Kuvayi Milliye
24.08.05, 14:35
"Türkei in die EU? Jetzt nicht"
Essen (RP). Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, hat eine düstere Ahnung: „Ich fürchte, die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Ankara über einen Beitritt der Türkei zur EU werden am 3. Oktober nicht beginnen.“ Frankreich mache der Türkei die Auflage, Südzypern als Staat anzuerkennen, was die Türkei ablehne.
Ankara habe lediglich die Ausweitung der Zollunion auf die neuen EU-Mitglieder - also auch Zypern - akzeptiert. Mehr nicht. „Ich glaube, auch in Deutschland gibt es immer mehr Gegner der Verhandlungen wie in Österreich, den Niederlanden, Ungarn oder Frankreich. Interessant ist, dass Griechenland und Zypern nicht so ablehnend sind“, so Sen im Gespräch mit unserer Zeitung.
Wenn der Termin scheitere, sei eine Verhärtung der türkischen Position zu befürchten. „Ich glaube, dann wird die Türkei zum Hardliner, was wiederum für Griechenland und Zypern ungünstig wäre. Beide wollen über die Zypernproblematik noch ein Druckmittel besitzen.“ Für Ministerpräsident Erdogan werde es dann auch politisch schwer. Seit knapp drei Jahren habe dieser alles für den Beitritt getan. „Wenn der 3. Oktober scheitert, werden seine Gegner sagen: Du hast all die Zugeständnisse gemacht, uns war aber klar, dass die EU uns nicht akzeptieren wird.“ Erdogan werde innenpolitisch unter Druck geraten; er könnte dann auf Konfrontationskurs gegenüber der EU gehen, oder er müsse deren Position hinsichtlich Zypern in der Türkei verkaufen und vertreten, dass in der Zypern-Frage einige Schritte getan werden müssten - „und das ist nicht machbar.“
Wenn die Gespräche scheiterten, müsse Erdogan vorgezogene Neuwahlen ansetzen. „Seine Pläne, im März 2007 Staatspräsident zu werden, werden ins Wasser fallen“, sagte der Essener Professor voraus. Bei den Türken werde sich nach einer Abfuhr Enttäuschung breit machen - auch Deutschland gegenüber. Im letzten halben Jahr sei schon ein Rückgang der Europa-Begeisterung festzustellen gewesen. Es verfestige sich die Einstellung, dass man nicht Bittsteller sein wolle.
Ein Scheitern am 3. Oktober wird nach Sens Meinung jedoch nicht die deutsch-türkischen Beziehungen belasten. Seit 1984 belege Deutschland bei türkischen Exporten und Importen den ersten Platz. 700 deutsche Firmen hätten bislang in der Türkei und rund 400 Firmen aus der Türkei in Deutschland investiert. Sen: „In Deutschland leben 2,7 Millionen Türken. Erstmals kommen in diesem Jahr 4,9 Millionen deutsche Touristen in die Türkei, knapp zwei Millionen von ihnen aus NRW. Bei diesen Verflechtungen werden die deutsch-türkischen Beziehungen unter der EU- Frage niemals leiden.“
Quelle (http://www.rp-online.de/public/article/nachrichten/politik/ausland/103662)
Essen (RP). Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, hat eine düstere Ahnung: „Ich fürchte, die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Ankara über einen Beitritt der Türkei zur EU werden am 3. Oktober nicht beginnen.“ Frankreich mache der Türkei die Auflage, Südzypern als Staat anzuerkennen, was die Türkei ablehne.
Ankara habe lediglich die Ausweitung der Zollunion auf die neuen EU-Mitglieder - also auch Zypern - akzeptiert. Mehr nicht. „Ich glaube, auch in Deutschland gibt es immer mehr Gegner der Verhandlungen wie in Österreich, den Niederlanden, Ungarn oder Frankreich. Interessant ist, dass Griechenland und Zypern nicht so ablehnend sind“, so Sen im Gespräch mit unserer Zeitung.
Wenn der Termin scheitere, sei eine Verhärtung der türkischen Position zu befürchten. „Ich glaube, dann wird die Türkei zum Hardliner, was wiederum für Griechenland und Zypern ungünstig wäre. Beide wollen über die Zypernproblematik noch ein Druckmittel besitzen.“ Für Ministerpräsident Erdogan werde es dann auch politisch schwer. Seit knapp drei Jahren habe dieser alles für den Beitritt getan. „Wenn der 3. Oktober scheitert, werden seine Gegner sagen: Du hast all die Zugeständnisse gemacht, uns war aber klar, dass die EU uns nicht akzeptieren wird.“ Erdogan werde innenpolitisch unter Druck geraten; er könnte dann auf Konfrontationskurs gegenüber der EU gehen, oder er müsse deren Position hinsichtlich Zypern in der Türkei verkaufen und vertreten, dass in der Zypern-Frage einige Schritte getan werden müssten - „und das ist nicht machbar.“
Wenn die Gespräche scheiterten, müsse Erdogan vorgezogene Neuwahlen ansetzen. „Seine Pläne, im März 2007 Staatspräsident zu werden, werden ins Wasser fallen“, sagte der Essener Professor voraus. Bei den Türken werde sich nach einer Abfuhr Enttäuschung breit machen - auch Deutschland gegenüber. Im letzten halben Jahr sei schon ein Rückgang der Europa-Begeisterung festzustellen gewesen. Es verfestige sich die Einstellung, dass man nicht Bittsteller sein wolle.
Ein Scheitern am 3. Oktober wird nach Sens Meinung jedoch nicht die deutsch-türkischen Beziehungen belasten. Seit 1984 belege Deutschland bei türkischen Exporten und Importen den ersten Platz. 700 deutsche Firmen hätten bislang in der Türkei und rund 400 Firmen aus der Türkei in Deutschland investiert. Sen: „In Deutschland leben 2,7 Millionen Türken. Erstmals kommen in diesem Jahr 4,9 Millionen deutsche Touristen in die Türkei, knapp zwei Millionen von ihnen aus NRW. Bei diesen Verflechtungen werden die deutsch-türkischen Beziehungen unter der EU- Frage niemals leiden.“
Quelle (http://www.rp-online.de/public/article/nachrichten/politik/ausland/103662)