DeLaHoya
15.10.05, 13:08
„Ich will Julia Sahin sein“
Bei Universum Box-Promotion wird die 31-Jährige als Nachfolgerin von Weltmeisterin Regina Halmich gehandelt, Susanne Rohlfing sprach mit ihr. KÖLNER STADT-ANZEIGER: Frau Sahin, seit Januar 2004 sind Sie Profiboxerin, dennoch arbeiten Sie bei den Kölner Verkehrs-Betrieben als Betriebsschlosserin. Wie geht das?
JULIA SAHIN: Das ist schon echt schwer. Da muss man viel Disziplin haben und sich zusammenreißen. Nach der Arbeit direkt zum Training zu gehen ist nicht immer einfach. Aber wenn ich dann sehe, was ich erreicht habe, denke ich: „Ja, es lohnt sich, dich so zu quälen und auf ein Privatleben zu verzichten.“
Ihr Trainer Michael Timm ist davon überzeugt, dass sie sich mit einer konzentrierteren Vorbereitung enorm verbessern würden. Können Sie sich nicht für eine Zeit unbezahlt von der KVB beurlauben lassen?
SAHIN: Ich habe mit dem Betriebsrat geredet. Wenn ich mal eine Weltmeisterschaft bekomme, wollen die vielleicht etwas für mich machen. Aber das bekomme ich nur mit Mühe und Not vielleicht hin. Im Moment nehme ich immer meinen normalen Urlaub, um mal in Hamburg ein bisschen mitzutrainieren.
Warum konzentrieren Sie sich nicht ganz auf den Sport?
SAHIN: Finanziell würde es nicht reichen, als Frau ist man ja nicht so die Attraktion. Es sei denn, man ist Regina Halmich. Außerdem bin ich nicht mehr die Jüngste, wer weiß, wie lange ich noch boxen kann. So viel Geld kann ich gar nicht mehr machen, dass ich dann für immer davon leben könnte. Mein Job ist auch wirklich viel zu gut, um einfach alles hinzuschmeißen.
Sie sind in Deutschland aufgewachsen, trotzdem haben Sie während Ihrer Zeit bei den Amateuren für die Türkei geboxt.
SAHIN: Das war klar, weil die Türkei Frauenboxen unterstützt hat. In Deutschland lief damals gar nichts.
Im letzten Jahr, kurz vor Ihrem 30. Geburtstag, sind Sie bei der Hamburger Universum Box-Promotion Profi geworden. Wie kam das?
SAHIN: Eigentlich wollte ich meine Amateurkarriere beenden und ganz aufhören. Dann kam auf einmal das Profiangebot. Das war natürlich eine neue Motivation für mich.
Was hat sich für Sie verändert?
SAHIN: Man muss im ständigen Training bleiben, weil man fast alle zwei Monate einen Kampf hat. Als Amateur ist man nur zu drei bis vier Turnieren im Jahr gefahren.
Hat sich boxerisch etwas geändert?
SAHIN: Ja. Als Amateur achtet man mehr darauf, dass man Punkte setzt und wieder weggeht. Als Profi muss man über zehn Runden auch ein bisschen attraktiv fürs Publikum sein. Man muss auch mal stehen bleiben und mithauen, nur weglaufen und auspunkten nutzt nichts. Man muss schon was bieten, damit man gut ankommt.
Was fasziniert Sie am Boxen?
SAHIN: Das ist die Freude. Leute, die keine Ahnung vom Boxen haben, können das nicht verstehen. Die denken, man bekommt ja nur was auf die Birne. Das ist aber nicht der Fall. Ich liebe meinen Sport so, wie der Handballer seinen Sport liebt. Ich sehe da keinen Unterschied. Das Schöne ist, dass man alleine im Ring steht. Man bekommt den ganzen Ruhm alleine - aber natürlich auch den ganzen Mist, wenn man schlecht ist. Der Erfolg ist schon schön, wenn man den hat und da oben steht, wird man süchtig danach.
Jean-Marcel Nartz, der technische Leiter von Universum, sagt, dass Sie die Nachfolgerin von Weltmeisterin Regina Halmich werden sollen. Ist das möglich?
SAHIN: Ganz ehrlich, da halte ich nicht so viel von. Es wird nur eine Regina Halmich geben. Ich kann vielleicht eine Julia Sahin werden. Das, was Regina erreicht hat, werde ich nie schaffen. Sie war die Erste, die das Frauenboxen voll durchgezogen hat. Das mit dieser Nachfolgersache ist zwar schmeichelhaft für mich, aber andererseits bin ich eine eigene Persönlichkeit. Ich möchte gerne mal so viel Erfolg haben wie Regina Halmich, aber ich will Julia Sahin sein, eine eigene Sportlerin, die etwas eigenes erreicht.
Können Sie sich einen Kampf gegen Regina Halmich vorstellen?
SAHIN: Da kann ich wenig zu sagen. Aber wenn sich die Möglichkeit bieten würde und das Management das macht, würde ich nicht Nein sagen. Aber Regina ist schon eine Respektsperson, es wäre komisch, gegen sie zu kämpfen.
Würden Sie zögern, richtig zuzuschlagen?
SAHIN: Im Ring zögert man glaube ich nicht mehr so. Dann macht man einfach, man will ja gewinnen. Ich will mir über diesen Kampf aber eigentlich gar keine Gedanken machen. Vielleicht hört Regina auf, bevor ich mal so weit bin. Ich bin ja noch am Anfang meiner Profikarriere, und Regina redet schon vom Aufhören. Deshalb ist das wohl eine Sache, die nie passieren wird.
Werden Sie noch zu einem WM-Kampf kommen?
SAHIN: Ich hoffe es. Aber man muss von Kampf zu Kampf denken, ich muss erst mal alle gewinnen. Aber wie ich gehört habe, soll ich dann Mitte nächsten Jahres eine WM-Chance bekommen.
(KStA)
http://www.ksta.de/html/artikel/1129192244037.shtml
Bei Universum Box-Promotion wird die 31-Jährige als Nachfolgerin von Weltmeisterin Regina Halmich gehandelt, Susanne Rohlfing sprach mit ihr. KÖLNER STADT-ANZEIGER: Frau Sahin, seit Januar 2004 sind Sie Profiboxerin, dennoch arbeiten Sie bei den Kölner Verkehrs-Betrieben als Betriebsschlosserin. Wie geht das?
JULIA SAHIN: Das ist schon echt schwer. Da muss man viel Disziplin haben und sich zusammenreißen. Nach der Arbeit direkt zum Training zu gehen ist nicht immer einfach. Aber wenn ich dann sehe, was ich erreicht habe, denke ich: „Ja, es lohnt sich, dich so zu quälen und auf ein Privatleben zu verzichten.“
Ihr Trainer Michael Timm ist davon überzeugt, dass sie sich mit einer konzentrierteren Vorbereitung enorm verbessern würden. Können Sie sich nicht für eine Zeit unbezahlt von der KVB beurlauben lassen?
SAHIN: Ich habe mit dem Betriebsrat geredet. Wenn ich mal eine Weltmeisterschaft bekomme, wollen die vielleicht etwas für mich machen. Aber das bekomme ich nur mit Mühe und Not vielleicht hin. Im Moment nehme ich immer meinen normalen Urlaub, um mal in Hamburg ein bisschen mitzutrainieren.
Warum konzentrieren Sie sich nicht ganz auf den Sport?
SAHIN: Finanziell würde es nicht reichen, als Frau ist man ja nicht so die Attraktion. Es sei denn, man ist Regina Halmich. Außerdem bin ich nicht mehr die Jüngste, wer weiß, wie lange ich noch boxen kann. So viel Geld kann ich gar nicht mehr machen, dass ich dann für immer davon leben könnte. Mein Job ist auch wirklich viel zu gut, um einfach alles hinzuschmeißen.
Sie sind in Deutschland aufgewachsen, trotzdem haben Sie während Ihrer Zeit bei den Amateuren für die Türkei geboxt.
SAHIN: Das war klar, weil die Türkei Frauenboxen unterstützt hat. In Deutschland lief damals gar nichts.
Im letzten Jahr, kurz vor Ihrem 30. Geburtstag, sind Sie bei der Hamburger Universum Box-Promotion Profi geworden. Wie kam das?
SAHIN: Eigentlich wollte ich meine Amateurkarriere beenden und ganz aufhören. Dann kam auf einmal das Profiangebot. Das war natürlich eine neue Motivation für mich.
Was hat sich für Sie verändert?
SAHIN: Man muss im ständigen Training bleiben, weil man fast alle zwei Monate einen Kampf hat. Als Amateur ist man nur zu drei bis vier Turnieren im Jahr gefahren.
Hat sich boxerisch etwas geändert?
SAHIN: Ja. Als Amateur achtet man mehr darauf, dass man Punkte setzt und wieder weggeht. Als Profi muss man über zehn Runden auch ein bisschen attraktiv fürs Publikum sein. Man muss auch mal stehen bleiben und mithauen, nur weglaufen und auspunkten nutzt nichts. Man muss schon was bieten, damit man gut ankommt.
Was fasziniert Sie am Boxen?
SAHIN: Das ist die Freude. Leute, die keine Ahnung vom Boxen haben, können das nicht verstehen. Die denken, man bekommt ja nur was auf die Birne. Das ist aber nicht der Fall. Ich liebe meinen Sport so, wie der Handballer seinen Sport liebt. Ich sehe da keinen Unterschied. Das Schöne ist, dass man alleine im Ring steht. Man bekommt den ganzen Ruhm alleine - aber natürlich auch den ganzen Mist, wenn man schlecht ist. Der Erfolg ist schon schön, wenn man den hat und da oben steht, wird man süchtig danach.
Jean-Marcel Nartz, der technische Leiter von Universum, sagt, dass Sie die Nachfolgerin von Weltmeisterin Regina Halmich werden sollen. Ist das möglich?
SAHIN: Ganz ehrlich, da halte ich nicht so viel von. Es wird nur eine Regina Halmich geben. Ich kann vielleicht eine Julia Sahin werden. Das, was Regina erreicht hat, werde ich nie schaffen. Sie war die Erste, die das Frauenboxen voll durchgezogen hat. Das mit dieser Nachfolgersache ist zwar schmeichelhaft für mich, aber andererseits bin ich eine eigene Persönlichkeit. Ich möchte gerne mal so viel Erfolg haben wie Regina Halmich, aber ich will Julia Sahin sein, eine eigene Sportlerin, die etwas eigenes erreicht.
Können Sie sich einen Kampf gegen Regina Halmich vorstellen?
SAHIN: Da kann ich wenig zu sagen. Aber wenn sich die Möglichkeit bieten würde und das Management das macht, würde ich nicht Nein sagen. Aber Regina ist schon eine Respektsperson, es wäre komisch, gegen sie zu kämpfen.
Würden Sie zögern, richtig zuzuschlagen?
SAHIN: Im Ring zögert man glaube ich nicht mehr so. Dann macht man einfach, man will ja gewinnen. Ich will mir über diesen Kampf aber eigentlich gar keine Gedanken machen. Vielleicht hört Regina auf, bevor ich mal so weit bin. Ich bin ja noch am Anfang meiner Profikarriere, und Regina redet schon vom Aufhören. Deshalb ist das wohl eine Sache, die nie passieren wird.
Werden Sie noch zu einem WM-Kampf kommen?
SAHIN: Ich hoffe es. Aber man muss von Kampf zu Kampf denken, ich muss erst mal alle gewinnen. Aber wie ich gehört habe, soll ich dann Mitte nächsten Jahres eine WM-Chance bekommen.
(KStA)
http://www.ksta.de/html/artikel/1129192244037.shtml