DeLaHoya
02.09.05, 23:57
Über dem Abgrund
Die Bürgerkriegshetze wird im Irak - wie im jüngsten Fall der Massenpanik zu sehen - schon ganz oben betrieben - Von Gudrun Harrer
Die Bürgerkriegshetze wird im Irak schon ganz oben betrieben: Stunden nach dem Unglück sagte der irakische Innenminister Bayan Jabr öffentlich, dass das Terror-Gerücht, das am Mittwoch tausende Menschen in Bagdad in eine Massenpanik und hunderte in den Tod trieb, bewusst von sunnitischen Rebellen ausgestreut worden sei. Das ist wohl einer der wenigen Momente, wo eine Politikerlüge angebracht gewesen wäre oder wenigstens ein Schweigen - wenn es denn überhaupt stimmt, was er sagt. Beweise hat er eher keine.
Jabr spielt auch eine Rolle in folgender Episode, die vor zwei Tagen unter anderem der Guardian berichtete: Der US-Botschafter Zalmay Khalilzad stand kommentarlos dabei, als ein hoher arabisch-sunnitischer Exponent diesen Innenminister - also einen Minister der demokratisch gewählten irakischen Regierung, bei der der Botschafter akkreditiert ist - bei einer gemeinsamen Pressekonferenz beschuldigte, persönlich hinter der systematischen Ermordung von Sunniten zu stehen. Tatsächlich sind ja in manchen, vor allem gemischten Gebieten, schiitische Mordbanden am Werk. Dass sie als Reaktion auf den Terror der sunnitischen Mudjahedin entstanden sind, ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung.
Die Amerikaner werden und müssen trotzdem verzweifelt versuchen, die Sunniten, die den Innenminister einen Mörder nennen, freundlich zu stimmen, um sie zur Zustimmung zur Verfassung zu bewegen. Khalilzad soll sogar anklingen lassen, dass Veränderungen am Text ja noch möglich seien. Das ist verfahrensrechtlich ein Irrsinn, schlicht ungesetzlich, aber wen kümmert das noch: Dieser Anschein ist gefallen. Aber auch mit dem Innenminister werden und müssen die USA weiter freundlich umgehen. Der Mann ist ein (turkmenischer) Schiite, der zum mächtigen Obersten Rat der Islamischen Revolution im Irak gehört, denjenigen Schiiten, mit denen Washington vor, bei und nach der Invasion zusammengearbeitet hat - und die soeben sehr aktiv zum Absturz des Verfassungsprozesses beigetragen haben, indem sie das für die Kurden erdachte Autonomiekonstrukt auch für den Süden einforderten. Das erst hat die Sunniten ins Eck getrieben.
Es ist, als ob sich mehrere Menschen in verschiedenen Geschwindigkeiten auf einem Seil über dem Abgrund bewegen. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was ein Vorfall wie dieser auslösen kann: Hunderte Schiiten kommen bei einer Wallfahrt zu Tode, die von sunnitischen Kalifen umgebrachten religiösen Märtyrern gilt; mehr als ein Dutzend wird bei dieser Gelegenheit bei einem Attentat getötet. Unmittelbar danach tauchen Gerüchte auf: 50 Tote durch Gift. Sie sind nur ein Vorgeschmack dessen, was man hören wird, wenn sich diejenigen, die den Bürgerkrieg betreiben, der Sache annehmen. Zwar hat auch der andere Irak ein Signal gegeben: In Bagdad kam es zu großen Solidaritätskundgebungen von Sunniten. Aber das Gift, auch wenn es am Mittwoch nicht physisch vorhanden war, wird weiterwirken. (DER STANDARD, Printausgabe, 02.09.2005)
http://derstandard.at/?url=/?id=2161202
Die Bürgerkriegshetze wird im Irak - wie im jüngsten Fall der Massenpanik zu sehen - schon ganz oben betrieben - Von Gudrun Harrer
Die Bürgerkriegshetze wird im Irak schon ganz oben betrieben: Stunden nach dem Unglück sagte der irakische Innenminister Bayan Jabr öffentlich, dass das Terror-Gerücht, das am Mittwoch tausende Menschen in Bagdad in eine Massenpanik und hunderte in den Tod trieb, bewusst von sunnitischen Rebellen ausgestreut worden sei. Das ist wohl einer der wenigen Momente, wo eine Politikerlüge angebracht gewesen wäre oder wenigstens ein Schweigen - wenn es denn überhaupt stimmt, was er sagt. Beweise hat er eher keine.
Jabr spielt auch eine Rolle in folgender Episode, die vor zwei Tagen unter anderem der Guardian berichtete: Der US-Botschafter Zalmay Khalilzad stand kommentarlos dabei, als ein hoher arabisch-sunnitischer Exponent diesen Innenminister - also einen Minister der demokratisch gewählten irakischen Regierung, bei der der Botschafter akkreditiert ist - bei einer gemeinsamen Pressekonferenz beschuldigte, persönlich hinter der systematischen Ermordung von Sunniten zu stehen. Tatsächlich sind ja in manchen, vor allem gemischten Gebieten, schiitische Mordbanden am Werk. Dass sie als Reaktion auf den Terror der sunnitischen Mudjahedin entstanden sind, ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung.
Die Amerikaner werden und müssen trotzdem verzweifelt versuchen, die Sunniten, die den Innenminister einen Mörder nennen, freundlich zu stimmen, um sie zur Zustimmung zur Verfassung zu bewegen. Khalilzad soll sogar anklingen lassen, dass Veränderungen am Text ja noch möglich seien. Das ist verfahrensrechtlich ein Irrsinn, schlicht ungesetzlich, aber wen kümmert das noch: Dieser Anschein ist gefallen. Aber auch mit dem Innenminister werden und müssen die USA weiter freundlich umgehen. Der Mann ist ein (turkmenischer) Schiite, der zum mächtigen Obersten Rat der Islamischen Revolution im Irak gehört, denjenigen Schiiten, mit denen Washington vor, bei und nach der Invasion zusammengearbeitet hat - und die soeben sehr aktiv zum Absturz des Verfassungsprozesses beigetragen haben, indem sie das für die Kurden erdachte Autonomiekonstrukt auch für den Süden einforderten. Das erst hat die Sunniten ins Eck getrieben.
Es ist, als ob sich mehrere Menschen in verschiedenen Geschwindigkeiten auf einem Seil über dem Abgrund bewegen. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was ein Vorfall wie dieser auslösen kann: Hunderte Schiiten kommen bei einer Wallfahrt zu Tode, die von sunnitischen Kalifen umgebrachten religiösen Märtyrern gilt; mehr als ein Dutzend wird bei dieser Gelegenheit bei einem Attentat getötet. Unmittelbar danach tauchen Gerüchte auf: 50 Tote durch Gift. Sie sind nur ein Vorgeschmack dessen, was man hören wird, wenn sich diejenigen, die den Bürgerkrieg betreiben, der Sache annehmen. Zwar hat auch der andere Irak ein Signal gegeben: In Bagdad kam es zu großen Solidaritätskundgebungen von Sunniten. Aber das Gift, auch wenn es am Mittwoch nicht physisch vorhanden war, wird weiterwirken. (DER STANDARD, Printausgabe, 02.09.2005)
http://derstandard.at/?url=/?id=2161202