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Steppenwolf
25.05.11, 19:34
International Nemrud Foundation - Word Heritage Monument in Turkey (http://www.nemrud.nl/)

Sehr interessante Seite für alle, die von Nemrut dağı, dem "Berg der Götter", genauso fasziniert sind wie ich...

Steppenwolf
25.05.11, 19:39
Zwischen den Welten - Aussichten vom Berg der Götter

von Steppenwolf

http://icache.20six.net/myblog/de/gevhernesibe/img/nemrut.jpg

Antiochus ließ den Blick über die Berge schweifen, die ihm Freiheit versprachen. Wehmütig blickte er in die Ferne - und in eine ungewisse Zukunft. Es herrschte Stille… - es bedurfte auch keiner großen Worte, ich kannte die Vorgeschichte – und wusste, was passieren würde...

Der Feldzug von „Alexander dem Großen“ hatte Jahrhunderte zuvor einen gemeinsamen Raum ermöglicht, in dem westlich-griechische Ideen mit östlich-persischen verschmolzen. Nach seinem Tod zerfiel das riesige Reich in viele politische Gebilde - eines davon war das spätere „Königreich von Kommagne“. Es war eingekeilt zwischen dem Reich der sassanidischen Perser im Osten und dem expandierenden, römischen Reich im Osten.

Die Vorfahren von Antiochus hatten zwischen den Welten vermittelt und Brücken geschlagen zwischen Ost und West. Um die sich gegenüber stehenden Götterwelten zu vereinbaren, hatten sie einen Kult gestiftet, der ihren Ausdruck u.a. in den kolossalen Köpfen, den Reliefs und dem Altar auf Berg Nemrut fand. An der Spitze des Berges hatten sie auf über 2000 Meter Meereshöhe eine künstliche Schuttpyramide errichten lassen, die von einer West- und einer Ostterrasse flankiert werden. Auf beiden Seiten steht ein Altar, an dem Göttern sowohl der griechischen als auch der persischen Mythologie durch Opfergaben gehuldigt wurde.

Antiochus hatte sich ebenfalls zu einer Gottheit erheben lassen und so findet man auch ihn wieder unter den dort versammelten, kolossalen Köpfen. Sie sollten der Ewigkeit trotzen, doch hat der Zahn der Zeit an ihnen genagt: Erdbeben entthronten die Köpfe von den rechtmäßigen, steinernen Schultern, Witterungsverhältnisse taten ihr übriges und zersplitterten ihre Gesichter. Auf den Schultern von Figuren, denen am Altar Opfer erbracht wurden, überblickten sie einst ein großes Reich – nun sind sie selbst zu Opfern geworden: Wind, Sturm und Regen haben sich gegen sie verschworen und sie umgestoßen – jeder kann ihnen nun auf Augenhöhe begegnen.

Ist es vielleicht deshalb, warum Antiochus in die Ferne schaut? Will er die Sterblichen mit seinem abschweifenden Blick „durchschauen“ und sein Gesicht wahren?

Das was Antiochus jedenfalls am meisten gefürchtet hat, die Vernichtung seiner für die Ewigkeit gedachten Kultstätte, würde nicht eintreffen, das wusste ich. Schließlich hat die Zeit ihre schützende Hand über sie gehalten - die Kultstätte wurde erst Anfang des 20.Jh. wiederentdeckt. Die Römer würden sein Herrschaftsgebiet einverleiben, aber in seinem Kult keine Gefahr sehen, die es auszurotten gilt. Ob das ihm Trost gewesen wäre, wenn ich es ihm einflüstern würde? Seine Kultstätte würde erhalten bleiben und eine Momentaufnahme der Geschichte sein. Sein Kult allerdings, die Verschmelzung zwischen griechischer und persischer Götterwelt, in Richtung einer Art Monotheismus, - wenn man so will, - würde untergehen – ein anderer Glauben, der zeitgleich, im nicht weit entfernten Palästina die Einheit Gottes pries, würde ihm den Schneid abkaufen und die Welt erobern. Nicht die Römer, die jetzt vor den Toren standen, sondern diese neue Religion würde sie und alle anderen Kulte auf lange Sicht vergessen machen – doch das konnte Antiochus nicht ahnen…

Momentan ging es nicht darum mit anderen Glaubensrichtungen wett zu eifern – es ging ums nackte Überleben. Er hatte es geschafft die Römer einmal zu schlagen, aber er wusste auch, dass eine gewonnene Schlacht keinen endgültigen Sieg ausmachte. Schließlich drang die römische Armee immer tiefer in das anatolische Kernland ein, brach unaufhaltsam jeden Widerstand, niemand konnte sich ihr widersetzen. Eine Stadt nach der anderen wurde entweder dem Imperium einverleibt – oder dem Erdboden gleichgemacht, wenn seine Bewohner sich widersetzten. Dann streute man Salz in ihre Erde, auf das er niemals wieder etwas hergeben würde.

Immer wieder hatten Antiochus und die Römern verhandelt. Doch die römischen Friedensbedingungen waren schlichtweg unannehmbar – und das wussten sie. Hätte Antiochus sie akzeptiert, würde er sein Gesicht, das eines Gottkönigs, schlecht wahren können.

Kollaborieren, die politische Eigenständigkeit und als römischer Vasall das Gesicht verlieren – oder Widerstand leisten, auf dem Schlachtfeld verlieren und damit höchstwahrscheinlich die kulturelle Eigenart aufgeben müssen?

Antiochus führte sich Beispiele vor Augen, was in der Geschichte mit denen geschah, die sich wehrten und was mit denen, die zwar kämpften, aber unterlagen:

Er erinnerte sich an das ägyptische Beispiel: Ptolmäus – selbst aus einer Dynastie hervorgegangen, die auf die Diadochen des Alexander des Großen zurückging - hatte im ägyptischen Erbfolgestreit auf die Hilfe eines Fremden gesetzt: Er hatte im innerrömischen Streit um die Vorherrschaft in Rom, auf Cäsar gesetzt und ihm den abgeschlagenen Kopf seines größten Widersachers Pompejus geschickt. Der hatte an seinem Hof um Asyl gebeten – der noch nicht inthronisierte Pharao aber glaubte die Hilfe Cäsars zu brauchen, um seine Schwester Kleopatra im Streit um die Nachfolge auszustechen. Summa summarum: Ptolmäus hatte zwar auf das richtige Pferd gesetzt, dennoch wurde Kleopatra Herrscherin – und Ägypten zu guter Letzt nur noch die Kornkammer Roms.

Karthago, Griechenland, Gallien – alle waren sie bekannt, alle waren sie unterlegen. Wie Säulen eines Tempels steckten römischen Standarten einen Herrschaftsbereich ab, in dem Römer sich an der Macht über fremde berauschten, sie anbeteten.

Antiochus konnte also versuchen zu taktieren, zu verhandeln – aber welchen Status er für Kommagne am Ende erreichen würde, inwiefern seine Entscheidungen das beeinflussen könnten, stand in den Sternen. In Antiochus Blick in die Ferne ist sein Schmerz noch nicht geronnen.

Am Fuße des Berges hatte die 9. Legion eine Brücke geschlagen, in einer Art und Weise, die Antiochus anwiderte. Bezeichnenderweise hatten die Legionäre Steine aus einer Säule herausgeschlagen, die auf einem Grab seiner Vorfahren emporragte und einen Adler, das Zeichen von Kommagne, hochhielt. Psychologische Kriegsführung, wie man sie von den Römern gewohnt war - die „pax romana“.

Die Vorahnung weichte der Gewissheit…

Dieses Land war sein Land, seine Großväter hatten es „Kappadokien“ genannt, „das Land der schönen Pferde“. Dieses Land, das aus dem nahen Asien kam und wie eine Stute sich ins Mittelmeer beugte – das war ihr Land!

Schon immer war es hart umkämpftes Gebiet gewesen. Wer über dieses Gebiet herrschte, beherrschte die halbe Welt. Der Boden war fruchtbar, in nahrhaftes Blut getränkt. Wer nach den Römern kommen würde, wenn er standhielte, wusste er nicht. Vielleicht irgendwann die zentralasiatischen Steppenkrieger, die hin und wieder in die iranische Hochebene einfielen. Er wusste es einfach nicht - das lag hinter dem Horizont…

Hinter diesem einen Gesicht mussten sich so viele Gedankenszenarien abgespielt haben. Berechnungen, verworfene Pläne und Gebete müssen diesen Kopf beherrscht haben. Sein Gesicht wirkt zwar jugendlich und unbeeindruckt von den Geschehnissen, aber natürlich ist es das, was zur Schau gestellt ist und Hoffnung ausstrahlen soll. Es ist das eines Gottes, das bei einer religiösen Zeremonie in eine metaphysische Wirklichkeit schaut und die ihn Anbetenden darauf verweist.

Wieder in der Gegenwart…Es war ein beschwerlicher Weg gewesen, 4000 km Weg lagen hinter mir, auf einer Meereshöhe von über 2000 km…

An der Spitze des Berges hatte Antiochus einen künstlichen, pyramidenförmigen Schutthaufen aufwerfen lassen, in dem Archäologen seine Grabkammern vermuten. Ich setze mich an die Kante der Nordterrasse, die sich dem Abgrund auftut, und lasse die Beine herabhängen. Es erinnert mich an ein Bild: Eine junge Frau sitzt gedankenversunken auf einem Steg, der ins Meer führt. Ich lasse mich von der Aussicht auf Berge resorbieren, die den Himmel berühren – und erinnere mich an jenes Bild von der Frau, die mit Sehnsucht und vom Wind umarmt auf das türkise Meer schaut. Der Wind umspült mich, und ich blicke in dieselbe Ferne, in die auch Antiochus blickte...