DeLaHoya
22.08.05, 23:31
http://www.dw-world.de/dw/image/0,1587,1660909_2,00.jpg (http://javascript<b></b>:popop('/dw/detail/1,1581,1686357,00.html','Bild' ,244,410))
Emine Sevgi Özdamar
Seltsame Sterne starren zur Erdehttp://www.dw-world.de/dwelle/images/transpa.gif http://www.dw-world.de/navimg/spacer_FFFFFF_1x1.gif Mit staunenden Augen und umwerfendem Witz erzählt die türkische Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar von einem Berlin, das kein Deutscher so je gesehen hat: von einer geteilten Stadt, Mitte der 70er Jahre. 29 Jahre ist Emine Sevgi Özdamar alt, als sie Istanbul 1976 den Rücken kehrt. Zwei Gründe hat sie: zum einen die Scheidung von ihrem Mann, zum anderen der Rechts-Putsch, der jede freie Theaterarbeit in der Türkei unmöglich macht. Schon einmal ist sie in Berlin gewesen: 1965 im Westteil der Stadt, als Gastarbeiterin, wie es damals hieß. Diesmal jedoch will Emine Sevgi Özdamar vor allem eines: lernen.
"Man sagt ja, wenn ein Land in Dunkelheit gerät, sogar die Steine suchen eine neue Sprache, und dann kam ich mit dem Traum nach Berlin, mit einem Brecht-Schüler zu arbeiten."
Annäherung an die deutsche Kultur
Der Leiter der Ostberliner Volksbühne, der Brecht-Schüler Benno Besson, gibt grünes Licht: Emine Sevgi Özdamar kann bei der Inszenierung von Heiner Müllers Stück "Die Bauern" hospitieren. Zunächst muss sie jedoch täglich zwischen West und Ost pendeln - und hier liegt auch einer der großen Reize ihres Erinnerungsbuches "Seltsame Sterne starren zur Erde": Denn nach der Arbeit an der Volksbühne taucht sie abends und am Wochenende ins klassische Westberliner WG-Chaos ab: mit Nacktfrühstück und kollektivem Baden.
Im ersten Drittel des Buches erzählt Emine Sevgi Özdamar aus der Distanz über mehr als ein Vierteljahrhundert hinweg; für die übrigen zwei Drittel hat sie ihre Tagebücher geplündert, um ihre damaligen Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit vorzuführen. Ihre Trilogie über die Annäherung einer jungen Türkin an die deutsche Kultur - den Anfang bilden ihre beiden stark autobiographisch geprägten Romane "Das Leben ist eine Karawanserei" und "Die Brücke vom Goldenen Horn" - findet so einen sehr persönlichen Schlusspunkt.
An der Schwelle zwischen Orient und Abendland
Alt-68ern dürfte ihr mit viel Sinn für Lakonik und Humor erzähltes Buch "Seltsame Sterne starren zur Erde" jedenfalls genügend Stoff für ein paar nostalgische Leseabende bieten. Jüngere Leser hingegen können die Zeit des Kalten Krieges vor dem Hintergrund der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und der Jagd auf die Terroristen der Roten Armee Fraktion entdecken, eine Zeit, als das Theater - anders als heute - noch politische Brisanz besaß, eine Zeit auch, als die Lebensentwürfe der 20- bis 30-jährigen offener, riskanter und unkonventioneller waren - nicht zuletzt in Sachen Liebe.
"Meine deutschen Wörter haben keine Kindheit", hat Emine Sevgi Özdamar einmal gesagt. Das gibt ihrer Prosa einen eigentümlichen Duktus, gerade auch durch die Einbeziehung der bildhafteren türkischen Ausdrucksweise. Nach vielen Jahren in Düsseldorf lebt sie jetzt wieder in Berlin, dort, wo ihre ungewöhnliche Karriere ihren Ausgang genommen hat: zunächst als Regie-Assistentin von Benno Besson, dann als Theater- und Film-Schauspielerin und schließlich als eine Schriftstellerin auf der Schwelle zwischen Orient und Abendland, die ihre Leser längst auch außerhalb der türkischen Immigranten-Kreise von Berlin und Köln gefunden hat.
Christoph Vormweg
http://www.dw-world.de/dw/review/0,1568,1686357,00.html
Emine Sevgi Özdamar
Seltsame Sterne starren zur Erdehttp://www.dw-world.de/dwelle/images/transpa.gif http://www.dw-world.de/navimg/spacer_FFFFFF_1x1.gif Mit staunenden Augen und umwerfendem Witz erzählt die türkische Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar von einem Berlin, das kein Deutscher so je gesehen hat: von einer geteilten Stadt, Mitte der 70er Jahre. 29 Jahre ist Emine Sevgi Özdamar alt, als sie Istanbul 1976 den Rücken kehrt. Zwei Gründe hat sie: zum einen die Scheidung von ihrem Mann, zum anderen der Rechts-Putsch, der jede freie Theaterarbeit in der Türkei unmöglich macht. Schon einmal ist sie in Berlin gewesen: 1965 im Westteil der Stadt, als Gastarbeiterin, wie es damals hieß. Diesmal jedoch will Emine Sevgi Özdamar vor allem eines: lernen.
"Man sagt ja, wenn ein Land in Dunkelheit gerät, sogar die Steine suchen eine neue Sprache, und dann kam ich mit dem Traum nach Berlin, mit einem Brecht-Schüler zu arbeiten."
Annäherung an die deutsche Kultur
Der Leiter der Ostberliner Volksbühne, der Brecht-Schüler Benno Besson, gibt grünes Licht: Emine Sevgi Özdamar kann bei der Inszenierung von Heiner Müllers Stück "Die Bauern" hospitieren. Zunächst muss sie jedoch täglich zwischen West und Ost pendeln - und hier liegt auch einer der großen Reize ihres Erinnerungsbuches "Seltsame Sterne starren zur Erde": Denn nach der Arbeit an der Volksbühne taucht sie abends und am Wochenende ins klassische Westberliner WG-Chaos ab: mit Nacktfrühstück und kollektivem Baden.
Im ersten Drittel des Buches erzählt Emine Sevgi Özdamar aus der Distanz über mehr als ein Vierteljahrhundert hinweg; für die übrigen zwei Drittel hat sie ihre Tagebücher geplündert, um ihre damaligen Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit vorzuführen. Ihre Trilogie über die Annäherung einer jungen Türkin an die deutsche Kultur - den Anfang bilden ihre beiden stark autobiographisch geprägten Romane "Das Leben ist eine Karawanserei" und "Die Brücke vom Goldenen Horn" - findet so einen sehr persönlichen Schlusspunkt.
An der Schwelle zwischen Orient und Abendland
Alt-68ern dürfte ihr mit viel Sinn für Lakonik und Humor erzähltes Buch "Seltsame Sterne starren zur Erde" jedenfalls genügend Stoff für ein paar nostalgische Leseabende bieten. Jüngere Leser hingegen können die Zeit des Kalten Krieges vor dem Hintergrund der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und der Jagd auf die Terroristen der Roten Armee Fraktion entdecken, eine Zeit, als das Theater - anders als heute - noch politische Brisanz besaß, eine Zeit auch, als die Lebensentwürfe der 20- bis 30-jährigen offener, riskanter und unkonventioneller waren - nicht zuletzt in Sachen Liebe.
"Meine deutschen Wörter haben keine Kindheit", hat Emine Sevgi Özdamar einmal gesagt. Das gibt ihrer Prosa einen eigentümlichen Duktus, gerade auch durch die Einbeziehung der bildhafteren türkischen Ausdrucksweise. Nach vielen Jahren in Düsseldorf lebt sie jetzt wieder in Berlin, dort, wo ihre ungewöhnliche Karriere ihren Ausgang genommen hat: zunächst als Regie-Assistentin von Benno Besson, dann als Theater- und Film-Schauspielerin und schließlich als eine Schriftstellerin auf der Schwelle zwischen Orient und Abendland, die ihre Leser längst auch außerhalb der türkischen Immigranten-Kreise von Berlin und Köln gefunden hat.
Christoph Vormweg
http://www.dw-world.de/dw/review/0,1568,1686357,00.html