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DeLaHoya
20.08.05, 10:10
Aus für den Islamunterricht19.08.2005 VON ROLAND MEYER Rotenburg. Das Schulprojekt „Islamunterricht“ an der Rotenburger Stadtschule ist tot. Lehrer Hüseyin Sarigül trauert ihm kaum nach. Er regt an, stattdessen Integrationsstunden nach Sittenser Vorbild einzurichten. Denn auf Einwanderer zuzugehen, sei wichtiger denn je.

Rundschau: Herr Sarigül, die Stadtschule ist eine von etwa zehn Schulen in Niedersachsen, an der muslimische Grundschüler seit 2003 das Fach Islamische Religion belegen können. Eigentlich sollte der Modellversuch bis 2007 laufen. Warum ist hier schon nach zwei Jahren Schluss?

Sarigül: Das Kultusministerium fordert, dass mindestens zwölf Kinder teilnehmen. Diese Regel wurde einfach vom evangelischen Religionsunterricht übernommen. Wir hatten für das kommende Schuljahr aber nur noch fünf Anmeldungen.

Rundschau: Wieviele Kinder haben Sie bis zu den Sommerferien unterrichtet?

Sarigül: 15. Davon sind jetzt sechs auf eine weitergehende Schule gewechselt. Vier weitere haben sich vom Religionsunterricht abgemeldet. Neuanmeldungen gab es keine – obwohl wir zu zwei Elternabenden eingeladen haben, um über das Projekt zu informieren. Da ist aber jeweils nur ein Vater gekommen.

Rundschau: Es scheint also eine große Skepsis zu geben. Bereits in den vergangenen zwei Jahren soll es immer wieder zu Unstimmigkeiten mit muslimischen Eltern gekommen sein.

Sarigül: Das stimmt leider. Sie konnten zum Beispiel nicht verstehen, dass ich vor Weihnachten und Ostern über die christlichen Hintergründe dieser Festtage gesprochen habe. Das ist aber erstens sinnvoll und wird zweitens vom gültigen Lehrplan verlangt. Wer hier lebt, muss den anderen kennen und verstehen lernen.

Rundschau: Dennoch: Können Sie das Misstrauen von vielleicht sehr traditionellen und strenggläubigen muslimischen Eltern nicht verstehen? Denen wurde „Islamische Religion“ angekündigt – und dann wird den Kindern dort von Jesus erzählt. Wurde da nicht unter falscher - oder zumindest nicht eindeutiger - Flagge gesegelt?

Sarigül: Da ist was dran. Sicher weckt der Name „Islamischer Religionsunterricht“ bei manchem Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Außerdem befürchten die Moscheen, dass ihren Koranschulen das Wasser abgegraben werden soll. Integration braucht aber Vertrauen. Und das kann man nicht erzwingen.

Rundschau: Liegt das Misstrauen auch an ihrer Person? Wie ist die Nachfrage nach Islamunterricht an den anderen Modellschulen im Land?

Sarigül: Der Islamunterricht nach dem derzeitigen Modell hat ein konzeptionelles Problem. Auch an den anderen Schulen ist die Nachfrage nicht viel besser als hier. Die meisten sind aber deutlich größer und haben einen noch höheren Ausländeranteil. Deshalb kommen dort zwölf Schüler zusammen. Der Prozentsatz der Kinder, die sich anmelden, ist aber auch gering.

Rundschau: Fällt Ihr Resümee ausschließlich negativ aus?

Sarigül: Nein. Positiv war zum Beispiel, dass es, angestoßen durch den Islamunterricht, zu Begegnungen zwischen der muslimischen Gemeinde und den christlichen Kirchen gekommen ist. Daran hatte Superintendent Daub großen Anteil. Dieses Pflänzchen muss weiter gepflegt werden.

Rundschau: Außer in Rotenburg unterrichten Sie auch an der Sittenser Grundschule muslimische Kinder. Ist die Beteiligung dort größer, als sie in Rotenburg war?

Sarigül: Erheblich. Das liegt an dem ganz anderen Ansatz. Dafür haben wir den Namen „Integrationsunterricht“ gewählt.

Rundschau: Was verbirgt sich dahinter?

Sarigül: Ich treffe mich jeden Montag von 15 bis 16 Uhr mit den Kindern. Ich helfe bei den Hausaufgaben in allen Fächern und gebe muttersprachlichen Unterricht. In diesem Zusammenhang führen wir auch Projekte durch, etwa zu türkischen und deutschen Feiertagen. Im Mittelpunkt steht erstens das Festigen der eigenen Identität durch das Kennenlernen der Herkunft; zweitens geht es um das Zurechtfinden in Deutschland. Dabei beziehen wir die Eltern ein.

Rundschau: Wie?

Sarigül: Der Unterricht endet um 16 Uhr. Danach stehe ich bis 16.30 Uhr den Eltern zur Verfügung. Jedesmal. Und zwar für alle Probleme, die sie rund um die Schule haben. Da kann es um Klassenfahrten gehen oder auch darum, über das deutsche Schulsystem aufzuklären, das für Eltern aus der Türkei sehr verwirrend ist. Sie glauben gar nicht, wie viel Unklarheit es da gibt.

Rundschau: Wie wird dieses Angebot angenommen?

Sarigül: Sehr gut. Oft genügt die halbe Stunde gar nicht. Häufig werde ich gebeten, auch bei außerschulischen Problemen zu helfen. Zum Beispiel verstehen die Eltern Briefe von der Ausländerbehörde, aus dem Finanzamt oder von der Krankenkasse nicht. Ganz alltägliche Dinge. Da übersetze und erkläre ich dann. Manchmal auch bei den Familien zu Hause. Je mehr ich diesen Menschen zeige, dass ich sie annehme und ihnen helfen will, desto mehr kann ich auf der anderen Seite auch um Verständnis für die deutsche Sicht werben und um Verhaltensänderungen bitten.

Rundschau: Könnte man dieses Konzept auch in Rotenburg umsetzen?

Sarigül: Natürlich. Aber man muss einen Weg finden, diese zwei Schulstunden zu bezahlen. Dafür werbe ich.

Rundschau: Wie lief das bisher mit dem Religionsunterricht?

Sarigül: Ich bin als Lehrer für Baupraxis an den Berufsbildenden Schulen in Rotenburg tätig. Für den Unterricht an der Stadtschule wurden mir zwei Stunden angerechnet. Die war ich weniger an der Berufsschule. Damit ist jetzt ja Schluss. Für den Integrationsunterricht in Sittensen habe ich einen Extra-Vertrag über zwei Stunden.

Rundschau: Könnte man Sie nicht für neue Integrationsstunden in Rotenburg ebenso freistellen, wie bisher für den Religionsunterricht? Das würde das Land doch kein zusätzliches Geld kosten.

Sarigül: Zumal es immer weniger Bau-Klassen an der Berufsschule gibt. Ich hielte das auch für einen guten Weg. Leider ist das anscheinend aber verwaltungstechnisch nicht so einfach. Ich habe mal einen Vorschlag in dieser Richtung gemacht. Damals ging es darum, mir die Zeit anzurechnen, in der ich an anderen Schulen im Kreis bei konkreten Problemen mit ausländischen Kindern berate. Da hat man mir gesagt: Das ist doch ehrenamtlich!

Rundschau: Sind Sie viel zu anderen Schulen unterwegs?

Sarigül: Ich werde angerufen und um Rat gebeten. Durchschnittlich nimmt das vier Stunden pro Woche in Anspruch. Das lässt sich auch belegen. Für diese Mehrarbeit erhalte ich nicht mal die Fahrtkosten erstattet.

Rundschau: Trotzdem sagen Sie nicht Nein?

Sarigül: Es ist ein Dilemma. Ich möchte mich nicht ausbeuten lassen, mag aber auch nicht Nein sagen. Denn wenn ich nicht helfe, bleiben viele Probleme einfach ungelöst. Mit den Jahren bin ich wirklich zum Experten geworden. Ich kenne sowohl die Sprache und Psyche der Eltern und auch die Anliegen der Schulbehörde genau und kann deshalb gut vermitteln. Ich hoffe auf Unterstützung dafür, dass ich die dafür notwendigen Freiräume bekomme.

Rundschau: Für Ihre Funktion haben Sie den Begriff „Integrationslotse“ gefunden.

Sarigül: Ja. Und dieses Land braucht Integrationslotsen, ehe es zu spät ist. Hier zu sparen, wäre wirklich an der falschen Stelle gespart. Es wird viel teurer werden, die jetzt entstehenden Probleme später anzugehen, wenn sie noch größer geworden sind. Gerade die Einwanderer der dritten und vierten Generation, die wir dringend benötigen, ziehen sich wieder zurück. Sie leben wie eingekapselt. Es gibt türkische Zeitschriften, türkische Cafés, türkisches Fernsehen und zuhause wird Türkisch gesprochen. Das müssen wir aufbrechen. Und das wird nur gelingen, wenn wir auf diese Menschen zugehen.




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