DeLaHoya
19.08.05, 20:05
"Das sind ja noch Kinder"
In etwa jedes vierte türkische Mädchen in Österreich wird zwangsverheiratet. Eine Kampagne an Wiener Schulen soll Bewusstsein schaffen und Hilfe anbieten
Oft erst 16, 17 Jahre sind sie alt, die Mädchen, die unmittelbar nach Vollendung ihrer Schulpflicht von ihren Eltern in ihrem Heimatland zwangsverheiratet werden. Meist sind es Immigrantinnen der zweiten oder dritten Generation, die überhaupt keinen Bezug mehr zur Heimat ihrer Vorfahren haben. Die Partner: Meist entfernte Verwandte, die das Mädchen seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hat. Zurück in Österreich, ist eine weitere Ausbildung oder das Ausüben eines Berufes so gut wie nie möglich. Die Jugendlichen sind in ihrer Zwangsehe gefangen.
Lebenslänglich
"Zwangsheirat kostet dich deine Freiheit. Lebenslänglich!" Mit diesem Slogan will der Verein Orient Express Jugendliche, Eltern und LehrerInnen darauf aufmerksam machen, dass Zwangsheirat auch in Österreich ein Problem darstellt. Obwohl es schwierig ist, offizielle Zahlen zu erhalten, nimmt man an, dass in etwa jedes vierte türkische Mädchen in Österreich zwangsverheiratet wird.
Betroffen sind aber nicht nur türkische Familien, sondern auch Frauen aus arabischen Ländern, China oder Sri Lanka und Roma-Mädchen. Nicht die Religion sei ausschlaggebend, sondern die Kultur, betont Ayse Basari, Leiterin des Vereins Orient Express: "Auch Römisch-katholische oder Orthodoxe zwangsverheiraten ihre Kinder", widerlegt sie das Vorurteil, dass Zwangsehen nur in islamischen Ländern Praxis seien.
Zwischen zwei Kulturen
In der Türkei sei es weiterhin an der Tagesordnung, dass sich junge Mädchen ihren Ehemann nicht selbst aussuchen dürfen. Das bestehende Problem in Österreich sei aber lange Zeit ignoriert worden, erklärt Basari. Gerade in einer fremden Kultur hätten die Eltern aber Sorge, Ehre und Stolz der Familie zu beschützen. Die Folge: Mit einer möglichst frühen Zwangsverheiratung wollen sie verhindern, dass ihre Töchter auf die "schiefe Bahn" geraten. "Die Mädchen leben zwischen zwei Kulturen", weiss Basari.
Angst und Unsicherheit
Wenn die Ehe einmal geschlossen sei, sei es viel schwieriger, etwas zu unternehmen. Die meisten Mädchen würden sich aber erst an den Verein wenden, wenn sie bereits verheiratet wurden, erklärt Basari. "Wir müssen unbedingt früher ansetzen", erzählt die Beraterin. Es sei wichtig, den Mädchen zu zeigen, dass sie nicht alleine mit ihren Änsten und Sorgen sind. "Das sind ja noch Kinder", betont Basari. "Sie haben Angst, ihre Familie zu verlieren, wenn sie sich dem Wunsch ihrer Eltern widersetzen".
Kampagne an Schulen
Mit Plakaten an Wiener Schulen und Workshops für SozialarbeiterInnen und LehrerInnen soll Bewusstsein geschaffen werden. Vor allem auch bei MitschülerInnen und LehrerInnen sei ein Umdenken nötig, betont Basari. Oft würde die Zwangsehe fälschlicherweise als Privatsache der Mädchen betrachtet. "Das ist sie aber nicht - es geht um psychische Gewalt, oft auch verbunden mit physischer Gewalt", weiss Basari. Gerade in dieser heiklen Situation bräuchten die Jugendlichen Unterstützung von LehrerInnen oder MitschülerInnen. Orient Express hilft dann dabei, die Mädchen in ihrer Entscheidung gegen die Zwangsehe zu unterstützen.
"Zwangsheirat ist Nötigung"
Die Schul-Kampagne wurde von der Frauenabteilung der Stadt Wien gefördert, die die Druckkosten der Plakate übernahm. Die Förderung sei aber erst "ein Tropfen auf den heissen Stein", so Basari. Dringend notwendig seien Krisenzentren, die minderjährige Mädchen in akuten Notfällen aufnehmen könnten. "Die Ressourcen reichen hinten und vorne nicht", klagt die Sozialarbeiterin. Es mangelt an geschützten Orten, an denen die Mädchen vor ihrer Familie sicher seien. "Es muss endlich anerkannt werden, dass es sich bei Zwangsheirat um eine Nötigung handelt", fordert sie.
http://derstandard.at/?url=/?id=2115645
In etwa jedes vierte türkische Mädchen in Österreich wird zwangsverheiratet. Eine Kampagne an Wiener Schulen soll Bewusstsein schaffen und Hilfe anbieten
Oft erst 16, 17 Jahre sind sie alt, die Mädchen, die unmittelbar nach Vollendung ihrer Schulpflicht von ihren Eltern in ihrem Heimatland zwangsverheiratet werden. Meist sind es Immigrantinnen der zweiten oder dritten Generation, die überhaupt keinen Bezug mehr zur Heimat ihrer Vorfahren haben. Die Partner: Meist entfernte Verwandte, die das Mädchen seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hat. Zurück in Österreich, ist eine weitere Ausbildung oder das Ausüben eines Berufes so gut wie nie möglich. Die Jugendlichen sind in ihrer Zwangsehe gefangen.
Lebenslänglich
"Zwangsheirat kostet dich deine Freiheit. Lebenslänglich!" Mit diesem Slogan will der Verein Orient Express Jugendliche, Eltern und LehrerInnen darauf aufmerksam machen, dass Zwangsheirat auch in Österreich ein Problem darstellt. Obwohl es schwierig ist, offizielle Zahlen zu erhalten, nimmt man an, dass in etwa jedes vierte türkische Mädchen in Österreich zwangsverheiratet wird.
Betroffen sind aber nicht nur türkische Familien, sondern auch Frauen aus arabischen Ländern, China oder Sri Lanka und Roma-Mädchen. Nicht die Religion sei ausschlaggebend, sondern die Kultur, betont Ayse Basari, Leiterin des Vereins Orient Express: "Auch Römisch-katholische oder Orthodoxe zwangsverheiraten ihre Kinder", widerlegt sie das Vorurteil, dass Zwangsehen nur in islamischen Ländern Praxis seien.
Zwischen zwei Kulturen
In der Türkei sei es weiterhin an der Tagesordnung, dass sich junge Mädchen ihren Ehemann nicht selbst aussuchen dürfen. Das bestehende Problem in Österreich sei aber lange Zeit ignoriert worden, erklärt Basari. Gerade in einer fremden Kultur hätten die Eltern aber Sorge, Ehre und Stolz der Familie zu beschützen. Die Folge: Mit einer möglichst frühen Zwangsverheiratung wollen sie verhindern, dass ihre Töchter auf die "schiefe Bahn" geraten. "Die Mädchen leben zwischen zwei Kulturen", weiss Basari.
Angst und Unsicherheit
Wenn die Ehe einmal geschlossen sei, sei es viel schwieriger, etwas zu unternehmen. Die meisten Mädchen würden sich aber erst an den Verein wenden, wenn sie bereits verheiratet wurden, erklärt Basari. "Wir müssen unbedingt früher ansetzen", erzählt die Beraterin. Es sei wichtig, den Mädchen zu zeigen, dass sie nicht alleine mit ihren Änsten und Sorgen sind. "Das sind ja noch Kinder", betont Basari. "Sie haben Angst, ihre Familie zu verlieren, wenn sie sich dem Wunsch ihrer Eltern widersetzen".
Kampagne an Schulen
Mit Plakaten an Wiener Schulen und Workshops für SozialarbeiterInnen und LehrerInnen soll Bewusstsein geschaffen werden. Vor allem auch bei MitschülerInnen und LehrerInnen sei ein Umdenken nötig, betont Basari. Oft würde die Zwangsehe fälschlicherweise als Privatsache der Mädchen betrachtet. "Das ist sie aber nicht - es geht um psychische Gewalt, oft auch verbunden mit physischer Gewalt", weiss Basari. Gerade in dieser heiklen Situation bräuchten die Jugendlichen Unterstützung von LehrerInnen oder MitschülerInnen. Orient Express hilft dann dabei, die Mädchen in ihrer Entscheidung gegen die Zwangsehe zu unterstützen.
"Zwangsheirat ist Nötigung"
Die Schul-Kampagne wurde von der Frauenabteilung der Stadt Wien gefördert, die die Druckkosten der Plakate übernahm. Die Förderung sei aber erst "ein Tropfen auf den heissen Stein", so Basari. Dringend notwendig seien Krisenzentren, die minderjährige Mädchen in akuten Notfällen aufnehmen könnten. "Die Ressourcen reichen hinten und vorne nicht", klagt die Sozialarbeiterin. Es mangelt an geschützten Orten, an denen die Mädchen vor ihrer Familie sicher seien. "Es muss endlich anerkannt werden, dass es sich bei Zwangsheirat um eine Nötigung handelt", fordert sie.
http://derstandard.at/?url=/?id=2115645