Telli Baba
08.09.05, 22:08
Von İris Alanyalı
Volle Strände, überteuerte Preise, Horden teutonischer Schnäppchenjäger - die türkische Riviera ist die Hölle. Trotzdem fahren alle hin. An der Küste wimmelt es von türkischen und deutschen Touristen. Denn das Mittelmeer leuchtet dort in Farben wie nirgendwo sonst.
Es wird ziemlich heiß und furchtbar voll sein. Sie werden keine ruhige Minute haben, man wird Sie verfolgen, bedrängen und übers Ohr hauen. Ist der Tag unter Dauerbeschallung am Strand oder mit Verkäufergebrüll im Ort überstanden, dann macht sich die türkische Riviera schön für die Nacht und trägt noch ein bisschen dicker auf. Dann blinken die bunten Lichterketten, dröhnt der türkische Pop, dann rückt man noch enger zusammen und feiert das tolle Leben. Aber trösten Sie sich. Sie machen es wie ein echter Türke. Das halbe Land reist im Sommer an die Südküste.
Es ist, als läge irgendwo im Meer ein riesiger Magnet, der jedes Jahr Mitte Juni, wenn die dreimonatigen türkischen Ferien beginnen, aktiviert wird. Plötzlich wendet sich die ganze Türkei dem Süden zu. Die einen machen hier Urlaub, die anderen kommen, um zu arbeiten. Und die, die nicht hergefahren sind, schauen zu. Im Sommer steht die Küste unter Dauerbeobachtung des ganzen Landes. Schließlich ist die legendäre türkische Gastfreundschaft nichts als ein Ableger der leidenschaftlichen türkischen Neugier - und was gibt es hier nicht alles zu gucken und, ganz wichtig, zu kommentieren.
Anatolisches Landei und westlicher Großstädter
In Bodrum werden Trends gesetzt, in Antalya Karrieren entschieden, und während die Unterhaltungsmagazine den nächsten Türkpopstar küren und Wirtschaftsteile neue Rekordzahlen der Tourismusbranche melden, geißeln konservative Zeitungen die Sittenlosigkeit. Für kurze Zeit leben hier anatolisches Landei und westlich orientierter Großstädter ungewohnt nah beieinander - die türkische Südküste im Sommer, das ist die Türkei unter dem Brennglas, wo sich alles findet, was dieses Land so faszinierend macht.
Niemand hat das so gut auf den Punkt gebracht wie Mahmut, ein junger Teppichhändler in Antalya, der mir die Flucht aus seinem Heimatdorf so begründete: "In Kappadokien war es mir zu eng. Es gibt keine Bars und überhaupt keine Abwechslung. Nur den dauernden Dorfklatsch. Und dann die Sache mit Männern und Frauen. Sehr kompliziert. Das Verhältnis zwischen Kappadokien und Antalya ist wie zwischen der Türkei und Europa: eigentlich gehört man zusammen, aber die Unterschiede sind riesig!"
Sind sie. Die Südküste gilt, mehr noch als Istanbul, als Sündenpfuhl und Goldgrube der Türkei zugleich. Die Taxifahrer, die hier arbeiten, verdienen in vier Monaten genug, um damit den Rest des Jahres über die Runden zu kommen. Kein Wunder, dass die jungen Leute aus Ostanatolien oder vom Schwarzen Meer anreisen, um als Saisonkraft das Familieneinkommen aufzubessern. Sie tun nichts anderes als die örtlichen Fischer, die ihre Boote längst zu Ausflugsdampfern umfunktioniert haben. Und die Sache mit den Männern und den Frauen - nun: Die Kellner schließen am Anfang der Saison Wetten darüber ab, wer die meisten Touristinnen flachlegt. Auch Mahmut schlug nach unserer Plauderei natürlich sofort vor, abends doch "einen Drink zu nehmen".
Rucksacktouristen und Hippie-Gastgeber
Der Tourismus hat die weite Welt in die einst so beschaulichen Städtchen am Mittelmeer gebracht. Mit ein paar Rucksacktouristen und Fans der Antike fing es in den Siebzigern an, und das entspannte Klima, das sie schufen, gefiel auch manchem Türken. Bis heute ist es nicht immer nur das Geld oder das breite Angebot an willigen Westlern, das viele junge Türken und Türkinnen an die Küste lockt.
Es ist auch die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ohne die Zwänge, die die Familie oder das strenge Gesellschaftskorsett ihnen am Heimatort auferlegen. Und wer in einer der billigen backpacker pansiyons übernachtet, von denen es in den ehemaligen Fischerdörfern wie Kalkan oder Kaº wimmelt, bekommt zum abendlichen Bier mit dem mittlerweile graumelierten Hippie-Gastgeberpaar auf der Dachterrasse oft noch eine Geschichte aus der Jugend erzählt, die von wilder Ehe und dramatischer Flucht aus tiefstem Anatolien handelt.
Verschlafene Dörfer, überlaufene Städte
Aber wer eine Türkei abseits des Urlaubsrummels sehen will, muss gar nicht ins tiefste Anatolien fahren. Wer das ganze Land durchqueren würde, sähe in Istanbul Ecken, die sich in nichts von New York oder Berlin unterscheiden, und träfe im Osten auf Zustände wie in der Dritten Welt. In der Küstenregion mag der Unterschied nicht mehr ganz so extrem sein, ist aber immer noch beeindruckend. Der Billigtourismus, der den Siegeszug der Region so rasant beschleunigen half, hat den Vorteil, dass er sich gern auf ein paar überfüllte Einkaufsstraßen und gut abgeschottete All-Inclusive-Resorts beschränkt. Und so ist das nur von Einheimischen besuchte Café oft nur ein paar enge Gassen, das verschlafene Dorf ein paar Minuten Schotterstraße entfernt.
Und wer sie gefunden hat, macht gleich noch eine zweite Entdeckung: Türken kennen durchaus mehr Worte als Where-are-you-from-kommen-bitte-billisch-billisch, und es entspricht keineswegs landestypischer Sitte, sich Passanten in den Weg zu werfen, sie am Ärmel ins Haus zu zerren, mit Tee zu übergießen und Teppichen zu bewerfen. Auch wenn es beim Anblick der Strände und Strandpromenaden anders aussieht: Es gibt zu wenig Gäste für zu viele Geschäftemacher. So verdingt sich noch der Urgroßneffe beim Urgroßonkel und hilft ihm beim Geldverdienen. Irgendwann wurden die Zustände so schlimm, dass die Provinzregierung in Antalya Bestimmungen erließ, wonach Andenkenläden vorübergehend geschlossen und Restaurantbesitzer bestraft werden können, wenn sie Schlepper beschäftigen.
Angst um Frisur und Schminke
Es dauerte nicht lang und die Türkei erkannte, was sie sich mit ihrem All-inclusive-Konzept eingebrockt hat: Horden teutonischer Schnäppchenjäger, die sich für kaum mehr interessieren als die Wassertemperatur des Hotelpools, und die um jeden extra auszugebenden Cent feilschen, als ginge es um das letzte Hemd. Was Ersteres angeht, entspricht das durchaus auch dem Verhalten der klassischen Türkin, die zu viel Angst um Frisur und Schminke hat, um sich ins Meer zu wagen. Letzteres aber ist tief unter der Würde eines Türken.
Wenn man sich schon Urlaub leisten kann, und das kann nur eine Minderheit, dann belastet man die entspannende Freizeit nicht mit Finanzierungsfragen. Das wissen auch ihre für die Dienstleistungen zuständigen ärmeren Landsleute, weshalb urlaubende Türken und ausländische Touristen gleich behandelt werden: als Goldesel. Zu Recht, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Land handelt, in dem der durchschnittliche Angestellte etwa 700 Euro monatlich verdient.
Das bedeutet keinesfalls, dass man sich jeden Wucherpreis gefallen lassen muss - auch wenn man sich damit trösten kann, dass jeder, auch jeder Türke, an der Südküste übers Ohr gehauen wird. Es bedeutet nur, dass man sein Verhalten dem Einkommensgefälle anpasst und sich nicht aufführt wie ein Kolonialherr, zumal schon die eigene Freizeitkluft das Gegenteil von dem ist, was die standes- und statusbewussten Einheimischen unter angemessener Kleidung verstehen. Die türkische Gesellschaft ist sehr hierarchisch gegliedert und unterliegt, eben wegen des enormen Wohlstandsgefälles, einem wohltarierten System der Patronage: Wer mehr verdient, trägt auch mehr Verantwortung. Wohlhabende Türken sind hochnäsig, aber großzügig. Wohlhabende Touristen, und das sind alle Touristen per se, sind hochnäsig und geizig.
Weißes, reines Meer
Was sich schon daran zeigt, dass sie die Türken nicht in die EU lassen wollen. Mehr denn je ist die Beitrittsfrage das Smalltalkthema an Tisch und Tresen. Wer an die Küste fährt, sollte sich angesichts der Türkinnen in knappen Bikinis, ihren Freunden mit silbernem Geländewagen und den Eltern mit eigenem Sommerhaus ein paar vernünftige Gründe überlegen, weshalb das Land nicht zu Europa passe. Der Islam jedenfalls kann es nicht sein, der ist hier kaum zu sehen. Und wenn er sich doch einmal hervortraut und in Form von verschleierten Großfamilien am Strand sitzt, dann würde jeder deutsche Stammtisch vor Scham rot anlaufen, könnte er die vernichtenden Kommentare der westlich orientierten Türken verstehen.
Die Strände also sind voll, die Preise überteuert, die Touristen unzivilisiert. Warum nur fahren so viele Türken hierher? Na, wegen des Mittelmeeres natürlich. Auf Türkisch heißt es Akdeniz, was "weißes" oder "reines Meer" bedeutet. Solche Farben hat es nirgendwo sonst. Und das auch noch vor der Kulisse des Taurusgebirges. Türken lieben das Wasser, und sie verehren die Berge. Weshalb ein Besuch im Schwarzwald jeden Türken einer entzückten Ohnmacht nahe bringt. Liebe zur Natur ist fast eine Art Statussymbol in diesem Land, das nach wie vor zu über einem Drittel von der Landwirtschaft lebt und ein entsprechend pragmatisches Verhältnis zur Natur pflegt.
Finsterlinge aus Konya und deutsche Rotgesichter
Dass man einfach so durch die Gegend wandert und Bäume bewundert oder Pflanzen zu ihrem eigenen Vergnügen gedeihen lässt - das weiß nur ein nach eigener Definition "fortschrittlicher" Türke zu schätzen. Und die Menschenmassen? Die können einen Türken doch nicht erschüttern. Freizeit ist immer Familienfreizeit, egal, aus welcher Schicht man stammt. Erst sitzt die ganze Sippe inklusive Freunden und deren Familien am Strand oder auf der Terrasse. Sobald die Temperaturen sinken, flanieren alle geschlossen durch den Ort, versammeln sich alle zum Essen, spazieren alle zur Uferpromenade, kaufen sich alle ein Eis, setzen sich alle an den Hafen. Die Kinder toben, die Erwachsenen reden. Und alle gucken. Gucken und kommentieren - das ist der Inbegriff von türkischem Urlaub. Und was gibt es hier nicht alles zu sehen. Die affige Schickeria aus Istanbul. Die schnauzbärtigen Finsterlinge aus Konya. Die käsigen Rotgesichter aus Deutschland.
Also, fahren Sie doch zur Hölle. Sie werden begeistert sein.
Aus Merian-Heft "Türkische Südküste", August 2005
Quelle: SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,369331,00.html)
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Da kommt doch gleich Urlaubsstimmung auf! :)
Volle Strände, überteuerte Preise, Horden teutonischer Schnäppchenjäger - die türkische Riviera ist die Hölle. Trotzdem fahren alle hin. An der Küste wimmelt es von türkischen und deutschen Touristen. Denn das Mittelmeer leuchtet dort in Farben wie nirgendwo sonst.
Es wird ziemlich heiß und furchtbar voll sein. Sie werden keine ruhige Minute haben, man wird Sie verfolgen, bedrängen und übers Ohr hauen. Ist der Tag unter Dauerbeschallung am Strand oder mit Verkäufergebrüll im Ort überstanden, dann macht sich die türkische Riviera schön für die Nacht und trägt noch ein bisschen dicker auf. Dann blinken die bunten Lichterketten, dröhnt der türkische Pop, dann rückt man noch enger zusammen und feiert das tolle Leben. Aber trösten Sie sich. Sie machen es wie ein echter Türke. Das halbe Land reist im Sommer an die Südküste.
Es ist, als läge irgendwo im Meer ein riesiger Magnet, der jedes Jahr Mitte Juni, wenn die dreimonatigen türkischen Ferien beginnen, aktiviert wird. Plötzlich wendet sich die ganze Türkei dem Süden zu. Die einen machen hier Urlaub, die anderen kommen, um zu arbeiten. Und die, die nicht hergefahren sind, schauen zu. Im Sommer steht die Küste unter Dauerbeobachtung des ganzen Landes. Schließlich ist die legendäre türkische Gastfreundschaft nichts als ein Ableger der leidenschaftlichen türkischen Neugier - und was gibt es hier nicht alles zu gucken und, ganz wichtig, zu kommentieren.
Anatolisches Landei und westlicher Großstädter
In Bodrum werden Trends gesetzt, in Antalya Karrieren entschieden, und während die Unterhaltungsmagazine den nächsten Türkpopstar küren und Wirtschaftsteile neue Rekordzahlen der Tourismusbranche melden, geißeln konservative Zeitungen die Sittenlosigkeit. Für kurze Zeit leben hier anatolisches Landei und westlich orientierter Großstädter ungewohnt nah beieinander - die türkische Südküste im Sommer, das ist die Türkei unter dem Brennglas, wo sich alles findet, was dieses Land so faszinierend macht.
Niemand hat das so gut auf den Punkt gebracht wie Mahmut, ein junger Teppichhändler in Antalya, der mir die Flucht aus seinem Heimatdorf so begründete: "In Kappadokien war es mir zu eng. Es gibt keine Bars und überhaupt keine Abwechslung. Nur den dauernden Dorfklatsch. Und dann die Sache mit Männern und Frauen. Sehr kompliziert. Das Verhältnis zwischen Kappadokien und Antalya ist wie zwischen der Türkei und Europa: eigentlich gehört man zusammen, aber die Unterschiede sind riesig!"
Sind sie. Die Südküste gilt, mehr noch als Istanbul, als Sündenpfuhl und Goldgrube der Türkei zugleich. Die Taxifahrer, die hier arbeiten, verdienen in vier Monaten genug, um damit den Rest des Jahres über die Runden zu kommen. Kein Wunder, dass die jungen Leute aus Ostanatolien oder vom Schwarzen Meer anreisen, um als Saisonkraft das Familieneinkommen aufzubessern. Sie tun nichts anderes als die örtlichen Fischer, die ihre Boote längst zu Ausflugsdampfern umfunktioniert haben. Und die Sache mit den Männern und den Frauen - nun: Die Kellner schließen am Anfang der Saison Wetten darüber ab, wer die meisten Touristinnen flachlegt. Auch Mahmut schlug nach unserer Plauderei natürlich sofort vor, abends doch "einen Drink zu nehmen".
Rucksacktouristen und Hippie-Gastgeber
Der Tourismus hat die weite Welt in die einst so beschaulichen Städtchen am Mittelmeer gebracht. Mit ein paar Rucksacktouristen und Fans der Antike fing es in den Siebzigern an, und das entspannte Klima, das sie schufen, gefiel auch manchem Türken. Bis heute ist es nicht immer nur das Geld oder das breite Angebot an willigen Westlern, das viele junge Türken und Türkinnen an die Küste lockt.
Es ist auch die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ohne die Zwänge, die die Familie oder das strenge Gesellschaftskorsett ihnen am Heimatort auferlegen. Und wer in einer der billigen backpacker pansiyons übernachtet, von denen es in den ehemaligen Fischerdörfern wie Kalkan oder Kaº wimmelt, bekommt zum abendlichen Bier mit dem mittlerweile graumelierten Hippie-Gastgeberpaar auf der Dachterrasse oft noch eine Geschichte aus der Jugend erzählt, die von wilder Ehe und dramatischer Flucht aus tiefstem Anatolien handelt.
Verschlafene Dörfer, überlaufene Städte
Aber wer eine Türkei abseits des Urlaubsrummels sehen will, muss gar nicht ins tiefste Anatolien fahren. Wer das ganze Land durchqueren würde, sähe in Istanbul Ecken, die sich in nichts von New York oder Berlin unterscheiden, und träfe im Osten auf Zustände wie in der Dritten Welt. In der Küstenregion mag der Unterschied nicht mehr ganz so extrem sein, ist aber immer noch beeindruckend. Der Billigtourismus, der den Siegeszug der Region so rasant beschleunigen half, hat den Vorteil, dass er sich gern auf ein paar überfüllte Einkaufsstraßen und gut abgeschottete All-Inclusive-Resorts beschränkt. Und so ist das nur von Einheimischen besuchte Café oft nur ein paar enge Gassen, das verschlafene Dorf ein paar Minuten Schotterstraße entfernt.
Und wer sie gefunden hat, macht gleich noch eine zweite Entdeckung: Türken kennen durchaus mehr Worte als Where-are-you-from-kommen-bitte-billisch-billisch, und es entspricht keineswegs landestypischer Sitte, sich Passanten in den Weg zu werfen, sie am Ärmel ins Haus zu zerren, mit Tee zu übergießen und Teppichen zu bewerfen. Auch wenn es beim Anblick der Strände und Strandpromenaden anders aussieht: Es gibt zu wenig Gäste für zu viele Geschäftemacher. So verdingt sich noch der Urgroßneffe beim Urgroßonkel und hilft ihm beim Geldverdienen. Irgendwann wurden die Zustände so schlimm, dass die Provinzregierung in Antalya Bestimmungen erließ, wonach Andenkenläden vorübergehend geschlossen und Restaurantbesitzer bestraft werden können, wenn sie Schlepper beschäftigen.
Angst um Frisur und Schminke
Es dauerte nicht lang und die Türkei erkannte, was sie sich mit ihrem All-inclusive-Konzept eingebrockt hat: Horden teutonischer Schnäppchenjäger, die sich für kaum mehr interessieren als die Wassertemperatur des Hotelpools, und die um jeden extra auszugebenden Cent feilschen, als ginge es um das letzte Hemd. Was Ersteres angeht, entspricht das durchaus auch dem Verhalten der klassischen Türkin, die zu viel Angst um Frisur und Schminke hat, um sich ins Meer zu wagen. Letzteres aber ist tief unter der Würde eines Türken.
Wenn man sich schon Urlaub leisten kann, und das kann nur eine Minderheit, dann belastet man die entspannende Freizeit nicht mit Finanzierungsfragen. Das wissen auch ihre für die Dienstleistungen zuständigen ärmeren Landsleute, weshalb urlaubende Türken und ausländische Touristen gleich behandelt werden: als Goldesel. Zu Recht, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Land handelt, in dem der durchschnittliche Angestellte etwa 700 Euro monatlich verdient.
Das bedeutet keinesfalls, dass man sich jeden Wucherpreis gefallen lassen muss - auch wenn man sich damit trösten kann, dass jeder, auch jeder Türke, an der Südküste übers Ohr gehauen wird. Es bedeutet nur, dass man sein Verhalten dem Einkommensgefälle anpasst und sich nicht aufführt wie ein Kolonialherr, zumal schon die eigene Freizeitkluft das Gegenteil von dem ist, was die standes- und statusbewussten Einheimischen unter angemessener Kleidung verstehen. Die türkische Gesellschaft ist sehr hierarchisch gegliedert und unterliegt, eben wegen des enormen Wohlstandsgefälles, einem wohltarierten System der Patronage: Wer mehr verdient, trägt auch mehr Verantwortung. Wohlhabende Türken sind hochnäsig, aber großzügig. Wohlhabende Touristen, und das sind alle Touristen per se, sind hochnäsig und geizig.
Weißes, reines Meer
Was sich schon daran zeigt, dass sie die Türken nicht in die EU lassen wollen. Mehr denn je ist die Beitrittsfrage das Smalltalkthema an Tisch und Tresen. Wer an die Küste fährt, sollte sich angesichts der Türkinnen in knappen Bikinis, ihren Freunden mit silbernem Geländewagen und den Eltern mit eigenem Sommerhaus ein paar vernünftige Gründe überlegen, weshalb das Land nicht zu Europa passe. Der Islam jedenfalls kann es nicht sein, der ist hier kaum zu sehen. Und wenn er sich doch einmal hervortraut und in Form von verschleierten Großfamilien am Strand sitzt, dann würde jeder deutsche Stammtisch vor Scham rot anlaufen, könnte er die vernichtenden Kommentare der westlich orientierten Türken verstehen.
Die Strände also sind voll, die Preise überteuert, die Touristen unzivilisiert. Warum nur fahren so viele Türken hierher? Na, wegen des Mittelmeeres natürlich. Auf Türkisch heißt es Akdeniz, was "weißes" oder "reines Meer" bedeutet. Solche Farben hat es nirgendwo sonst. Und das auch noch vor der Kulisse des Taurusgebirges. Türken lieben das Wasser, und sie verehren die Berge. Weshalb ein Besuch im Schwarzwald jeden Türken einer entzückten Ohnmacht nahe bringt. Liebe zur Natur ist fast eine Art Statussymbol in diesem Land, das nach wie vor zu über einem Drittel von der Landwirtschaft lebt und ein entsprechend pragmatisches Verhältnis zur Natur pflegt.
Finsterlinge aus Konya und deutsche Rotgesichter
Dass man einfach so durch die Gegend wandert und Bäume bewundert oder Pflanzen zu ihrem eigenen Vergnügen gedeihen lässt - das weiß nur ein nach eigener Definition "fortschrittlicher" Türke zu schätzen. Und die Menschenmassen? Die können einen Türken doch nicht erschüttern. Freizeit ist immer Familienfreizeit, egal, aus welcher Schicht man stammt. Erst sitzt die ganze Sippe inklusive Freunden und deren Familien am Strand oder auf der Terrasse. Sobald die Temperaturen sinken, flanieren alle geschlossen durch den Ort, versammeln sich alle zum Essen, spazieren alle zur Uferpromenade, kaufen sich alle ein Eis, setzen sich alle an den Hafen. Die Kinder toben, die Erwachsenen reden. Und alle gucken. Gucken und kommentieren - das ist der Inbegriff von türkischem Urlaub. Und was gibt es hier nicht alles zu sehen. Die affige Schickeria aus Istanbul. Die schnauzbärtigen Finsterlinge aus Konya. Die käsigen Rotgesichter aus Deutschland.
Also, fahren Sie doch zur Hölle. Sie werden begeistert sein.
Aus Merian-Heft "Türkische Südküste", August 2005
Quelle: SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,369331,00.html)
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Da kommt doch gleich Urlaubsstimmung auf! :)