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DeLaHoya
30.08.05, 16:01
Über eine Wiedervereinigung Zyperns wird noch nicht einmal verhandelt





Ein wiedervereinigtes Zypern, in dem griechische und türkische Zyprioten gleichberechtigt seien, würde die Türkei sofort anerkennen. Die große Mehrheit der Zyperngriechen steht dagegen hinter ihrem "Nein". Sie hofft auf neue Verhandlungen um Forderungen wie den Abzug der türkischen Soldaten durchzusetzen. Von Jerry Sommer.



Vor 18 Monaten scheiterte ein von der UNO vorgelegter Plan für die Wiedervereinigung der seit 1974 geteilten Mittelmeerinsel Zypern. Die EU-Kommission und das EU-Parlament hatten den Plan als "historischen Kompromiss" begrüßt. Während die türkischen Zyprioten aber mit großer Mehrheit zustimmten, waren die griechischen Zyprioten dem Aufruf ihres Präsidenten Tassos Papadopoulos gefolgt und hatten mit einer Dreiviertelmehrheit "Nein" gesagt.

Zypern wird nun wieder in den Schlagzeilen kommen: Mitte der Woche werden die EU-Außenminister unter anderem über die Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union beraten, die am 3. Oktober beginnen sollen. Aber der französische Premierminister Villepin hat erklärt, die Verhandlungen könnten nicht beginnen, wenn die Türkei vorher nicht die Republik Zypern völkerrechtlich anerkenne.

Die EU-Kommssion und viele EU-Länder lehnen diese neue Vorbedingung ab. Auch die Türkei lehnt diese Forderung strikt ab, da die heutige Republik Zypern beanspruche für alle Zyprioten zu sprechen, aber de facto nur die griechischen Zyprioten repräsentiere.

Ein wiedervereinigtes Zypern, in dem griechische und türkische Zyprioten gleichberechtigte Gemeinschaften seien, würde die Türkei sofort anerkennen, hat ihre Regierung erklärt. Doch wie sehen die Chancen für eine Wiedervereinigung aus?

Straßenmarkt im griechisch-zypriotischen Teil von Nikosia. Keine 200 Meter vom Markt entfernt steht das Minarett einer Moschee. Dazwischen verläuft die innere Grenze, die den griechisch-zypriotischen vom türkisch-zypriotischen Teil der Insel trennt. Hätten die Zyperngriechen im April vergangenen Jahres dem UNO-Wiedervereinigungsplan zugestimmt, gäbe es diese Grenze heute nicht mehr. Die große Mehrheit der griechischen Zyprioten bedauert ihr "Nein" aber nicht. Sie hofft auf neue Verhandlungen, um ihre Forderungen durchzusetzen.

Alle Flüchtlinge müssen ihren Besitz zurückerhalten. Das ist ein Menschenrecht.

Alle türkischen Beatzungstruppen und alle türkischen Siedler im Norden müssen weg.

35.000 türkische Soldaten sind gegenwärtig im Norden Zyperns stationiert. Nach dem UNO-Plan sollten sie stufenweise auf eine symbolische Truppe von 650 Soldaten reduziert werden. Die Regierung der griechischen Zyprioten fordert jedoch, dass alle gehen sollen.

Auf dem Markt sind nur wenige, die keine Angst vor der Türkei haben: Einer dieser wenigen ist Gregori Trifonas, ein 33 jähriger Unternehmensberater.

Die 650 türkischen Soldaten, die laut dem Plan hätten bleiben sollen, sind keine Bedrohung. Zypern ist Mitglied der EU. Die Türkei führt Beitrittsgespräche. Wir sind praktisch Verbündete.

Die meisten griechischen Zyprioten sehen das anders. Ihre Regierung hat eine lange Liste mit vielen weiteren Kritikpunkten am UNO-Plan aufgestellt. Zu lang, zu ungenau und ohne klare Schwerpunktsetzung - urteilte allerdings UNO-Generalsekretär Annan im Juni über diese Liste. Zwischen den griechischen und den türkischen Zyprioten seien die Positionen zu verschieden, das Misstrauen zu groß, um jetzt neue Verhandlungen zu beginnen.

Tatsächlich verweigert der griechisch-zypriotische Präsident Tassos Papadopoulos bisher sogar jedes Treffen mit seinem türkisch-zypriotischen Widerpart, Mehmet Ali Talat. Auch die Pläne der EU, die ökonomische Isolierung der türkischen Zyprioten aufzuheben, scheiterten am "Nein" der griechisch-zypriotischen Regierung.

Die Zyperntürken sind sauer. Ihr Präsident Talat will die Wiedervereinigung und ist ein gestandener EU-Anhänger. Wie zwei Drittel seiner Landsleute hatte er dem UNO-Plan zugestimmt, der die Rückgabe von einem Viertel ihres Gebietes und die Umsiedlung von über 50.000 der 200.000 türkischen Zyprioten vorsah. Aber zu weiteren einseitigen Zugeständnissen ist er nicht bereit.

Das hätte nur einen negativen Effekt. Es würde nachträglich die Haltung von Papadopoulos rechtfertigen. Der hofft, trotz seines "Neins", von den türkischen Zyprioten ohne jede Gegenleistung etwas zu bekommen.

Eine völkerrechtliche Anerkennung der "Republik Zypern" durch die Türkei lehnt Talat ebenfalls ab. Das würde nur den Alleinvertretungsanspruch der griechischen Zyprioten unterstützen. Doch dieser Anspruch sei absurd, Papadopoulos vertrete nur die griechischen, nicht aber die türkischen Zyprioten.

Zurück im griechisch-zypriotischen Teil von Nikosia, im Kleidungsgeschäft von Neokleos Trifonas. Wie die meisten Zyperngriechen fordert auch er, dass die Türkei die Republik Zypern völkerrechtlich anerkennt. Aber mit der Wiedervereinigung hat die Anerkennungsfrage nichts zu tun, das weiß auch der Ladenbesitzer.

Er tritt für neue Verhandlungen zwischen den türkischen und den griechischen Zyprioten ein. Aber dabei müssten ausschließlich die türkischen Zyprioten und die Türkei Zugeständnisse machen. Mit dieser Denkweise, die von der zyperngriechischen Regierung geteilt wird, wird wiederum sogar der Beginn neuer Verhandlungen blockiert.

Trifonas Geschäft ist nicht weit von der Grenze entfernt. Mitten in Nikosia liegen Stacheldrahtverhaue quer über der Straße. Rechts und links in der Pufferzone: verfallene Häuser. Doch bald soll die Straße wieder geöffnet, ein neuer Übergang errichtet werden. Die Hoffnung von Neokleos Trifonas:

Mit der Öffnung können die Stadtteile sich wieder vereinigen. Es werden wirtschaftliche Beziehungen entstehen und wir werden zueinander Vertrauen entwickeln. Das wird helfen, eine Lösung in dem Konflikt zu finden.

Kleine Fortschritte scheinen möglich. Doch eine Wiedervereinigung? Gegenwärtig sind noch nicht einmal Verhandlungen darüber in Sicht.