DeLaHoya
25.08.05, 22:28
Nizami Ganjavi: "Die schwarze Saturnkuppel" aus dem Epos "Die sieben Prinzessinnen"
»Die schwarze Saturnkuppel« ist Teil des Epos Die sieben Prinzessinnen (Haft Peykar) des aserbaidschanischen Poeten Nizami aus Gandjeh (Ganjavi, Aserbaidschan, 1141-1209). Der Titel bezieht sich auf Porträts der Töchter von sieben Königen, die vom chinesischen Groß-Khan im Osten his hin zum König des Westens oder »Land des Sonnenuntergangs« reichen.
Als Bahram, der sasanidische König (420-438), ihre Porträts erblickt, verliebt er sich in sie. Nachdem er den Thron seines verstorbenen Vaters Yazdegerd bestiegen hat, heiratet er alle sieben. Die sieben Prinzessinnen repräsentieren die großen Reiche der bewohnten Welt. Sie bewohnen jeweils einen eigenen Palast, der, von Schwarz bis Weiß, symbolisch eine der sieben Kardinalfarben trät. Der König besucht sie an sieben aufeinanderfolgenden Tagen. Dies ist die Geschichte des ersten Tages.
Am Samstag besuchte Bahram, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, die schwarze Saturnkuppel, wo seine Braut, die Töchter des Maharadja von Indien, wohnte. Er bat sie, ihm eine Geschichte zu erzählen, und sie begann mit gesenktem Kopf:
Als ich ein Kind war, besuchte uns einmal im Monat eine fromme und barmherzige Frau. Sie trug stets Schwarz. Nach vielen hartnäckigen Befragungen gab sie schließlich nach und erzählte uns das Geheimnis ihrer ungewöhnlichen Gewandung.
Als ich jung war, erzählte die Frau, diente ich einem mächtigen König, in dessen Reich Wolf und Schaf friedlich beieinander lebten. Doch das Schicksal wollte es, daß er zum König der Schwarzgewandeten geworden war. Die Geschichte, die ich euch erzähle, handelt davon, wie es dazu kam, daß er für den Rest seines Lebens Schwarz trug.
Es war ein wohltätiger König mit einem unstillbaren Drang, die Geheimnisse und Wunder der Welt zu erfahren. Auf seinen Befehl hin wurde ein Haus eingerichtet, in dem alle Besucher seines Reichs gastfreundlich aufgenommen wurden. Dort befragte der König wißbegierig und klug einen jeden nach seiner Heimat, nach seinen Reisen, seinen Plänen und Abenteuern. So wie manche Edelsteine sammeln, hatte es sich der König zur Aufgabe gemacht, Geschichten über das Leben anderer Menschen zu sammeln. Je größer seine Sammlung wurde, desto begieriger wurde er, mehr zu erfahren.
Plötzlich jedoch verschwand der König. Wie Simurgh, der Sagenvogel, entwich er plötzlich aus unserer Mitte. Lange Zeit verging, bis der König eines Tages, völlig in Schwarz gehüllt, wieder erschien und seinen Thron bestieg.
Eines Abends, als ich ihn umsorgte, begann er über die Wendung, die sein Schicksal genommen hatte, zu klagen. Ich befragte ihn nach seinem geheimen Kummer, und so lautete die Geschichte, die er erzählte:
Du kennst meine Gewohnheit, alle Besucher meines Reichs gastfreundlich zu bewirten. Einen jeden befrage ich nach seiner Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten. Eines Tages traf ein schwarzgewandeter Wanderer ein. Ich befragte ihn nach seinem ungewöhnlichen Aufzug. Er bat mich, nicht in ihn zu dringen, und erinnerte mich daran, daß niemand das Geheimnis des Simurgh je habe lüften können. Je mehr ich ihn bedrängte, desto beharrlicher verschloß er sich in seinem Schweigen. »Nur die Schwarzgewandeten können das Wesen dieses Schwarz begreifen«, sagte er. Dennoch beharrte ich auf meiner Frage, so daß er schließlich sagte: »in China gibt es eine wunderschöne Stadt, genannt die Stadt der Schwarzgewandeten. Dort trägt jeder Trauer.« Der Wanderer weigerte sich, ein weiteres Wort zu sagen, und war bald darauf verschwunden.
Fasziniert von dieser Geschichte, beschloß ich, das Rätsel dieser Stadt zu lösen, doch niemand schien etwas über den Ort zu wissen. Schließlich verzichtete ich vorübergehend auf meinen Thron, nahm ein paar Juwelen mit und machte mich auf den Weg, um diese geheimnisvolle Stadt zu finden.
Wahrhaftig, sie war wunderschön. Ali ihre Bewohner waren in Schwarz gekleidet, mit Gesichtern hell wie der Mond. Ein ganzes Jahr durchstreifte ich die Stadt auf der Suche nach des Rätsels Lösung. Jeder schien die Antwort zu kennen, doch niemand sprach darüber. Schließlich freundete ich mich mit einem hochherzigen Metzger an. Ich überhäufte ihn mit Geschenken. Eines Tages, als ich mich schließlich seiner Freundschaft vergewissert hatte, erzählte ich ihm, wie es dazu gekommen war, daß ich meinen Thron verlassen hatte, um zu erfahren, warum diese Menschen so bekümmert und stets schwarz gekleidet seien.
»Du hast mir eine unziemliche Frage gestellt«, sagte er, »doch werde ich sie dir beantworten, so gut ich kann.«
Nachts brachte er mich zu einer Ruine außerhalb der Stadt. Dort fanden wir einen Korb, der an einem Seil befestigt war.
»Setz dich in den Korb«, sagte er, »dann wirst du wissen, warum wir so bekümmert und stets in Schwarz gehüllt sind.«
Kaum saß ich in dem Korb, als sich auf zauberische Weise ein Seil um meinen Hals schlang - wie um den Körper eines Gefangenen -, und der Korb erhob sich in die Lüfte.
Wenig später kam ein Turm in Sicht, der bis zum Mond reichte, und der Korb landete. Vor Angst und Enttäuschung schloß ich die Augen. Es dauerte nicht lange, bis sich ein Vogel von der Größe eines Bergs neben mir niederließ. Wenig später war er eingeschlafen. Ich bereute mein Vertrauen in den Metzger und beschloß, mich an den Vogel zu klammern und von ihm tragen zu lassen, wohin es ihm beliebte.
Kaum war der Vogel erwacht, als wir davonflogen zu einer langen Reise, bis er sich schließlich bei einer prachtvollen Wiese niederließ. Blumen in allen Farben, Hyazinthen, Nelken, Jasmin und Rosen schmückten die Ebene, und Zedern säumten die Flüsse, die sich sanft durch das Weideland schlängelten.
Überglücklich beim Anblick solch paradiesischer Zustände, wanderte ich durch die Wildnis, legte mich gelegentlich zum Schlafen nieder und versank in Träumereien.
Ein sanfter Wind kam auf und umschmeichelte mich, eine Frühlingswolke zog heran, aus der ein erfrischender, perlengleicher Regen auf Blätter und Halme fiel. Es hatte kaum aufgehört zu regnen, als mir etwas Neues den Atem verschlug. Aus der Ferne sah ich ein gleißendes Licht rasch auf mich zukommen. Eine lange Prozession bewegte sich auf mich zu, und bald konnte ich die sich Nähernden erkennen. Es waren Mädchen, ein jedes von solch betörender Schönheit, daß ich mich und die Welt ringsum vergaß. Wie bezaubernde Blüten, in Seidengewänder mit goldbetreßten Ärmeln gehüllt, schwebten sie heran. Hinter dem Schleier brennender Kerzen, die sie in ihren hennagefärbten Fingern hielten, lächelten ihre Lippen verheißungsvoll. Und schließlich erschien die Königin, oder sollte ich sagen: die Mitternachtssonne, und bestieg den Thron.
Ein paar Minuten verstrichen, ehe sie sagte: »Es scheint mir, als sei jemand, ein Erdgeborener vielleicht, in der Nähe.« Dann befahl sie einer der Feen, wen immer sie finde, herbeizubringen. Die Fee kam auf mich zu und lud mich freundlich ein, vor die Königin zu treten.
In der Nähe des Throns angelangt, küßte ich den Boden. Die Königin jedoch lud mich ein, den Thron zu besteigen und an ihrer Seite Platz zu nehmen. Ich lehnte mit den Worten ab, daß solch ein vornehmer Platz nicht mir, sondern Salomo gebühre. Doch sie behandelte mich wie einen Ehrengast und winkte mich an ihre Seite.
Eine Zofe nahm sanft meine Hand und führte mich näher an den Thron der Königin heran. Ich war sofort bezaubert von ihrer Schönheit. Getränke und Leckereien aller Art wurden aufgetragen. Dem Festmahl folgten Musikantinnen, während die Mundschenkin erneut umherging und allen den Kelch bis zum Rand füllte.
Vom Wein und von liebevollen, verführerischen Gesten ermutigt, wagte ich es, der Königin manchen Kuß zu rauben. Schließlich fragte ich sie nach ihrem Namen.
»Mein Vater nannte mich die >Schöne Türkenräuberin<«, sagte sie. Überrascht von diesem Zufall, erwiderte ich ihr, daß ich ebenfalls, wenn auch aus anderem Grund, >Türkenräuber< genannt würde, und lud sie ein, unser Liebesmahl mit einem Liebesspiel zu besiegeln. Ihre leuchtenden Augen ermutigten mich, darauf zu beharren. Doch als ich sie leidenschaftlicher umarmte, sagte sie: » Begnüge dich mit Küssen heute nacht, und wähle eines der Mädchen, um deine Glut zu löschen.« in meiner Verwirrung winkte die Königin eine der Feen heran, die mich zu einem Gemach führte. Ich bettete mein Haupt auf die Kissen, zog die Schöne eng an meine Brust und pflückte die Rose aus ihrem Lustgarten.
Beim Morgengrauen bereitete sie mir ein herrlich duftendes Bad, doch als ich mich zum Ankleiden erhob, war sie entschwunden. Ich wanderte durch den Garten und verträumte den Tag, gebettet auf Rosenblätter und duftende Blüten.
Als ich erwachte, hatte der dunkle Schleier der Nacht bereits den Himmel überzogen, und als ich mich aufsetzte, erschienen erneut die Feen und wiederholten den Festtrubel der vergangenen Nacht.
Alsbald bestieg die Feenkönigin, frisch wie der erste Frühlingstag, erneut ihren Thron und lud mich wieder an ihre Seite. Das Festgelage der vergangenen Nacht, es wiederholte sich mit lauter herrlichen Weinen, seltenen Köstlichkeiten, einer freigiebigen Mundschenkin und hinreißenden Tänzerinnen, und die Königin benahm sich noch zärtlicher als in der ersten Nacht. Die Mädchen überließen uns unseren Umarmungen, und wieder verführten mich ihre Leidenschaft und die weinselige Wärme, zärtlich mit ihren hübschen Locken zu spielen. Als ich sie jedoch vollends einnehmen wollte, bat sie mich wieder um Geduld und warnte mich vor Hinterlist.
»Ich dürstend, und du erfrischend wie ein Quell, warum solch eine Verweigerung?« fragte ich. »Mit Küssen begnüge dich heute nacht«, erwiderte sie, und wieder verbrachte ich die geheimste Stunde der Nacht mit einer Stellvertreterin statt mit ihr.
Neunundzwanzig Tage und Nächte setzte sich dieses Spiel fort. Ich verabscheute die langen Tage und sehnte ungeduldig die Nächte herbei.
In der dreißigsten Nacht kehrten die Königin und ihr Gefolge wieder und erhellten die ebenholzschwarze Ebene. Erneut winkte sie mich an ihre Seite, und das fröhliche Gelage begann von neuem. Bald durchbrach die Leidenschaft die Fesseln, mit der ich sie zu bändigen versucht hatte, und ich tastete willenlos vor Verlangen nach dem geheimsten ihrer Schätze. Mitfühlend und gelassen nahm die Königin meine Hände fort, küßte sie und flehte mich erneut an, Geduld zu haben. Tröstend erinnerte sie mich daran, daß ich nur durch Geduld die Früchte, die mir bereits gehörten, würde kosten können.
Verheert von Verlangen, erklärte ich meiner sonnengleichen Schönen voller Qual, ich könne meine Leidenschaft nicht länger durch Geduld zügeln. Die Königin erwiderte: »Der Schatz, nach dem du so sehnsüchtig trachtest, gehört bereits dir; du begehrst ihn zu früh. Warte ab, und zu gegebener Zeit wird er dir gehören.«
»Du erwartest das Unmögliche«, sagte ich, »dem Schatz so nah zu sein und sich seines Besitzes zu enthalten, übersteigt meine Kräfte.«
Sie appellierte an meine Vernunft. Diesmal bat sie, mich nur bis morgen zu gedulden, und fügte hinzu: »Eine Nacht ist kein Jahr.« Und erneut schlug sie mir vor, mich in Gesellschaft einer ihrer mondgleichen Schönheiten zu besänftigen.
Doch diesmal waren ihre Appelle an meine Vernunft vergebens. im Gegenteil, sie ließen das Feuer meiner Leidenschaft um so stärker auflodern. Ihre Einwände nicht achtend, beharrte ich auf meinen Bemühungen, ihren rubingleichen Schatz zu öffnen.
Als die Königin erkannte, daß ich nicht länger zurückzuhalten war, sagte sie schließlich: »Schließ deine Augen für einen Augenblick, dann kannst du vom Besten meines Schatzes kosten.«
Verlockt von ihrem Angebot und begierig auf ewige Wonnen, gehorchte ich und schloß die Augen. Eine Minute verging. »Öffne nun die Augen«, sagte sie.
Ich öffnete sie, doch nur, um zu erkennen, daß ich allein war, in beängstigender Finsternis in einem sinkenden Korb sitzend.
Mein Freund, der schwarzgewandete Metzger, wartete am Fuß des Turms. Er umarmte mich und sagte: »Nun weißt du, warum wir in Schwarz gehüllt sind. Worte hätten niemals den Grund unserer Qual ausdrücken können.«
Ich konnte ihm nur beipflichten und bat ihn noch, mir ein paar schwarze Gewänder zu besorgen. Ich trage sie zum Zeichen der Trauer um das verlorene Ideal, ein Ideal, das bei der Suche nach einer unreifen Hoffnung verlorengegangen ist.
So endete die Geschichte des Königs. Ich, seine geringe Dienerin, trage aus Mitgefühl ebenfalls Schwarz, da unter den sieben Farben der sieben Himmel keine so mächtig ist wie diese.
»Die schwarze Saturnkuppel« ist Teil des Epos Die sieben Prinzessinnen (Haft Peykar) des aserbaidschanischen Poeten Nizami aus Gandjeh (Ganjavi, Aserbaidschan, 1141-1209). Der Titel bezieht sich auf Porträts der Töchter von sieben Königen, die vom chinesischen Groß-Khan im Osten his hin zum König des Westens oder »Land des Sonnenuntergangs« reichen.
Als Bahram, der sasanidische König (420-438), ihre Porträts erblickt, verliebt er sich in sie. Nachdem er den Thron seines verstorbenen Vaters Yazdegerd bestiegen hat, heiratet er alle sieben. Die sieben Prinzessinnen repräsentieren die großen Reiche der bewohnten Welt. Sie bewohnen jeweils einen eigenen Palast, der, von Schwarz bis Weiß, symbolisch eine der sieben Kardinalfarben trät. Der König besucht sie an sieben aufeinanderfolgenden Tagen. Dies ist die Geschichte des ersten Tages.
Am Samstag besuchte Bahram, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, die schwarze Saturnkuppel, wo seine Braut, die Töchter des Maharadja von Indien, wohnte. Er bat sie, ihm eine Geschichte zu erzählen, und sie begann mit gesenktem Kopf:
Als ich ein Kind war, besuchte uns einmal im Monat eine fromme und barmherzige Frau. Sie trug stets Schwarz. Nach vielen hartnäckigen Befragungen gab sie schließlich nach und erzählte uns das Geheimnis ihrer ungewöhnlichen Gewandung.
Als ich jung war, erzählte die Frau, diente ich einem mächtigen König, in dessen Reich Wolf und Schaf friedlich beieinander lebten. Doch das Schicksal wollte es, daß er zum König der Schwarzgewandeten geworden war. Die Geschichte, die ich euch erzähle, handelt davon, wie es dazu kam, daß er für den Rest seines Lebens Schwarz trug.
Es war ein wohltätiger König mit einem unstillbaren Drang, die Geheimnisse und Wunder der Welt zu erfahren. Auf seinen Befehl hin wurde ein Haus eingerichtet, in dem alle Besucher seines Reichs gastfreundlich aufgenommen wurden. Dort befragte der König wißbegierig und klug einen jeden nach seiner Heimat, nach seinen Reisen, seinen Plänen und Abenteuern. So wie manche Edelsteine sammeln, hatte es sich der König zur Aufgabe gemacht, Geschichten über das Leben anderer Menschen zu sammeln. Je größer seine Sammlung wurde, desto begieriger wurde er, mehr zu erfahren.
Plötzlich jedoch verschwand der König. Wie Simurgh, der Sagenvogel, entwich er plötzlich aus unserer Mitte. Lange Zeit verging, bis der König eines Tages, völlig in Schwarz gehüllt, wieder erschien und seinen Thron bestieg.
Eines Abends, als ich ihn umsorgte, begann er über die Wendung, die sein Schicksal genommen hatte, zu klagen. Ich befragte ihn nach seinem geheimen Kummer, und so lautete die Geschichte, die er erzählte:
Du kennst meine Gewohnheit, alle Besucher meines Reichs gastfreundlich zu bewirten. Einen jeden befrage ich nach seiner Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten. Eines Tages traf ein schwarzgewandeter Wanderer ein. Ich befragte ihn nach seinem ungewöhnlichen Aufzug. Er bat mich, nicht in ihn zu dringen, und erinnerte mich daran, daß niemand das Geheimnis des Simurgh je habe lüften können. Je mehr ich ihn bedrängte, desto beharrlicher verschloß er sich in seinem Schweigen. »Nur die Schwarzgewandeten können das Wesen dieses Schwarz begreifen«, sagte er. Dennoch beharrte ich auf meiner Frage, so daß er schließlich sagte: »in China gibt es eine wunderschöne Stadt, genannt die Stadt der Schwarzgewandeten. Dort trägt jeder Trauer.« Der Wanderer weigerte sich, ein weiteres Wort zu sagen, und war bald darauf verschwunden.
Fasziniert von dieser Geschichte, beschloß ich, das Rätsel dieser Stadt zu lösen, doch niemand schien etwas über den Ort zu wissen. Schließlich verzichtete ich vorübergehend auf meinen Thron, nahm ein paar Juwelen mit und machte mich auf den Weg, um diese geheimnisvolle Stadt zu finden.
Wahrhaftig, sie war wunderschön. Ali ihre Bewohner waren in Schwarz gekleidet, mit Gesichtern hell wie der Mond. Ein ganzes Jahr durchstreifte ich die Stadt auf der Suche nach des Rätsels Lösung. Jeder schien die Antwort zu kennen, doch niemand sprach darüber. Schließlich freundete ich mich mit einem hochherzigen Metzger an. Ich überhäufte ihn mit Geschenken. Eines Tages, als ich mich schließlich seiner Freundschaft vergewissert hatte, erzählte ich ihm, wie es dazu gekommen war, daß ich meinen Thron verlassen hatte, um zu erfahren, warum diese Menschen so bekümmert und stets schwarz gekleidet seien.
»Du hast mir eine unziemliche Frage gestellt«, sagte er, »doch werde ich sie dir beantworten, so gut ich kann.«
Nachts brachte er mich zu einer Ruine außerhalb der Stadt. Dort fanden wir einen Korb, der an einem Seil befestigt war.
»Setz dich in den Korb«, sagte er, »dann wirst du wissen, warum wir so bekümmert und stets in Schwarz gehüllt sind.«
Kaum saß ich in dem Korb, als sich auf zauberische Weise ein Seil um meinen Hals schlang - wie um den Körper eines Gefangenen -, und der Korb erhob sich in die Lüfte.
Wenig später kam ein Turm in Sicht, der bis zum Mond reichte, und der Korb landete. Vor Angst und Enttäuschung schloß ich die Augen. Es dauerte nicht lange, bis sich ein Vogel von der Größe eines Bergs neben mir niederließ. Wenig später war er eingeschlafen. Ich bereute mein Vertrauen in den Metzger und beschloß, mich an den Vogel zu klammern und von ihm tragen zu lassen, wohin es ihm beliebte.
Kaum war der Vogel erwacht, als wir davonflogen zu einer langen Reise, bis er sich schließlich bei einer prachtvollen Wiese niederließ. Blumen in allen Farben, Hyazinthen, Nelken, Jasmin und Rosen schmückten die Ebene, und Zedern säumten die Flüsse, die sich sanft durch das Weideland schlängelten.
Überglücklich beim Anblick solch paradiesischer Zustände, wanderte ich durch die Wildnis, legte mich gelegentlich zum Schlafen nieder und versank in Träumereien.
Ein sanfter Wind kam auf und umschmeichelte mich, eine Frühlingswolke zog heran, aus der ein erfrischender, perlengleicher Regen auf Blätter und Halme fiel. Es hatte kaum aufgehört zu regnen, als mir etwas Neues den Atem verschlug. Aus der Ferne sah ich ein gleißendes Licht rasch auf mich zukommen. Eine lange Prozession bewegte sich auf mich zu, und bald konnte ich die sich Nähernden erkennen. Es waren Mädchen, ein jedes von solch betörender Schönheit, daß ich mich und die Welt ringsum vergaß. Wie bezaubernde Blüten, in Seidengewänder mit goldbetreßten Ärmeln gehüllt, schwebten sie heran. Hinter dem Schleier brennender Kerzen, die sie in ihren hennagefärbten Fingern hielten, lächelten ihre Lippen verheißungsvoll. Und schließlich erschien die Königin, oder sollte ich sagen: die Mitternachtssonne, und bestieg den Thron.
Ein paar Minuten verstrichen, ehe sie sagte: »Es scheint mir, als sei jemand, ein Erdgeborener vielleicht, in der Nähe.« Dann befahl sie einer der Feen, wen immer sie finde, herbeizubringen. Die Fee kam auf mich zu und lud mich freundlich ein, vor die Königin zu treten.
In der Nähe des Throns angelangt, küßte ich den Boden. Die Königin jedoch lud mich ein, den Thron zu besteigen und an ihrer Seite Platz zu nehmen. Ich lehnte mit den Worten ab, daß solch ein vornehmer Platz nicht mir, sondern Salomo gebühre. Doch sie behandelte mich wie einen Ehrengast und winkte mich an ihre Seite.
Eine Zofe nahm sanft meine Hand und führte mich näher an den Thron der Königin heran. Ich war sofort bezaubert von ihrer Schönheit. Getränke und Leckereien aller Art wurden aufgetragen. Dem Festmahl folgten Musikantinnen, während die Mundschenkin erneut umherging und allen den Kelch bis zum Rand füllte.
Vom Wein und von liebevollen, verführerischen Gesten ermutigt, wagte ich es, der Königin manchen Kuß zu rauben. Schließlich fragte ich sie nach ihrem Namen.
»Mein Vater nannte mich die >Schöne Türkenräuberin<«, sagte sie. Überrascht von diesem Zufall, erwiderte ich ihr, daß ich ebenfalls, wenn auch aus anderem Grund, >Türkenräuber< genannt würde, und lud sie ein, unser Liebesmahl mit einem Liebesspiel zu besiegeln. Ihre leuchtenden Augen ermutigten mich, darauf zu beharren. Doch als ich sie leidenschaftlicher umarmte, sagte sie: » Begnüge dich mit Küssen heute nacht, und wähle eines der Mädchen, um deine Glut zu löschen.« in meiner Verwirrung winkte die Königin eine der Feen heran, die mich zu einem Gemach führte. Ich bettete mein Haupt auf die Kissen, zog die Schöne eng an meine Brust und pflückte die Rose aus ihrem Lustgarten.
Beim Morgengrauen bereitete sie mir ein herrlich duftendes Bad, doch als ich mich zum Ankleiden erhob, war sie entschwunden. Ich wanderte durch den Garten und verträumte den Tag, gebettet auf Rosenblätter und duftende Blüten.
Als ich erwachte, hatte der dunkle Schleier der Nacht bereits den Himmel überzogen, und als ich mich aufsetzte, erschienen erneut die Feen und wiederholten den Festtrubel der vergangenen Nacht.
Alsbald bestieg die Feenkönigin, frisch wie der erste Frühlingstag, erneut ihren Thron und lud mich wieder an ihre Seite. Das Festgelage der vergangenen Nacht, es wiederholte sich mit lauter herrlichen Weinen, seltenen Köstlichkeiten, einer freigiebigen Mundschenkin und hinreißenden Tänzerinnen, und die Königin benahm sich noch zärtlicher als in der ersten Nacht. Die Mädchen überließen uns unseren Umarmungen, und wieder verführten mich ihre Leidenschaft und die weinselige Wärme, zärtlich mit ihren hübschen Locken zu spielen. Als ich sie jedoch vollends einnehmen wollte, bat sie mich wieder um Geduld und warnte mich vor Hinterlist.
»Ich dürstend, und du erfrischend wie ein Quell, warum solch eine Verweigerung?« fragte ich. »Mit Küssen begnüge dich heute nacht«, erwiderte sie, und wieder verbrachte ich die geheimste Stunde der Nacht mit einer Stellvertreterin statt mit ihr.
Neunundzwanzig Tage und Nächte setzte sich dieses Spiel fort. Ich verabscheute die langen Tage und sehnte ungeduldig die Nächte herbei.
In der dreißigsten Nacht kehrten die Königin und ihr Gefolge wieder und erhellten die ebenholzschwarze Ebene. Erneut winkte sie mich an ihre Seite, und das fröhliche Gelage begann von neuem. Bald durchbrach die Leidenschaft die Fesseln, mit der ich sie zu bändigen versucht hatte, und ich tastete willenlos vor Verlangen nach dem geheimsten ihrer Schätze. Mitfühlend und gelassen nahm die Königin meine Hände fort, küßte sie und flehte mich erneut an, Geduld zu haben. Tröstend erinnerte sie mich daran, daß ich nur durch Geduld die Früchte, die mir bereits gehörten, würde kosten können.
Verheert von Verlangen, erklärte ich meiner sonnengleichen Schönen voller Qual, ich könne meine Leidenschaft nicht länger durch Geduld zügeln. Die Königin erwiderte: »Der Schatz, nach dem du so sehnsüchtig trachtest, gehört bereits dir; du begehrst ihn zu früh. Warte ab, und zu gegebener Zeit wird er dir gehören.«
»Du erwartest das Unmögliche«, sagte ich, »dem Schatz so nah zu sein und sich seines Besitzes zu enthalten, übersteigt meine Kräfte.«
Sie appellierte an meine Vernunft. Diesmal bat sie, mich nur bis morgen zu gedulden, und fügte hinzu: »Eine Nacht ist kein Jahr.« Und erneut schlug sie mir vor, mich in Gesellschaft einer ihrer mondgleichen Schönheiten zu besänftigen.
Doch diesmal waren ihre Appelle an meine Vernunft vergebens. im Gegenteil, sie ließen das Feuer meiner Leidenschaft um so stärker auflodern. Ihre Einwände nicht achtend, beharrte ich auf meinen Bemühungen, ihren rubingleichen Schatz zu öffnen.
Als die Königin erkannte, daß ich nicht länger zurückzuhalten war, sagte sie schließlich: »Schließ deine Augen für einen Augenblick, dann kannst du vom Besten meines Schatzes kosten.«
Verlockt von ihrem Angebot und begierig auf ewige Wonnen, gehorchte ich und schloß die Augen. Eine Minute verging. »Öffne nun die Augen«, sagte sie.
Ich öffnete sie, doch nur, um zu erkennen, daß ich allein war, in beängstigender Finsternis in einem sinkenden Korb sitzend.
Mein Freund, der schwarzgewandete Metzger, wartete am Fuß des Turms. Er umarmte mich und sagte: »Nun weißt du, warum wir in Schwarz gehüllt sind. Worte hätten niemals den Grund unserer Qual ausdrücken können.«
Ich konnte ihm nur beipflichten und bat ihn noch, mir ein paar schwarze Gewänder zu besorgen. Ich trage sie zum Zeichen der Trauer um das verlorene Ideal, ein Ideal, das bei der Suche nach einer unreifen Hoffnung verlorengegangen ist.
So endete die Geschichte des Königs. Ich, seine geringe Dienerin, trage aus Mitgefühl ebenfalls Schwarz, da unter den sieben Farben der sieben Himmel keine so mächtig ist wie diese.