfe und einer grobkörnigen Plastizität, wie sie lichtempfindlichem Filmmaterial eigen ist, mit forcierenden Arrangement aus schnellen Schnitten und hartem Wechsel zwischen Totalen, Nah- und Detaileinstellungen. Zudem verströmt das Geheimnis um seine Hauptfigur etwas Soghaftes. Arly Jover verleiht Anna eine verletzliche Scheu, unter deren Oberfläche gleichzeitig etwas Monströses zu lauern scheint. Doch auf die extreme Spannung der ersten Minuten folgt ein stetiger Abstieg ins Konfuse. Eine zweite Handlungsebene wird nachgereicht, in der ein junger Polizist drei Frauenleichen gegenüber steht, die ins Milieu der türkischen Mafia verweisen. Widerwillig reaktiviert er einen erfahrenen, wegen übertriebener Brutalität aber zwangspensionierten Ermittler, der als Experte für das Pariser Textilviertel „Klein Türkei“ und seine verschlungenen Mafia-Netzwerke gilt. Bei dem Täter soll es sich um einen perversen Ritualmörder handeln, der illegale türkische Zwangsarbeiterinnen brutal abschlachtet. Doch die Indizien lenken das nicht sonderlich harmonierende Duo zunächst in die falsche Richtung. Auf einer dritten Handlungsebene begegnet man Annas Ehemann Laurent, einen leitenden Beamten des Innenministeriums, der mit bewusstseinsverändernden Experimenten an Menschen zu tun hat, die als Informanten in potenzielle Terrorkreise eingeschleust werden sollen.
Allerdings schlägt der Versuch, fast alle Handlungsstränge der komplexen 450-seitigen Vorlage in einen zweistündigen Film hineinzupressen, gründlich fehl. Statt die Vorlage zu entschlacken und sich beispielsweise auf den Identitätsaspekt der Protagonistin zu konzentrieren, übernehmen sich die Drehbuchautoren, indem sie den Film durch den, zudem höchst abenteuerlichen, Subplot um einen fanatischen Serienkiller unnötig verkomplizieren und dadurch für logische Ungereimtheiten anfällig machen. Nur mittels eines extremen Kraftaktes lassen sich alle drei Handlungsstränge im Showdown in der Türkei zu einem grotesken Knäuel zusammenführen, was beim Zuschauer das Gefühl hinterlässt, nicht Ernst genommen zu werden. Höchst unbefriedigend ist außerdem, dass sich Annas fesselnde Figur recht bald in einem unausgegorenen Superhelden/Kampfmaschinen-Szenario auflöst. Je mehr der Film sein will, desto schwerfälliger wird die im Grunde recht interessante Melange, um am Ende zu einem unverdaulichen Genremix zu gerinnen.Jörg Gerle
http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=7832
Chris Nahons Adaption von Jean-Christoph Grangés Bestseller „Das Imperium der Wölfe“ beginnt ebenso rätselhaft wie furios. Der Look erinnert an eine andere Grangé-Verfilmung „Die purpurnen Flüsse“ (fd 34 788). Nahon versteht sich auf die gelackte Welt der Werbefotografie; mit großer Tiefenschärfe und einer grobkörnigen Plastizität, wie sie lichtempfindlichem Filmmaterial eigen ist, mit forcierenden Arrangement aus schnellen Schnitten und hartem Wechsel zwischen Totalen, Nah- und Detaileinstellungen. Zudem verströmt das Geheimnis um seine Hauptfigur etwas Soghaftes. Arly Jover verleiht Anna eine verletzliche Scheu, unter deren Oberfläche gleichzeitig etwas Monströses zu lauern scheint. Doch auf die extreme Spannung der ersten Minuten folgt ein stetiger Abstieg ins Konfuse. Eine zweite Handlungsebene wird nachgereicht, in der ein junger Polizist drei Frauenleichen gegenüber steht, die ins Milieu der türkischen Mafia verweisen. Widerwillig reaktiviert er einen erfahrenen, wegen übertriebener Brutalität aber zwangspensionierten Ermittler, der als Experte für das Pariser Textilviertel „Klein Türkei“ und seine verschlungenen Mafia-Netzwerke gilt. Bei dem Täter soll es sich um einen perversen Ritualmörder handeln, der illegale türkische Zwangsarbeiterinnen brutal abschlachtet. Doch die Indizien lenken das nicht sonderlich harmonierende Duo zunächst in die falsche Richtung. Auf einer dritten Handlungsebene begegnet man Annas Ehemann Laurent, einen leitenden Beamten des Innenministeriums, der mit bewusstseinsverändernden Experimenten an Menschen zu tun hat, die als Informanten in potenzielle Terrorkreise eingeschleust werden sollen.
Allerdings schlägt der Versuch, fast alle Handlungsstränge der komplexen 450-seitigen Vorlage in einen zweistündigen Film hineinzupressen, gründlich fehl. Statt die Vorlage zu entschlacken und sich beispielsweise auf den Identitätsaspekt der Protagonistin zu konzentrieren, übernehmen sich die Drehbuchautoren, indem sie den Film durch den, zudem höchst abenteuerlichen, Subplot um einen fanatischen Serienkiller unnötig verkomplizieren und dadurch für logische Ungereimtheiten anfällig machen. Nur mittels eines extremen Kraftaktes lassen sich alle drei Handlungsstränge im Showdown in der Türkei zu einem grotesken Knäuel zusammenführen, was beim Zuschauer das Gefühl hinterlässt, nicht Ernst genommen zu werden. Höchst unbefriedigend ist außerdem, dass sich Annas fesselnde Figur recht bald in einem unausgegorenen Superhelden/Kampfmaschinen-Szenario auflöst. Je mehr der Film sein will, desto schwerfälliger wird die im Grunde recht interessante Melange, um am Ende zu einem unverdaulichen Genremix zu gerinnen.Jörg Gerle
http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=7832