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DeLaHoya
22.08.05, 23:03
"Wir brauchen die Muslime"

Der Augsburger Terror-Experte Peter Waldmann sieht keine Gefahr von Anschlägen, fordert aber mehr Dialogbereitschaft

von Hermann Weiß

Es war eine von vielen Festnahmen nach den Anschlägen von London. Doch als pakistanische Sicherheitsbehörden vor knapp zwei Wochen in Faisalabad den mutmaßlichen al-Qaida-Anhänger Osama Bin Yousaf verhafteten, stockte auch den Ermittlern in Deutschland der Atem.


Auf dem Laptop des Mannes, hieß es, seien rotmarkierte Pläne mehrerer deutscher Städte gefunden worden - eine Meldung, die in der Zwischenzeit wieder dementiert worden ist, die aber reichte, um die Terrorangst auch in Deutschland anzufachen.


Tatsächlich, so der Augsburger Terrorismus-Forscher Peter Waldmann, spricht nichts dafür, daß Deutschland als Ziel auf der Agenda internationaler Terroristen stehen könnte. "Deutschland ist einfach nicht so attraktiv für internationale Terroristen, es ist zu blaß", sagt Waldmann und nennt dafür gleich mehrere Gründe.


"Wir haben, anders als England oder Frankreich, keine koloniale Vergangenheit im Nahen Osten. Wir haben im Irak keine tragende Rolle gespielt. Und selbst wenn man sagt, unsere Unschuld endet in Afghanistan, so gibt es doch einen Unterschied zwischen dem neokolonialen Besetzungsakt durch die Sowjetunion - in Afghanistan - oder durch die USA im Irak. Ein späterer Einsatz der Bundeswehr ist nicht geeignet, uns in die Schußlinie zu bringen."


Ein mögliches Sicherheitsrisiko sei dagegen die Situation von Muslimen in der Diaspora: "Es handelt sich hier um eine Mischung aus individuellem un
d kollektivem Schicksal. Warum diese Leute plötzlich in Identitätsschwierigkeiten kommen, warum sie ihre Probleme mit der Rekonversion zum Islam zu lösen versuchen, das sind größtenteils auch in der Forschung offene Fragen." Fest stehe aber, daß unter den Terroristen diejenigen überrepräsentiert sind, die die größte Bevölkerungsgruppe in der Diaspora stellen - auch da, sagt Waldmann, hat Deutschland Glück: "Die Mehrheit der Muslime bei uns stellen die Türken. Und die haben mit dem Terrorismus in der Regel nichts am Hut."


Sind die Deutschen also grundlos nervös? Der Terrorismus-Experte beobachtet mit kaum verhohlener Skepsis den Vorstoß etwa des bayerischen Innenministers Günther Beckstein, der sich Anfang August dafür ausgesprochen hatte, "verdächtige Ausländer" vorbeugend wegzusperren.


"Wenn man im Vorfeld der Möglichkeit eines Tatverdachts die Leute festnimmt, was nur wegen ihrer eventuellen Gesinnung nach rechtsstaatlichen Prinzipien eigentlich nicht zulässig ist, schafft man falsche Solidaritäten", befürchtet Waldmann. Denn: "Wer wird das gutheißen, wenn jemand - nur weil er drei Telefongespräche geführt hat, die nicht kontrollierbar sind - in ein Asyllager gesteckt wird?"


Im Kampf gegen den Terror kommt es seiner Meinung nach im Gegenteil darauf an, möglichst viele der mehrheitlich gemäßigten Muslime in Deutschland als Verbündete zu gewinnen - die Chancen dafür, so Waldmann, sind eigentlich gar nicht schlecht.


"Wenn eine Gruppe durch Einwanderung entsteht wie bei uns die Muslime, mag es auch Unzufriedenheit geben. Aber der Hauptwunsch dieser Gruppe ist es, sich zu integrieren. Irgendwie ernst genommen zu werden und dazuzugehören. Daß man ihnen Rechte einräumt. Die wandern nicht ein, um diesen Staat in die Luft zu jagen - sie verdanken ihm ja einiges. Sie wollen hier Geld verdienen und beißen doch nicht die Hand, die sie füttert."


Auch Muslim-Organisationen in Deutschland seien aus seiner Sicht ganz selten gefährlich, so Waldmann: "Die mögen zwar, wie die Kaplan-Sekte, einen radikalen Diskurs führen. Tatsächlich aber haben sie ein Interesse daran, daß sie hier geduldet werden, und unter der Hand - dafür gibt es wirklich viele Belege - lassen sie sich dann auch auf einen Dialog ein und werden dem Status quo verhafteter, als sie es sich selber eingestehen wollen."


Die Schließung der staatlichen anerkannten Deutsch-Islamischen Grundschule in Freimann, die in München momentan für Aufsehen sorgt, sieht Waldmann vor diesem Hintergrund ebenfalls kritisch.


Qua Bescheid hatte die Regierung von Oberbayern dem Deutsch-Islamischen Bildungswerk e. V. als Trägerverein mitgeteilt, daß man die Schule von September an nicht mehr genehmigen wolle. Grund seien Verflechtungen des Vereins mit der als verfassungsfeindlich eingestuften Islamischen Gemeinschaft Deutschlands (IDG). "Weniger wäre mehr gewesen", meint dazu Peter Waldmann. Denn: "Erstens gibt es eben eine Mehrheit von Gemäßigten, die man damit in eine schwierige Lage bringt. Und zweitens bietet die institutionelle Einfassung ja auch die Möglichkeit zur Kontrolle, die gewährleistet sein muß."


In dem Bemühen, dem Gespenst des Terrorismus Herr zu werden, würden in Deutschland häufig "zu große Netze" ausgeworfen, so Waldmann, in denen sich dann viele verfangen, die mit dem radikalen Islam nichts zu tun haben. "Unser Bestreben muß aber sein, an die kleinen Gruppen heranzukommen, die sich etwa am Rand der Moschee-Szene ansiedeln. Auch dafür sind wir auf die Mithilfe der Muslime angewiesen, das kann ein Deutscher, auch wenn er des Arabischen mächtig ist, nur ganz schwer leisten."


Anders als Günther Beckstein, der im Kampf gegen den Terror auch auf die Bundeswehr setzt, verspricht sich Waldmann davon nichts: "Terrorismus ist die extremste Form des asymmetrischen Krieges. Und schon das Wort Krieg ist irgendwie falsch, weil man keinen konkreten Gegner hat. Und weil man ihn nie definitiv besiegen kann."


Der Kampf gegen den Terror sei eine Sache der Sicherheitsdienste, der Geheimdienste, der Polizei, so Waldmann, und es wird in diesem Kampf maßgeblich darauf ankommen, ob es gelingt, sich in die "destruktive Phantasie" des Gegners hineinzudenken. Diese Aufgabe, meint Waldmann, ist um so schwerer, als jederzeit mit einem Bruch der "Wahrscheinlichkeitslogik" gerechnet werden muß.


Nach aller Logik deutet nichts auf einen möglichen Anschlag in Deutschland hin. Weil Terroristen aber jenseits des Symbolhaften immer auch auf Schock- und Überraschungseffekte setzen, könne eine Bedrohung nie hundertprozentig ausgeschlossen werden, so Peter Waldmann.

http://www.wams.de/data/2005/08/21/762721.html

Scipio
31.10.05, 20:29
Terrorismus ist für Deutschland keine existentielle Bedrohung; da stimme ich zu.
"Aber der Hauptwunsch dieser Gruppe ist es, sich zu integrieren."
Wenn ich allerdings durch manche Stadtviertel in Deutschland, z.B. im Ruhrgebiet oder in Berlin gehe, kommen mir massive Zweifel am Integrationswillen!!!

karasevda75
31.10.05, 20:48
Terrorismus ist für Deutschland keine existentielle Bedrohung; da stimme ich zu.
"Aber der Hauptwunsch dieser Gruppe ist es, sich zu integrieren."
Wenn ich allerdings durch manche Stadtviertel in Deutschland, z.B. im Ruhrgebiet oder in Berlin gehe, kommen mir massive Zweifel am Integrationswillen!!!

Hi Scipio, du Fahnenflüchtiger....

doch mal wieder den Weg hierhin gefunden!
Sei willkommen....
Du hast Zweifel am Integrationswillen.... ich an der Integrationsbereitschaft der Gegenseite, dennoch geben wir uns die Mühe, aufeinander zuzugehen....
Entwerte den Prozess, den wir gemeinsam leisten, bitte nicht so unbedacht.... Das könnte ich dir ein wenig übelnehmen!

Grüße