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DeLaHoya
24.08.05, 22:04
Hintergrund: Erdogan zwischen der PKK und den Militärs
Türkischer Premier nach Initiative in Kurden-Politik unter Druck

Istanbul - Einen schlimmeren Vorwurf kann man einem türkischen Regierungspolitiker kaum machen: Demnächst werde Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auch noch mit dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan verhandeln, behauptet die Opposition in Ankara. Seit Erdogan vor zehn Tagen erstmals öffentlich von einem "Kurden-Problem" sprach und Fehler der staatlichen Kurden-Politik einräumte, laufen seine Gegner Sturm. Sie werfen ihm vor, mit seiner Initiative eine Terrororganisation besänftigen zu wollen. Auch die immer noch mächtige Armee ließ durchblicken, dass sie Erdogans Vorstoß missbilligt. An diesem Dienstag wollen die Militärs das Thema im Nationalen Sicherheitsrat zur Sprache bringen.


"Unter-Identität"

Das Kurden-Problem und der Terror der Rebellengruppe PKK seien zwei verschiedene Dinge, verteidigt sich Erdogan. Der Premier spricht den Kurden eine eigene "Unter-Identität" zu, die ihre "Über-Identität" als türkische Staatsbürger nicht berühre. Für solche Äußerungen wäre Erdogan vor wenigen Jahren noch ins Gefängnis gewandert.

Kritik aus der Opposition

Die PKK antwortete auf Erdogans Initiative mit einer bis zum 20. September befristeten Waffenruhe. Die Rebellen drohten jedoch indirekt mit einer Wiederaufnahme der Kämpfe, wenn die Regierung bis dahin keine weiteren Schritte zur Beilegung des Kurden-Konfliktes unternehmen sollte. Der türkische Oppositionschef Deniz Baykal kritisierte deshalb, Erdogan schade dem Kampf gegen den Terrorismus.

Historische Gelegenheit

Unterstützung erhält Erdogan dagegen von kurdischen Intellektuellen und Politikern, die in der Initiative des Premiers eine historische Gelegenheit zur Lösung der Kurden-Frage sehen. Auch ein Großteil der Medien spendet Erdogan Beifall. Noch nie sei das Kurden-Problem in einer solchen Offenheit diskutiert worden, lobte eine Zeitung. Sogar einige Parlamentsabgeordnete aus Baykals Oppositionspartei CHP schlugen sich öffentlich auf die Seite des Ministerpräsidenten.

Generäle

Wesentlich wichtiger als die Vorwürfe der Oppositionsführung ist für Erdogan die Haltung der Militärs. Die Generäle haben sich bisher mit öffentlichen Äußerungen zurückgehalten. Hinter vorgehaltener Hand deuteten sie jedoch an, dass sie Erdogans Vorstoß in der Kurden-Politik für einen Fehler halten. Die Äußerungen des Ministerpräsidenten seien nicht abgesprochen gewesen, ließen sich die Generäle von türkischen Medien zitieren. Das Wort vom "Kurden-Problem" könnte der PKK neuen Mut geben.

"Kein ethnisches Problem"

In einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates in Ankara wollen die Militärs an diesem Dienstag ihre Gegenposition zu Erdogans Haltung darlegen. Sie widersprechen dem Ministerpräsidenten in einem zentralen Punkt: Es gebe kein ethnisches "Kurden-Problem", sondern lediglich Probleme aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Rückständigkeiten im türkischen Südosten, dem Hauptsiedlungsgebiet der Kurden.

Spannende Sitzung

Die Sitzung des Sicherheitsrates dürfte nicht nur wegen des Kurden-Themas an sich spannend werden. Zum ersten Mal seit der Verabschiedung der EU-Reformen, mit denen die Macht der Militärs begrenzt werden sollte, gibt es einen offenen Dissens zwischen der gewählten Regierung und den Militärs in einer wichtigen sicherheitspolitischen Frage. Die EU wird sehr genau darauf achten, ob der Ministerpräsident von den Militärs gezwungen wird, seine Haltung zu revidieren.

Anti-Terror-Gesetz

Aller Voraussicht nach wird Erdogans Regierung versuchen, eine solche Machtprobe im Sicherheitsrat zu vermeiden. Mitstreiter des Ministerpräsidenten arbeiten bereits an einem neuen Anti-Terror-Gesetz, das auch den Sorgen der Militärs Rechnung tragen soll. Dem Gesetzentwurf zufolge sind künftig unter anderem Öcalan-Plakate bei Demonstrationen verboten. Möglicherweise handelt sich Ankara den Vorwurf der EU ein, die Türkei gefährde mit schärferen Gesetzen die in den letzten Jahren erreichten Erfolge bei der Demokratisierung. Um dem vorzubeugen, erläuterte die Regierung auch gleich, woher die Inspiration für das neue Gesetz stammt: aus dem vom Terror hart getroffenen EU-Land Großbritannien. (APA)

http://derstandard.at/?url=/?id=2151237

DeLaHoya
24.08.05, 22:05
Einserfrage: Neuer Kurs in der Kurdenpolitik?
Es antwortet: Udo Steinbach, Islamwissenschafter und Direktor des Deutschen Orient-Institutes

derStandard.at: Warum verfolgt Erdogan gerade jetzt eine neue Kurdenpolitik? Welche Rolle spielen dabei EU-Beitrittswünsche?




Steinbach: Erdogan nimmt sich ja der Kurdenthemen schon an, seit seine Partei an die Regierung gekommen ist. Diesbezüglich wurden schon einige Reformschritte gemacht, wie zum Beispiel die Einführung eines kurdischsprachigen Unterrichtes und kurdischer Medien. Dass Erdogan nun einräumt, dass weitere gesellschaftliche, politische und vor allen Dingen auch wirtschaftliche Schritte notwendig sind, das ist ein Zuspitzung seines Kurses.


Natürlich ist die kurdische Frage auch durch eine wachsende Militanz wieder auf die Agenda gekommen, aber das Nahen der Beitrittsverhandlungen spielt sicher ebenfalls eine große Rolle.

derStandard.at: In der Türkei befürchten Gegner dieses Schrittes, dass der Fokus auf Kurdenthemen der PKK wieder Auftrieb geben würde. Inwiefern ist diese Befürchtung berechtigt?

Steinbach: Der Ministerpräsident hat recht damit, wenn er glaubt, dass die kurdische Militanz am besten durch einen Demokratisierungsprozess zurückgedrängt werden kann. Eine Entwicklung der kurdischen Regionen könnte militante Kräfte isolieren. Die PKK selbst ist in der Türkei mittlerweile eine Randgruppe geworden. Der Mainstream der kurdischen Öffentlichkeit will eine politische Lösung. Wichtigstes Zeichen dafür: die DEHAP, die "halblegale" kurdische Partei, hat sich in diesen Tagen aufgelöst und ist eine Verschmelzung mit der "Bewegung für eine demokratische Gesellschaft" (DTH) eingegangen, die von Leyla Zana gegründet wurde. Leyla Zana, die ja ursprünglich selbst im Widerstand war, spricht sich klar und deutlich gegen ein Wiederaufflammen kurdischer Militanz aus.

derStandard.at: Die Kurden im Irak sind mittlerweile in den politischen Prozess eingebunden. Der stellvertretender Ministerpräsident gehört der Kurdischen Demokratischen Partei an. Hat das Einfluss auf die Kurden in der Türkei?

Steinbach: Ja, damit erhält die Problematik in der Türkei ebenfalls eine andere Dimension. Der Ministerpräsident macht deutlich: wenn man verhindern will, dass die Kurden aus dem türkischen Staatsverband aussteigen, sei es politisch oder durch Terrorismus, muss man das Problem innerhalb der Türkei angehen.

derStandard.at: Es wird in der Kurdenfrage ein Machtkonflikt zwischen Erdogan und den Militärs erwartet. Eine längst ausständige Konfrontation?

Steinbach: Eine der großen Leistungen Erdogans ist ja das Zurückdrängen des Einflusses der Militärs. Ich glaube, dass sein Statement auch darauf gerichtet ist, deutlich zu machen, dass keine Entwicklung in der Kurdenfrage akzeptiert wird, innerhalb derer die Militärs wieder auf die politische Bühne zurückkehren.

derStandard.at: Wie wird Erdogan weiter vorgehen?

Steinbach: Erdogan muss nun auf alle Fälle auf Worte auch Taten folgen lassen. Denn er ist ja nicht der erste, der das Problem angesprochen hat. Das geht zurück bis auf den Staatspräsidenten Turgut Özal Anfang der Neunziger oder seinen Nachfolger Demirel, aber auch Ministerpräsident Mezut Yilmaz. Mit Blick auf den Osten ist bis heute weder politisch noch entwicklungspolitisch viel passiert. Erdogan hingegen ist ja wie kein Politiker vor ihm entschlossen, nach Europa zu gehen. Er weiß, dass er das nicht zum Nulltarif haben kann und dass die Annäherung der Türkei an die Europäischen Union nur über einen tiefgreifenden Umbau der Gesellschaft führen kann. Europa muss ihm nun in der Kurdenfrage die Hand reichen, auch um klarzustellen, dass das von der EU verlangte Zurückdrängen des Militärs von der politischen Bühne auch über eine politische Lösung des Kurdenproblems führt.

http://derstandard.at/?url=/?id=2151353

Caution
25.08.05, 07:29
....Steinbach: Erdogan hingegen ist ja wie kein Politiker vor ihm entschlossen, nach Europa zu gehen. Er weiß, dass er das nicht zum Nulltarif haben kann und dass die Annäherung der Türkei an die Europäischen Union nur über einen tiefgreifenden Umbau der Gesellschaft führen kann. Europa muss ihm nun in der Kurdenfrage die Hand reichen, auch um klarzustellen, dass das von der EU verlangte Zurückdrängen des Militärs von der politischen Bühne auch über eine politische Lösung des Kurdenproblems führt. ...

http://derstandard.at/?url=/?id=2151353

Unter Erdogans tiefgreifendem Umbau in der Gesellschaft wird wohl die Aushöhlung unserer Grundpfeiler gemeint, weniger Laizismus, weniger Nationalismus(also eine demokratische kurdisch-türkische-Republikistan-Anatolien oder gar eine demokratisch-islamische cumhurriyyaa, ihre Bewohner= Türkiyelis).

Tja, welch ein Jammer, das keiner dem Steinbach zuhört, keine Hand wird gereicht, das Angie und Super Sarko dies zu verhindern wissen. Angie sagte ja schon, das sie gegenüber der Türkei eine ehrliche, aufrechte Politik betreiben wird.

Jammerschaaaaade auch.:D