DeLaHoya
26.08.05, 21:40
IRAK
Mit der Macht des Koran
Martina Doering
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/_img/blz/2005-08-26.7077.big.kopf.jpg
Ali al Sistani, schiitischer Großajatollah
In die Debatte über die irakische Verfassung hat sich Großajatollah Ali al Sistani nicht eingemischt. Der hoch angesehene, schiitische Kleriker will mit Politik nichts zu tun haben, entsprechende Stellungnahmen gibt er äußerst selten ab. Dennoch hat er indirekt auf das neue Grundgesetz Einfluss ausgeübt. Der Islam wird im einst säkularen Irak künftig eine große, wenn nicht gar eine dominierende Rolle spielen, zumindest jedes Gesetz wird auf seine Vereinbarkeit mit islamischen Grundsätzen geprüft werden. Die Entstehung einer Theokratie, ähnlich der im Iran, wäre jedoch nicht in seinem Sinn - auch wenn der Gelehrte im iranischen Madschad geboren wurde und selbst sein Name darauf verweist, dass seine Familie aus der iranischen Provinz Sistan stammt.
Denn Ali al Sistani ist einer der ranghöchsten Vertreter der so genannten quietistischen Hauptströmungen innerhalb des schiitischen Klerus: Nach deren Auffassung gebührt nur dem im 9. Jahrhundert verschwundenen 12. Imam die Herrschaft. Bis zu dessen Wiederkehr aber sei es gleich, wer die weltliche Macht ausübe, so die Vorstellungen. Sistani lehrt gar, dass die Macht des Imam an das gesamte Volk übergegangen sei. Diese Vorstellung von Volkssouveränität bringt diese schiitische Lehre der Demokratie sehr nahe.
Der Kleriker Sistani, 75, hatte schon als Fünfjähriger mit dem Studium des Korans begonnen, 1952 ließ er sich in Nadschaf nieder, wo er bei den angesehensten Geistlichen seine Studien betrieb. Heute ist Sistani ein Mardscha, eine "Quelle der Nachahmung", und besitzt damit den höchsten schiitischen Rang. Während der Herrschaft von Saddam Hussein stand er zeitweise zwar unter Hausarrest, blieb jedoch anders als andere Gelehrte weit gehend unbehelligt.
Politisch Stellung bezog er erstmals während des Kriegs der USA gegen Irak: Er wies an, dass die Iraker den Amerikanern keinen Widerstand leisten sollten. Dann diktierte Sistani den Amerikanern den Termin für Parlamentswahlen im Januar 2005. Im Gegenzug nutzte er seinen Einfluss und wirkte auf die Schiiten ein, sich nicht dem Aufstand gegen die Besatzer anzuschließen. Er vertraute darauf, dass die schiitische Bevölkerungsmehrheit den Wahlsieg erringen und den künftigen Irak maßgeblich mitbestimmen würde. So kam es denn auch.
Sistanis Autorität über die 15 Millionen Schiiten im Irak ist jedoch nicht unangefochten. Zwei ähnlich einflussreiche, politisch ambitioniertere Schiiten-Führer waren zwar schon in den ersten Monaten nach dem Krieg ermordet worden. Aber sowohl der junge, radikale Mullah Muktadar al Sadr als auch einige schiitische Politiker verneinen seinen Führungsanspruch. Al Sadr und seine Truppen kämpfen gegen die Besatzer, die Politiker wollen einen islamistischen Irak. In einigen Schiiten-Regionen und Stadtvierteln von Bagdad ist das längst Realität. Frauengruppen, Menschenrechtsorganisationen und Journalisten wie der kürzlich in Basra ermordete US-Korrespondent Steven Vincent berichteten, dass dort längst Taliban-Zustände herrschen.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/477270.html
Mit der Macht des Koran
Martina Doering
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Ali al Sistani, schiitischer Großajatollah
In die Debatte über die irakische Verfassung hat sich Großajatollah Ali al Sistani nicht eingemischt. Der hoch angesehene, schiitische Kleriker will mit Politik nichts zu tun haben, entsprechende Stellungnahmen gibt er äußerst selten ab. Dennoch hat er indirekt auf das neue Grundgesetz Einfluss ausgeübt. Der Islam wird im einst säkularen Irak künftig eine große, wenn nicht gar eine dominierende Rolle spielen, zumindest jedes Gesetz wird auf seine Vereinbarkeit mit islamischen Grundsätzen geprüft werden. Die Entstehung einer Theokratie, ähnlich der im Iran, wäre jedoch nicht in seinem Sinn - auch wenn der Gelehrte im iranischen Madschad geboren wurde und selbst sein Name darauf verweist, dass seine Familie aus der iranischen Provinz Sistan stammt.
Denn Ali al Sistani ist einer der ranghöchsten Vertreter der so genannten quietistischen Hauptströmungen innerhalb des schiitischen Klerus: Nach deren Auffassung gebührt nur dem im 9. Jahrhundert verschwundenen 12. Imam die Herrschaft. Bis zu dessen Wiederkehr aber sei es gleich, wer die weltliche Macht ausübe, so die Vorstellungen. Sistani lehrt gar, dass die Macht des Imam an das gesamte Volk übergegangen sei. Diese Vorstellung von Volkssouveränität bringt diese schiitische Lehre der Demokratie sehr nahe.
Der Kleriker Sistani, 75, hatte schon als Fünfjähriger mit dem Studium des Korans begonnen, 1952 ließ er sich in Nadschaf nieder, wo er bei den angesehensten Geistlichen seine Studien betrieb. Heute ist Sistani ein Mardscha, eine "Quelle der Nachahmung", und besitzt damit den höchsten schiitischen Rang. Während der Herrschaft von Saddam Hussein stand er zeitweise zwar unter Hausarrest, blieb jedoch anders als andere Gelehrte weit gehend unbehelligt.
Politisch Stellung bezog er erstmals während des Kriegs der USA gegen Irak: Er wies an, dass die Iraker den Amerikanern keinen Widerstand leisten sollten. Dann diktierte Sistani den Amerikanern den Termin für Parlamentswahlen im Januar 2005. Im Gegenzug nutzte er seinen Einfluss und wirkte auf die Schiiten ein, sich nicht dem Aufstand gegen die Besatzer anzuschließen. Er vertraute darauf, dass die schiitische Bevölkerungsmehrheit den Wahlsieg erringen und den künftigen Irak maßgeblich mitbestimmen würde. So kam es denn auch.
Sistanis Autorität über die 15 Millionen Schiiten im Irak ist jedoch nicht unangefochten. Zwei ähnlich einflussreiche, politisch ambitioniertere Schiiten-Führer waren zwar schon in den ersten Monaten nach dem Krieg ermordet worden. Aber sowohl der junge, radikale Mullah Muktadar al Sadr als auch einige schiitische Politiker verneinen seinen Führungsanspruch. Al Sadr und seine Truppen kämpfen gegen die Besatzer, die Politiker wollen einen islamistischen Irak. In einigen Schiiten-Regionen und Stadtvierteln von Bagdad ist das längst Realität. Frauengruppen, Menschenrechtsorganisationen und Journalisten wie der kürzlich in Basra ermordete US-Korrespondent Steven Vincent berichteten, dass dort längst Taliban-Zustände herrschen.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/477270.html