DeLaHoya
31.08.05, 21:59
31. August 2005, Neue Zürcher Zeitung
Das Rekordwachstum in der Türkei flacht ab Beunruhigendes Zahlungsbilanzdefizit
Die dreijährige stürmische Wachstumsphase der türkischen Wirtschaft zwischen 2002 und 2004 wird in diesem Jahr durch ein gemässigteres Tempo abgelöst werden. Gleichzeitig droht ein Zahlungsbilanzdefizit von 7% des Bruttosozialprodukts (BSP). Die Stimmung in der Industrie bleibt vorerst jedoch positiv.
Kee. Istanbul, im August
Das auf das Jahr hochgerechnete Wachstum der türkischen Wirtschaft im 1. Quartal betrug zwar noch 5,3%, aber dies war schon ein wesentlicher Rückgang gegenüber den 9,9% des Jahres 2004 (13,9% im 1. Quartal). Das Produktionswachstum in der verarbeitenden Industrie lag im 1. Quartal bei 5,8%, im zweiten nur noch bei 2,2%, nachdem die verarbeitende Industrie letztes Jahr noch um 10,7% zugelegt und in den beiden Jahren davor ebenfalls das Wachstum überproportional gestützt hatte. Der türkische Wirtschaftsboom wurde vor allem von grossen Zuwachsraten im Export getragen, während die Binnennachfrage wegen der Inflationsbekämpfung niedrig blieb. Doch auch hier zeigt sich die Abflachung deutlich. Seit Februar geht das Exportwachstum von Monat zu Monat stetig zurück. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stiegen die Exporte im Juli nur noch um 1,1%.
Überzeichneter Boom
Dass die Zeiten des hohen Exportwachstums vorbei sind, zeigt auch die Entwicklung bei den Bestellungen aus dem Ausland. Gemäss einer Umfrage der Istanbuler Industriekammer (ISO) ist die Zahl der Unternehmen, die ein Plus bei den Auslandsbestellungen verzeichnen, von 48% im Vorjahr auf 37% im ersten Halbjahr gefallen. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der Firmen, die weniger Bestellungen zu melden hatten, von 22% auf 34%.
Um den weiteren Gang der türkischen Wirtschaft abschätzen zu können, ist es nützlich, erst einen Blick auf den Boom der letzten drei Jahre und seine Ursachen zu werfen: Zunächst sind eine Reihe von technischen Gründen zu nennen, die den Boom überzeichnet erscheinen lassen. Die Wachstumsraten von 7,8% (2002), 5,9% (2003) und 9,9% (2004) ergeben ein jährliches Durchschnittswachstum von knapp 7,9%. Rechnet man aber den Rückgang von -9,5% aus dem Jahr 2001 dazu, so liegt das durchschnittliche Wachstum der letzten 4 Jahre nur noch bei 3,5%. D. h., in dem «Boom» steckt ein nicht unerheblicher Basiseffekt. Als Wachstumsrate wird meist das Bruttosozialprodukt herangezogen. Für das heute meist verwendete Bruttoinlandprodukt ergeben sich etwas geringere Zuwächse; z. B. fiel der letztjährige Rekordwert von 9,9% dann auf 9,0%.
Auch diese Zahl wurde in der türkischen Presse noch bezweifelt, weil die Arbeitslosigkeit trotz dem sehr hohen Wirtschaftswachstum stagnierte. Allerdings muss auch mit dem Zustrom von Arbeitskräften als Nachwirkung der vor zwei Jahrzehnten noch sehr hohen Geburtenrate gerechnet werden. Nimmt man hinzu, dass auch im dritten Jahr nach der Krise von 2001 noch ein Nachholeffekt wirksam war, so erscheint die Statistik cum grano salis [DeLaHoya: mit Einschränkung] möglich.
Optimistischere Investoren
Wesentlich für den türkischen Aufschwung war sicherlich ein gestiegenes Vertrauen der Investoren. Dazu trug zunächst der Umstand bei, dass aus den Wahlen 2002 zum ersten Mal seit langem eine Regierung mit auf Dauer stabiler parlamentarischer Basis hervorgegangen ist. Auch die fast reibungslose Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds war in dieser Hinsicht förderlich. Drittens wurde die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft positiv aufgenommen. - Nur die letzte Erwartung hat sich in letzter Zeit etwas eingetrübt. Als Schröder in Deutschland Neuwahlen ankündigte, reagierte die Istanbuler Börse mit einem Rückgang um 4%. Doch seither haben Meldungen, die eine Verschlechterung der türkischen EU-Beitritts-Perspektive anzeigen, weder an der Börse noch beim Devisenkurs zu Ausschlägen geführt. Anscheinend beunruhigt das Thema Investoren im Moment kaum.
Ein Opfer des eigenen Erfolgs
Eine Reihe von Faktoren haben den türkischen Boom auch von aussen gestützt: eine prosperierende Weltwirtschaft, niedrige Zinsen und ein relativ hoher Euro-Kurs. Von Letzterem konnte das Land profitieren, weil es viel in den Euro- Raum exportiert, Rohstoffe aber in Dollars kauft. Auch an diesen Faktoren hat sich bisher nicht viel geändert. Woher kommt also die Abflachung? - Bei den Exporten gibt es zum Teil branchenspezifische Gründe. Die grösste Exportbranche, die Textilindustrie, leidet unter wachsender Konkurrenz aus China. Textilexporte sanken im Juli gegenüber dem Vorjahr leicht um -1,9%. Die zweitgrösste Exportbranche, die Autoindustrie, leidet unter dem hohen Erdölpreis.
Zum Teil ist die Türkei aber auch einfach ein Opfer des eigenen Erfolges. Seit der Zusicherung der Aufnahme von Beitrittsgesprächen auf dem EU-Gipfel im Dezember des letzten Jahres hat die türkische Lira gegenüber dem Euro gut 10% an Wert gewonnen. Sie sollte aber eigentlich leicht fallen, denn die Inflation ist zwar stark rückläufig, mit 8% aber derzeit noch immer höher als in Europa oder den USA. In den beiden Vorjahren hat sich etwa das Gleiche abgespielt; die Lira hat sich besser behauptet, als es den Inflationsraten entsprach.
Weniger Exporte, mehr Importe
Trotzdem gibt es in der Türkei nach wie vor Konjunkturoptimisten. Zu ihnen gehört der Vorsitzende der ISO, Tanil Kücük. Die ISO schätzt das Wirtschaftswachstum für 2005 noch immer auf 5,6%, während andere Beobachter von deutlich unter 5% ausgehen. Einer Umfrage der ISO gemäss sind auch 70,7% der türkischen Industriellen optimistisch. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Faktoren, die den rasanten Aufschwung der letzten Jahre ermöglicht haben, weiterhin intakt sind, scheint ein gewisses Mass an Optimismus weiter angebracht. Die geringere Exportleistung im Juli ist auch gegenüber dem Rekordniveau des Vorjahres zu relativieren.
Jedoch sorgt das hohe Zahlungsbilanzdefizit für Unsicherheit. Wegen der abflachenden Exportzuwächse und wegen der mit dem Erdölpreis anziehenden Importe steigt das Handelsbilanzdefizit. Als Folge dessen ist ein Zahlungsbilanzdefizit von 13 Mrd. $ in den ersten sechs Monaten entstanden. Da die zweite Jahreshälfte meist etwas besser ausfällt, wird sich diese Zahl am Jahresende wohl nicht ganz verdoppelt haben. Trotzdem könnte das Leistungsbilanzdefizit auf 7% des Bruttosozialproduktes steigen.
Dem stehen positive Aussichten hinsichtlich des Zustroms an ausländischem Kapital gegenüber. Ausländische Investoren interessieren sich insbesondere für den Finanzsektor. Zuletzt hat die holländische Fortis fast 1 Mrd. Euro für einen 89,3%igen Anteil an der Disbank geboten. Das italienische Institut Unicredito, bereits zu 50% an Koc Finans beteiligt, will auch 57,4% der viertgrössten Bank, Yapi Kredi, erwerben. Wenn auch die Probleme in der türkischen Wirtschaft etwas zunehmen, die positive Stimmung scheint noch gerechtfertigt sein.
http://www.nzz.ch/2005/08/31/wi/articleD2T3I.html
Das Rekordwachstum in der Türkei flacht ab Beunruhigendes Zahlungsbilanzdefizit
Die dreijährige stürmische Wachstumsphase der türkischen Wirtschaft zwischen 2002 und 2004 wird in diesem Jahr durch ein gemässigteres Tempo abgelöst werden. Gleichzeitig droht ein Zahlungsbilanzdefizit von 7% des Bruttosozialprodukts (BSP). Die Stimmung in der Industrie bleibt vorerst jedoch positiv.
Kee. Istanbul, im August
Das auf das Jahr hochgerechnete Wachstum der türkischen Wirtschaft im 1. Quartal betrug zwar noch 5,3%, aber dies war schon ein wesentlicher Rückgang gegenüber den 9,9% des Jahres 2004 (13,9% im 1. Quartal). Das Produktionswachstum in der verarbeitenden Industrie lag im 1. Quartal bei 5,8%, im zweiten nur noch bei 2,2%, nachdem die verarbeitende Industrie letztes Jahr noch um 10,7% zugelegt und in den beiden Jahren davor ebenfalls das Wachstum überproportional gestützt hatte. Der türkische Wirtschaftsboom wurde vor allem von grossen Zuwachsraten im Export getragen, während die Binnennachfrage wegen der Inflationsbekämpfung niedrig blieb. Doch auch hier zeigt sich die Abflachung deutlich. Seit Februar geht das Exportwachstum von Monat zu Monat stetig zurück. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stiegen die Exporte im Juli nur noch um 1,1%.
Überzeichneter Boom
Dass die Zeiten des hohen Exportwachstums vorbei sind, zeigt auch die Entwicklung bei den Bestellungen aus dem Ausland. Gemäss einer Umfrage der Istanbuler Industriekammer (ISO) ist die Zahl der Unternehmen, die ein Plus bei den Auslandsbestellungen verzeichnen, von 48% im Vorjahr auf 37% im ersten Halbjahr gefallen. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der Firmen, die weniger Bestellungen zu melden hatten, von 22% auf 34%.
Um den weiteren Gang der türkischen Wirtschaft abschätzen zu können, ist es nützlich, erst einen Blick auf den Boom der letzten drei Jahre und seine Ursachen zu werfen: Zunächst sind eine Reihe von technischen Gründen zu nennen, die den Boom überzeichnet erscheinen lassen. Die Wachstumsraten von 7,8% (2002), 5,9% (2003) und 9,9% (2004) ergeben ein jährliches Durchschnittswachstum von knapp 7,9%. Rechnet man aber den Rückgang von -9,5% aus dem Jahr 2001 dazu, so liegt das durchschnittliche Wachstum der letzten 4 Jahre nur noch bei 3,5%. D. h., in dem «Boom» steckt ein nicht unerheblicher Basiseffekt. Als Wachstumsrate wird meist das Bruttosozialprodukt herangezogen. Für das heute meist verwendete Bruttoinlandprodukt ergeben sich etwas geringere Zuwächse; z. B. fiel der letztjährige Rekordwert von 9,9% dann auf 9,0%.
Auch diese Zahl wurde in der türkischen Presse noch bezweifelt, weil die Arbeitslosigkeit trotz dem sehr hohen Wirtschaftswachstum stagnierte. Allerdings muss auch mit dem Zustrom von Arbeitskräften als Nachwirkung der vor zwei Jahrzehnten noch sehr hohen Geburtenrate gerechnet werden. Nimmt man hinzu, dass auch im dritten Jahr nach der Krise von 2001 noch ein Nachholeffekt wirksam war, so erscheint die Statistik cum grano salis [DeLaHoya: mit Einschränkung] möglich.
Optimistischere Investoren
Wesentlich für den türkischen Aufschwung war sicherlich ein gestiegenes Vertrauen der Investoren. Dazu trug zunächst der Umstand bei, dass aus den Wahlen 2002 zum ersten Mal seit langem eine Regierung mit auf Dauer stabiler parlamentarischer Basis hervorgegangen ist. Auch die fast reibungslose Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds war in dieser Hinsicht förderlich. Drittens wurde die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft positiv aufgenommen. - Nur die letzte Erwartung hat sich in letzter Zeit etwas eingetrübt. Als Schröder in Deutschland Neuwahlen ankündigte, reagierte die Istanbuler Börse mit einem Rückgang um 4%. Doch seither haben Meldungen, die eine Verschlechterung der türkischen EU-Beitritts-Perspektive anzeigen, weder an der Börse noch beim Devisenkurs zu Ausschlägen geführt. Anscheinend beunruhigt das Thema Investoren im Moment kaum.
Ein Opfer des eigenen Erfolgs
Eine Reihe von Faktoren haben den türkischen Boom auch von aussen gestützt: eine prosperierende Weltwirtschaft, niedrige Zinsen und ein relativ hoher Euro-Kurs. Von Letzterem konnte das Land profitieren, weil es viel in den Euro- Raum exportiert, Rohstoffe aber in Dollars kauft. Auch an diesen Faktoren hat sich bisher nicht viel geändert. Woher kommt also die Abflachung? - Bei den Exporten gibt es zum Teil branchenspezifische Gründe. Die grösste Exportbranche, die Textilindustrie, leidet unter wachsender Konkurrenz aus China. Textilexporte sanken im Juli gegenüber dem Vorjahr leicht um -1,9%. Die zweitgrösste Exportbranche, die Autoindustrie, leidet unter dem hohen Erdölpreis.
Zum Teil ist die Türkei aber auch einfach ein Opfer des eigenen Erfolges. Seit der Zusicherung der Aufnahme von Beitrittsgesprächen auf dem EU-Gipfel im Dezember des letzten Jahres hat die türkische Lira gegenüber dem Euro gut 10% an Wert gewonnen. Sie sollte aber eigentlich leicht fallen, denn die Inflation ist zwar stark rückläufig, mit 8% aber derzeit noch immer höher als in Europa oder den USA. In den beiden Vorjahren hat sich etwa das Gleiche abgespielt; die Lira hat sich besser behauptet, als es den Inflationsraten entsprach.
Weniger Exporte, mehr Importe
Trotzdem gibt es in der Türkei nach wie vor Konjunkturoptimisten. Zu ihnen gehört der Vorsitzende der ISO, Tanil Kücük. Die ISO schätzt das Wirtschaftswachstum für 2005 noch immer auf 5,6%, während andere Beobachter von deutlich unter 5% ausgehen. Einer Umfrage der ISO gemäss sind auch 70,7% der türkischen Industriellen optimistisch. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Faktoren, die den rasanten Aufschwung der letzten Jahre ermöglicht haben, weiterhin intakt sind, scheint ein gewisses Mass an Optimismus weiter angebracht. Die geringere Exportleistung im Juli ist auch gegenüber dem Rekordniveau des Vorjahres zu relativieren.
Jedoch sorgt das hohe Zahlungsbilanzdefizit für Unsicherheit. Wegen der abflachenden Exportzuwächse und wegen der mit dem Erdölpreis anziehenden Importe steigt das Handelsbilanzdefizit. Als Folge dessen ist ein Zahlungsbilanzdefizit von 13 Mrd. $ in den ersten sechs Monaten entstanden. Da die zweite Jahreshälfte meist etwas besser ausfällt, wird sich diese Zahl am Jahresende wohl nicht ganz verdoppelt haben. Trotzdem könnte das Leistungsbilanzdefizit auf 7% des Bruttosozialproduktes steigen.
Dem stehen positive Aussichten hinsichtlich des Zustroms an ausländischem Kapital gegenüber. Ausländische Investoren interessieren sich insbesondere für den Finanzsektor. Zuletzt hat die holländische Fortis fast 1 Mrd. Euro für einen 89,3%igen Anteil an der Disbank geboten. Das italienische Institut Unicredito, bereits zu 50% an Koc Finans beteiligt, will auch 57,4% der viertgrössten Bank, Yapi Kredi, erwerben. Wenn auch die Probleme in der türkischen Wirtschaft etwas zunehmen, die positive Stimmung scheint noch gerechtfertigt sein.
http://www.nzz.ch/2005/08/31/wi/articleD2T3I.html