DeLaHoya
29.09.05, 19:54
Die große Gemeinde
Im türkischen Antakya leben Gläubige verschiedener Religionen friedlich zusammen. Es könnte ein Vorbild für das Land sein
Gerold Büchner
ANTAKYA, im September. Als der Brief aus Istanbul kam, war Avedis Demirci kaum ein Jahr alt. Er konnte noch nicht sprechen oder verstehen, was geschah. Doch die Aufforderung der osmanischen Behörden änderte sein Leben: Die Familie Demirci und alle anderen Armenier sollten sofort ihre Heimat verlassen und nach Syrien gehen. So stand es in dem Brief an die Vorsteher der armenischen Dörfer auf dem Moses-Berg bei Antakya.
Sein Vater und Großvater haben Avedis Demirci die Geschichte von dem Brief erzählt. Vor neunzig Jahren hat sie sich zugetragen, und noch immer ist sie gegenwärtig - hier im Dorf Vakifliköy im Südzipfel der Türkei, in der Hauptstadt Ankara und im fernen Europa. "Natürlich sprechen wir darüber", sagt Dermici, der Älteste im Ort. Im September 1914 ist er in Vakifliköy geboren worden. Er muss sich auf einen Stock stützen, der Rücken ist gebeugt von der Feldarbeit, selbst das Sitzen bereitet dem alten Mann Schmerzen. Seine Erinnerung aber ist ungetrübt.
Als Kleinkind gehörte er zu den Millionen Armeniern, die fliehen mussten vor der Verfolgung durch die Osmanen während des Ersten Weltkrieges. Hunderttausende starben eines gewaltsamen Todes oder durch Hunger und Erschöpfung auf der Flucht. Die meisten Armenier hatten im Nordosten gelebt. Auf dem Musa Dagh, dem Moses-Berg nahe der Mittelmeerküste, gab es damals sechs armenische Dörfer. Ihre Vorsteher entschieden, zu bleiben und nicht nach Syrien zu gehen. "Sterben können wir auch hier", sagten sie. Die Bewohner flohen nur auf den Berg und warteten auf Hilfe - die nach Wochen in Gestalt französischer Schiffe kam.
Über "Die vierzig Tages des Musa Dagh" hat Franz Werfel einen Roman geschrieben, der das Schicksal der osmanischen Armenier weltweit bekannt machte. Nun, da sich die Türkei aufmacht in die Europäische Union, stehen die Armenier und andere Minderheiten wieder im Blickpunkt. Toleranz und Religionsfreiheit sind eine Bedingung für den Eintritt nach Europa.
Von den ehemals sechs Dörfern ist nur noch Vakifliköy übrig, neu erstanden aus Ruinen und von zurückgekehrten Flüchtlingen wieder bevölkert. Umgeben von Obstplantagen liegt es am Berghang, im satten Grün der Bäume leuchten Zitrusfrüchte und Granatäpfel. Die Straße ist frisch geteert, die restaurierte armenisch-orthodoxe Kirche mit ihrem roten Ziegeldach und den sandfarbenen Mauern beherrscht das Dorfbild. Den Bewohnern geht es gut, besser als vielen Muslimen im benachbarten Samandagh.
Nur eines bereitet dem Dorfvorsteher von Vakifliköy, Berc Kartun, Sorgen: Es gibt zu wenig junge Menschen und zu wenig Kinder. "Nur jeder Dritte ist unter 45 Jahren", sagt Kartun. 140 Bewohner sind noch da. Allein in Istanbul leben schon 600 ehemalige Dorfbewohner, weil sie dort Ausbildung, Arbeit und Unterhaltung finden. "Ich habe fünf Kinder", erzählt der alte Dermici, "aber in der nächsten Generation sind es nur noch zwei." Ein Teil seiner Nachkommen lebt in Berlin.
Ähnlich ergeht es Harun Cemal, obwohl er jünger ist. Cemal lebt seit seiner Geburt in Antakya, der Provinzstadt nahe dem Moses-Berg, wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Syrien. Cemal fühlt sich wie ein Zurückgebliebener. "Von uns fünf Brüdern sind vier nach Israel ausgewandert, nur ich bin geblieben." Zwei seiner Kinder sind nach Istanbul gegangen. Cemal ist Vizevorsitzender der jüdischen Gemeinde in Antakya. "In den 60er- Jahren war die Synagoge jeden Tag offen", sagt er. Jetzt kommt einmal die Woche ein Rabbi aus Istanbul, um das Gebet zu leiten, der heimische Rabbi ist zu gebrechlich.
Von einst über tausend Juden in Antakya leben noch etwa sechzig in der Stadt, in der so viele Religionen so gut miteinander auskommen wie sonst nirgends in der Türkei. Oder auch in der gesamten Welt, wenn man dem Bürgermeister glauben darf. "Es gibt nur zwei Städte, in denen sich das so entwickelt hat", meint Mehmet Yeloglu: "Jerusalem - und Antakya."
Die Stadt, zu biblischen Zeiten Antiochia genannt, ist stolz auf ihren historischen Rang. Von einer Grotte im nahen Felsmassiv aus verbreiteten Petrus und Paulus die Lehre Christi. "In Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt", heißt es in der Luther-Bibel. Yeloglu ist gläubiger Muslim, seine Partei ist die islamisch-konservative AKP. Das hindert den Bürgermeister nicht daran, religiöse und ethnische Toleranz zu beschwören.
Gerade findet hier das erste "Treffen der Zivilisationen" statt, zu dem die Stadt und ihre Glaubensgemeinschaften zweihundert Gäste eingeladen haben. Um Besucher zu betreuen, lässt Harun Cemal sein Textilgeschäft auf dem Basar geschlossen. "Wir sind eine kleine Gemeinde, aber wir wollen zeigen, dass wir viel Kraft haben", sagt er. Cemal bezeichnet sich als türkischer Jude, doch zu allererst ist er Lokalpatriot. In seinem Mietshaus kommen alevitische, orthodoxe, katholische und jüdische Nachbarn gut miteinander aus. "Wir gehen gemeinsam durch gute und schlechte Tage", sagt er.
Als seine älteste Tochter Gila einen Mann heiratete, der zur unorthodox-schiitischen Gemeinschaft der Aleviten gehört, musste Cemal zwar schlucken. Doch der Vater fügte sich. "Gott schreibt für uns ein Drehbuch, aber wir können darin nicht lesen", sagt er. Bürgermeister Yeloglu findet den Gedanken, eine seiner Töchter könne etwa einen Katholiken heiraten, ebenso unerquicklich, bei aller Toleranz. "Ich würde mir das nicht wünschen", sagt der sunnitische Muslim verlegen lächelnd, fügt aber rasch hinzu: "Die Jugend entscheidet, es ist ihr Leben. Ich müsste das akzeptieren."
"Mischehen funktionieren sowieso nicht", meint Pater Domenico, "das ist meine Erfahrung." Der katholische Priester hält in Antakya die Fahne der Römischen Kirche hoch. Rund 70 Gläubige hat er zu betreuen, und im Gegensatz zu Armeniern oder Juden kann er sich ab und an über Zuwachs freuen. "Es gibt Übertritte", sagt der Kapuziner-Pater. Dieses Jahr schon fünf. Die jungen Menschen - er nennt sie Suchende, nicht Muslime - müssten lange in der Gemeinde mitarbeiten, bevor sie getauft werden. "Manche glauben, als Christen kämen sie leichter nach Europa."
Weil die Gemeinde klein und die katholische Kirche rechtlich in der Türkei nicht anerkannt ist, arbeitet Pater Domenico eng mit seinem Kollegen von den Orthodoxen zusammen. Pfarrer Dimitri Doghum war bis vor drei Jahren Ingenieur und hat sich erst jetzt zum Theologen umschulen lassen - in der syrischen Hauptstadt Damaskus. In der Türkei ist die Priesterausbildung untersagt.
Pfarrer Dimitri ist ein ruhiger Mann mit feiner Ironie. Sie hilft ihm, die Widrigkeiten zu meistern, die Minderheiten trotz aller Freiheit in der Türkei zu ertragen haben. Die orthodoxen Christen, in der Region Antakya leben etwa achttausend, sprechen traditionell Arabisch - dürfen es aber nicht in der Schule lernen. Die Kinder könnten die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr verstehen, sagt Pfarrer Dimitri.
Rücken an Rücken stehen die Gotteshäuser von Orthodoxen und Katholiken. Die Priester einigen sich auf einen gemeinsamen Termin für Ostern, der seit der kirchlichen Trennung Konstantinopels von Rom unterschiedlich liegt. Pater Domenico, ein Italiener aus Modena, hat seine kleine Kirche sogar mit Ikonen verziert, damit sich die Orthodoxen wohl fühlen. "Der Vatikan ist weit weg", sagt er. Auf lokaler Ebene respektieren sich die Religionen, doch hält der Pater das für die Ausnahme in einem Land, dessen Bewohner zu 99 Prozent Muslime sind. "Türkische Besucher sind oft erstaunt, dass man als Türke Christ sein kann", sagt er.
Nach dem Willen der EU soll es überall in der Türkei zur Normalität werden, sich zu einer anderen Religion als dem Islam zu bekennen. Minderheiten wie auch Muslime in Antakya knüpfen große Hoffnungen an einen Beitritt ihres Landes zur Union. "Europa ist reich, aber alt", sagt Bürgermeister Yeloglu, "die Türkei dagegen ist arm und jung. Wenn sich beide Seiten vereinen, würde alle davon profitieren."
Avedis Dermici, der alte Mann aus dem Dorf Vakiflikö, hat noch viel vor in Europa. Sein Schwiegersohn hat ihn einmal von Berlin aus mitgenommen zu einer Reise nach Belgien. "Wir sind ohne Passkontrolle einfach über die Grenze gefahren", erzählt er begeistert. "Es wäre schön, wenn es auch für Türken keine Grenzen mehr gäbe in Europa. Dann könnte ich ohne Probleme überall hin fahren", sagt der 91-Jährige. Für die türkischen Armenier wäre die Integration in Europa zudem eine Art Garantie gegen neue Diskriminierung, meint Avedis Dermici. "Wir würden uns sicherer fühlen."
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/seite_3/487284.html
Im türkischen Antakya leben Gläubige verschiedener Religionen friedlich zusammen. Es könnte ein Vorbild für das Land sein
Gerold Büchner
ANTAKYA, im September. Als der Brief aus Istanbul kam, war Avedis Demirci kaum ein Jahr alt. Er konnte noch nicht sprechen oder verstehen, was geschah. Doch die Aufforderung der osmanischen Behörden änderte sein Leben: Die Familie Demirci und alle anderen Armenier sollten sofort ihre Heimat verlassen und nach Syrien gehen. So stand es in dem Brief an die Vorsteher der armenischen Dörfer auf dem Moses-Berg bei Antakya.
Sein Vater und Großvater haben Avedis Demirci die Geschichte von dem Brief erzählt. Vor neunzig Jahren hat sie sich zugetragen, und noch immer ist sie gegenwärtig - hier im Dorf Vakifliköy im Südzipfel der Türkei, in der Hauptstadt Ankara und im fernen Europa. "Natürlich sprechen wir darüber", sagt Dermici, der Älteste im Ort. Im September 1914 ist er in Vakifliköy geboren worden. Er muss sich auf einen Stock stützen, der Rücken ist gebeugt von der Feldarbeit, selbst das Sitzen bereitet dem alten Mann Schmerzen. Seine Erinnerung aber ist ungetrübt.
Als Kleinkind gehörte er zu den Millionen Armeniern, die fliehen mussten vor der Verfolgung durch die Osmanen während des Ersten Weltkrieges. Hunderttausende starben eines gewaltsamen Todes oder durch Hunger und Erschöpfung auf der Flucht. Die meisten Armenier hatten im Nordosten gelebt. Auf dem Musa Dagh, dem Moses-Berg nahe der Mittelmeerküste, gab es damals sechs armenische Dörfer. Ihre Vorsteher entschieden, zu bleiben und nicht nach Syrien zu gehen. "Sterben können wir auch hier", sagten sie. Die Bewohner flohen nur auf den Berg und warteten auf Hilfe - die nach Wochen in Gestalt französischer Schiffe kam.
Über "Die vierzig Tages des Musa Dagh" hat Franz Werfel einen Roman geschrieben, der das Schicksal der osmanischen Armenier weltweit bekannt machte. Nun, da sich die Türkei aufmacht in die Europäische Union, stehen die Armenier und andere Minderheiten wieder im Blickpunkt. Toleranz und Religionsfreiheit sind eine Bedingung für den Eintritt nach Europa.
Von den ehemals sechs Dörfern ist nur noch Vakifliköy übrig, neu erstanden aus Ruinen und von zurückgekehrten Flüchtlingen wieder bevölkert. Umgeben von Obstplantagen liegt es am Berghang, im satten Grün der Bäume leuchten Zitrusfrüchte und Granatäpfel. Die Straße ist frisch geteert, die restaurierte armenisch-orthodoxe Kirche mit ihrem roten Ziegeldach und den sandfarbenen Mauern beherrscht das Dorfbild. Den Bewohnern geht es gut, besser als vielen Muslimen im benachbarten Samandagh.
Nur eines bereitet dem Dorfvorsteher von Vakifliköy, Berc Kartun, Sorgen: Es gibt zu wenig junge Menschen und zu wenig Kinder. "Nur jeder Dritte ist unter 45 Jahren", sagt Kartun. 140 Bewohner sind noch da. Allein in Istanbul leben schon 600 ehemalige Dorfbewohner, weil sie dort Ausbildung, Arbeit und Unterhaltung finden. "Ich habe fünf Kinder", erzählt der alte Dermici, "aber in der nächsten Generation sind es nur noch zwei." Ein Teil seiner Nachkommen lebt in Berlin.
Ähnlich ergeht es Harun Cemal, obwohl er jünger ist. Cemal lebt seit seiner Geburt in Antakya, der Provinzstadt nahe dem Moses-Berg, wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Syrien. Cemal fühlt sich wie ein Zurückgebliebener. "Von uns fünf Brüdern sind vier nach Israel ausgewandert, nur ich bin geblieben." Zwei seiner Kinder sind nach Istanbul gegangen. Cemal ist Vizevorsitzender der jüdischen Gemeinde in Antakya. "In den 60er- Jahren war die Synagoge jeden Tag offen", sagt er. Jetzt kommt einmal die Woche ein Rabbi aus Istanbul, um das Gebet zu leiten, der heimische Rabbi ist zu gebrechlich.
Von einst über tausend Juden in Antakya leben noch etwa sechzig in der Stadt, in der so viele Religionen so gut miteinander auskommen wie sonst nirgends in der Türkei. Oder auch in der gesamten Welt, wenn man dem Bürgermeister glauben darf. "Es gibt nur zwei Städte, in denen sich das so entwickelt hat", meint Mehmet Yeloglu: "Jerusalem - und Antakya."
Die Stadt, zu biblischen Zeiten Antiochia genannt, ist stolz auf ihren historischen Rang. Von einer Grotte im nahen Felsmassiv aus verbreiteten Petrus und Paulus die Lehre Christi. "In Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt", heißt es in der Luther-Bibel. Yeloglu ist gläubiger Muslim, seine Partei ist die islamisch-konservative AKP. Das hindert den Bürgermeister nicht daran, religiöse und ethnische Toleranz zu beschwören.
Gerade findet hier das erste "Treffen der Zivilisationen" statt, zu dem die Stadt und ihre Glaubensgemeinschaften zweihundert Gäste eingeladen haben. Um Besucher zu betreuen, lässt Harun Cemal sein Textilgeschäft auf dem Basar geschlossen. "Wir sind eine kleine Gemeinde, aber wir wollen zeigen, dass wir viel Kraft haben", sagt er. Cemal bezeichnet sich als türkischer Jude, doch zu allererst ist er Lokalpatriot. In seinem Mietshaus kommen alevitische, orthodoxe, katholische und jüdische Nachbarn gut miteinander aus. "Wir gehen gemeinsam durch gute und schlechte Tage", sagt er.
Als seine älteste Tochter Gila einen Mann heiratete, der zur unorthodox-schiitischen Gemeinschaft der Aleviten gehört, musste Cemal zwar schlucken. Doch der Vater fügte sich. "Gott schreibt für uns ein Drehbuch, aber wir können darin nicht lesen", sagt er. Bürgermeister Yeloglu findet den Gedanken, eine seiner Töchter könne etwa einen Katholiken heiraten, ebenso unerquicklich, bei aller Toleranz. "Ich würde mir das nicht wünschen", sagt der sunnitische Muslim verlegen lächelnd, fügt aber rasch hinzu: "Die Jugend entscheidet, es ist ihr Leben. Ich müsste das akzeptieren."
"Mischehen funktionieren sowieso nicht", meint Pater Domenico, "das ist meine Erfahrung." Der katholische Priester hält in Antakya die Fahne der Römischen Kirche hoch. Rund 70 Gläubige hat er zu betreuen, und im Gegensatz zu Armeniern oder Juden kann er sich ab und an über Zuwachs freuen. "Es gibt Übertritte", sagt der Kapuziner-Pater. Dieses Jahr schon fünf. Die jungen Menschen - er nennt sie Suchende, nicht Muslime - müssten lange in der Gemeinde mitarbeiten, bevor sie getauft werden. "Manche glauben, als Christen kämen sie leichter nach Europa."
Weil die Gemeinde klein und die katholische Kirche rechtlich in der Türkei nicht anerkannt ist, arbeitet Pater Domenico eng mit seinem Kollegen von den Orthodoxen zusammen. Pfarrer Dimitri Doghum war bis vor drei Jahren Ingenieur und hat sich erst jetzt zum Theologen umschulen lassen - in der syrischen Hauptstadt Damaskus. In der Türkei ist die Priesterausbildung untersagt.
Pfarrer Dimitri ist ein ruhiger Mann mit feiner Ironie. Sie hilft ihm, die Widrigkeiten zu meistern, die Minderheiten trotz aller Freiheit in der Türkei zu ertragen haben. Die orthodoxen Christen, in der Region Antakya leben etwa achttausend, sprechen traditionell Arabisch - dürfen es aber nicht in der Schule lernen. Die Kinder könnten die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr verstehen, sagt Pfarrer Dimitri.
Rücken an Rücken stehen die Gotteshäuser von Orthodoxen und Katholiken. Die Priester einigen sich auf einen gemeinsamen Termin für Ostern, der seit der kirchlichen Trennung Konstantinopels von Rom unterschiedlich liegt. Pater Domenico, ein Italiener aus Modena, hat seine kleine Kirche sogar mit Ikonen verziert, damit sich die Orthodoxen wohl fühlen. "Der Vatikan ist weit weg", sagt er. Auf lokaler Ebene respektieren sich die Religionen, doch hält der Pater das für die Ausnahme in einem Land, dessen Bewohner zu 99 Prozent Muslime sind. "Türkische Besucher sind oft erstaunt, dass man als Türke Christ sein kann", sagt er.
Nach dem Willen der EU soll es überall in der Türkei zur Normalität werden, sich zu einer anderen Religion als dem Islam zu bekennen. Minderheiten wie auch Muslime in Antakya knüpfen große Hoffnungen an einen Beitritt ihres Landes zur Union. "Europa ist reich, aber alt", sagt Bürgermeister Yeloglu, "die Türkei dagegen ist arm und jung. Wenn sich beide Seiten vereinen, würde alle davon profitieren."
Avedis Dermici, der alte Mann aus dem Dorf Vakiflikö, hat noch viel vor in Europa. Sein Schwiegersohn hat ihn einmal von Berlin aus mitgenommen zu einer Reise nach Belgien. "Wir sind ohne Passkontrolle einfach über die Grenze gefahren", erzählt er begeistert. "Es wäre schön, wenn es auch für Türken keine Grenzen mehr gäbe in Europa. Dann könnte ich ohne Probleme überall hin fahren", sagt der 91-Jährige. Für die türkischen Armenier wäre die Integration in Europa zudem eine Art Garantie gegen neue Diskriminierung, meint Avedis Dermici. "Wir würden uns sicherer fühlen."
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/seite_3/487284.html